Politische Korrektheit: Die moderne Form von Gottesfurcht und Puritanismus

Politische Korrektheit: Die moderne Form von Gottesfurcht und Puritanismus

Politische Korrektheit: Die moderne Form von Gottesfurcht und Puritanismus

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes

Wie kommt es eigentlich, dass ausgerechnet in den westlich-liberalen Ländern der Puritanismus fröhliche Urstände feiert? Und das lustvoll genossene Leben als geradezu moralisch verwerflich gilt? Etwa wenn Menschen rauchen, Fleisch essen und genüsslich Alkohol trinken? (Ein Wissenschaftler verkündete neulich in einem Radiobeitrag mahnend: „Jedes Glas Alkohol verkürzt das Leben!“). Oder wenn Worte nicht mehr ausgesprochen werden dürfen, weil sie „böse“ sind? So, wie man früher unter Katholiken nicht das Wort „Teufel“ aussprechen durfte und vom „Der Gott-sei-bei-uns“ sprechen musste? Unser Autor Udo Brandes hat dazu in dem Buch eines Politologen und Psychotherapeuten interessante Gedanken gefunden.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Vor Kurzem habe ich eine wunderbare Karikatur gesehen. Ein junger Mann und eine junge Frau treffen sich zu einem ersten Date in einer Bar. Gleich beim Kennenlernen sagt die junge Frau zu dem jungen Mann: „Ich bin Veganerin, trinke keinen Alkohol und dusche jeden Morgen kalt.“ Der junge Mann antwortet: „Mensch, toll! Ich finde es unheimlich sympathisch, wenn ein Mensch so offen über seine psychischen Probleme reden kann.“

Ich vermute, diesen kleinen Witz werden nicht alle Leser lustig finden können. Denn als ich in einer Kolumne auf den NachDenkSeiten („Wer nur noch gesund lebt, lebt ungesund!“) das übermäßige Streben nach Gesundheit kritisch betrachtete, erntete ich auf Facebook neben vielen positiven auch einige sehr erboste Kommentare. Ein Leser kommentierte meinen Text gar mit einem extrem ausführlichen Text von ca. vier DIN A4-Seiten. Das wirkte auf mich so wie die empörte Reaktion eines altmodischen Pfarrers, der jemanden wegen einer gotteslästerlichen Bemerkung abkanzelt.

Ganz offensichtlich hatte ich bei diesen empörten Kommentatoren tief sitzende Überzeugungen infrage stellt und dadurch bei ihnen Verunsicherung und Wut ausgelöst. Aber warum löste mein Text bei manchen so eine Wut aus? Ich sehe dafür zwei Gründe: Der eine lässt sich sehr gut mit einem Zitat von Günter Grass veranschaulichen. Der sagte einmal:

„Wer selbst nicht mehr genießt, wird selber ungenießbar.“

Genuss ist ein Lebenselixier

Mit anderen Worten: Wer ständig asketisch lebt und seine Lust auf ein gutes Essen oder darauf, mal eine Nacht durchzufeiern und auch mal „schmutzige“ oder „unreine“ Dinge zu genießen, etwa Zigaretten, alkoholische Getränke, „böse“ Kohlenhydrate oder derbe Witze, der muss ja schließlich schlechte Laune bekommen und schaut natürlich feindselig auf andere, die weiterhin lustvoll ihr Leben genießen – und dabei wider alle Theorie noch nicht mal krank werden. Weil Lust oder Genuss eben auch ein Lebenselixier ist.

Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Die seit vielen Jahrhunderten in der Gesellschaft wirksame christliche Ethik ist nach wie vor in den Köpfen westlicher Menschen präsent. Und zwar auch bei liberalen Menschen, die nicht mehr an einen Gott und ein Jenseits, das in Himmel und Hölle aufgeteilt ist, glauben. Aber diese christliche Denkstruktur und Moral ist nach wie vor in vielen westlichen Menschen präsent. Gott ist ins Ich umgezogen, wie es der Politologe und Psychotherapeut Malte Nelles in seinem Buch „Gottes Umzug ins Ich“ formuliert. Oder, wie es der österreichische Philosoph Robert Pfaller in einem seiner Bücher formulierte: Man kann auch Christ sein, ohne es zu wissen. Anders ausgedrückt: Viele Menschen in unserer Gesellschaft denken und fühlen noch immer wie Christen, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind.

