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„Linker Hass“? Wie die Hamburger Krawalle schamlos instrumentalisiert werden

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Globalisierung, Innere Sicherheit, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik

Für die BILD ist die Welt traditionell schlicht zu deuten: „Linker Hass“ sei für den „G20-Terror in Hamburg“ verantwortlich. Ins gleiche Horn bläst auch CDU-Nachwuchshoffnung Jens Spahn, der auf Facebook von „vermummten Linksfaschisten“ fantasiert, die „Applaus von den Linken“ bekämen. SPIEGEL-Hauptstadtbüro-Leiter René Pfister drückt den gleichen Gedanken etwas geschliffener aus: ein Grund für die Ausschreitungen liege darin, „dass die deutsche Linke es immer noch schafft, blinder Zerstörungsgeilheit ein politisches Mäntelchen umzuhängen.“ All dies ist erstaunlich, diskreditieren die Gewaltexzesse von Hamburg doch vor allem die echte Kritik am Gipfel, die von der politischen Linken kommt. Wer die Krawalle als „links“ einordnet, verfolgt vielmehr selbst die Agenda, gesellschaftspolitische Kritik zu diskreditieren und die politische Linke zu stigmatisieren. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wer genau die Täter waren, die im Hamburger Schanzenviertel wüteten, ist nicht zu 100% geklärt. Zahlreiche Befragungen von Anwohnern und Gipfelgegnern, die vor Ort waren, zeichnen jedoch ein ungefähres Bild, das sich mit den allermeisten Reporterberichten in den klassischen Medien ergänzt. Den harten Kern der Gewalttäter bildete offenbar eine mehrere hundert Mann starke Gruppe schwarz gekleideter und vermummter Autonomer, die zu einem großen Teil aus dem Süden Europas kamen. Vor allem Griechen, Italiener und Franzosen sollen hierbei zu den Rädelsführern gehört haben. Unterstützt wurde dieser harte Kern von einer zahlenmäßig größeren, sehr heterogenen Gruppe oft sehr junger Randalierer – meist vermummt und oft in teuren Markenklamotten, darunter den meisten Schilderungen zufolge sehr viele junge Frauen. Die interessante Frage ist: Kann man diese beiden Gruppierungen tatsächlich der politischen Linken zurechnen?

Bei den gut organisierten Autonomen ist die Beantwortung dieser Frage nicht so einfach. Einige von ihnen sind weitestgehend apolitisch, viele sympathisieren aber auch mit Ideologien wie dem „Insurrektionalismus“, einer gewalttätigen Strömung des Anarchismus, bei der die Rebellion im Vordergrund steht. Klassisch linke Interessenvertretungen wie linke Parteien oder Gewerkschaften werden von dieser Form des Anarchismus genauso abgelehnt wie klassisch linke Politik. Ob man diese Strömungen überhaupt der politischen Linken zurechnen kann, ist selbst unter Politikwissenschaftlern mehr als umstritten.

Noch verworrener wird das Bild, wenn man sich die „Krawall-Kiddies“ anschaut. In der Tat spielen einige von ihnen auch mit „linker Symbolik“, echte politische Ziele sind ihnen jedoch in der Regel fremd. Meist geht es den gelangweilten Kindern aus „besserem Hause“ eher um eine perverse Triebbefriedigung durch Randale und Gewalt. Hamburg war für sie eher ein Abenteuerspielplatz, der G20-Protest ein „Event“; apolitisch und inhaltsleer. So sinnvoll es wäre, diese moderne Gewaltkultur näher zu betrachten, so sinnlos ist es, sie pauschal ins „linke Lager“ zu verschieben. Denn was ist bitteschön links daran, wenn ein junger Schnösel am Wochenende zum Randale machen nach Hamburg fährt und dort Kleinwagen anzündet und Geschäfte verwüstet? Noch nicht einmal der Randalierer selbst denkt im Traum daran, dass die Welt gerechter wird, wenn er einen Twingo ansteckt. Warum aber stecken ihn Teile der Medien dann in die „linke Schublade“?

