Mit der Neu-Delhi-Erklärung 2026 haben die BRICS-Staaten einen weiteren Schritt hin zu einer multipolaren Weltordnung unternommen. Doch wie weit trägt dieses Projekt – und wo stößt es an die Grenzen der bestehenden, westlich dominierten Finanz- und Wirtschaftsordnung? In unserer neuen dreiteiligen Reihe analysiert Nel Bonilla Strukturen, Möglichkeiten und Widersprüche von BRICS. Teil 1 zeigt, wie das Bündnis funktioniert, was es bisher tatsächlich erreicht hat und was nicht. Ein Artikel von Nel Bonilla.
Teil 1: Wie BRICS funktioniert – seine Strukturen, seine Erfolge und seine Grenze
Über Souveränität im Zeitalter der hybriden Kriegsführung
Im September 2026, während die Welt draußen stillschweigend von Sekundärsanktionen, zerrissenen Lieferketten und der unsichtbaren Artillerie permanenter hybrider Kriegsführung zerteilt wurde, saßen elf Nationen in Neu-Delhi an einem Tisch, um ein 140-Punkte-Bollwerk, die Neu-Delhi-Erklärung 2026, gegen den Hegemonen zu entwerfen. Es war eine Zusammenkunft der Widersprüche: sanktionierte Republiken und Golfmonarchien, wirtschaftliche Titanen und föderale Demokratien, alle verbunden durch eine gemeinsame, historische Erschöpfung gegenüber dem Hegemonen. Dennoch schmiedeten sie entgegen aller geopolitischen Wahrscheinlichkeiten einen Konsens. Sie bauten eine Papierfestung aus Lokalwährungsabkommen, Sondergremien für den Zahlungsverkehr und diplomatischen Versprechen und verkündeten dem transatlantischen Kern, dass die Globale Mehrheit seine einseitigen Diktate nicht länger schweigend ertragen würde. Es war eine erstaunliche Leistung diplomatischen Überlebens, eine monumentale Anstrengung der Globalen Mehrheit, sich in einer Welt, die an ungebremstem Zwang erstickt, einen souveränen Atemraum zu schaffen.
Aber eine Papierfestung, ganz gleich, wie riesig und komplex ihre Architektur auch sein mag, kann ihre Bewohner nicht vor den Gesetzen der Schwerkraft schützen, und im 21. Jahrhundert werden diese von den Imperativen des globalen Marktes diktiert. Denn hinter der Rhetorik der souveränen Gleichheit verbirgt sich eine unromantische Realität: Als der Gipfel endete, wurde die Aufgabe, diese neue Welt aufzubauen, an Zentralbanker, Finanzminister und deren eigene, global integrierte Funktionseliten weitergereicht.
Hier liegt das Paradoxon des modernen BRICS-Projekts. Diese Führungsschichten streben nach Autonomie vom gewaltsamen, US-geführten Imperium, zögern jedoch, den mehrschichtigen Käfig des globalen Marktes zu verlassen. Sie fordern und streben nach geopolitischer Souveränität, aber ihre inländische Macht bleibt an westliche Ratingagenturen gebunden – nur um eine dieser Finanzsirenen zu nennen.
Da ihnen ein gemeinsamer emanzipatorischer Horizont und ein postimperiales Projekt fehlen, endet ihre Solidarität dort, wo die Transaktion beginnt. Die BRICS-Staaten bleiben fest mit dem US-System verdrahtet, sei es aus Angst vor dem Dollar-Ausschluss oder aus dem Wunsch nach Absicherung. Wenn ein Land ins Visier gerät, besteht keine verbindliche Solidarität. Man darf dem Forum hier allerdings kein falsches Etikett anheften: BRICS wurde nie als gegenhegemoniale Festung konzipiert, sondern begann als unverbindliches Forum für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Und dennoch: Eine lose Kooperationsplattform mag für diplomatische Gipfel genügen, aber an den harten Erfordernissen der heutigen hybriden Kriegsführung gerät sie ins Wanken.