Das beginnt mit einem absoluten Denken, das nur zwischen „Gut“ und „Böse“ unterscheidet und nur „Schwarz“ oder „Weiß“ kennt, aber keine Grautöne. Nelles beschreibt dies in dem erwähnten Buch wie folgt:

„Im frühen Christentum wurde eine populäre zeitgenössische Idee aufgegriffen, die das menschliche Weltverhältnis bis heute prägt: die Teilung der Wirklichkeit in Gut und Böse. Die vorchristlichen Götter des griechischen Pantheons waren alles, aber nicht einseitig. Sie herrschten, neideten, kopulierten, brachten einander um und entsprachen in ihren Handlungen der gesamten menschlichen Gefühlswelt. Der alttestamentarische Gott Jahwe war rachsüchtig und zornig. Und der Gott der Christen im Neuen Testament? Er war der Vater. An ihn konnte man sich wenden. Er war der ‚liebe Gott‘, der Gott der Liebe.“

Moralisieren und Predigen dient der eigenen Selbsterhöhung

Genau dieses Denken in absoluten Kategorien (es gibt nur „Gut“ oder „Böse“, aber nichts dazwischen) beherrscht heute westlich-liberale Kulturen. Besonders deutlich kommt dies in der „Politischen Korrektheit“ und der „Cancel Culture“ zum Ausdruck. Dabei sollte man sich darüber im Klaren sein: Wer eine Religion predigt und Menschen moralisch belehrt, ob nun im Namen einer traditionellen Religion im wörtlichen Sinne oder im Namen einer verweltlichten Form davon, wie der Politischen Korrektheit, tut dies vor allem im Interesse der eigenen Selbsterhöhung und, um die eigenen „bösen“ Anteile nicht sehen zu müssen. Denn der Prediger und Mahner wähnt sich selbst ja immer auf der richtigen Seite: der Seite der Guten.

Dies spiegelt sich auch im Überlegenheitsgefühl westlich-liberaler Gesellschaften gegenüber Gesellschaften wider, die nicht liberalen Werten folgen und die LGBTQ-Kultur für der Weisheit letzten Schluss halten. Stefano di Lorenzo hat das in Globalbridge (siehe hier) treffend formuliert:

„Auch die neue woke-Kultur, das neue Christentum des 21. Jahrhunderts, das die Letzten von gestern erlösen und zu den Ersten von morgen machen will, das im Namen der politischen Korrektheit Jahrhunderte der Geschichte ausradieren will, passt bei genauerem Hinsehen perfekt in das Schema der Überlegenheit der westlichen Welt von heute. In der Tat habe nur der Westen das Maß an sozialem Fortschritt erreicht, das unsere Zeit verlangt, indem er Frauen, Homosexuellen und ethnischen Minderheiten endlich die Rechte zugestanden hat, die ihnen schon lange zustehen. Die anderen hinken (nach diesem westlichen Weltbild; UB) hinterher. Kinder im Westen sind heute vielleicht wirklich farbenblind gegenüber ihren Klassenkameraden mit Migrationshintergrund, aber sie werden in dem Glauben erzogen, dass der Westen Afrika, Asien, China, Russland in jeder Hinsicht überlegen ist: Die Welt außerhalb des Westens sei ein Garten des Schreckens. Nur der Westen sei der Garant für Fortschritt und soziale Rechte. (…) Aber es erscheint geradezu paradox, dass der Westen, der sich als Erfinder der aufklärerischen Vernunft gegen den Dogmatismus sieht, sich immer noch das Recht anmaßt, ein Monopol auf die Vernunft zu haben. Das ist sicher nicht im Sinne von Rousseau. Unser Jahrhundert erfordert zweifellos eine neue Art des Denkens über Politik auf globaler Ebene.“

Das schlechte Gewissen der Puritaner

In der Zeit vor der Reformation durch Martin Luther war die Katholische Kirche für das Seelenheil der Christen zuständig. Den Menschen wurde zwar gepredigt, dass Sünden im Jenseits von Gott bestraft würden, aber sie konnten darauf hoffen, dass die Katholische Kirche sie von ihren Sünden freisprechen würde. Was diese wiederum mit dem Ablasshandel fleißig nutzte, um Geld einzunehmen. Durch Luther und den Protestantismus veränderte sich dies. Luther war der Auffassung, dass Gottes Gnade nicht erkauft werden könne durch einen Ablass der Kirche. Jeder müsse in sich selbst Gottes Gnade finden. Wer diesem neuen, protestantischen Glauben folgte, konnte nicht mehr sicher sein, dass er im Jenseits Gottes Gnade erfahren würde. Denn die Kirche Luthers sprach ihn nicht von seinen Sünden frei. Er selbst musste durch ein gottesfürchtiges Leben dafür sorgen, dass er Gottes Gnade empfangen würde. Nelles beschreibt dies in seinem Buch wie folgt:

