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Xavier Naidoo und das „besetzte Land“

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Erosion der Demokratie, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Lobbyismus und politische Korruption, Medienkritik
Paul Schreyer

Wieder mal ist die Aufregung groß: Popstar Xavier Naidoo hat sich doch tatsächlich erneut politisch „rechts“ geäußert! Ein Skandal – so zumindest liest man es in diesen Tagen in vielen Medien. Sein aktueller Song „Marionetten“, in dem er Abgeordnete als „Steigbügelhalter“ und „Sachverwalter“ im Dienste von „Puppenspielern“ bezeichnet, lässt die Gemüter hochkochen. Keine echte Demokratie in Deutschland? Das kann ja wohl nicht sein!
Spiegel Online ist sich sicher: Der Sänger positioniere sich „endlich unverstellt als der rechtspopulistische Hetzer und Verschwörungstheoretiker, für den ihn viele schon lange gehalten haben“. Und für das Hamburger Abendblatt ist Naidoo „in Wirklichkeit vor allem wohl ein sehr deutscher Neurotiker“. Von Paul Schreyer.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Eine Sichtweise, derzufolge nicht etwa die gewählten Abgeordneten die politischen Geschicke im Lande lenken, ist offenbar, so kann man es zumindest gerade vielen Kommentaren entnehmen, eine krankhafte Verschwörungstheorie. Oder, wie Spiegel Online es formuliert: „Das ist die umstürzlerische, staatsfeindliche Rhetorik von Pegida und der AfD-Rechten, die sich schon im Titel eines gängigen Antisemitismus-Bildes bedient: Politik und Staat als Marionetten einer jüdisch-amerikanischen Finanzverschwörung.“

Naidoos Text – in dem von vermeintlich „jüdisch-amerikanischen Verschwörungen“ freilich keine Rede ist – als „staatsfeindlich“ zu kritisieren, legt nahe, es sei Aufgabe von Künstlern und Prominenten, den Staat zu unterstützen – ein Denkmuster, das man eigentlich aus autoritären Regimen kennt. Dass darüber hinaus die Verwendung des Begriffes „Marionetten“ ein „gängiges antisemitisches Bild“ sei, erscheint eher konstruiert. Solche Art von „Sprachpolizei“ ist ebenfalls mehr aus autoritären, unfreien Gesellschaften bekannt.

Sicher gibt es Codes, die Rechte verwenden und bei denen Vorsicht geboten ist. Doch ein Allerweltsbegriff wie „Marionetten“ lässt sich kaum ernsthaft aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verbannen. Der Ansatz, Worte zu meiden, die auch der politische Gegner verwendet, steht ganz allgemein logisch auf schwachen Füßen. Eine gemeinsame Gesinnung entsteht – anders als viele meinen – nicht schon dadurch, dass man mit anderen die Diagnose eines politischen Problems teilt (etwa: „die Demokratie funktioniert derzeit überhaupt nicht so, wie sie soll“). Anhänger ganz unterschiedlicher politischer Lager können ein Problem in gleicher Weise analysieren – dadurch werden sie noch nicht zu Verbündeten, denn eine Diagnose ist kein Lösungsvorschlag. Erst wenn man auch dort, bei der gewünschten Lösung für ein Problem, übereinstimmt, gerät man in die Nähe des anderen politisches Lagers.

Davon aber kann bei Naidoo wohl keine Rede sein, zumal es in seinem Lied auch nicht um Lösungen geht, sondern eben um eine Diagnose. Alles was er vorschlägt, ist eine Art Selbstermächtigung der Bürger, die „einschreiten“ und „Schutzschirme ausbreiten werden“, mit denen „Unschuldigen“, an denen sich die Marionetten „vergehen“, geholfen werden soll – so der Sänger in seinem Liedtext. Was daran „rechts“ oder „antisemitisch“ sein soll, sei dahingestellt.

Die Welle der Medienkritik zeigt derweil Wirkung in der Branche. Am Wochenende hat der Sender Radio Bremen mitgeteilt, Naidoo nicht mehr weiter bei seiner anstehenden Konzerttournee unterstützen zu wollen. In der Begründung der Senderleitung heißt es:

„Der Song ruft zu Selbstjustiz auf und verneint im Kern die Unabhängigkeit demokratisch gewählter Parlamente. Das kann man alles so in Songs ausdrücken und veröffentlichen – das ist aber so weit von den Werten entfernt, die wir (…) vertreten, dass wir diese Künstler und ihre Konzerte nicht präsentieren wollen.“

Auch diese Argumentation ist bemerkenswert. Ein Künstler, der die Unabhängigkeit von Parlamenten in Frage stellt, entfernt sich demnach von allgemeinen Werten. Was, so möchte man fragen, sind das denn für Werte? Außer Konformismus und Regierungstreue fällt einem spontan nur wenig ein. Denn inwiefern ein deutlicher Hinweis auf subjektiv wahrgenommene demokratische Mängel selbst „demokratiefeindlich“ sein soll, bleibt schleierhaft.

