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8. Dezember 2016
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Schwarz, schwärzer… eine Lidl-Chronik

Veröffentlicht in: Überwachung, Medien und Medienanalyse, Verbraucherschutz

Inzwischen warnen Verbraucherschützer bei Lidl mit EC-Karte und Pin-Geheimnummer zu zahlen, weil nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Kunden an der Kasse gefilmt werden.
Dass die Bespitzelung bei dem Discounter nicht erst seit den „Enthüllungen“ von „Spiegel“ und „Stern“ bekannt waren, sondern schon fünf Jahre vorher, belegt eine Chronik, die Petra Arana für uns zusammengestellt hat. Es scheint so, dass immer erst die sog. Leitmedien einen Skandal aufgreifen müssen, damit daraus eine öffentliche Debatte entsteht. Das belegt einmal mehr, wie stark der Mainstream bei uns die Meinungsbildung prägt und bestimmt.

Januar 2004 bis Juli 2004: Bei Recherchen zum „Schwarz-Buch Lidl“ der Gewerkschaft ver.di verdichtet sich die Annahme, dass der Discounter verdeckte Videoüberwachung gegen Beschäftigte einsetzt, zur Gewissheit. Mehr als ein Dutzend Zeugenaussagen aus allen Landesteilen bestätigen dieses Vorgehen sowie ein rigides, die Persönlichkeitsrechte verletzendes Kontrollsystem.

September 2004: Dem Discounter Lidl wird in Bielefeld der Negativpreis „Big Brother Award“ verliehen. In der Laudatio werden auch die Ergebnisse der Schwarz-Buch-Recherchen zu Videoüberwachung und Kontrolle bei Lidl als Begründung aufgeführt.

Dezember 2004: Wenige Tage vor Veröffentlichung des „Schwarz-Buches Lidl“ der Journalisten Andreas Hamann und Gudrun Giese, in dem ver.di die auf Einschüchterung, Druck und Personalknappheit basierenden Arbeitsbedingungen aufdeckt, räumt Lidl erstmalig Videoüberwachung ein: „Ebenfalls werden Video-Kameras – im übrigen vollkommen durch die Rechtsprechung abgedeckt – eingesetzt, allerdings erst, wenn ein absolut konkreter Verdacht gegen einzelne Mitarbeiter vorliegt“, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber dem ZDF (Frontal 21).

Januar 2005 bis Mai 2006: Bei Recherchen zum „Schwarz-Buch Lidl Europa“ von ver.di stellt sich heraus, dass Videoüberwachung der Beschäftigten auch in anderen Länder Europas – besonderes krass in einem Lidl-Lager in Frankreich (Nantes) – zum Repertoire der Personalführung gehört.

Juni 2006: Erscheinen des „Schwarz-Buches Lidl Europa“ (Andreas Hamann u.a.) Dort wird stellvertretend für andere Fälle, die mit Zeugenaussagen belegt sind, aus einem Spitzelprotokoll der Detektei HIS von 2004 zitiert. Es  stammt aus einer Flensburger Lidl-Filiale. Ein Originalzitat: „Herr D. erwartet von seiner Partnerin Nachwuchs und benötigt nach eigenen Angaben zurzeit viel Geld“. Überschrieben ist das entsprechende Kapitel mit „Verdeckte Videokameras und präzise Psychogramme“.

Juli 2006 bis März 2008: Nach Erscheinen dieses zweiten „Schwarz-Buches“ stellen sich weitere Zeugen zur Verfügung, die Opfer einer verdeckten Videoüberwachung geworden waren. Mit einem weiteren internen Dokument kann belegt werden, dass die Firma HIS Sicherheitsdienst, die schon in Flensburg beauftragt war, Anfang 2006 auch in einer Filiale in Rheinland-Pfalz Miniaturspezialkameras eingesetzt hat.

In ihrer öffentlichen Kampagne für faire Arbeitsbedingungen bei Lidl macht die Gewerkschaft ver.di immer wieder auf Videoüberwachung, Betriebsratsfeindlichkeit und andere undemokratische Praktiken der Geschäftsführung aufmerksam.

März 2008: Der „stern“ kann – in wesentlichen gestützt auf umfangreiche Dokumente einer von Lidl beauftragten Detektei – sowie eigene Recherchen (Malte Arnsperger/MarkusGrill) die Bespitzelung der Beschäftigten in über 200 Filialen nachweisen. Das führt später zu Bußgeldbescheiden gegen den Discounter in Höhe von 1,5 Millionen Euro.

April 2008: Lidl-Chef Klaus Gehrig erklärt in „Bild“ zur Bespitzelung: „Wir haben davon nichts gewusst…“ Das entspricht nicht der Wahrheit, denn die beiden Schwarz-Bücher von ver.di zu Lidl, in denen erstmals Videoüberwachung und rigide Kontrollen bei diesem Discounter aufgedeckt worden sind, liegen der Geschäftsführung in Neckarsulm seit 2004 bzw. 2006 vor.

April 2009: Der nächste Lidl-Skandal, die systematische Erfassung von Krankheitsdaten der Beschäftigten, wird vom „Spiegel“ enthüllt. ver.di nimmt dies zum Anlass, um das Unternehmen Lidl erneut zu einer Vereinbarung über faire Betriebsratswahlen aufzufordern. ver.di-Einzelhandelsexperte Ulrich Dalibor: „Wenn es nicht nur in einigen wenigen Filialen, sondern überall bei Lidl Betriebsräte gebe, hätte es diesen neuen Skandal überhaupt nicht gegeben.“ 

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