Trotz aller Widrigkeiten ist die Neu-Delhi-Erklärung, die am 12. und 13. September 2026 auf dem 18. Gipfel im Konsens verabschiedet wurde, von historischer Bedeutung, weil sie die Konsolidierung, die Möglichkeit und die Überlebensfähigkeit eines breiten diplomatisch-institutionellen Raums für die globale Mehrheit unter schwierigen Bedingungen demonstriert. Ihre wahre Bedeutung liegt jedoch in der infrastrukturellen Arbeit. BRICS baut eine Form der reaktiven Abschirmung auf. Und das Bemerkenswerte und Entscheidende ist, dass diese Nationen trotz ihrer tiefgreifenden strukturellen und politischen Unterschiede überhaupt Mechanismen zur Selbstverteidigung formulieren.
Die Verurteilung unilateraler Sanktionen und die Appelle für fairere Quoten im IWF und sogar die Verfassung der „Strategie für die Wirtschaftliche BRICS-Partnerschaft 2030“ können wir als solche Reaktionen auf den Wirtschaftskrieg des US-geführten Imperiums verstehen. So geht es bei der Wirtschaftsstrategie wohl um den Aufbau eigener Logistiknetzwerke, lokaler Währungskreisläufe und KI-Standards – alles, um die künftigen imperialen Einschläge abzufedern.
Diese Konsolidierung beweist, dass sich ein nicht-imperialer Koordinationsraum reproduzieren lässt und man seinen Handlungsspielraum erweitern kann. Dennoch müssen wir der Realität ins Auge sehen: Die Erweiterung des Handlungsspielraums ist nicht gleichbedeutend mit der Demontage des Systems, das die Regeln diktiert. Hier bleibt die Organisation in ihrem Kernwiderspruch gefangen. Ihre größte Stärke – ein souveränitätswahrender Pluralismus – ist zugleich das, was sie daran hindert, zu jener kohärenten, schützenden Architektur zu werden, nach der die gegenwärtige Zeit scheinbar verlangt.
Was genau hat Neu-Delhi nun erreicht, und was ist nötig, damit Multipolarität mehr wird als nur eine Umverteilung der Macht innerhalb der bestehenden Ordnung?
Ein zwischenstaatliches Forum im imperialen Labyrinth: Was ist BRICS?
Bevor wir sein geopolitisches Gewicht bewerten können, müssen wir präzisieren, was BRICS eigentlich ist. Laut der offiziellen Plattform der indischen BRICS-Präsidentschaft 2026:
„BRICS bringt elf große Schwellen- und Entwicklungsländer der Welt zusammen: Brasilien, China, Ägypten, Äthiopien, Indien, Indonesien, den Iran, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika und die Vereinigten Arabischen Emirate. Es dient als nützliche Plattform für Konsultationen und Kooperationen zu aktuellen Fragen von globaler wie regionaler Bedeutung sowie zu Fragen der globalen politischen und wirtschaftlichen Governance.“
Mit anderen Worten ist BRICS eine Koordinations- und Kooperationsplattform. Aber es ist auch ein Forum, das seinen Mitgliedern strategische Autonomie ermöglichen soll – und zwar in einer Weltwirtschaft, deren finanzielle, rechtliche, technologische und marktbezogene Strukturen nach wie vor stark von den Vereinigten Staaten und der breiteren transatlantischen Sphäre diktiert werden.
Im Unterschied zur Europäischen Union als supranationale Einheit und im Unterschied zu militärischen Verteidigungsbündnissen fehlen den BRICS eine gemeinsame Währung, ein gegenseitiger Verteidigungspakt sowie supranationale Implementationsmechanismen. Dieses Forum funktioniert durch Konsensfindung, und zwar gerade, weil es sich hierbei um eine souveränitätswahrende zwischenstaatliche Architektur handelt, in der die Mitgliedsstaaten ihre volle Autonomie behalten und nur dort zusammenarbeiten, wo sich ihre nationalen Interessen zufällig überschneiden.
Dennoch kann man sagen, dass sich die BRICS offiziell darauf geeinigt haben, auf drei Ebenen (freiwillig) miteinander zu kooperieren. Da wäre die Säule der politischen und sicherheitspolitischen Zusammenarbeit, die Säule der wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenarbeit und schließlich die Säule des kulturellen und zwischenmenschlichen Austauschs.
