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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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20. Dezember 2014
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Finanztest beklagt, dass die Banken falsch beraten und das Gesetz brechen, und sagt nicht warum: Sie können nicht anders. (Finanzkrise XLIII)

Verantwortlich:

Im Hinweis Nummer 5 von heute haben wir auf ein Testergebnis von Finanztest aufmerksam gemacht. Siehe hier und hier. Ich hatte davon in der Frankfurter Rundschau gelesen, die die prominenten Seiten 2 und 3 damit füllt. Im Testergebnis und in den Medien wird offen davon berichtet, dass die Banken Gesetze nicht einhalten, dass sie miserabel beraten und in der Mehrheit der Fälle das gesetzlich verordnete Beratungsprotokoll nicht überreichen. – Das ist doch seltsam: Gesetze und Regeln werden auffallend eindeutig nicht eingehalten und nichts geschieht, auch nichts von Seiten der Bankenaufsicht. Das müsste doch (auch bei Finanztest) Fragen auslösen. Warum beraten die Banken falsch? Albrecht Müller.

Weil sie ohne Falschberatung nicht auf ihre Kosten kommen. Weil nur bei riskanten Geschäften hohe Provisionen und andere Vergütungen anfallen. Weil der Finanzsektor unglaublich überdehnt ist. Weil die Banken Anlageberater großgezogen haben, die hohe Vergütungen gewohnt sind, die im normalen Bankgeschäft nicht zu verdienen sind. Deshalb versucht man nach wie vor, risikoreiche Produkte und Produkte mit hohen Provisionen zu verkaufen. Notgedrungen sozusagen. Dass man dies ungern in Beratungsprotokollen festhält, sollte niemanden verwundern.

Der Finanzsektor ist in den vergangenen 20 Jahren im Zuge von mehreren Aktienbooms, im Zuge von Privatisierung und Börsengängen und gefördert von Finanzprodukt-Innovationen der absonderlichsten Art und von Deregulierung in einer Weise ausgeweitet worden, die mit seiner normalen Funktion der Kredittransformation nichts mehr gemein hat. Viel zu viele Ressourcen an Kapital und gut ausgebildeten Menschen sind von diesem Sektor absorbiert worden und stehen dort zum größeren Teil wohl noch „zu Buche“.
Wenn wie in Großbritannien 10 %, in den USA in Spitzenzeiten 9 % und bei uns auch nahe 5 % des Bruttoinlandsproduktes im Finanzsektor „erwirtschaftet“ wurde, dann zeugt dies von einem weit überdimensionierten Sektor. Es ist Ausdruck der Erweiterung des Finanzsektors in Richtung Casinobetrieb. Auf diese Entwicklung bin ich in den NachDenkSeiten am 7. Januar 2009 ausführlich eingegangen. Wir haben ein Konversionsproblem auch in der Finanzindustrie. Siehe dazu den auch heute offensichtlich noch aktuellen Beitrag.

Wenn diese Konversion von der Finanzindustrie nicht verlangt wird, wenn die Verantwortlichen Politiker weiter mit einer nachlässigen Behandlung des Projektes neuer Regeln für die Finanzindustrie taktiert und das Casino in Betrieb lässt, dann muss man sich nicht wundern, dass die Banken versuchen, mit schrägen Geschäften zulasten ihrer Kunden durchzukommen. Das ist die Lage und dies führt dazu, dass die Bankenvorstände offensichtlich gegenüber ihren Beratern alle Augen zudrücken.

Warum ignoriert Finanztest diese Realität? Und auch die Medien gehen ziemlich pfleglich mit der Bankenwelt um – trotz Gesetzesbruch.

Bei Finanztest kann man in Rechnung stellen, dass diese Einrichtung ziemlich genau weiß: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht zu heftig mit Steinen werfen. Finanztest und sein Chefredakteur Tenhagen haben zumindest in Bezug auf die Riester Rente sehr falsch beraten. Sie haben den Eindruck erweckt, als sei diese Anlage profitabel. Sie haben über lange Zeit nicht richtig über die Kosten informiert. Schlimmer als hier z.B. – und das ist nur ein Beispiel von vielen – kann man die Sparer eigentlich nicht beraten. Wie wir schon in einem Beitrag vom 19. November 2007 mit dem Titel „Wer sich bei der Privatvorsorge auf FINANZtest verlässt, spielt mit einem hohen Risiko“ ausführlich beschrieben haben, hat Finanztest damals den Privatvorsorgern Riester-Fondssparpläne mit einer voraussichtlichen Rendite von 9% bis zum Jahr 2035 empfohlen. Die 9 % haben sich in Luft aufgelöst. Nicht nur wegen der Finanzkrise. Unseriöser geht’s auch heute bei den Beratern der Banken nicht zu, die heute von Finanztest getestet und, wenn auch verhalten, an den Pranger gestellt werden.

Dass die Medien Finanztest immer wieder zitieren und auch brav kommentieren spricht dafür, dass sie im Anlagegeschäft im gleichen Boot sitzen. Oder dass sie einfach sowas von kritikunfähig sind, dass ihnen auch bei einem solchen Testergebnis keine Fragen einfallen. Und ein Gedächtnis haben unsere Medien und unsere Medienschaffenden offensichtlich sowieso nicht.

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