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Leidet die junge Generation unter dem demographischen Wandel oder unter vielen anderen politischen Fehlentscheidungen?

Veröffentlicht in: Demografische Entwicklung, Generationenkonflikt, Medienkonzentration Vermachtung der Medien

Die öffentlich-rechtlich betriebene Volksverdummung in Sachen Demographie geht weiter. Morgen, am 11. Januar um 20:15 Uhr, also zur besten Sendezeit, läuft im ZDF der Film „2030 – Aufstand der Jungen“ Im Ankündigungstext (siehe Anlage) ist von „Verlierern der Gesellschaft“ die Rede, die „die immer schwerer wiegende Last, die ihnen der demographische Wandel aufgebürdet hat, nicht mehr schultern können“. Sie seien Opfer eines Staates, der keine ausreichende Vorsorge getroffen habe. Die hohen Kosten für Renten-, Alters und Gesundheitsversorgung nehme den Jungen die Luft zum Atmen. – Das sind Glaubenssätze, die vermutlich viele Menschen und darunter auch solche, die sich für besonders intelligent halten, glauben. Albrecht Müller.

Es besteht für mich kein Zweifel, dass die Generation der heute Jungen – wie es 2030 sein wird, weiß keiner, auch nicht das ZDF – in vieler Hinsicht schlechter dran ist, als meine Generation in den sechziger Jahren war:

Ihre Berufschancen sind oft geringer als zum Beispiel 1965 mit einem guten Ausbildungs-Abschluss.

Sie erhalten oft keinen sicheren und sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz. Leiharbeit und Niedriglöhne sind an der Tagesordnung.
Die solidarische Sicherung gegen die Risiken des Lebens ist merklich eingedampft.

Insbesondere ist die Leistungsfähigkeit und das Vertrauen in die Arbeitslosenversicherung zerstört worden und durch die Hartz-IV-Regelung ersetzt worden.
Die Gefahren ökologischer Belastungen und der Klimaveränderung sind gewachsen.

Öffentliche Leistungen sind in einigen Bereichen zurückgefahren worden. Darunter leiden insbesondere Familien und noch mehr Menschen, die finanziell gleichgestellt sind.

Wir führen wieder Krieg.

Viele Privatisierungen öffentlicher Unternehmen und öffentlichen Eigentums sind uns teuer zu stehen gekommen und belasten über wachsende Gebühren der privaten Unternehmen auch künftige Generationen.

Die Einkommensverteilung und Vermögensverteilung hat sich weiter verschlechtert. Die Spaltung unserer Gesellschaft ist markant.

Politische Beteiligung scheint sich nicht zu lohnen. Das Vertrauen in die demokratischen Verhältnisse schwindet – mit einem gewissen Recht.

Wenn Jüngere ehrlich sind, dann gestehen sie ein, dass sich auch manches zum Besseren verändert hat. Die Bildungssysteme sind immer noch durchlässiger als in den Fünfzigern. Der Umgang unter den Geschlechtern hat sich wesentlich verändert, positiv, wie ich meine. Der durchschnittliche Lebensstandard ist gestiegen und nicht gesunken. Die Arbeitsproduktivität ist beträchtlich gewachsen. Die Chance, sich außerhalb des eigenen Landes zu bilden und fortzubilden ist vermutlich sehr gestiegen. Usw.

Dennoch, die jüngere Generation lebt heute und möglicherweise auch in 20 Jahren, wenn die politischen Fehler weitergemacht werden, in geringerer sozialer Sicherheit und mit größeren Sorgen um den Arbeitsplatz. Ob sie „eine immer schwerer wiegende Last“ zu tragen haben, wie es im Ankündigungstext heißt, ist ungewiss und eher zu bezweifeln. Es ist auch deshalb zu bezweifeln, weil die heute arbeitende und die Rentnergeneration insgesamt in Deutschland eine so hohe Sparrate hinlegen, dass man keinesfalls behaupten kann, diese Generationen lebten auf Kosten der nachwachsenden Generation. Diese gesamtwirtschaftliche Betrachtung ist den öffentlich-rechtlichen Filmemachern offenbar völlig fremd.

Aber einmal unterstellt, die Behauptung von der „schwerer wiegenden Last“ der künftig Jungen stimme, zu behaupten, diese werde ihnen vom „demographischen Wandel aufgebürdet“, ist schlicht Unsinn. Sie ist durch nichts belegt. Sie ist Ergebnis einer primitiven Denkweise. Es wird eine partielle Veränderung diagnostiziert und dieser dann die gesamten Missstände zugeschrieben. Es wird außerdem völlig ausgeblendet, wie der demographische Wandel zu andern Zeiten war.

