Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute, in der fünfzigsten Folge, geht es um den als vorläufige Klimax der Kriegsertüchtigungspropaganda immer unmissverständlicher formulierten westlichen Wunsch, immer mehr Russen – pardon: russische Soldaten – zu töten. (Am besten so viele wie möglich.) Von Leo Ensel.
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„Sowohl Russland als auch die Ukraine unterhalten ein Bonus-Programm für Erfolge auf dem Schlachtfeld. Das russische Programm bezieht sich ausschließlich auf zerstörtes Militärgerät. Dafür wird Geld ausgezahlt. Das ukrainische Programm enthält außerdem auch die Belohnung von Kampfeinheiten für verwundete (8 Punkte) oder getötete russische Soldaten (12 Punkte). Einheiten von Drohnenpiloten werden besonders vergütet: Wird beispielsweise ein russischer Soldat mittels einer Drohne gefangengenommen, gibt es 120 Punkte. Mit den erkämpften Punkten kann neue Ausrüstung erworben werden“, berichtet die Konfliktforscherin Petra Erler. – Konkret: 50.000 russische Soldaten pro Monat töten – das neue postsowjetische Planziel der Ukraine, vorgegeben von Wolodymyr Selenskyj, Anfang des Jahres! (Und vielleicht können es demnächst mit Hilfe des FAZ-Korrespondenten Michael Martens, ähh: der Europäischen Union, ja noch ein paar mehr sein …) (vgl. „Kopfgeld“)
Und zwar „nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch gegen viele Länder in Europa“ (also sehr wahrscheinlich auch gegen uns), ist natürlich Wladimir Putin. Dunkelraunte im Oktober 2025 Friedrich Merz im größten Sauerland der Welt. – „Aggressiv unterwegs sein“, eine genial-nebulöse Wortkreation unseres Bundeskanzlers. Kann Krieg bedeuten – muss aber nicht! Sehr wahrscheinlich gegen Deutschland gerichtet – hat der Kanzler aber nicht (direkt) gesagt! Auf jeden Fall aber irgendwas Böses. Ominös, obskur – wie die gesamte aktuelle Bedrohungslage …
Darunter wohl oder übel auch Deutschland… (Oder vielleicht doch nicht? Lieber Gott, bitte hilf!!) Ist der „Mörder und Killer“ Wladimir Putin jedenfalls „aggressiv unterwegs“. Verkündet der Kanzler.
Neues Prämiensystem für ukrainische Soldaten: 2.000 Euro für die Gefangennahme eines russischen Soldaten, 300 Euro für dessen Tötung im Gefecht. („Das Prämiensystem ist Teil einer umfassenderen Reform des Vergütungssystems der ukrainischen Streitkräfte.“) – Wieder mal ein Beweis, dass die Ukraine unsere europäischen Werte verteidigt: Schließlich ist ihr ein lebender russischer Soldat fast siebenmal so viel wert wie ein toter! (Die idealistischen Wehrmachtsoldaten dagegen hatten gefangen genommene Sowjetkommissare nach dem Gefecht erschossen – kostenlos!) (vgl. „50.000“, „mehr Russen töten“)
„Können Sie uns Europäern mitteilen, was wir konkret tun können, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten?“ Auf Deutsch: „Can you tell us Europeans what can we concretely do to help you to kill more Russians?“ Fragte am 8. August auf einer Pressekonferenz in Belgrad der FAZ-„Korrespondent für osteuropäische Länder mit Sitz in Wien“, Michael Martens, den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. (Um seine originelle Frage ins Politisch-Korrekte zu wenden, ergänzte er noch hastig: „More Russian soldiers, of course.“ – Natürlich!) – Und um bloß nicht als Weichei zu gelten, legte er gegenüber der serbischen Zeitung Vreme nochmal unmissverständlich nach: „Ich erwarte von jedem verantwortungsbewussten Politiker, dass er darüber nachdenkt, wie wir so viele Russen – russische Soldaten – töten können, dass Putin ohne Soldaten dasteht.“ – Congrats, Mr. Martens! Seit Himmlers berühmter Posener Rede vom 4. Oktober 1943 – „Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10.000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird.“ – hat man hierzulande solch schnörkellosen Klartext nicht mehr gehört! (PS: Aber selbst der Reichsführer-SS musste, um „Missverständnisse“ auszuschließen, noch klarstellen: „Wir werden niemals roh und herzlos sein, wo es nicht sein muss; das ist klar. Wir Deutsche, die wir als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen.“) (vgl. „glasklarer Auftrag“, „missverständlich formuliert“, „personelle Schwierigkeiten“)
Nachdem über Michael Martens – nur aufgrund seiner Empfehlung (eigentlich eher eine unschuldige Frage), „mehr Russen zu töten“ – ein Shitstorm hereingebrochen war, wehrte dieser sich wacker auf seinem Social-Media-Account, indem er noch schnell männlich-markant einen auf Trotzköpfchen machte: „Es ist überhaupt nicht skandalös, den Präsidenten der Ukraine zu fragen, wie Europa der Ukraine helfen kann, mehr Russen zu töten. Genau das ist nötig. Außerhalb der Barbie-Welt werden Kriege eben so geführt.“ Yeah! (vgl. „Fencheltee-Diplomatie“, „Placebo-Truppe“, „verantwortungsbewusste Politiker“)
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Frage des FAZ-Korrespondenten Michael Martens „Can you tell us Europeans what can we concretely do to help you to kill more Russians? More Russian soldiers, of course.“ war laut Pressemitteilung seines Arbeitgebers „missverständlich formuliert“! Alles klar?