Weiterhin wird BRICS durch die jährlichen Gipfeltreffen vorangebracht. Interessanterweise führt die rotierende Präsidentschaft dazu, dass die Agenda stets einen bestimmten geopolitischen Einschlag hat und die innenpolitischen Prioritäten des Gastgebers widerspiegelt. Diese Gipfeldiplomatie wird zudem durch ein institutionelles Kontinuum gestützt, das ministerielle Ebenen und Außenminister umfasst und von einem wachsenden Netz von Arbeitsgruppen aus Fachministerien, Zentralbanken, Entwicklungsbanken, Regulierungsbehörden, Universitäten und Wirtschaftsunternehmen getragen wird.
Trotz der scheinbar losen Struktur der BRICS funktioniert es auf mehreren wichtigen Ebenen der Geopolitik und Geowirtschaft.
Zum einen sind sie ein hochrangiges diplomatisches Forum für politische Abstimmungen. Zum anderen sind sie eine technische Plattform für die grenzüberschreitende regulatorische und wirtschaftliche Koordination.
Die BRICS fungieren auch als Ermöglicher für bilaterale und minilaterale Projekte, die andernfalls kaum multilaterale Deckung fänden.
Und schließlich fungieren die BRICS als aufstrebender institutioneller Architekt, der gezielte Gegengewichte wie die New Development Bank (NDB) und das Contingent Reserve Arrangement (CRA) aufbaut.
Die Stärke der BRICS liegt in der Fähigkeit, Handlungsspielräume zu erweitern – durch die Eröffnung alternativer Entwicklungswege, bilateraler Finanzierungsoptionen und auf der globalen Mehrheit basierende Verhandlungsräume.
Dennoch stellt es keine vollständig konsolidierte Gegenordnung dar, nicht zuletzt deshalb, weil die BRICS-Staaten weiterhin tief in den globalen Markt integriert bleiben. Wohl oder übel ist diese Integration zugleich ihr größtes Kapital und ihr wunder Punkt:
Während sie ihnen Zugang zu lebenswichtigem Handel, Kapital und Technologie gewährt, unterwirft sie sie den Imperativen jener Finanzordnung, gegen die sie sich eigentlich absichern wollen.
Was hat BRICS erreicht?
Um das Wesen der BRICS zu begreifen, müssen wir sowohl verstehen, was die Neu-Delhi-Erklärung 2026 erreicht hat, als auch, wie die Organisation als Ganzes funktioniert.
Theoretisch, sofern sie umgesetzt wird, skizziert die Erklärung eine andere Art der globalen wirtschaftlichen Kontrolle: mehr Repräsentation für die globale Mehrheit in Institutionen wie dem IWF, der Weltbank und der UN; eine Erweiterung der New Development Bank (NDB) sowie einen Aufschwung bei der Kreditvergabe und Abwicklung in lokalen Währungen. Sie zielt zudem auf Zahlungsinteroperabilität, die Resilienz von Lieferketten und Logistik, industrielle Kapazitäten, digitale öffentliche Infrastruktur, KI-Standards, gemeinsame Forschung sowie einen gemeinsamen Widerstand gegen einseitige Zwangsmaßnahmen ab.
Wie üblich bei Gipfeltreffen-Erklärungen der BRICS, trägt auch diese die Handschrift des indischen Gastgebers. So werden indigene Sportarten und traditionelle Medizin als Rahmen für die Zusammenarbeit vorgestellt. Gleichzeitig stellt die Agenda die Weichen für die kommende chinesische Präsidentschaft, insbesondere in den Bereichen Lieferketten und KI. Die Erklärung enthält viele weitere Vorschläge und Aufforderungen zur Fortführung bereits bestehender Mechanismen. So wird beispielsweise vorgeschlagen, ein zentrales Archiv einzurichten, das die Arbeit jedes BRICS-Vorsitzes dokumentiert – etwas, das erstaunlicherweise noch gar nicht existiert.
Was wurde aber nun tatsächlich in Neu-Delhi erreicht? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zwischen etablierten, funktionierenden Mechanismen, verabschiedeten Rahmenwerken oder Arbeitsplänen und Vorschlägen im Frühstadium unterscheiden. Tatsächlich bezieht sich nicht jeder der 140 Punkte der Erklärung auf eine funktionierende Institution oder einen bestehenden Plan; viele sind Vorschläge, die künftige Absichten signalisieren.
