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4. Dezember 2016
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Mein Mauerfall

Veröffentlicht in: Gedenktage/Jahrestage

Heute ist es genau zwanzig Jahre her, dass am Abend in Berlin die Grenzübergänge von Ost- nach Westberlin geöffnet wurden. Dieses wohl für die allermeisten Menschen in ganz Deutschland völlig überraschende Ereignis wurde in den letzten Wochen in allen Medien zu Recht gefeiert. Von konservativer Seite, wurde das Ereignis allerdings wieder einmal politisch instrumentalisiert. Da wurde etwa einmal mehr Helmut Kohl als der „Held“ der Einheit gefeiert und nur selten wurde erwähnt, dass die vorausgegangene Entspannungspolitik „Glasnost“ und „Perestroika“ in der damaligen Sowjetunion ermöglicht hat. Weitgehend außer Betracht blieb, dass es vor allem die Sowjetische Regierung, die Polen, die Tschechen und die Ungarn waren, die das verkrustete Regime in Ostdeutschland politisch soweit isoliert hatten, dass es die mutigen Demonstrationen der Menschen in der DDR nicht mehr mit Staatsgewalt zu unterdrücken wagte. Wolfgang Lieb

Besonders beliebt bei der Jubiläumsberichterstattung waren Bekenntnisse von Zeitzeugen, wie sie den „Fall der Mauer“ erlebt haben. Allzu viele dieser Schilderungen wichen deutlich von meinem Erleben ab. Deshalb erlaube ich mir, mich an meinen 9. November 1989 zu erinnern:

Ich war an diesem historischen Tag in Ostberlin und fuhr am Abend nach Leipzig. Damals war ich Sprecher der Landesregierung NRW. Das Land Nordrhein-Westfalen hatte in Leipzig eine Ausstellung unter dem nachträglich bemerkenswerten Titel „Zeitzeichen“ organisiert mit „Stationen Bildender Kunst in Nordrhein-Westfalen“. Die Präsentation moderner Kunst von Joseph Beuys über Jörg Immendorff und Markus Lüppertz bis Erwin Wortelkamp war eine Art Gegenbesuch auf eine umfassende Darstellung der Kultur der DDR, die 1987 im Rahmen der „Duisburger Akzente“ vorgestellt wurde.

Wie damals üblich ging das in der DDR natürlich nicht ohne die Zustimmung von oberster Stelle.
Also gehörte es zur protokollarischen Pflicht, dass vor der Eröffnung der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Rau dem kurz zuvor zum Vorsitzenden des Staatsrats aufgerückten Egon Krenz seine Aufwartung zu machen hatte. Das Gespräch fand um die Mittagszeit herum statt.
Ich konnte bei dem Gespräch dabei sein. Es war das übliche Ritual: Man tauschte diplomatische Höflichkeiten aus. Rau sprach über die Wegmarken des kulturellen Austauschs zwischen der DDR und NRW und darüber, dass Kultur Menschen verbinde, Erfahrungen, Meinungen und Hoffnungen zusammenführe. Rau sprach auch das damals in der Volkskammer anstehende „Reisegesetz“ an. Es gab ja Probleme mit der Tschechoslowakei, weil sehr viele DDR-Bürger dorthin strömten. Krenz sprach mit keiner Silbe über dieses Thema. Ein auffallend teilnahmsloser, ja abwesend wirkender und versteinert grinsender Egon Krenz gab nur Förmliches von sich. Wir dachten das läge daran, dass zeitgleich das Zentralkomitee der SED tagte und seine Aufmerksamkeit darauf gerichtet war. Am Schluss der kurzen Unterredung übergab Rau – wie immer bei solchen Zusammentreffen – einen verschlossenen Brief, in dem darum gebeten wurde, dass bei Schicksalsschlägen einzelner Menschen, die durch die Trennung verursacht waren, „humanitäre Hilfe“ gewährt würde.

