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11. Dezember 2016
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Betrug erzeugt Betrug

Veröffentlicht in: Banken, Börse, Spekulation, Finanzkrise, USA

Der ehemalige Bankenregulierer William K. Black geht der Frage nach, was den Günstlingskapitalismus in den USA ausmacht und wie es dadurch unter anderem zur Finanzkrise 2008 kam, obwohl das FBI schon 2004 vor einer “Betrugsepidemie“ warnte. Von William K. Black, Übersetzung Lars Schall

Der nachfolgende Artikel von Bill Black erschien am 11. Mai auf Bloombergs BusinessWeek unter der Überschrift “Why CEOs Avoided Getting Busted in Meltdown“. Mit der persönlich gegebenen Genehmigung von Bill Black veröffentlichen wir ihn hier auf LarsSchall.com exklusiv in deutscher Übersetzung.

Bill Black ist der Autor des Buches The Best Way to Rob a Bank Is to Own One, das sich mit der “Saving & Loan“-Krise der 1980er Jahre in den USA beschäftigt. Black war damals als Bankenregulierer gegen die dort aufgetretene Kriminalität angegangen. Black entwickelte das Konzept des “Kontroll-Betrugs” – das heißt Betrug, in dem der CEO, Vorstand oder ein Staatsoberhaupt das Unternehmen/den Staat als “Waffe” benutzt. Kontroll-Betrügereien verursachen größere finanzielle Verluste als alle anderen Formen der Eigentums-Kriminalität zusammen und töten Tausende. Black ist heute Professor für Ökonomie und Rechtswissenschaften an der University of Missouri-Kansas City. Seine Artikel, Essays und Aussagen vor dem US-Kongress können unter seiner: Social Science Research Network Seite sowie unter: New Economic Perspectives gefunden werden.

Plündern und Versagen

Das definierende Merkmal des Günstlingskapitalismus (“crony capitalism“) ist die Fähigkeit von privilegierten Eliten, ungestraft zu plündern, und das Versagen der Aufsichtsbehörden, ihre Arbeit zu erledigen.

Wir haben dies in der Finanzkrise, die im Jahr 2008 begann, und zu einer früheren Zeit, als die Spar- und Bausparkassenbranche zusammenbrach, gesehen.

Im texanischen “Rent-a-Bank”-Skandal der 1970er Jahre schufen beispielsweise zwei Anführer ein Betrugsnetzwerk von 50 Kreditgebern, die Milliarden von Dollar an Verlusten verursachten. Die Wachhunde entfernten und sanktionierten einen der Hauptschuldigen, weil aber die Verbrechen selbst nicht verfolgt wurden, tauchten die gleichen Gauner in den 1980er Jahren wieder auf, um dasselbe erneut zu tun, nur im größeren Maßstab. Solange Sie die Betrüger nicht verhaften, wachsen ausgefeilte finanzielle Betrügereien immer destruktiver heran.

Es scheint, als ob wir diese Lektion vergessen haben.

Nehmen Sie die sieben leitenden Angestellten, die für den Ausfall eines derjenigen Kreditgeber verurteilt wurden, die die Kreditklemme 2008 antrieben. Alle Fälle ergaben sich aus einer Untersuchung von Taylor Bean & Whitaker Mortgage Corp. Der erste Prozess ereignete sich im vergangenen Monat – 6 1/2 Jahre, nachdem das Federal Bureau of Investigation öffentlich davor gewarnt hatte, dass es eine “Epidemie” des Hypothekenbetrugs gäbe, und es voraussagte, dass es zu einer Finanzkrise kommen würde, wenn sie nicht eingedämmt werden würde. Der Prozess und die Verurteilung des ehemaligen Vorsitzenden von Taylor Bean’s, Lee Farkas, trat neun Jahre später zutage, nachdem seine Verbrechen erstmalig verdächtig wurden.

Taylor Bean war ein kleiner Hypothekenmakler in Florida, ehe der Betrug begann, als der Immobilienboom anzog. Fannie Mae hatte Farkas wegen mehrere Verstöße benannt, aber nie eine strafrechtliche Empfehlung eingereicht, die eine Untersuchung ausgelöst hätte. Wäre dies geschehen, wäre Farkas womöglich strafrechtlich verfolgt und Taylor Bean geschlossen worden, lange bevor es so viel Schaden angerichtet hatte. Stattdessen expandierte es, brach dann zusammen, und zog eine Bank zu einem Preis von $ 2.8 Milliarden für die Federal Deposit Insurance Corp (staatliche Bankeneinlagenversicherungsbehörde der USA) mit sich herunter. Farkas plant in Berufung zu gehen.

Ungestrafter Betrug

Das Office of Thrift Supervision (Sparkassenaufsichtsbehörde), der Nachfolger der S&L-Aufsichtsbehörde (S&L = Savings & Loans = Spar- und Bausparkassen in den USA), für die ich arbeitete, machte keine strafrechtlichen Empfehlungen während der aktuellen Krise. Das Office of the Comptroller of the Currency (staatliche Bankenaufsicht der USA) und die Federal Reserve (US-Notenbank) machten weniger als eine Handvoll. Hypotheken- und Investmentbanken machten ebenfalls nur sehr wenige Empfehlungen – und nie gegen ihre leitenden Angestellten.

