„Die Barbaren sind immer die anderen“

„Die Barbaren sind immer die anderen“

„Die Barbaren sind immer die anderen“

Valeri Schiller
Ein Artikel von Valeri Schiller

Menschenrechtsverletzungen, staatliche Willkür und politische Verfolgung – all das verorten viele Deutsche vorzugsweise in Russland, im Iran oder in anderen Ländern, die als autoritär gelten. Vor den Missständen im eigenen Land verschließt man dagegen gern die Augen. Valeri Schiller fragt, wie dieses bequeme Weltbild entsteht und was es mit Menschen macht, die pauschal den vermeintlichen „Barbaren“ zugerechnet werden.

Neulich stand ich vor einem Eisladen in der Skalitzer Straße in Berlin in einer Schlange und hörte dabei ungewollt das Gespräch eines etwa 30- bis 35-jährigen Mannes mit seiner Freundin mit. Er erzählte, dass er sich ein wenig Sorgen um seine Mutter mache. Sie wolle nach Russland zu seiner Großmutter reisen, der es gesundheitlich nicht besonders gut gehe. Seine Sorge galt dabei weniger der Reise selbst als vielmehr dem, was sie in Russland erwarten könnte. Zum Beispiel könnte sie verhaftet werden. Weshalb?

Darauf hatte er selbst keine wirklich klare Antwort. Vielleicht würde man etwas auf ihrem Handy finden. Vielleicht hätte ein Beamter irgendwelche Fragen. Oder vielleicht würde einfach genau jene unberechenbare Willkür eintreten, von der wir so viel gehört haben, sagte er. Seine Partnerin nickte verständnisvoll: Ja, mit Russland sei das alles kompliziert. Und überhaupt: Was könne man von diesen Russen schon erwarten?

Ich stand daneben und dachte darüber nach, wie häufig ich auf diese Art des Denkens treffe. Die Menschen sind bestens darüber informiert, was in Ländern geschieht, die man gemeinhin als unzuverlässig, autoritär oder gefährlich betrachtet. Sie wissen, wer wo verhaftet wurde, wo Menschenrechte verletzt wurden und wo eine Regierung die Grenzen des Erträglichen überschritten hat.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass in ihren Köpfen ein spezielles internationales Nachrichtenradar installiert ist – das allerdings hauptsächlich in eine Richtung funktioniert. Offenbar dreht sich die Antenne nur nach Osten; nach Westen empfängt sie aus irgendeinem Grund nichts.

Was direkt vor der eigenen Haustür geschieht, interessiert sie dagegen deutlich weniger. Warum?

Vielleicht funktioniert hier ein durchaus verständlicher Selbsterhaltungstrieb. Wenn man anfängt, sich ernsthaft mit den Vorgängen im eigenen Land zu beschäftigen, stellt sich ziemlich schnell eine unangenehme Erkenntnis ein: Dann muss man nicht nur empört sein, sondern irgendwann auch etwas entscheiden. Und Entscheidungen können unbequem sein – manchmal sogar riskant.

Viel einfacher ist es, auf ein anderes Land zu zeigen und zu sagen: „Dort drüben sind die Barbaren.“ Danach kann man sich progressiv, frei und als Verteidiger der Menschenrechte fühlen – und in aller Ruhe sein Eis aufessen.

Die Probleme verschwinden dadurch allerdings nicht. Auch im Westen gibt es Handy-Durchsuchungen an Flughäfen – etwa in den USA, Israel oder der Türkei. Das hindert jedoch Tausende deutsche Touristen nicht daran, beispielsweise nach Antalya zu strömen. Auch in Europa gibt es Fälle von Druck auf politisch aktive Menschen, etwa den Fall Jacques Baud. In Deutschland gibt es Fälle gesperrter Bankkonten, des sogenannten Debankings – beispielsweise den Fall Flavio von Witzleben –, sowie Fälle administrativer Verfolgung und Sanktionen gegen Journalisten, etwa den Fall Hüseyin Doğru. All das wirft durchaus Fragen auf.

Über die eigenen Probleme zu sprechen, ist jedoch wesentlich weniger angenehm, als sich über die Probleme anderer zu echauffieren. Ungerechtigkeit, die irgendwo weit entfernt stattfindet, ist erstaunlich bequem: Man kann sich gleichzeitig empören und muss selbst für überhaupt nichts Verantwortung übernehmen. Das ist beinahe perfekte politische Gymnastik: Der Finger zeigt auf ein fremdes Land, das eigene Gewissen fühlt sich hervorragend.

Natürlich war die Sorge dieses Mannes um seine Mutter vollkommen menschlich und nachvollziehbar. Ich hätte mir wahrscheinlich ebenfalls Sorgen gemacht. Aber genau diese merkwürdige Grenze ist mir aufgefallen: Hier steht die konkrete Angst um einen geliebten Menschen – dort das fertige Bild „dieser Russen“, als ginge es nicht um Millionen unterschiedlicher Menschen, sondern um eine Art kollektive Figur aus einem schlechten politischen Witz.

Eine große Rolle spielen dabei natürlich auch die Medien. Wenn jemand ständig Informationen über Probleme irgendwo weit entfernt bekommt, aber kaum investigative Berichte und kritische Analysen über die Vorgänge in der eigenen Umgebung sieht, wird das Weltbild irgendwann ausgesprochen bequem: Das Böse befindet sich immer dort draußen – in Russland, im Iran und in anderen Ländern, auf denen das passende Etikett längst klebt.

Wie stark solche vereinfachten Feindbilder den Blick auf die Welt prägen können, habe ich selbst immer wieder erlebt. Als Russlanddeutscher bin ich seit meiner Kindheit mit solchen Zuschreibungen konfrontiert. Schon damals, als ich „Fritz“ genannt wurde – eine Bezeichnung für Deutsche in der UdSSR –, musste ich mir anhören, was wir Deutschen alles „vergeigt“ hätten. Heute erlebe ich die umgekehrte Variante: Hier in Deutschland muss ich mir immer häufiger als quasi „Russe“ anhören, was die „Barbaren im Osten“ – womit die Russen gemeint sind – angeblich alles verbrochen hätten.

Für mich zeigt sich daran etwas Grundsätzliches: Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe reicht offenbar oft aus, um Menschen mit den Taten anderer zu identifizieren. Und ob diese Taten überhaupt stimmen, spielt dabei eigentlich keine Rolle. Der Einzelne wird nicht mehr als Individuum betrachtet, sondern als Vertreter einer Gruppe, deren Verhalten er sich zurechnen lassen soll. Und genau diese Logik findet sich auch in der politischen Berichterstattung wieder: Hier die Guten, dort die Bösen; hier die Opfer, dort die Täter. Je einfacher das Bild, desto weniger muss man sich mit Widersprüchen und der eigenen Verantwortung auseinandersetzen.

Ich glaube, genau darin liegt die Gefahr. Wenn wir die Feinde ständig ausschließlich im Ausland suchen, könnten wir eines Tages feststellen, dass wir zusammen mit ihnen einen Teil von uns selbst zerstört haben: die Fähigkeit zu zweifeln, zu widersprechen, die eigene Regierung zu kritisieren – und schließlich jene demokratischen Werte zu verteidigen, mit denen es sich so bequem wedeln lässt, während man mit dem Finger auf andere zeigt.

Titelbild: Satirische Karte von 1887. Am Bild des bösen Russen, der sich Europa unterwerfen will, hat sich wenig geändert. Bild: gemeinfrei

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