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Vertrauen die Menschen den Medien nicht mehr, weil die zu komplex sind? Umgekehrt wird ein Schuh daraus

Veröffentlicht in: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medien und Medienanalyse, Medienkritik
Jens Berger

Man kann Sascha Lobos SPIEGEL-Online-Kolumne „Die Mensch-Maschine“ vieles vorwerfen – langweilig ist sie jedenfalls nie. Oft schreibt Lobo schlaue Sachen, oft liegt er jedoch auch meilenweit daneben. Ein schönes Beispiel für Letzteres stellt seine aktuelle Kolumne dar, in der er sich dem Vertrauensverlust der Medien widmet. Darin macht er unter anderem den vermeintlich vergeblichen Wunsch, „einfache Lösungen für komplexe Probleme“ serviert zu bekommen, für das gestiegene Misstrauen gegenüber den Medien aus. Dabei wird doch eher umgekehrt ein Schuh daraus. Ein Großteil der Medien versucht sich darin, eine immer komplexer werdende Welt mit unzulässigen Vereinfachungen zu erklären. Das durchschauen und kritisieren immer mehr Menschen und reagieren mit Misstrauen. Von Jens Berger

Vielleicht sollte man den Spieß ganz einfach mal herumdrehen, um sich dem Thema Vertrauensverlust zu nähern. Dass „die Medien“ auch liefern können, wenn sie nur wollen und man sie lässt, bewies beispielsweise 2008 ein achtköpfiges Team von SPIEGEL, als man die Finanzkrise in einer 34seitigen Titelgeschichte analysierte und dabei ein journalistisches Meisterwerk ablieferte. Der Artikel „Der Bankraub“ brilliert vor allem deshalb, weil er ein äußerst komplexes Thema ohne Vereinfachungen, komplex und dennoch allgemeinverständlich erklärt. Würde der SPIEGEL sich daran ein Beispiel nehmen und regelmäßig solche Stücke bringen, hätte er kein Imageproblem und die meisten aktuellen und ehemaligen Leser würden ihm immer noch vertrauen. Sascha Lobos Kolumnenthema würde sich gar nicht stellen, wenn „die Medien“ nach diesem Muster funktionieren würden. Doch leider ist diese handverlesene Ausnahme ja beileibe nicht die Regel.

Die Regel sind eher Titelgeschichten wie die Schulz-Story, die (nicht nur) die NachDenkSeiten massiv kritisiert haben. Belanglose Homestorys, bei denen die journalistische Distanz auf der Strecke bleibt und komplexe Themen dadurch gnadenlos vereinfacht werden, dass man sie personalisiert. Nicht die Komplexität, sondern die Vereinfachung ist das Problem. Schauen wir uns doch ein paar Fallbeispiele an, um dies zu verdeutlichen.

  1. Finanz- und Eurokrise

    Volkswirtschaftliche Themen sind immer undankbar, da der Großteil des Publikums vom komplexen System der makroökonomischen Zusammenhänge noch nie etwas gehört hat. Woher auch, tauchen „die Medien“ doch nur in vereinzelten Ausnahmefällen so tief in die Thematik ein, dass beim Leser oder Zuschauer auch wirklich etwas von den Basics hängenbleibt. Die beiden arte-Dokumentationen „Staatsgeheimnis Bankenrettung“ und „Macht ohne Kontrolle“ von Harald Schumann gehörten beispielsweise dazu. Aber auch dies sind nur Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Unzählige Male haben die NachDenkSeiten die einseitige und unkritische Berichterstattung, die nun einmal charakteristisch für die deutschen Medien ist, kritisiert. Muss man da – wie Sascha Lobo es vorexerziert – nun die Begriffskombo „die Medien“ relativieren und penibel differenzieren? Weil man mit der Generalisierung „die Medien“ ja auch die tollen Dokus von Schumann mitverurteilt? Diese Frage kann jeder für sich selbst beantworten. Für mich macht eine schumannsche Schwalbe noch lange keinen Sommer und wenn es draußen düster ist und schneit, ist es – zumindest für mich – tiefer Winter.