Der demographische Wandel war im letzten Jahrhundert rasanter als heute. Die Alterung nahm gewaltig zu. Die Relation von arbeitender Bevölkerung bzw. arbeitsfähiger Bevölkerung zu der Rentnergeneration und der Kindergeneration hat sich laufend zulasten der arbeitsfähigen Generation verändert. Hinzu kamen die beiden Weltkriege und die Vereinigung beider Teile Deutschlands mit speziellen Belastungen bzw. Verschiebungen. Es kamen Flüchtlingsströme und Aussiedlerbewegungen. Es ist nicht absehbar, dass in den nächsten 20 Jahren nun gerade aus dem demographischen Wandel besondere Belastungen hervor wachsen sollten. Und dennoch wird dieser Unsinn offensichtlich von Drehbuchautoren, Filmemachern und einem weiten Teil der Medienverantwortlichen und Medienmachern geteilt. Irgendwie haben wir neben dem Schwund der Arbeitsplatzsicherheit auch einen Schwund des geistigen Vermögens und der kritischen Kraft. Andernfalls müssten die Programmverantwortlichen des ZDF und die Macher eines Stückes wie „2030 – Aufstand der Jungen“ doch merken, dass ihre Verknüpfung von Schwierigkeiten der Jungen mit dem demographischen Wandel hinten und vorn nicht stimmt:

Die Verschlechterung der Arbeitsplatz- und Berufschancen junger Menschen folgt nicht aus dem demographischen Wandel, sondern aus der Unfähigkeit und dem Unwillen zu einer makroökonomisch vernünftigen Politik. Die Politik hat versagt. Sie hat den Aufbau einer Reservearmee an Arbeitslosigkeit zugelassen und damit das Gewicht der Arbeitssuchenden auf dem Arbeitsmarkt durchgehend zugunsten der Arbeitsplatzanbieter geschwächt.

Die Stagnation der Löhne und die Verschiebung der Einkommensverteilung zu Gunsten der Vermögens- und Gewinnseinkommen folgt aus der Weigerung der politisch Verantwortlichen, anzuerkennen, dass die Löhne mindestens im Rahmen des Produktivitätsfortschritts steigen dürfen und sollten. Die skandalöse und folgenreiche Auseinanderentwicklung der Löhne und der Lohnnebenkosten in Europa ist doch nicht die Folge des demographischen Wandels, sondern die Folge einer irren Fixierung der deutschen Bundesregierung auf Exportüberschuss.

Die Erosion der Normalarbeitsverhältnisse, der Ausbau des Niedriglohnsektors und der Leiharbeit sind die Folgen bewusster politischer Entscheidungen, deren sich Politiker wie Gerhard Schröder sogar noch rühmen und von denen Politiker wie Wolfgang Clement profitieren.

Die enorme Last, die auf die junge Generation durch den Bankenrettungsschirm zukommt, hat nicht einmal ein Fitzelchen mit dem demographischen Wandel zu tun.

Die gesetzliche Rente und die anderen solidarischen Sicherungssysteme sind bewusst der Erosion preisgegeben worden, damit den privaten Interessen der Versicherungskonzerne und der Banken Geschäftsfelder eröffnet werden. Ich verweise in diesem Kontext auf den Film Rentenangst der ARD, wo gezeigt wird, dass sich der einschlägige Interessenvertreter Professor Raffelhüschen dieser bewussten Erosion des Vertrauens in die gesetzliche Rente durch Minderung ihrer Leistungsfähigkeit auch noch rühmt. Und ich verweise auf die am 12. Januar laufende Dokumentation in der ARD über die Machenschaften des Finanzdienstleisters Maschmeyer und seiner Helfer in Politik und Wissenschaft. Siehe hier.

Niemand hat die Bundesregierung dazu gezwungen, den sozialen Sicherungssystemen versicherungsfremde Leistungen aufzubürden, wie das Anfang der Neunzigerjahre massiv geschehen ist. Niemand hat die Bundesregierung gezwungen, den Beitragssatz der gesetzlichen Rente unter 20 % festzuhalten. Wäre das nicht geschehen, dann hätte die jetzige Generation einen etwas höheren Beitrag für die sozialen Sicherungssysteme geleistet, statt in die Privatvorsorge gezwängt zu werden.

Diese politischen Fehlentscheidungen haben mit dem demographischen Wandel nichts zu tun. Ihm wird das Elend zugeschrieben. Das ist aber schlicht die Folge von mangelnder Übersicht, von mangelnder Intelligenz oder von Einbindung in die Interessen der Versicherungswirtschaft und der Banken. Sie haben ein Interesse an der Verbreitung von Unsicherheit, sie haben ein Interesse daran, den Jüngeren jeden Tag neu einzutrichtern, sie würden von den Alten benachteiligt und ihnen bliebe nur noch die Chance, privat vorzusorgen. Vielleicht ist das auch die direkt ausgesprochene Botschaft des Films im ZDF. Das werden wir sehen. Der Ankündigungstext reicht jedenfalls für einen lauten Protest gegen diese Dummheit und für eine laute Klage über die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Er sollte aufklären, statt einer dumpfen Dummheit nachzulaufen. Dass diese Dummheit weit verbreitet ist, gebe ich zu.