„Nie wieder Krieg“? Falsch gedacht, Leser-Sternchen-innen! – „Nie wieder werden wir Deutsche allein gehen“, verspricht Kanzler Merz. „Das ist bleibende Lehre aus unserer Geschichte. Unsere Freiheit behaupten wir mit unseren Nachbarn, nur mit unseren Nachbarn und Verbündeten und unseren Partnern.“ – Kurz: „Nie wieder Krieg – alleine!“ (Das berühmte Achte Gebot auf George Orwells „Animal Farm“.) (vgl. „Unbehagen“)
„Jeder sieht, dass Russland brennt, und wir wollen, dass es noch stärker brennt, aber dafür brauchen wir finanzielle Mittel.“ So ein „hochrangiger ukrainischer Verteidigungsbeamter gegenüber POLITICO.“ (Unter der Bedingung der Anonymität.) – Auf Deutsch: „Burn, Baby, Burn!“ (Sponsored by European Union. Mit neuerlich zusätzlichen 20 Milliarden US-Dollar.)
„Das bezog sich auf aktuelle Debatten von Verteidigungsexperten, die sich um die Frage drehen, wie die russische Armee in personelle Schwierigkeiten gebracht werden könnte, um Russland zu Friedensverhandlungen zu bringen.“ Mit „personelle Schwierigkeiten“ meinte die FAZ in ihrer „Stellungnahme“ vom 10. August die – „missverständlich formulierte“ – Frage ihres meinungsstarken Balkan-Korrespondenten, „was die Europäer tun könnten, um der Ukraine zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten“. – Halten wir unmissverständlich fest: „In personelle Schwierigkeiten bringen“ lautet ab jetzt die offizielle Formel der FAZ für „mehr Russen – ähh: russische Soldaten, natürlich – töten“!
präventiver Erstschlag (der NATO auf Russland)
Den forderte im September 2022 unverhohlen Wolodymyr Selenskyj. Und kam damit – er ist und bleibt halt Avantgardist – sogar den berühmten „präventiven nuklearen Vergeltungsschlägen“ eines Sergej Karaganov zuvor!
Eine der besonnenen Stimmen in unserem Lande meldete sich neulich mit diesem aufreizend moderaten Vorschlag zu Wort. (Schließlich hätte Marie-Agnes Strack-Zimmermann auch, wie ein meinungsstarker FAZ-Korrespondent, „mehr Russen töten“ fordern können!)
„Europa braucht ein neues strategisches Ziel.“ Fordert – „ceterum censeo“ – der unermüdliche Roderich Kiesewetter. Und zwar: „Die bedingungslose Kapitulation Russlands. Eine solche Kapitulation würde aber auch Russland selbst sowie den ethnischen Minderheiten und Angehörigen kolonisierter Völker in Russland eine Chance auf Selbstbestimmung und eine freiheitliche, friedliche Entwicklung eröffnen. Die bedingungslose Kapitulation Russlands wäre nicht nur zentral für den Frieden in Europa, sondern auch eine Perspektive für die russische Gesellschaft, die sich derzeit kaum aus eigener Kraft aus Gewaltherrschaft und Ideologie lösen kann.“ – Kurz: Demnächst wird der selbstlose Kiesewetter „Make Russia small again!“ nicht nur fordern, sondern auch umsetzen.
Dieser Spiegel-Titel im Vorfeld des 85. Jahrestages des deutschen Überfalls sorgte hierzulande postwendend für eine Welle der Empörung. Vom CDUler Ruprecht Polenz über den grünen Volker Beck bis zum eloquenten Ex-BILD-Journalisten Julian („Dünger“) Röpcke echauffierten die mittlerweile aufgeklärten Deutschen sich unisono, Millionen Ukrainer, Belarus(s)en, Balten, Moldauer und Angehörige anderer Völker der Sowjetunion seien schließlich ebenfalls Opfer des deutschen Vernichtungskrieges gewesen! (Was natürlich alles stimmt.) – Eine andere Erklärung für den auf den ersten Blick so skandalträchtigen Titel wäre: Vielleicht hat ja hinter dem Rücken der Redakteure des Hamburger Nachrichtenmagazins mal wieder heimtückisch Herr Freud zugeschlagen? Fehlleistungen offenbaren bekanntlich die wahre Absicht. (Fürs nächste Mal.)
verantwortungsbewusste Politiker
An diese hat der selbstbewusste FAZ-Korrespondent Michael Martens eine glasklare Erwartung: „Ich erwarte von jedem verantwortungsbewussten Politiker, dass er darüber nachdenkt, wie wir so viele Russen – russische Soldaten – töten können, dass Putin ohne Soldaten dasteht.“ („Ich erwarte …“) – Halten wir fest: Verantwortungsbewusste Politiker sind in den Augen des FAZ-Korrespondenten solche, die ihre Verantwortung wahrnehmen, indem sie bewusst dafür sorgen, dass möglichst viele Russen, ähh: russische Soldaten, getötet werden! Ein höchst origineller Verantwortungsbegriff, fürwahr. (vgl. „missverständlich formuliert“)
Der „Machthaber im Kreml“ ist bekanntlich „aggressiv unterwegs – nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch gegen viele Länder in Europa“, warnte bereits am 18. Oktober 2025 Friedrich Merz die versammelten Menschenmassen der Sauerlandmetropole Meschede. Konsequenz des Kanzlers: „Wir werden uns wieder verteidigen müssen!“ (Wieder. Wie damals im August 1914 und im Juni 1941.)
(wird fortgesetzt)
Titelbild: ChatGPT, erstellt mit künstlicher Intelligenz
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.