    Aber zurück zur Systematik: Auch Schumann versucht komplexe Zusammenhänge komplex und dennoch allgemeinverständlich zu erklären. Darum geht es aber bei der Kritik doch gar nicht. Es sind – ganz im Gegenteil – die Artikel, die wir von den NachDenkSeiten stets kritisieren, die auf Teufel komm raus vereinfachen und komplexe Zusammenhänge unterkomplex darstellen. Da wird dann aus der Eurokrise eine Staatsschuldenkrise und die zugrundeliegenden makroökonomischen Ursachen werden schon gleich gar nicht thematisiert. Nun sind die Leser aber nicht dumm und merken es, wenn sie durch unzulässige Vereinfachungen nicht vollständig informiert werden. Und wenn die Leser dann noch spitzkriegen, dass hinter den Vereinfachungen auch Interessenkonflikte und ideologische Ziele stehen – wer die Eurokrise als Staatsschuldenkrise umdefiniert, will damit in der Regel den Staat zu Kürzungen und damit Privatisierungen drängen -, entsteht ein Misstrauen. Und dies zu Recht.

  2. Rentenpolitik

    Dieses Schema trifft auch die Rententhematik zu. Es ist ja beileibe nicht so, dass es in den Zeitungen, Zeitschriften oder Onlineplattformen nur so vor Hintergrundartikeln wimmeln würde, die die Zusammenhänge des Umlagesystems genau erklären und die teils komplexen Wechselwirkungen unter die Lupe nehmen. Stattdessen wird auch hier auf Teufel komm raus vereinfacht – mal ist es der demographische Wandel, der monokausal für niedrige Renten verantwortlich gemacht wird, mal die Automatisierung und der technische Fortschritt. Ersteres kommt wunderbar beim konservativen Klientel an, Letzteres bei der liberalen Leserschaft. Beides ist jedoch falsch. Der komplexere Zusammenhang zwischen der Rentenformel und dem Volkseinkommen ist hingegen offenbar kein Thema für Publikumsmedien. Stattdessen werden Leser und Zuschauer in private Vorsorgemodelle getrieben.

    Auch hier wünschen sich die Menschen doch keine einfache Erklärung für ein komplexes Problem. Im Gegenteil – der größte Teil der Leser will endlich verstehen, was hinter der Rentenproblematik steht und fühlt sich von „den Medien“ alleingelassen. Und dass diese Leser dann mit Misstrauen reagieren, wenn sie schon wieder den alten Lobbydreck eines Raffelhüschen aufgetischt bekommen, ist nicht nur verständlich, sondern folgerichtig. Das Misstrauen ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde sich von „den Medien“ mühevoll erarbeitet. 14 Jahre NachDenkSeiten sind dafür ein Zeugnis und taugen als Dokumentation des Niedergangs recht gut.

  3. Außen- und Sicherheitspolitik

    Kennen Sie eigentlich das arte-Format „Mit offenen Karten“? In jeder Sendung dieses Formats versucht Jean-Christophe Victor komplexe geostrategische Zusammenhänge an einem konkreten Fallbeispiel transparent und möglichst verständlich zu erklären. Komplexe Zusammenhänge werden nicht vereinfacht oder einfach weggelassen, sondern erklärt. So sollte es auch sein. Wenn außen- und sicherheitspolitische Themen nach diesem Schema von „den Medien“ behandelt würden, hätten die NachDenkSeiten weniger zu tun. Doch leider ist das Gegenteil der Fall.

    Gerade bei der Außen- und Sicherheitspolitik wird in 90 von 100 Publikationen/Sendungen sehr einseitig argumentiert. Die Komplexität wird dadurch umgangen, dass man nur eine Seite betrachtet – und zwar die westliche bzw. die transatlantische. Hinzu kommt ein klares Freund-Feind-Schema, bei dem die Schurkenrollen schon verteilt wurden, und generell ein Schwarz-Weiß-Denken, in das die immer komplexer werdende Welt gepresst wird.

    Multipolare, komplexe Ansätze sind Fehlanzeige. Oder haben Sie schon mal etwas von indischer Außenpolitik, chinesischen Rohstoffstrategien oder gar den politischen Vorgängen in Schwarzafrika gehört oder gelesen? So weit muss man aber gar nicht gehen. Nehmen wir die Wahl des US-Präsidenten Trump. Anstatt in die durchaus komplexen Hintergründe dieser Wahl einzutauchen und das Thema mit all seinen Facetten zu beleuchten, übertreffen sich zahlreiche deutsche Medien gegenseitig darin, „den Russen“ für Trump verantwortlich zu machen.

    Die Menschen sind aber nicht dumm und erkennen, dass ihnen eine sehr einseitige und oft auch falsche Geschichte erzählt wird. Das Thema ist ihnen nicht zu komplex, sondern die Antwort ist ihnen zu einfach … und zu falsch. Das ist der hauptsächliche Grund für das Misstrauen gegenüber „den Medien“. Und ja – daran sind „die Medien“ wirklich selbst schuld.

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