„Gottes Größe gegenüber dem Menschen fand im Protestantismus unter anderem in der Prädestinationslehre Ausdruck, der Idee, dass das Schicksal des Menschen von Gott vorbestimmt sei (…). Die Idee der Vorherbestimmung des menschlichen Lebens führte allerdings nicht dazu, dass der Mensch sich in sein unbeeinflussbares Schicksal ergab, sondern kehrte sich in ihr Gegenteil um. Für jeden Einzelnen stellte sich die furchtbare Frage, ob in seiner Vorherbestimmung nach dem Tod ein Leben bei Gott auf ihn wartete, oder eines beim Teufel. Da Gottes Pläne vor und nach dem Leben nicht durchschaut werden konnten, blieb nur das weltliche Leben, um zu beweisen, dass man zu den glücklichen Auserwählten gehört, die das Ticket nach oben ergattert hatten, und nicht das nach unten. Die weltlichen Mittel, um dies zu belegen, lauteten: Askese und wirtschaftlicher Erfolg. Denn schon zu Lebzeiten helfe Gott dem, der sich selbst helfe.“ (Nelles, S. 118)

In diesem Zusammenhang verweist Nelles auf ein Buch des französischen Soziologen Alain Ehrenberg (Titel: Das Unbehagen in der Gesellschaft), in dem dieser die Briefe früher amerikanischer Siedler, die alle protestantischen Sekten angehörten, untersucht hatte. Diese Siedler, so Nelles, erlitten durch ihren Glauben schreckliche Gewissensqualen:

„Das menschliche Gefühlsleben, das in den Schilderungen der Siedler zum Ausdrucke kommt, war von einer schrecklichen Gottesangst geprägt. Da Gott nun direkt und zu jeder Zeit über jedem Einzelnen schwebte, lebten sie in einer unglaublichen Furcht vor ihm und versagten sich in ihrem Leben jede weltliche Freude.“ (Nelles, S. 117-118)

Wer muss bei diesen Worten („versagten sich in ihrem Leben jede weltliche Freude“) nicht an Klimakleber denken, die sich als selbstlose Märtyrer sehen, die nur einem Ziel dienen: der Rettung der Welt?

Man kann auch Christ sein, ohne es zu wissen

Diese christliche Denk- und Fühlstruktur ist in unserer protestantisch geprägten Gesellschaft erhalten geblieben. Anders ausgedrückt: Liberale westliche Menschen sind nach wie vor Christen. Es ist ihnen nur nicht bewusst:

„Auch wenn der moderne Mensch des Westens dies heute nicht mehr wahrhaben mag und auf die Autonomie seiner persönlichen Wahl pocht: Kulturell sind wir alle Christen, ob mit Taufe oder ohne. Der jüdisch-christliche Geist, der unsere Kultur, Werte, Erziehung Wissenschaft und Seelen, kurzum das Bewusstsein und die Welt des abendländischen Menschen erschaffen hat, ist größer und älter als unser persönliches ‚Sein-wollen, was wir sein möchten‘.” (Malte Nelles, Gottes Umzug ins Ich, S. 30-31)

Und so wird auch der missionarische Geist der Politisch Korrekten und Gesundheitsapostel verständlich: Es ist ein moralischer Narzissmus, der der Selbsterhöhung und Beruhigung des immer noch christlichen Gewissens dient.

Gesundheit ist in dieser Perspektive der Ausdruck des „richtigen“ Lebens – so, wie in der protestantischen Ethik der weltliche Erfolg eines Menschen, also sein Reichtum auf Erden, als Beweis für ein gottesfürchtiges Leben gedeutet wurde. Was den Soziologen Max Weber zu seinem berühmten Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ inspirierte. Man könnte also sagen: Die moderne Form der Gottesfurcht ist das „richtige“ Leben, sei es nun das „gesundheitlich korrekte“ Leben, die „korrekte Ernährung“ oder das „politisch korrekte Sprechen“.

Diese moderne Form des „gottesfürchtigen“ Lebens und inquisitorischen Eifers konnten und können wir immer wieder in unserer Gesellschaft beobachten: Ob in der Coronakrise, dem Klimawandel, dem Ukrainekrieg: Wer nicht im modernen Sinne „gottesfürchtig“ lebt, wird wie früher in der Katholischen Kirche inquisitorisch verfolgt und ggf. exkommuniziert, also aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Schlussfolgerung

Das linksliberale, betont politisch korrekte Milieu, insbesondere die Grünen, sind im Grunde gläubige Protestanten mit einem strengen protestantischen Über-Ich, das alles vermeintlich Böse ausmerzen will. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob dieser Personenkreis nun tatsächlich an den christlichen Gott glaubt wie etwa die grüne Studienabbrecherin und Bundestagspräsidentin Kathrin Göring-Eckhart, die auch schon einmal Präsidentin des evangelischen Kirchentages war. Oder jemand aus diesem Milieu, der nicht an einen Gott glaubt. Denn man kann, wie es der österreichische Philosoph Robert Pfaller formulierte, Christ sein, ohne es zu wissen.

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Titelbild: Zoomstudio/shutterstock.com

Wer das Thema vertiefen möchte, dem sei das Buch „Gottes Umzug ins Ich“ von Malte Nelles empfohlen. Es ist im Europa-Verlag erschienen und kostet 24,00 Euro.

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