Wenn ein versenktes Schiff „Stiller Tod“ genannt wird

Wenn ein versenktes Schiff „Stiller Tod“ genannt wird

Wenn ein versenktes Schiff „Stiller Tod“ genannt wird

Ein Artikel von Moritz Müller

Am Mittwoch hat ein Unterseeboot der US-Marine die iranische Fregatte IRIS Dena vor der Küste Sri Lankas torpediert und versenkt. Am gleichen Tag zeigte US-Kriegsminister Pete Hegseth auf einer Pressekonferenz ein Video des Angriffs und kommentierte dies nebenbei mit den Worten „quiet death“ – „Stiller Tod“. Wie kann es still sein, wenn ein Schiff explodiert und danach mindestens 87 iranische Seeleute sterben? Der Versuch einer Einordnung von Moritz Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Man sieht auf dem Video, wie die hintere Hälfte des 95 Meter langen Schiffes durch die Detonation des Torpedos einige Meter aus dem Wasser gehoben wird und sich auflöst, während der Bug untertaucht. Die entstehende Wasserfontäne ist höher als das Schiff mit allen Aufbauten. Wie man hier von stillem Tod sprechen kann, ist mir vollkommen schleierhaft, selbst wenn man mangelndes Mitgefühl bei US-amerikanischen Ministern als nicht ungewöhnlich ansieht.

Pete Hegseth hat wohl nicht nachgedacht, bevor er diese Worte sagte. Sehr nachdenklich wirkt dieser Befehlshaber der schlagkräftigsten und teuersten Armee der Welt sowie nicht. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man das Transkript der Pressekonferenz liest. Bei Hegseth scheinen sich Empathielosigkeit mit mangelndem Überblick gepaart zu haben. Wie er offen über die Zerstörung des Irans und die Tötung von Iranern redet, ist erstaunlich.

Die IRIS Dena war auf dem Weg nach Hause, von einer Übung, zu der Indien Schiffe aus 74 Nationen eingeladen hatte. Eine der Voraussetzungen für die Teilnahme an diesem Manöver ist, dass die teilnehmenden Schiffe nicht bewaffnet sind. Dies sagte auch der iranische Botschafter in Indien und auch die indische Seite bestätigte dies.

Warum die USA dieses unbewaffnete Schiff über 1.000 Seemeilen vom Iran entfernt ohne Vorwarnung versenkt haben, lässt sich mit normalem Menschenverstand nicht erklären. Von dem Schiff ging zu diesem Zeitpunkt keinerlei Gefahr für die USA oder Israel aus. Die USA hätten mit Versenkung drohen können und das Schiff zur Umkehr in einen neutralen Hafen zwingen können. Das iranische Tankschiff IRIS Buschehr ist nach Sri Lanka umgekehrt und die dortige Regierung hat die Besatzung in Sicherheit gebracht und das Schiff in Gewahrsam genommen. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, der Besatzung des Schiffes Zeit zu geben, die Rettungsboote zu besteigen, bevor man es torpediert und versenkt.

Es wird zu untersuchen sein, ob es sich bei der Tat um ein Kriegsverbrechen handelt. Mord und Umweltverschmutzung ist es allemal. Wenn ich die Bilder und Videos der Versenkung betrachte, muss ich an mit Böllern spielende Kinder denken, und wie es Spaß machen kann, etwas zu sprengen. Wenn Menschen sterben, hört der Spaß auf.

Bei dem Angriff ging es wohl eher darum, Terror zu verbreiten, das, was die USA und Israel anderen immer vorwerfen. Die Gegner der USA und Israels werden als Terroristen gebrandmarkt und somit zum Abschuss freigegeben.

Israels Premierminister Netanyahu sagt jetzt ganz offen, dass er schon seit 40 Jahren das Ziel verfolge, den Iran als gegnerische Macht auszuschalten. Israel besitzt Atombomben, lässt diese nicht von der Atomaufsichtsbehörde inspizieren und ist auch nicht dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten. Es ist nicht sehr glaubhaft, anderen unter diesen Umständen das Recht auf Atomwaffen abzusprechen.

Dies ist ja auch einer der täglich wechselnden Gründe, die die USA angeben, warum sie Israel in diesen Krieg gegen den Iran folgen. Der Konflikt könnte sich zu einem Flächenbrand ausweiten und/oder er mündet in einem Bürgerkrieg im Iran. Da würden sich die Machthaber in den USA und Israel natürlich freuen, denn dann hätte man Verhältnisse geschaffen wie im Irak, in Afghanistan, Libyen und Syrien. Teile und herrsche. Die angebliche Bewaffnung kurdischer Gruppen im Irak durch die USA zielt wohl in diese Richtung.

Es geht nicht um Demokratie, sondern um die Beseitigung relativ mächtiger und gefestigter Herrschaftsstrukturen. Ein „failed state“ Libyen ist dem sogenannten Westen allemal lieber als ein Libyen unter Gaddafi. Dieser hatte ja versucht, Afrika zu einigen und den Dollar als dominante Währung im Erdölhandel zu umgehen. Auch die Golfmonarchien sind weit davon entfernt, demokratisch zu sein, und doch werden sie von den USA, Europa und Israel hofiert beziehungsweise benutzt. Trotzdem werden sie wohl aus dem Angriff auf den Iran auch andere Schlüsse ziehen als die von den USA und Israel gewünschten.

Natürlich kann die Stiftung dieses ganzen Chaos auch nach hinten losgehen und in Bürgerkriegen in den USA oder Israel enden, wenn der externe Gegner irgendwann wegfällt. Die Flüchtenden werden zumeist von den sowieso schon wirtschaftlich geschwächten Nachbarländern der Region aufgenommen oder sie versuchen, nach Europa zu kommen. Weder die USA noch Israel nehmen einen nennenswerten Anteil dieser geschundenen Menschen auf. Nur manche Menschen verlassen gerne freiwillig ihre angestammte Heimat. Jüdische Einwanderer sind in Israel allerdings willkommen.

Es fällt in diesen Tagen nicht leicht, einen Ausweg aus der derzeitigen Misere zu sehen. Mit Waffen lässt sich viel Geld verdienen, und sie dienen dem Machterhalt derer, die von diesem System profitieren. Wenn man sich den Zustand der Natur und der natürlichen Ressourcen ansieht, sehe ich, dass uns Menschen das Wasser bis zu Hals steht. Die Menschheit müsste versuchen, zu kooperieren und unsere Gemeinsamkeiten zu sehen. Stattdessen werden Menschen getötet und traumatisiert und Ressourcen und Energie verplempert. Es sollte gar nicht nötig sein, diese Binsenweisheiten immer zu wiederholen.

Genauso unnötig sollte es sein, anzumerken, dass, auf hoher See torpediert zu werden, kein „stiller Tod“ ist. Diese Zeilen sollen auch ein Andenken sein an diese hinterhältig ermordeten Seeleute und dass die Genugtuung der US-Regierung über diese Tat unangebracht ist. Es waren sicher auch Rekruten an Bord, die sich diesen Ort nicht ausgesucht hatten.

Titelbild: Montage NachDenkSeiten mit Material von By GODL-India und United States Department of War

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