Nun ist es wahr, dass die Banken Tausende von strafrechtliche Empfehlungen gemacht haben, jedoch waren daran fast nur Figuren der unteren Ebene beteiligt. Das Volumen überwältigte das Federal Bureau of Investigation, das darin versagte, dem angemessene Ressourcen zu widmen. Bis spät ins Jahr 2007 beschäftigte die Behörde lediglich 120 Ermittler verteilt auf 56 Außenstellen, um Tausende von Fällen zu sondieren. Mehr als die achtfache Menge sondierte die S&L-Betrugsfälle, eine weit geringere Epidemie.

Anders als beim S&L-Debakel gab es keine nationale Task Force und keine umfassende Priorisierung. Dies machte es schwierig, die riesigen, betrügerischen Subprime-Kreditgeber zu untersuchen. Und weil es keine strafrechtlichen Empfehlungen bezüglich dieser Firmen gab, versuchte das FBI nicht einmal, sie zu verfolgen.

Zwei Lektionen

Die beiden großen Lehren, die von dieser Betrugsepidemie zu ziehen sind, lauten: Wenn Sie nicht danach suchen, werden Sie es auch nicht finden, und: Wohin Sie auch schauen, Sie werden Betrug finden. Das FBI konzentrierte sich auf das Kleinkundengeschäft oder einzelne Kreditnehmer und kleinere Kreditgeber. Aber die großen Probleme wurden im Großhandel des Geschäftsfeldes verursacht, dort wo die Kredite gebündelt, verpackt, verkauft und verbrieft wurden. Weil das FBI nur bei relativ kleinen Fällen hinsah, fand es nur relativ kleine Betrügereien.

Das FBI bearbeitete nicht mehr als 2.000 Hypotheken-Betrugsfälle pro Jahr. Hierzu gibt es zwei Dinge zu betrachten: Nicht nur konzentrierten sie sich auf die falschen Fälle, sondern diese beliefen sich auch noch auf nichts in Anbetracht der schätzungsweise 1 Million betrügerischen Hypothekenkredite, die jährlich während der Immobilienblasenjahre gemacht wurden.

Von den Regulierungsbehörden verlassen

Das FBI – verlassen von der Bankenaufsicht und untergraben vom Justizministerium – war so verzweifelt, dass es eine Partnerschaft mit der Mortgage Bankers Association im Jahr 2007 bildete. Diese Berufsgenossenschaft hatte eine absurde Definition des Hypothekenbetrugs geschaffen, unter der Buchhaltungsbetrügereien von einem Kreditgeber unmöglich waren und Banker die Opfer darstellten. Bis 2009 war die Finanzkrise so akut geworden, dass Finanzminister Timothy Geithner von strafrechtlichen Ermittlungen gegen große Nonprime-Kreditgeber abriet.

Der Nobelpreisträger George Akerlof und Paul Romer schrieben einen klassischen Aufsatz im Jahr 1993. Der Titel erfasste ihre Erkenntnisse: “Looting: the Economic Underworld of Bankruptcy for Profit.” (“Raub: die Wirtschafts-Unterwelt des Konkurses zum Profit.“) Akerlof und Romer erklärten, wie die CEOs von Banken Bilanzfälschungen verwenden können, um eine “sichere Sache” in Form von kurzfristigen Rekordgewinnen zu erschaffen, die durch niedrige Qualitäts-Darlehen mit Prämiumerträgen generiert werden, während man nur minimale Reserve-Risikovorsorge betreibt. Solange dies andauert, ermöglichen diese fiktiven Einkommen dem Chief Executive Officer der Bank, diese zu plündern, und wenn sie dann zusammenbricht, reich davon zu ziehen.

Zerstörung von Vermögen

In der Kriminologie nennen wir dies rechnungslegungsbezogenen Kontrollbetrug, und wir wissen, dass dies Reichtum mit geradezu erstaunlichem Tempo zerstört. Es gibt kein “wenn” über die Verluste – die einzigen Fragen sind, wann sie eintreffen, wie groß sie sein werden, und wer sie zu tragen hat. Die Rekordeinkommen, die erzeugt werden, erklären, warum die Beteiligten seit Jahren damit durchkommen. Private Märkte disziplinieren keine Unternehmen, die Rekordgewinne einfahren. Sie konkurrieren darum, sie zu finanzieren. Betrügerische CEOs können die Einstellung und Entlassung kontrollieren und die pervertierten Anreize schaffen, um eine Dynamik zu produzieren, bei der eine schlechte Ethik die gute Ethik aus dem Markt vertreibt.

Ausgefeilte rechnungslegungsbezogene Kontrollbetrugsfälle saugen nicht nur Mitarbeiter in sie hinein, die es besser wissen sollten, sondern auch Finanzmakler. Das Ergebnis ist, dass die großen betrügerischen Kreditgeber – jene, die eine Menge Geld aus Lügner-Krediten (“liar’s loans“) erzielen – eine Echo-Epidemie der Täuschung produzierten.

Betrug, so stellt sich heraus, erzeugt Betrug.

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