Denn um zu begreifen, warum der Ausbruch aus dem mehrschichtigen Käfig so schwerfällt, müssen wir hinab in den Maschinenraum der Institutionen steigen, wo die tatsächlichen Grenzen und Möglichkeiten der BRICS zutage treten.
Bestehende Strukturen unter neuer politischer Ausrichtung
Die BRICS arbeiten nicht nach einem festgesetzten institutionellen Kalender, da es keinen supranationalen Vertrag und daher auch keinen verfassungsrechtlichen Zeitrahmen gibt, der eingehalten werden muss. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Jahreszahlen, die den Beginn eines Mechanismus andeuten, mit der Billigung auf einem Gipfel, der Unterzeichnung eines zwischenstaatlichen Abkommens oder der schrittweisen Institutionalisierung eines Arbeitsprozesses zusammenfallen. Über fast zwei Jahrzehnte hinweg entwickelten sich ministerielle und technische Mechanismen schrittweise, während sich das geopolitische Terrain unter ihnen veränderte.
Die finanzielle Frontlinie: Der Kampf um die Infrastruktur
Nirgendwo ist BRICS so institutionell weiterentwickelt wie im Finanzsektor. Doch genau hier kollidieren zwei Realitäten auf engstem Raum: Der dringende politische Bedarf, sich durch eigene Finanzinfrastrukturen gegen den imperialen Wirtschaftskrieg abzuschirmen, prallt ungebremst auf die Sorge der nationalen Banken und Exportkonzerne, ihre lebenswichtige Nabelschnur zum globalen Markt – und damit zu SWIFT und transatlantischem Kapital – zu durchtrennen.
Die NDB: Ein bescheidener Gegenentwurf
Auf dem Gipfel in Fortaleza im Juli 2014 gegründet und bis 2015 einsatzbereit, wurde die New Development Bank (NDB) als multilateraler Kreditgeber konzipiert, um Ressourcen für Infrastruktur und nachhaltige Entwicklung in den Schwellenländern zu mobilisieren.
Funktional spiegelt die NDB nicht das Strukturanpassungsmodell der Bretton-Woods-Institutionen wider: Während der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank historische Hilfen an makrostrukturelle Schocktherapien, Deregulierung und Austerität knüpften, arbeitet die NDB in einem entwicklungsorientierten Rahmen und finanziert langfristige, greifbare Infrastruktur mit minimalen politischen Auflagen. Darüber hinaus wurde die NDB, im Gegensatz zur quotengewichteten Herrschaft des IWF – die dem Westen ein effektives Vetorecht garantiert –, auf der Grundlage souveräner Gleichheit gegründet. Die fünf Gründungsmitglieder halten gleiche Anteile und Stimmrechte, während die NDB insgesamt konsensbasiert geführt wird.
Dennoch bleibt die NDB in ihrem Umfang bescheiden. Ihre systemische Einschränkung besteht sowohl in ihrer bescheidenen Kapitalobergrenze als auch in ihren selbstgesetzten Grenzen. Der Grund für die Grenzen des NDB liegt darin, dass er von vornherein als Ergänzung zu den globalen Kapitalmärkten konzipiert wurde. Vielsagend ist, dass BRICS-Kommuniqués routinemäßig mehr politisches Kapital darauf verwenden, die Umverteilung der IWF-Stimmrechtsquoten zu fordern als die NDB zu rekapitalisieren oder zu einer eigenständigen Alternative auszubauen. Die Ursprünge und der Zweck der NDB offenbaren, dass die Mitgliedsstaaten (oder zumindest ein Teil ihrer Eliten) nach wie vor einen Platz innerhalb der westlich dominierten Finanzarchitektur suchen – und das, obwohl sie sich gegen deren zunehmende Instrumentalisierung als Waffe verteidigen.
