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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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21. Dezember 2014
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Geburten: Tom Buhrow-Tagesthemen, SpiegelOnline, BILD und eine Reihe anderer Medien erweisen sich wieder als Teil der PR-Industrie

Verantwortlich:

Wolfgang Lieb hat schon auf die tollen Erkenntnisse der Familienministerin von der Leyen hingewiesen: „Wenn die Wirtschaft wankt, hat die Familie Konjunktur…“ Beachtlich viele Medien sind unkritisch wie immer in demographischen Fragen auf die PR-Geschichte der Ministerin eingestiegen. Tagesthemen, SpiegelOnline und BILD/BamS wie so oft vereint. Siehe Anhang A. – Sie können an diesem Fall Ihre eigenen Medien, Ihre Lokalzeitung und Rundfunk testen. Meine Regionalzeitung, Die Rheinpfalz, brachte die Meldung im Sinne der Ministerin auf der ersten Seite, SWR3 machte sich lustig über die Tagesthemen (Bravo!). Albrecht Müller.

Nicht nur die Thesen von der Leyens über den Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung und Familie/Geburtenrate sind absurd und müssen einen wegen der miserablen Qualität unserer Ministerin beunruhigen, auch die demographische Seite ist eine einzige Groteske. In Anhang B weisen wir auf einen Beitrag zu den „statistischen Tricks der Ursula von der Leyen“ hin. Das ist sehr lesenswert.

Die Entwicklung der absoluten Ziffern, die in Folge der Luftsprünge von Frau von der Leyen in vielen Medien gefeiert wurde sagt wenig. Es sagt ein bisschen mehr, wenn man sie bezieht auch die Zahl der gebärfähigen Frauen. Das ist dann die Geburtenziffer.

Die Entwicklung der Geburtenziffer zeigt, wie leichtfertig es ist, einen Zuwachs von 5000 Geburten als gravierende Veränderung zu interpretieren.

Im folgenden ist zunächst eine Tabelle des Statistischen Bundesamtes mit Angaben zur durchschnittlichen Kinderzahl je Frau (Geburtenziffer) in den letzten 18 Jahren (einschließlich des Links zu dieser Tabelle) wiedergegeben. In den drei Spalten wird unterschieden zwischen den Geburtenziffern in Gesamtdeutschland, im früheren Bundesgebiet und in den neuen Bundesländern:

Durchschnittliche Kinderzahl je Frau
Zusammengefasste Geburtenziffer¹

Jahr Deutschland Früheres Bundesgebiet² Neue Länder³
1990

1,454 1,450 1,518
1991 1,332 1,422 0,977
1992 1,292 1,402 0,830
1993 1,278 1,393 0,775
1994 1,243 1,347 0,772
1995 1,249 1,339 0,838
1996 1,316 1,396 0,948
1997 1,369 1,441 1,039
1998 1,355 1,413 1,087
1999 1,361 1,406 1,148
2000 1,378 1,413 1,214
2001 1,349 1,382 1,231
2002 1,341 1,371 1,238
2003 1,340 1,364 1,264
2004 1,355 1,372 1,307
2005 1,340 1,355 1,295
2006 1,331 1,341 1,303
2007 1,370 1,375 1,366

¹ Berechnet nach der Geburtsjahrmethode.
² Seit 2001 ohne Berlin-West.
³ Seit 2001 ohne Berlin-Ost.

Quelle: destatis.de

Die Veränderung um 5000 Geburten, die Frau von der Leyen und mit ihr Bild, Spiegel und die Tagesthemen feiern, schlägt sich in den Geburtenziffern allenfalls in der zweiten Stelle hinter dem Komma nieder. Dabei ist zu beachten, dass wir im Jahr 2000 eine höhere Geburtenrate hatten als 2007 und im Jahr 1990 auch eine höhere. Dazwischen gab es niedrigere, insbesondere 1992-1995. Die gesamtdeutsche Geburtenziffer wurde damals von einer Reduzierung in den neuen Bundesländern gedrückt.

Wenn man noch weiter zurückgeht, nämlich in die Achtzigerjahre (siehe meine Folie), dann kann man noch ganz andere Schwankungen beobachten.

Tabelle

Mitte der Achtzigerjahre lag die Geburtenziffer in den alten Bundesländern schon einmal unter 1,3 Geburten pro Frau, bei 1,28 Geburten. Wenn ich so leichtfertig und politisch tendenziös interpretieren wollte, wie dies die heutige Ministerin tut, dann würde ich anmerken, dass das Absacken der Geburtenziffern nach 1982 offenbar auf den Schock zurückzuführen ist, den die Wende von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl auslöste. Eine ernsthaftere Interpretation könnte auf die schlechte Konjunktur, die geschwundenen Berufschancen junger Leute und die Missachtung der ökologischen Frage nach der Wende verweisen.

Viel wichtiger und richtiger ist jedoch, sich zu merken, dass man solche kleinen Veränderungen innerhalb kurzer Zeiträume von einem, von zwei oder auch fünf Jahren nicht interpretieren sollte. Das sollte die Ministerin wissen und das sollten schon in jedem Fall die Medien wissen. Sie alle halten uns zum Narren.
Dass so viele Medien bei diesem Spiel mitmachen, ist schlicht unverständlich.

Anhang A:

Tom Buhrow: Kinder im Kommen – In Deutschland steigt die Geburtenzahl
Geburtenrate steigt und mehr Väter nutzen Elternzeit
Quelle: Tagesthemen 15.2.2009

15. Februar 2009, 08:00 Uhr
FAMILIENKONJUNKTUR
Zahl der Geburten in Deutschland steigt an
Der Geburtentrend geht nach oben: In Deutschland kommen wieder mehr Kinder zur Welt, 2007 waren es rund 12.000 mehr als im Jahr davor. Gerade Paare ab 30 sind häufiger zur Familiengründung bereit.

Berlin – “Besonders bei Frauen zwischen 30 und 40 Jahren hat die Zahl der Kinder zugenommen”, sagte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) der “Bild am Sonntag”. 2007 seien 12.000 Kinder mehr als 2006 geboren worden. Im vergangenen Jahr habe der Trend angehalten. Von Januar bis September 2008 stieg die Zahl der Geburten nach einem Bericht der Zeitung um 3400 auf 517.549. Das Statistische Bundesamt schätzt die Gesamtzahl der Geburten 2008 auf bis zu 690.000, im Jahr zuvor waren es 684 862.
Quelle: spiegel.de

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen „Wenn die Wirtschaft wankt, hat die Familie Konjunktur . . .“
Von ANGELIKA HELLEMANN und CHRISTOPH VON UNGERN-STERNBERG
Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (50) erklärt in BamS, warum in Deutschland die Zahl der Geburten wieder steigt und die der Abtreibungen sinkt. Sie spricht über ihre Großfamilie, das Älterwerden und verrät, ob eine Schönheitsoperation für sie jemals infrage kommt
Quelle: bild.de

Anhang B:

“Babyboom” & “Neue Väter”: Die statistischen Tricks der Ursula von der Leyen
Es gibt wieder mehr Geburten in Deutschland, frohlockt die geburtenstarke Familienministerin. Und die Medien frohlocken mit. Denn selten gibt es so viel Gutes zu berichten. Kritische Nachfragen stören nur.
Quelle: carta.info

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