Viele Journalisten reiben sich insbesondere an Naidoos schon in der Vergangenheit mehrfach gemachter Aussage, Deutschland sei „ein besetztes Land“. Im Interview mit dem Magazin Stern meinte der Sänger dazu bereits 2015:

„Nein, es ist keine Verschwörungstheorie. Der Historiker Prof. Dr. Josef Foschepoth ist den geheimen Vereinbarungen zwischen den Amerikanern und der Bundesregierung nachgegangen. Sie existieren wirklich. Danach dürfen die Amerikaner uns überwachen. Deutschland ist insoweit kein souveränes Land, wir sind nicht frei.“

Der Hinweis auf die Forschungen von Josef Foschepoth, der im Zusammenhang mit der NSA-Abhöraffäre ausführlich von der ZEIT und auch der Süddeutschen Zeitung interviewt wurde, zeigt, dass Naidoo in dieser Sache kein Anhänger paranoider Theorien ist. Der Popstar argumentiert hier schlicht und einfach auf dem neuesten Stand der Forschung. Seinen Kritikern ist er offenbar fachlich voraus – peinlich genug für diese.

Die Tatsache, dass Deutschland weiterhin ein in Teilen besetztes Land ist, sollte in Anbetracht der hier stationierten mehreren zehntausend US-Soldaten und zahlreicher Militärbasen und Stützpunkte eigentlich jedem spontan einleuchten. Auch hier äußert Naidoo nur eine (für viele wohl immer noch unbequeme) Selbstverständlichkeit und kein „skandalös rechtes Denken“.

Was die mediale Aufregung um den Sänger vor allem zeigt, gerade auch die böswillige – und leider niveaulose – Persiflage des ZDF-Kabarettisten Jan Böhmermann (die von vielen Leitmedien wohlwollend kommentiert und mit Verlinkung beworben wurde), ist einmal mehr die vorherrschende Selbstgerechtigkeit und Borniertheit einer Fraktion, die sich für „die Guten“ hält. Schnell sind dann auch Zensurvorschläge zur Hand. So schrieb die Frankfurter Rundschau zum Marionetten-Song:

„Weshalb Xavier Naidoo aber auf Vox noch Sendezeit eingeräumt wird, bleibt hingegen das Geheimnis des Senders.“

In diese Richtung geht es: Abweichlern soll das Mikro abgedreht, die Kamera abgeschaltet, die große öffentliche Bühne verwehrt werden. Sie sollen verschwinden, den Mund halten, gehören nicht zu „uns“, nicht zur „offenen, vielfältigen, demokratischen Gesellschaft“. Spätestens an dieser Stelle wird es seltsam.

Anmerkung Jens Berger: Die konkrete Aufregung des Medienbetriebs ist – wie der Kollege Paul Schreyer es ja auch schreibt – komplett überzogen und ich sehe keinen überzeugenden Grund, Xavier Naidoo in die „Reichsbürger“-Schublade zu stecken. Gleiches gilt für die angeblichen „rechtspopulistischen“ Tendenzen oder gar die „Nazi-Vorwürfe“. Dennoch sollte man sich davor hüten, Herrn Naidoo nun einen Persilschein auszustellen. In der Vergangenheit hat sich Naidoo mehrfach sehr wohlwollend über paläolibertäre Ideologen (Mises, Rothbard, Hoppe) geäußert und scheint auch sehr eng mit dem deutschen „Frontmann“ dieser Ideologie, Oliver Janich, bekannt und verbunden zu sein. Auch wenn diese Ideologie in Deutschland noch nicht sonderlich verbreitet ist (anders als in den USA), so stellt sie doch eine Bedrohung für progressiv Denkende dar, die weit über den absurden Idiotismus der Reichsbürgerbewegung hinausgeht. „Dummerweise“ haben die Medien jedoch nie ernsthaft über diese Bewegungen aufgeklärt – wahrscheinlich wegen deren Nähe zum Neoliberalismus. Darum bleibt nun nur noch die alte „Nazi-Schublade“, die hier jedoch grotesk erscheint und einfach nicht passt.

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