Anlage:

Original Ankündigung des ZDF

2030 – Aufstand der Jungen
Berlin im Jahr 2030. Ein junger Mann schleppt sich schwer verletzt über den Gendarmenmarkt. Eine Passantin ruft einen Krankenwagen und in einer Not-Operation versucht man, das Leben Tim Burdenskis (Barnaby Metschurat) zu retten. Wenig später wird er jedoch für tot erklärt. Die junge Journalistin Lena Bach (Bettina Zimmermann) beginnt zu recherchieren, denn der 30-jährige Tim Burdenski war kein Unbekannter. Viele kennen ihn als „Millenniumskind“. Sein Leben – und das neun weiterer Kinder – wird seit der Geburt am 01. Januar 2000 vom Fernsehen in einer Langzeitdokumentation begleitet.

Nach Tims Tod teilt die Staatsanwaltschaft der Öffentlichkeit mit, dass er beim Versuch, in den nationalen Datenserver einzudringen, ertappt und auf der Flucht erschossen wurde. Was könnte Tim zu dieser Tat bewogen haben? Noch mysteriöser wird das Ganze, als ein weiteres Millenniumskind auftaucht: Tims langjährige Freundin Sophie Schäfer (Lavinia Wilson) behauptet, Tim sei gar nicht tot, sie habe einen Anruf von ihm erhalten. Als Lena zudem erfährt, dass Tims Leiche ohne Obduktionsbericht dem Krematorium übergeben wurde, beschließt sie, den Fall weiter zu verfolgen.

Mit Hilfe der Langzeitdokumentation versucht sich Lena ein Bild von Tims Leben zu machen und stößt dabei auf immer mehr Ungereimtheiten. Zusammen mit Sophie findet sie heraus, dass Tim, entgegen der Darstellung im Fernsehen, offenbar in bedrückender Armut lebte und hoch verschuldet war. Sophie, eine erfolgreiche junge Unternehmerin, ist schockiert. Sie und Tim waren als Jugendliche ein Liebespaar.

Während Sophie sorglos im Ausland studierte, konnte sich Tim ein Studium nicht leisten. Als Grafikdesigner hatte er zunächst eine Festanstellung, wurde dann aber, wie so viele andere auch, betriebsbedingt gekündigt und hielt sich mit zahlreichen Nebenjobs über Wasser. Offenbar schämte er sich und vertuschte seine Mittellosigkeit. Als schließlich Tims geliebte Oma zum Pflegefall wurde und die Familie einen großen Teil der Pflegekosten tragen musste, schnappte die Schuldenfalle endgültig zu. Wie konnte es soweit kommen?

Als Lena und Sophie immer mehr Hinweise erhalten, Tim sei möglicherweise doch noch am Leben, beginnt eine verzweifelte Suche, die die beiden Frauen in das Ghetto „Höllenberg“ führt. Hier haben sich die Verlierer der Gesellschaft gesammelt, Menschen, die die immer schwerer wiegende Last, die ihnen der demografische Wandel aufgebürdet hat, nicht mehr schultern können.

Als gewalttätige Unruhen ausbrechen, wird das Schicksal Tim Burdenskis in seinem ganzen politischen Ausmaß sichtbar. Er wurde, wie so viele Menschen seiner Generation, Opfer eines Staates, der keine ausreichende Vorsorge getroffen hat und jetzt, im Jahr 2030, durch die hohen Kosten für Renten-, Alters- und Gesundheitsversorgung den Jungen die Luft zum Atmen nimmt.

Mit „2030 – Aufstand der Jungen“ zeigt das ZDF seine zweite Produktion des Doku-Fiction-Formates. Schon der preisgekrönte Dreiteiler „2030 – Aufstand der Alten“ hatte für ein beachtliches Medienecho gesorgt. Die fiktive Geschichte spielt in einer Zukunft, deren Rahmenbedingungen von Fakten der gesellschaftspolitischen Forschung untermauert sind und auf wissenschaftlich fundierten Prognosen beruhen. Ein Spiel mit Fakten also, das ein politisch brisantes Dauerthema spannend und informativ aufbereitet.

Film von Jörg Lühdorff
 
Sendungsinformationen

Regie: Jörg Lühdorff

Kamera: Konstantin Kröning

Musik: Oliver Biehler

Darsteller:

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