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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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26. Dezember 2014
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Reinhard Mohns Strategie von 1996 – heute umgesetzt

Verantwortlich:

Einer der beiden Autoren des gerade erschienenen Buches über „Bertelsmann“, Hersch Fischler, macht mich auf zwei interessante Vorgänge aufmerksam:
Erstens auf ein Interview des Chefs von Bertelsmann, Reinhard Mohn, von 1996, in dem beachtlich viele Teile der jetzigen Reformpolitik und ihrer Begründungen angelegt sind. Der Text offenbart auch die Strategie – ganz ähnlich wie Strauss in seiner Sonthofener Rede von 1975 – : die Wirtschaft muss immer tiefer sinken und den Menschen muss es erst schlecht gehen, bis sie zur Vernunft kommen. Auszüge dieses Interviews finden Sie als Anlage 1.
Zweitens macht Hersch Fischler darauf aufmerksam, dass man sich bei der Bertelsmann-Stiftung offenbar veranlasst sehe, auf unsere Kritik zu reagieren – siehe Anlage 2. Die könnten mein Buch („Die Reformlüge“) nicht mehr ignorieren, meint Hersch Fischler. Wohl auch nicht den Tagebucheintrag von Wolfgang Lieb in den NachDenkSeiten, möchte ich ergänzen. Das spannende Buch von Frank Böckelmann und Hersch Fischler mit dem Titel „Bertelsmann – Hinter der Fassade des Medienimperiums“ ist bei Eichborn erschienen.

Anlage 1

»Ein Segen, daß uns das Geld ausgeht«

Interview mit Reinhard Mohn (Auszüge) Das Interview wurde geführt von Dr. Werner Funk, STERN-Chefredakteur und Dieter Hünerkoch, Ressortleiter der Wirtschaftsredaktion des STERN, und erschien erstmalig in der Ausgabe 27/96 des STERN. (Hervorhebungen H.Fischler)

Stern: Herr Mohn, Sie haben als einer der erfolgreichsten Nachkriegsunternehmer 50 Jahre Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland mitgeschrieben. Was ist Ihr Vermächtnis?

R.M.: … Und daraus ergibt sich für mich die zentrale Erkenntnis: Länder mit Systemordnungen, die stehenbleiben, in Rechthaberei und Dogmatismus erstarren, werden sich mit ihren Volkswirtschaften sehr schnell am Ende der Liste der Industrienationen wiederfinden. Und keiner sollte glauben, wir hätten das Schlimmste schon hinter uns. Das kommt erst noch richtig auf uns zu.

Stern: Ist Deutschland dabei, den Zug zu verpassen? Sind wir nicht reformfähig genug?

R.M.: Wir wären wieder reformfähiger, wenn wir mehr Freiraum hätten. Wir haben in dem Bemühen, alles besser zu machen, so viele Regulierungen eingeführt, daß die Freiheit für die Kreativen auf der Strecke geblieben ist. Das geschah im vermeintlichen Interesse der Gesellschaft. Herausgekommen sind dabei Gesetze, Regeln und Rituale einer sozialen Marktwirtschaft, die heute angesichts eines globalen Wettbewerbs nicht mehr durchzuhalten sind. (…) Wir müssen beispielsweise den Begriff Solidarität heute völlig neu definieren. Das Erfolgskonzept der Vergangenheit wird sonst zur Hypothek.

Stern: Das bisherige Solidaritätskonzept ist ohnehin nicht mehr zu finanzieren.

R.M.: Ja. Es ist ein Segen, daß uns das Geld ausgeht. Anders kriegen wir das notwendige Umdenken nicht in Gang. Müssen wir uns vielleicht statt über Solidarität nicht längst viel mehr über Subsidiarität unterhalten?

Stern: Sie erwähnten zu Beginn unseres Gespräches die Notwendigkeit einer grundlegenden Reform unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Wie weit ist diese Erkenntnis verbreitet?

R.M.: Im Augenblick ist in diesem Land noch nicht begriffen worden, warum wir im Weltvergleich abstürzen. Unsere Situation wird deshalb noch schlechter werden, davon bin ich überzeugt. Wir alle werden erleben, daß unser Lebensstandard auch mal merklich zurückgeht.

(…)

Stern: Also Bezahlung auch notfalls unter Tarif?

