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Der stille Krieg im eigenen Land

Veröffentlicht in: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Innere Sicherheit, USA

US-Regierungen führen seit langem und Jahren einen Krieg gegen den Terror. Im Irak, in Afghanistan, in Libyen, im Jemen, in Pakistan… lassen wir einmal völlig und verbittert beiseite, mit welchen Begründungen, mit welchen Lügen, mit welchem Erfolg.
Hätten die US-Regierungen nicht genug zu tun, den Terror im eigenen Land zu bekämpfen?
Zum Beispiel den Terror von Polizeibeamten, wenn sie bevorzugt Schwarze ermorden. Von Wolf Wetzel.

„Die Washington Post versucht seit letztem Jahr, die genaue Zahl der von Polizisten getöteten Menschen zu erfassen. 2015 waren es demnach fast 1.000 Menschen, doppelt so viele, als das FBI als durchschnittliche Zahl über die letzten Jahre gemeldet hatte. (…) Die Hälfte der Getöteten sind Weiße, die andere Hälfte gehört Minderheiten an. Die Wahrscheinlich, dass ein Schwarzer von Polizisten getötet wird, ist 2,5 Mal höher als bei einem Weißen.“

(Florian Rötzer, telepolis vom 8.7.2016)

Die letzten Morde durch Polizeibeamte liegen nicht lange zurück. Die Umstände waren weder zweifelhaft noch unaufklärbar: Es existieren Videos, auf denen erschreckend klar dokumentiert ist, wie Polizisten Schwarze jagen und dann erschießen oder erwürgen. Im ersten Fall sieht man, wie ein Schwarzer wegrennt und ein Polizist aus großer Distanz gleich mehrere tödliche Schüsse abgibt. Im zweiten Fall überwältigen mehrere Polizisten einen Schwarzen. Ein Polizist würgt ihn schließlich so lange, bis er tot ist. Das Ritual danach ist so alt wie der Rassismus: In der Regel leugnet man zuerst alles. Dann war der Tote bewaffnet. Am Ende bedauert man einen ‚Einzelfall’ und das Ganze geht wieder von vorne los. Zuletzt vor einigen Tagen.

„In Baton Rouge (Louisiana) zwangen zwei Polizisten den 37-jährigen Alton Sterling auf einem Parkplatz zu Boden und erschossen ihn aus nächster Nähe. Tags darauf starb der 32 Jahre alte Philando Castile in Falcon Heights (Minnesota) im Krankenhaus, nachdem ein Polizist bei einer Fahrzeugkontrolle auf ihn geschossen hatte.“

(FR vom 8.7.2016)

Im letzten Fall hatte seine Freundin diesen Mord per Video festgehalten. „Die Aufnahmen zeigen einen blutüberströmten Mann auf dem Fahrersitz und einen Polizisten, der mit gezückter Waffe vor dem Fenster steht. Die Frau sagt, sie sei wegen eines defekten Rücklichts angehalten worden. Die Polizei habe vier Mal auf ihren Freund geschossen.“ (s.o.)
Die Mutter des Getöteten sagte gegenüber dem Nachrichtensender CNN, es gebe in den USA einen stillen Krieg gegen Afro-Amerikaner.

Nun wissen alle, dass es auch jetzt nicht mit diesen Morden in Uniform aufhört. Die einen trauern und klagen an, die Verantwortlichen versprechen Untersuchungen, und auch dieses Mal wirft der US-Präsident Obama ein paar mitfühlende Worte Richtung Opfer und mahnt zur Besonnenheit und verspricht das, was bereits x-mal zuvor nicht eingehalten wurde:

„Alle Amerikaner sollten die Wut, die Frustration und die Trauer anerkennen, die so viele Amerikaner fühlen – Gefühle, die in friedlichen Protesten und Mahnwachen ihren Ausdruck finden. Michelle und ich teilen diese Gefühle.“

(FR vom 8.7.2016)

Wie oft sollen Schwarze noch mit friedlichen Protesten und Mahnwachen dazu beitragen, dass sich nichts ändert? Haben die letzten tausend Trauermärsche Polizisten und die sie schützenden Politiker zur Umkehr bewegen können?

