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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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22. Dezember 2014
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„Gut bürgerlich“? Ein Kommentar zur versuchten Wiederbelebung eines Mythos

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In den Hinweisen vom 21.1.2009 wird auch auf einen Kommentar von Stephan Hebel von der Frankfurter Rundschau aufmerksam gemacht. Ich ließ diesen Kommentar leider unkommentiert. Jedenfalls hat ein Freund der NachDenkSeiten, Patrick Sonnenberg, darauf aufmerksam gemacht, dass aus seiner Sicht Stefan Hebels Text der aufklärerischen Absicht der NachDenkSeiten nicht entspricht. Sonnenberg hat dies freundlicherweise begründet. Hier sein Text in der Rubrik Andere interessante Beiträge. Albrecht Müller.

„Gut bürgerlich“?
Geht man an einem Restaurant vorbei, auf dessen Schiefertafel mit „Gut bürgerlicher Küche“ geworben wird, weiß man, was einen erwartet: Paniertes Schnitzel frittiert in Altöl mit weichen Pommes, die in einer braunen „Jägersoße“ aus der Tüte ertränkt werden. Der Kopfsalat schwimmt in Milch-Wasser-Marinade verfeinert mit Hälmchen vom vertrockneten Schnittlauch. Wer öfter außer Hause speist, ist gewarnt: „Gut bürgerlich“ ist ein Euphemismus für miese Zubereitung mit minderwertigen Zutaten.

In der „Frankfurter Rundschau“ vom 21. Januar wirbt Stephan Hebel in einem Kommentar, für „Gut bürgerlich“ in der Politik. Sein Konstrukt einer guten “Bürgerlichkeit” kontra “linker Schmuddelecke” kann man nur als Projekt der Gegenaufklärung verstehen.

Das so genannte “Gut bürgerliche” mit “Verantwortungsethos” (Hebel: „große Bürgertugend der Verantwortung für Mitmenschen und nachfolgende Generationen“). war schon im vergangenen Jahrhundert ein Mythos, der wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Das Bürgertum in Deutschland war nach der gescheiterten Märzrevolution 1848 mit großer Mehrheit nationalistisch bis reaktionär gesinnt im Gegensatz zu seinen republikanischen Pendants in Frankreich (Citoyen) oder England.

Gerade Vertreter der „Frankfurter Schule“ wie Adorno und Horkheimer, die in besseren Zeiten auch in der FR publizierten, haben überzeugend dargelegt, warum das Bürgertum (mit seinen wenigen positiven Elementen) in Deutschland mit 1933 untergegangen ist. Und Heinrich Mann hat in seinem „Untertan“ eine bis heute gültige Charakterstudie eines guten deutschen Bürgers abgeliefert.

Gerade in den so genannten gutbürgerlichen Wahlkreisen Hessens haben die Ellenbogenparteien CDU und FDP einen gigantischen Wahlerfolg erzielt. Das ist jenseits mythologischer Verklärung ein Indiz für die aktuelle Bewusstseinslage des Bürgertums in Zeiten der Systemkrise des Finanzmarktkapitalismus.

Deshalb ist ein bürgerliches Projekt, wie es Hebel vorschlägt, für die fortschrittliche Linke ein “toter Hund”. Dass die FR dieses Projekt befördert, wundert nicht, hat doch gerade das ehemals linksliberale Blatt in den letzten Monaten die „linke Schmuddelecke“ (Hebel) mit Ypsilanti und den “Kommunisten” (Koch) massiv bekämpft.

Dazu passt: Kurz vor der Wahl brachte die FR noch eine fragwürdige Forsa-Umfrage mit nur vier Prozent für die LINKE groß heraus. Das sollte wohl potenzielle linke Wähler davor abschrecken, ihre Stimme zu verschenken. Zum realen Wahlergebnis war dies eine Abweichung von über 30 Prozent, Der FR war das allerdings nicht mal nachträglich eine Erläuterung oder Entschuldigung wert.

Ist wohl auch so eine gut bürgerliche Tugend.

Patrick Sonnenberg

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