Der Wilde Westen kehrt zurück

Der Wilde Westen kehrt zurück

Der Wilde Westen kehrt zurück

Ein Artikel von Arno Luik

Nicolás Maduro lebt noch. Aber das kann Zufall sein. Mit der Entführung des venezolanischen Präsidenten kehrt der Wilde Westen zurück. Von Arno Luik.

Wie soll ich in diesen Zeiten bloß normale Sätze hinschreiben? Subjekt. Prädikat. Objekt. Wenn die Welt dermaßen aus den Fugen ist! Vor Kurzem, am 2. Januar, schrieb ich an einen Freund, „hoffe, dass dieses Jahr – politisch betrachtet – weniger Wahnsinn bringt als das vergangene Jahr“.

Und wo wache ich ein paar Stunden später auf? In einer ganz neuen, ganz alten Welt. In der Wahnsinn Normalität ist. Völkerrecht? Nein, Faustrecht. Das Recht des Stärkeren. 50 Millionen Dollar hatte die US-Regierung als Kopfgeld von Nicolás Maduro, Präsident von Venezuela, ausgelobt. „Dead or alive“– wie im Wilden Westen?

Und was erfahre ich an diesem 3. Januar? Nachdem Venezuelas Hauptstadt bombardiert, Nicolás Maduro entführt worden ist? „Diese Operation“ habe sich seit Langem abgezeichnet, höre ich. Die Bundesregierung beobachte „die Situation mit Besorgnis“. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas „zweifelt die Rechtmäßigkeit“ der „Aktion“ an; für Kanzler Friedrich Merz ist „die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes komplex“.

Was für zarte Worte! Warum diese Zurückhaltung?

Wladimir Putin nannte seinen völkerrechtswidrigen Überfall auf die Ukraine „eine Spezialoperation“. „Brutaler Angriffskrieg“, „imperiale Aggression“, „völkerrechtswidrig“ hieß es sofort im Westen. Und was ist diese amerikanische Spezialoperation? Ob es uns passt oder nicht: Putinähnliches Handeln. Bruch des Völkerrechts.

In Venezuela wird mitten in der Nacht die Hauptstadt überfallen und bombardiert, der Präsident entführt – und was lese ich in den Stunden danach? „So gelang der Coup!“ Wie bitte? Das klingt nach Beifall, nach Bewunderung. Beifall kommt natürlich auch von Donald Trump, dem Täter: „Wie eine TV-Show“ habe er die Handlung genossen, und er bedauert, dass nicht alle diese großartige Darbietung miterlebten: „Ich weiß nicht, ob Sie das alles jemals sehen dürfen“.

Ich schalte Fernseher und Radio aus, flüchte in die Küche und bin versucht, lieber Leser, liebe Leserin, Ihnen nun ausführlich und vielleicht sogar mit Bildern und Rezept mein Lammkarrée mit Spätzle zu präsentieren. Weg aus dieser Wirklichkeit! Aber es geht nicht.

Ukraine, Gaza, Syrien, Iran, Venezuela, Grönland – wie soll das, was derzeit passiert, vernünftigen Menschen nicht Angst einjagen? Wenn das mächtigste Land der Welt in den Händen von Leuten ist, die nach ihrem „Coup“ mit der Absicht prahlen, auf dem ganzen Planeten „überall und jederzeit unsere Interessen durchzusetzen“?

Interessen. Ein harmloses Wort. Was sich dahinter verbergen kann, auch hinter dem Begriff „nationale Sicherheit“, hat Smedley Darlington Butler 1935 in seinem Buch „War is a Racket“ (Krieg ist ein dreckiges Geschäft) beschrieben. Sie müssen Butler nicht kennen. Er aber wusste sehr gut, um was es ging und um was es geht – bei fast allen Kriegen, früher und auch heute.

Butler war hochdekorierter Generalmajor der US-Marines: Als er 1940 starb, bezeichnete General Douglas MacArthur ihn „als einen der wirklich großen Generäle der amerikanischen Geschichte“. Fast vier Jahrzehnte lang war Butler weltweit im Einsatz für die USA. Für ihre Interessen: „Ich habe 1914 dazu beigetragen, Mexiko, insbesondere Tampico, für amerikanische Ölinteressen sicher zu machen. Ich habe dazu beigetragen, Haiti und Kuba für die Männer der National City Bank zu einem geeigneten Ort zu machen, um dort Einnahmen einzutreiben. Ich habe an der Ausbeutung eines halben Dutzend zentralamerikanischer Republiken zum Vorteil der Wall Street mitgewirkt. Meine Geschichte der Erpressung ist lang. Ich habe 1909 bis 1912 dazu beigetragen, Nicaragua für das internationale Bankhaus Brown Brothers zu säubern. Ich habe 1916 Licht in die Dominikanische Republik für amerikanische Zuckerinteressen gebracht. In China habe ich dazu beigetragen, dass Standard Oil ungehindert agieren konnte.“

Geld. Öl. Rohstoffe. Und was sagte Donald Trump am 3. Januar 2026 zu Venezuela? „Wir werden unsere sehr großen US-Ölkonzerne – die größten der Welt – dorthin schicken, damit sie Milliarden von Dollar investieren und die stark beschädigte Infrastruktur, die Ölinfrastruktur, wieder instandsetzen“.

Und jetzt auch noch Grönland? Vielleicht sollte man die deutsche Panzerbrigade, die gerade in Litauen stationiert wird, nach Thule verlegen.

Titelbild: ChatGPT, erstellt mit künstlicher Intelligenz

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