Unser fester Eindruck war, dass Egon Krenz zu dieser Zeit noch nicht wusste und vielleicht noch nicht einmal ahnte, was sich einige Stunden später an den Grenzübergängen und an der Berliner Mauer abspielen würde. Auch die Menschen, die sich zufällig vor dem Sitz des Zentralrats bei der Verabschiedung versammelt hatten, erahnten wohl nichts. Einer der dort Versammelten eilte auf Rau zu und wollte ihm offenbar ein Schreiben übergeben. Bevor er noch in die Nähe kam, wurde er von zivilen Sicherheitskräften festgenommen und abgeführt. Rau sprach Krenz auf diesen Vorfall an und bat ihn, „den Mann“ wieder laufen zu lassen. Rau machte keine Anstalten in sein Fahrzeug zu steigen und redete auf Krenz ein. Nach einigen vor Spannung knisternden Minuten, ließen die Sicherheitskräfte den Mann wieder los, der sich sofort unter die Menge mischen und untertauchen konnte.

Ich fuhr danach in einem Bus mit einer Delegation nordrhein-westfälischer Journalisten weiter nach Leipzig. Ich versuchte auf der Fahrt das Zusammentreffen zwischen Rau und Krenz zu „verkaufen“, was mir schwer fiel, weil eigentlich nicht viel zu berichten war. So legte ich das Schwergewicht auf die Festnahme des Petenten vor dem Staatsratsgebäude und dessen Freilassung auf die Intervention von Rau. Kurz vor Leipzig hörten wir Nachrichten und es gab einen Originalton des wenige Tage zuvor ernannten ZK-Sekretärs für Information, Günter Schabowski. Wir hörten verschwurbelte Sätze, hörten etwas von „Ausreisen“ aus der DDR auch in die BRD und West-Berlin, aber es hieß auch, dass „Genehmigungen“ erteilt werden müssten. Selbst Journalisten, die sonst einen Neuigkeitswert sofort erkennen oder die eine Meldung auch zuspitzen können, haben nicht erahnt, um was es eigentlich ging.

Die Strecke von der Autobahnausfahrt in die Leipziger Innenstadt zog sich hin. Unser Bus kam zu spät zur Eröffnungsveranstaltung. Die Delegation schlich sich gegen Ende der Begrüßungsrede eines Leipziger Kulturverantwortlichen in den Saal. Danach sprach Rau. Eigentlich das Übliche: von den Brücken, die die Kultur bauen würde, von der Kunst als grenzübergreifende Kraft oder so ähnlich. Nach einigen Minuten ging unser Protokollchef auf das Rednerpult zu und steckte Rau einen kleinen Zettel zu. Rau las während er weiter redete und hielt dann inne. Es gab eine auffallend lange Pause. Der sonst so wortgewandte Rau, wusste offenbar nicht mehr, was er sagen sollte. Nach ziemlich langem Schweigen sagte er sinngemäß: Mein Protokollchef hat mir soeben einen Zettel überreicht, darauf steht: Die Mauer ist auf. Es entstand ziemliche Unruhe im Saal. Rau sagte, damit könne er wohl sein Manuskript zur Seite legen. Es sei wohl das Interesse aller Anwesenden, wenn er jetzt nicht länger reden würde, sondern dass wohl alle erfahren wollten, was denn eigentlich geschehen sei.

Es war zwar noch ein Buffet vorbereitet, die Leute griffen auch schnell und kräftig zu, doch nach wenigen Minuten war der Raum geleert.

Wir fuhren mit dem Journalistentross ins Hotel Merkur – wie das Nobelhotel zu DDR-Zeiten noch hieß. Die Lobby war überfüllt von Menschen. Alle Blicke richteten sich auf einen Fernseher, auf dem Westsender liefen. Es war eher eine aufgeregte Stimmung, eher unsicher, nervös und ungläubig, als dass Begeisterung ausbrach.