Schwarz zu sein, ist eine Vorstrafe (wenn man nicht im Weißen Haus wohnt)

Man muss bei der Wortwahl ein wenig schlucken, aber die Bemerkung des schwarze Schriftsteller Tanehisi Coates ist in jedem Fall erhellender als das routinierte Entsetzen und die Kontinuität der Morde in Polizeiuniform:

„Die Polizei ist ein Spiegel Amerikas. Die Polizei infrage zu stellen, bedeutet das amerikanische Volk infrage zu stellen. Das Problem mit der Polizei ist nicht, dass das alles faschistische Schweine sind, sondern dass unser Land von Mehrheitsschweinen regiert wird.“

(Tanehisi Coates, Zwischen mir und der Welt)

Damit spricht er aus, was weit über rassistische Motive einzelner Polizisten hinausreicht. Denn all diese Morde in Uniform sind nur möglich, wenn sich die Täter sicher sein können, wenn (auch ihre schwarzen) Polizeikollegen sie decken, wenn deren Vorgesetzte schützend die Hand über sie halten. Dazu gehört eine Justiz, die meist erst gar nicht anklagt, und wenn sie doch dazu gezwungen wird, in der Regel mit Freisprüchen das Recht für Schwarze auf Leben suspendiert.

Die Journalistin Roxane Gay fasste in der New York Times zusammen, was hoffentlich nicht nur Millionen Amerikaner mit schwarzer Hautfarbe empfinden:

„Ich fühle mich so unglaublich müde … Ich weiß nicht, was es über diese Art von sinnlosem Sterben noch zu sagen gibt.“

Wenn das vergossene Blut zurückfließt …

Nun gibt es auch Tote aufseiten der Polizei. Im Laufe einer Demonstration am 8.7.2016 in der US-Stadt Dallas gegen Polizeigewalt und Rassismus wurden tödliche Schüsse auf Polizisten abgegeben. Fünf Polizisten sind tot, mehrere verletzt.

„US-Präsident Barack Obama wurde beim Nato-Gipfel in Warschau über die Lage in Dallas unterrichtet. Bei einer Pressekonferenz dort zeigte er sich tief bestürzt. Die Tat sei bösartig, kalkuliert und verachtenswert, sagte Obama. Er sprach von einer gezielten Attacke auf Polizisten. Den Behörden in der texanischen Stadt sagte er seine volle Unterstützung zu.“

(s.o.)

Ob der/die Täter müde waren, ob all der Klagen, Trauer und Versprechungen, ob es tatsächlich stimmt, dass ein Täter auch dem Engagement der Bewegung „Black Lives Matter“, die die rassistische Polizeigewalt anprangert, überdrüssig war, weiß man nicht. Er wurde mithilfe eines Roboters getötet, der einen Sprengsatz bei sich führte.

Noch etwas anderes wollen die Ermittler über den toten Attentäter wissen: Er war US-Soldat und „diente“ zuletzt in Afghanistan. Ganz offensichtlich hatte er geglaubt, dass dort Amerika, also auch sein Leben, verteidigt wird. Dass genau dies weder dort, noch im eigenen Land passiert, formulierte bereits 1967 Mohammed Ali, die Boxlegende, als er mit folgender Begründung die Beteiligung am Krieg gegen Vietnam ablehnte:

“Ich habe keinen Streit mit dem Vietcong. Kein Vietcong hat mich jemals als Nigger beschimpft. Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen weit weg gehen, um andere Menschen zu ermorden, zu töten oder zu verbrennen, nur um die Dominanz weißer Sklaventreiber über Menschen dunkler Haut auf der ganzen Welt zu sichern. Wir leben in einer Zeit, in der solche bösartige Ungerechtigkeit ihr Ende finden muss.”

Möglichweise hatte der mutmaßliche Schütze diese Erfahrungen erst dort gemacht und sie mit denen im eigenen Land zusammengefügt. Und er hat noch etwas mitgebracht, was die Worte der Justizministerin als Aufruf zur fortgesetzten Ohnmacht entlarvt: „Die Antwort (auf die Ermordung von Schwarzen durch Polizeibeamte, d.V.) darf nicht Gewalt sein.“ Dass genau diese Antwort bevorzugt von denen gegeben wird, die auf einem Berg von Waffen sitzen, hat auch den Todesschützen geprägt. Dazu hat man ihn militärisch ausgebildet, dazu hat man ihn nach Afghanistan geschickt: Um zu beweisen, dass man mit Gewalt Verhältnisse ändern kann, dass man damit sogar Regierungen stürzen kann.

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