R.M.: Ja. Wir haben doch das Problem mangelnder Dienstleistungsarbeitsplätze in Deutschland. Warum können wir nicht soviel Freiheit wie die Amerikaner ertragen? Oder: Warum haben wir noch einen Kündigungsschutz, der längst nicht mehr sachgerecht ist. Das ist in Deutschland eine heilige Kuh. Wir müssen Vorschriften abbauen, dann entstehen auch Arbeitsplätze, die derzeit schlummern, weil wir zu viele Regulierungen haben. Aber die Regierung und die Parteien sind zur Zeit nicht in der Lage, die Grundfragen der Gesellschaft neu zu ordnen. Wir müssen deshalb dem Schicksal danken, daß jetzt schmerzliche Sachzwänge entstehen, die neue Schubkraft bringen.

Zitiert nach:

Mohn, Reinhard:

“Ein Segen, daß uns das Geld ausgeht”: Interview mit Reinhard Mohn
Gütersloh: Verlag der Bertelsmann-Stiftung, 1996
ISBN 3-89204-265-9
2. Auflage 1998

Anlage 2:

Kommentar der Bertelsmann Stiftung

Gütersloh, 15.10.2004
Reden wir Deutschland in die Krise?

Kommentar von Dr. Thorsten Hellmann zum Internationalen Standort-Ranking 2004

Die Ergebnisse des dieser Tage veröffentlichten Internationalen Standort-Ranking der Bertelsmann Stiftung stellen dem
Standort Deutschland ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: Letzter Platz bei Wachstum und Beschäftigung unter den 21
wichtigsten Industrieländern. Dass ein solches Ergebnis niemanden in Hochstimmung versetzt, ist mehr als verständlich. Unverständlich sind hingegen Vorwürfe, die Veröffentlichung der Ergebnisse würde dazu beitragen, die ohnehin schon miese Stimmung am Wirtschaftsstandort Deutschland weiter zu verschlechtern und das Land noch tiefer in die Krise zu stürzen.

Einem Schüler, der dauerhaft unterdurchschnittliche Leistungen erbringt, wird man kaum mit dem Argument “Schlechte Noten sorgen für schlechte Stimmung” ein gutes Zeugnis ausstellen. Die Folgen wären fatal: Der Schüler wäre mit seiner Leistung zufrieden und würde kaum Anstrengungen unternehmen, sich zu verbessern. Wie sollte er auch? Da er nur gute Noten bekommt, weiß er ja nicht einmal, in welchen Fächern seine Schwächen liegen. Auf lange Sicht wird er somit kaum die angestrebten Lernziele erreichen und in letzter Konsequenz den Anschluss an den Rest der Klasse verlieren. Nur in der Dokumentation der Schwächen liegt die Chance, diese zu erkennen und an ihnen zu arbeiten!

Auch dem Standort Deutschland wäre kaum geholfen, würde man die offensichtlich vorhandenen Defizite unter den Teppich kehren, frei nach dem Motto: Wir kommen da schon irgendwie wieder raus, wir müssen nur für gute Stimmung sorgen. Dies kann und darf nicht der Anspruch des Internationalen Standort-Ranking sein.

Zwar gleicht das Ranking durchaus einem Zeugnis, in dem die Leistungen von Politik, Wirtschaft und Tarifparteien benotet und Schwächen aufgedeckt werden, die in den Disziplinen “Arbeitsmarkt” und “Wachstum” bestehen. Es geht jedoch nicht darum, den Zeigestock zu heben und auf den “Schüler” Deutschland einzuprügeln. Vielmehr werden gleichzeitig Lernhilfen in Form von Lösungsansätzen angeboten, die zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands beitragen können. Zudem ermöglicht die international vergleichende Perspektive, erfolgreiche Strategien anderer Länder zu identifizieren. So können gute Praktiken der einzelnen Staaten herausgearbeitet werden, die im Sinne eines “Lernen von den Besseren” als Module für die Reform von Arbeitsmarkt und Sozialstaat in Deutschland genutzt werden können.

Nur so kann das Repertoire möglicher Problemlösungen gegenüber einem rein nationalen Horizont erweitert werden. Zudem werden Anstöße für strukturelle Reformen geliefert, da die Beobachtung von Schwächen gegenüber den Vergleichsländern und die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen die nationalen Entscheider unter Legitimations- und Rechtfertigungsdruck setzen. Auf diese Weise wird das mit dem Internationalen Standort-Ranking angestrebte Ziel erreicht, die notwendigen politischen Lernprozesse anzustoßen, damit endlich zielführende Reformen für mehr Wachstum und mehr Beschäftigung auf den Weg gebracht werden und es in Zukunft nicht mehr heißt: Setzen, Deutschland, ungenügend!

Rückfragen an: Dr. Thorsten Hellmann, Telefon: 0 52 41 / 81-81 236

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