Vom unsauberen Umgang mit Fakten bei Schirrmacher, Spiegel, ZDF-heute, Bild u.a.m.

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Prof. Gerd Bosbach hat sich freundlicherweise den Spiegel letzter Woche („Jeder für sich. Wie der Kindermangel eine Gesellschaft von Egoisten schafft“) angesehen. Seine Antwort ist auch zugleich eine Antwort auf höchst irreführende Einlassungen in ZDF-heute vom 14.3. und in Bild vom 15.3. (siehe unten).
Mein Eindruck: die Manipulation zum Thema Demographie legt noch einen Zahn zu. In vielen Medien wird brutal manipuliert. Das hat schon Züge der Propaganda von Goebbels. Wir können deshalb nicht umhin, Sie in den NachDenkSeiten auch weiterhin mit Fakten und Anmerkungen zu diesem Thema zu belästigen. Wir regen zugleich an, in die Debatte einzugreifen und zumindest in Ihrem Freundes-, Kollegen- und Familienkreis aufklärend zu wirken. Wir dürfen unseren Eliten diese massive und erkennbar interessenbestimmte Irreführung nicht durchgehen lassen.

In ZDF-heute wurde zur besten Sendezeit um 19:00 Uhr behauptet, Deutschland schrumpfe, immer weniger Kinder würden hier geboren, in Deutschland seien wir Schlusslicht. Und dann wurde auch noch der Eindruck erweckt, der Niedergang einer Stadt wie Hoyerswerda habe etwas mit der demographischen Entwicklung zu tun.
Das ist eine unglaubliche Manipulation. In Deutschland wohnen 82,5 Millionen Menschen. Das ist minimal unter dem bisherigen Höchstwert (2002). Mit 231 Menschen pro Quadratkilometer sind wir eines der dicht besiedelten Länder. Frankreich hat weniger als die Hälfte zum Beispiel.
Auch die Behauptungen zur niedrigsten Geburtenrate, die sowohl bei ZDF-heute als auch im Spiegel auftaucht, stimmt nicht. In der Europäischen Union haben 10 von 25 Ländern eine geringere Geburtenrate als Deutschland. Siehe der Text von Gerd Bosbach.

Richtig dreist ist der Versuch, die Schwierigkeiten in einzelnen Bundesländern und Regionen im Osten Deutschlands auf die demographische Entwicklung zurückzuführen. Wenn junge Menschen zum Beispiel aus Hoyerswerda weggehen, wie in ZDF-heute berichtet, dann hat das nichts mit Demographie zu tun, sondern mit mangelnder Berufs- und Arbeitsperspektive. Hier wird also das Versagen der Politik und insbesondere der Wirtschaftspolitik der demographischen Entwicklung und der mangelnden Gebärfreudigkeit junger Menschen zugeschrieben.
Dass junge Menschen ohne Arbeitsplatz oder in so genannten prekären Arbeitsverhältnissen, also mit befristeten Arbeitsverträgen, oder in Teilzeit oder in Minijobs keine Lust darauf haben, 1, 2 oder gar mehr Kinder in die Welt zu setzen, kann man ihnen nicht vorwerfen. Insofern ist die Meldung, 2005 seien weniger Kinder geboren worden als je zuvor in der Bundesrepublik, verständlich. Die Bild-Zeitung macht aus dieser von der aktuellen wirtschaftlichen Lage geprägten Situation eine Prognose für das Jahr 2300 und behauptet: „In 12 Generationen sind wir Deutschen ausgestorben“. Bescheuerter geht es nicht. Aber Bild findet dafür auch noch den passenden Bevölkerungswissenschaftler als Zeugen: Prof. Herwig Birg.

Die Debatte hat durchgehend einen einzigen großen Zweck. Es soll vermittelt werden, dass wir weniger werden, dass wir immer älter werden, dass deshalb die gesetzliche Rente nicht mehr funktioniert und die Menschen bitte sehr Privat-Vorsorgeverträge abschließen sollen.
Dass die Dramatik nicht stimmt, dass die Bevölkerungsentwicklung zu bewältigen ist, dass die Bezahlbarkeit der Rente um vieles mehr vom Grad der Beschäftigung und der Produktivität abhängt als von der Bevölkerungsentwicklung – das wird alles nicht berichtet. Die Manipulation, der wir heute ausgesetzt sind, erreicht langsam Goebbel’sches Niveau. Das gilt vor allem für den Versuch, die älteren Menschen und die Rentner zu Buhmännern der Nation zu machen. Hier werden Schuldige gesucht – wie früher bei den Nazis. Wer am 14. 3. „Menschen bei Maischberger“ gesehen hat, konnte diesen Vorgang personifiziert in einem Autor namens Klöckner beobachten.

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!