Selbstverständlich gab es in Hamburg auch linken Protest. Bunt, kritisch und natürlich friedlich … so wie es eigentlich selbstverständlich ist. Der Hamburger Gesprächskreis der NachDenkSeiten war auch mit dabei. An der Großdemonstration „Grenzenlose Solidarität statt G20“ nahmen immerhin rund 76.000 Menschen teil, weitere 3.000 bis 5.000 Menschen kamen zur rot-grünen Alibi-Veranstaltung „Hamburg zeigt Haltung“. Diese 80.000 Demonstranten hatten sehr wohl politische Forderungen und waren selbstverständlich friedlich. Dumm nur, dass ihr legitimer Protest in der Dauerberichterstattung über die Ausschreitungen fast vollkommen unterging. Wenn BILD, Spahn und SPIEGEL linke Demonstranten suchen, dann wären sie bei diesen friedlichen Demonstrationen fündig geworden. Aber das war ja offenbar gar nicht ihr Ziel. Die fragwürdige Verortung der Randalierer als „Linke“ folgt wohl vielmehr einer klaren Agenda.

„Wie konnte es überhaupt zu derartigen Ausschreitungen kommen?“, wird seit Freitag stetig gefragt. Eine plausible Erklärung liefern einige Anwohner des Schanzenviertels selbst (z.B. in der WELT) – damit die Staatschefs ungestört ihr Beethoven-Konzert in der Elbphilharmonie genießen konnten, mussten offenbar tausende Polizisten samt schwerem Gerät in den Süden der Innenstadt verlegt werden und fehlten daher stundenlang im nordwestlich des Zentrums gelegenen Schanzenviertel. Man muss jedoch auch feststellen, dass der Krawall im Schanzenviertel zahlreichen Akteuren sehr gut ins Bild passt. Nun ging es nur noch um Gewalt und Zerstörung und nicht mehr um die legitime inhaltliche Kritik am Gipfel. Und die gesamte politische Linke konnte man gleich mit in die Schublade mit der Aufschrift „Krawallbrüder“ stecken. Daher sollte man auch zumindest im Hinterkopf haben, dass das viel zu späte Eingreifen von viel zu wenig Polizisten vor Ort auch genau so gewollt sein kann. Erfahren wird man dies wohl nie.

Dafür spielen Teile der Politik und der Medien bereits verrückt und skandieren, „die Linke“ solle sich doch viel stärker von Gewalt distanzieren. Da scheint bei den Kollegen aber einiges durcheinanderzugeraten. Oder haben Sie jemals auch nur im Ansatz mitbekommen, dass Sahra Wagenknecht, Dietmar Bartsch, Bernd Riexinger, Katja Kipping, Gregor Gysi oder auch Toni Hofreiter, Katrin Göring-Eckardt, Martin Schulz oder Sigmar Gabriel (so man sie zur erweiterten politischen Linken zählen will) sich mit derartiger Gewalt solidarisiert hätten? Warum soll man sich von etwas distanzieren, mit dem man sich nie solidarisiert hat? Haben Horst Seehofer und Peter Altmeier sich eigentlich schon mal von den Rechtsradikalen distanziert, die Flüchtlingsheime anzünden? Nein und das müssen sie auch nicht; genau so wenig, wie die politische Linke sich von verwirrten Teilen der autonomen Szene und Krawall-Kiddies distanzieren muss.

Wenn man schon unbedingt einen Vergleich anstellen und eine Schublade suchen muss, dann findet man sie wohl am ehesten beim Hooligan-Problem des Fußballs. Niemand käme auf die Idee, den Familienvater, der sich mit Sohnemann und Töchterchen ein Fußballspiel im Stadion anschaut, direkt oder indirekt für Ausschreitungen verantwortlich zu machen, die gewalttätige Hooligans im Umfeld des Spiels anrichten. Auch den Hooligans geht es nur um die Gewaltgeilheit und die pure Lust an der Zerstörung. Damit haben wir uns unwillig abgefunden. Dass Hooligans keine Fans sind und den Fußball nur als Mittel zum Zweck missbrauchen, ist heutzutage größtenteils akzeptiert. Warum machen wir diese Unterscheidung dann aber nicht auch bei den Krawallen im Umfeld politischer Demonstrationen? Hat der DFB eine bessere politische Lobby als die Gipfelgegner? Oder zählen Gipfelgegner ohnehin nicht zu den Merkel-Wählern, Fußballfans jedoch schon?

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