Ich ging noch auf das Zimmer von Johannes Rau, um zu fragen, ob er zu den Ereignissen etwas erklären wolle. Er saß gebannt vor dem Fernseher. Er hatte meine Frage gar nicht wahrgenommen. Ich kam auch nicht weiter, denn er griff zum Telefonbuch und Telefonhörer und telefonierte und telefonierte. Ich zog ohne Antwort wieder ab. Die wartenden Journalisten vertröstete ich, dass heute von Rau „nichts mehr verlautbart“ würde, der Ministerpräsident sei im telefonischen Kontakt mit vielen verantwortlichen Politikern – auch mit Hans Modrow von der Bezirksleitung der SED in Dresden hatte er telefoniert, wie ich mitbekommen habe.

Auch weil ich keine Lust hatte, das ständige nachbohren der mitgereisten Presseleute über mich ergehen lassen zu müssen, habe ich heimlich das Hotel verlassen und bin allein zu Fuß ziemlich ziellos durch die Stadt gegangen. Es waren viele Menschen auf den Straßen. Ich versuchte Leute anzusprechen. Da man wohl erkannte, dass ich – mit Anzug und Krawatte gekleidet – erkennbar ein „Offizieller“ war, ist das zunächst gar nicht so leicht gewesen, in Kontakt zu kommen. Auf den Straßen Leipzigs, war anders als zur gleichen Zeit die Bilder an der Berliner Mauer zeigten, nichts von überschwänglicher Freude oder gar von Sektlaune zu verspüren. Die Leute wirkten eher ungläubig, ja sogar ängstlich. Nach mehreren Anläufen habe ich eine Gruppe von Leuten angesprochen, die, wie sich im Verlauf des Gesprächs herausstellte, offenbar an den Montagsdemonstrationen teilgenommen hatten. Sie schienen glücklich und auch ein wenig stolz, aber sie waren sehr unsicher, wie es nun weiter gehen würde. Ich bin mit ihnen weiter durch die Straßen gewandert. Sie zeigten mir das Gebäude, in dem die Stasi untergebracht war.
Davor gab es einige Rufe, wie etwa „Stasi raus“ oder Ähnliches. Es gab aber keinen Sturm auf das Gebäude. Immer wieder fragte ich danach, wie es denn nun weiter gehen könne und solle. Niemand wollte oder konnte eine Antwort geben. Von der Einheit hat jedenfalls kein einziger meiner Gesprächspartner geredet, eher von freien Wahlen, von der Abschaffung der Stasi, von Reisefreiheit. Aber immer spürte man die Angst heraus, dass alles doch nur ein Traum sein könnte und dass schon morgen die Machthaber wieder zurückschlagen könnten. Und die Hoffnungen auf den Westen hielten sich in Grenzen.

Mitten in der Nacht ging ich auf mein Hotelzimmer und schaute noch lange auf die ständig wiederholten Bilder in der Glotze. Ich konnte die Situation nicht einordnen und ich hatte keine Ahnung, was nun kommen würde. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich Zeitzeuge eines einmaligen politischen Ereignis sein konnte.

Nach meinem Eindruck war ich gerade eingeschlafen, als das Telefon klingelte. Das Presseamt aus Düsseldorf rief an. Es gab Interviewanfragen an Johannes Rau en masse.

Relativ früh am Morgen fuhr ich mit der Journalistendelegation von Leipzig wieder in Richtung Berlin. Kurz vor der Autobahnauffahrt stellte ich mit erschrecken fest, dass ich meinen im Hotel abzugebenden Pass vergessen hatte. Ohne Pass in der DDR, das konnte kompliziert werden, also bat ich den Busfahrer anzuhalten und mich aussteigen zu lassen. Ich wusste, dass Rau und Begleitung erst später losfuhren. Ich wusste auch, dass Mitfahren per Anhalter in der DDR eigentlich verboten war. Es war sehr wenig Verkehr. Irgendwann hielt ein Trabi. Ein Volkspolizist nahm mich mit. Wir sprachen darüber, was in der vorausgegangenen Nacht geschehen war. Er redete sehr unsicher. Betonte, dass er stets nur seinen beruflichen Pflichten nachgekommen sei und dass er nie an der Grenze eingesetzt gewesen sei. Er brachte mich zum Hotel. Ich gab ihm 20 Mark. Er nahm dankend an.

Wenig später startete die Wagenkolonne der offiziellen Delegation nach Berlin. Nach wie vor mit Blaulicht durch die Stadt, Straßenbahninseln als Abkürzung nehmend und mit einem Höllentempo auf der Autobahn. Alles wie früher.

Rau hatte schon vor der Reise noch irgendwo in der Nähe der Invalidenstraße irgendeinen privaten Termin mit Kirchenleuten vereinbart. Wir erreichten ein ziemlich vergammeltes Haus irgendwo im nördlichen Ostberlin. Im Souterrain war ein kleiner Versammlungsraum mit Sitzkissen und Holzstühlen aus dem Sperrmüll. Große Teebecher mit Henkel standen auf dem Flachtisch und von mehreren Kerzen hatte sich das hart gewordene Wachs auf dem Tisch verteilt. Einige jüngere Männer erwarteten uns; wenn ich mich richtig entsinne, war Stephan Hilsberg dabei. Ich kannte ihn natürlich damals noch nicht. Es waren Vertreter des Ostberliner protestantischen Bürgerrechtsmilieus. Rau fragte, wie sie die Situation einschätzten und was sie nun vorhätten. Er fragte und fragte…Es gab nicht sehr viele Antworten. Alle waren noch viel zu sehr überrascht. Auch die Bürgerrechtler hatten diese Entwicklung nicht erwartet. Rau sagte zu, dass man im Kontakt bleiben solle und bot Hilfe an.

Ich verließ die Delegation und machte mich auf eigene Faust auf den Weg. Ich fragte Passanten nach dem nächsten Grenzübergang nach Westberlin. An der Invalidenstraße gebe es einen Sektorengrenzübergang für Westberliner, erfuhr ich. Dort angekommen taten die Grenzposten ihren Kontrolldienst und sie ließen etliche Leute nach Ausweiskontrolle passieren. Ich konnte nicht erkennen, ob es Westberliner waren. Ich zeigte meinen Pass und der Beamte teilte mir mit, dass ich hier nicht passieren könnte. Ich hätte einen Stempel vom „Checkpoint Charly“ (über den „Diplomaten“ ein- und ausreisten). Freundlich, wie ich es mir im Umgang mit „Grenzern“ angewöhnt hatte, wies ich darauf hin, dass doch jetzt sogar DDR-Bürger nach Westen ausreisen dürften, warum dann nicht auch ich mit einem bundesrepublikanischen Pass. Der Grenzposten überlegte lange und ging dann in sein Grenzerhäuschen. Nach minutenlangem Warten kam er zurück, gab mir meinen Pass und ließ mich wortlos durch. Zu Fuß ging ich möglichst mauernah Richtung Süden zum Brandenburger Tor. Bis zur Spree begegnete ich wenigen Menschen, die Mauer stand wie eine alte hässliche Ruine. Je näher ich dem Reichstag kam, desto mehr Menschen waren unterwegs und desto mehr Trabis sah und roch ich auf Westberliner Straßen. Es war eine Stimmung, wie nach einer durchzechten Nacht oder nach Karneval. Sektflaschen lagen auf den Straßen, viele neugierige „Ossis“ schnupperten den Westen, wildfremde Menschen fielen sich in die Arme. Und die ersten „Mauerspechte“ hackten mit scharfkantigen Hämmern kleine Brocken von der Mauer ab. Ich wollte auch gerne ein Stückchen haben und ich musste dafür bezahlen. Da ahnte ich, dass es im Westen weiter gehen sollte, wie vorher. Auch die Mauer wird vermarktet, wie später die ganze ehemalige DDR.

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