Das CRA: Ein blockierter Rettungsschirm
Parallel zur NDB 2014 mit einer anfänglichen Kapitalzusage von 100 Milliarden US-Dollar gegründet, wurde das Contingent Reserve Arrangement (CRA) als multilaterales Sicherheitsnetz konzipiert, um die Auswirkungen von Zahlungsbilanzkrisen und kurzfristigen Liquiditätsschocks abzumildern. Auf dem Papier stellt das CRA einen souveränen Liquiditätsschild dar und ist somit eine wunderbare Errungenschaft. In der Praxis wurde es jedoch noch nie in einer Krise aktiviert. Dieses brachliegende Dasein resultiert teilweise aus seinem institutionellen Design:
Nach den Regeln des CRA kann ein in Not geratener Mitgliedsstaat bedingungslos nur auf 30 Prozent seiner maximalen Kreditquote zugreifen. Der Zugriff auf die restlichen 70 Prozent erfordert, dass der Antragsteller ein aktives, an Bedingungen geknüpftes Strukturanpassungsprogramm mit dem IWF eingeht. Da Schwellenländer gerade deshalb zu BRICS tendierten, um der IWF-Überwachung und -Konditionalität zu entkommen, macht diese Anforderung das CRA, gelinde gesagt, zu einem unattraktiven Gläubiger. Darüber hinaus fehlt dem CRA im Gegensatz zum IWF oder der Multilateralisierung der Chiang-Mai-Initiative (CMIM) ein dediziertes, ständiges Überwachungssekretariat. Was bedeutet das? Nun, es bedeutet, dass es die Kreditwürdigkeit nicht zuverlässig bewerten, makroökonomische Schwachstellen nicht überwachen und Auszahlungsprotokolle nicht verwalten kann. Zudem wird die Auslösung eines multilateralen Kreditmechanismus zwischen Staaten mit unterschiedlichen geopolitischen Ausrichtungen und wirtschaftlichen Verwundbarkeiten unweigerlich zu politischen Reibereien führen, was die Mitglieder dazu veranlasst, sich eher auf bilaterale Währungs-Swaps von Zentralbanken zu verlassen als überhaupt zu versuchen, das CRA (und letztlich den IWF) zu navigieren.
Die Zentralbanker: Architekten der Absicherung
Das primäre finanzielle und makroökonomische Steuerungsgremium der BRICS ist der Prozess der Finanzminister und Zentralbankgouverneure (FMCBG). Bemerkenswerterweise ist dieser Arbeitsprozess (ein sog. Track) älter als die jährlichen Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs: Er trat erstmals im November 2008 in São Paulo zusammen, kurz vor dem G20-Gipfel, um eine Antwort der Schwellenländer auf die Finanzkrise der Wall Street zu koordinieren. Man könnte sagen, dass dies die Ursprünge der BRICS sind.
Der FMCBG, der im Konsens operiert und vom jährlich rotierenden Vorsitz (Markenzeichen der BRICS) geleitet wird, fungiert als mechanischer Kern der BRICS-Wirtschaftsdiplomatie. Sein Geltungsbereich umfasst vier Hauptfronten. Eine dieser Fronten ist die Koordination einer vereinten diplomatischen Lobbyarbeit für die Umverteilung von IWF- und Weltbankquoten, um das tatsächliche produktive Gewicht der Globalen Mehrheit widerzuspiegeln. Eine weitere ist die Aufsicht über die BRICS Payment Task Force (BPTF), die die technische Kompatibilität zwischen inländischen Zahlungssystemen untersucht, um grenzüberschreitende Zahlungen und Investitionen in nationalen Währungen zu erleichtern. Eine dritte Front dient als technisches Aufsichtsgremium, das sowohl die NDB als auch das CRA steuert.
Abgesehen von diesen Fronten bietet der FMCBG den BRICS eine Plattform, um den heutigen imperialen unilateralen wirtschaftlichen Zwang zu verurteilen. Unter Indiens Vorsitz im Jahr 2026 etwa sprach der Track Warnungen gegen unilaterale Zollerhebungen und extraterritoriale Finanzsanktionen aus.
Dies soll den FMCBG-Prozess keineswegs schmälern. Tatsächlich baut er weiterhin defensive Strukturen für die BRICS im Finanzbereich auf. Allerdings hat er eine strukturelle Obergrenze, die seine Kapazitäten für Verteidigung und Autonomie begrenzt.
Beispielsweise lässt sich hier der Wandel hin zum bilateralen Handel in Lokalwährungen anführen, der unter den BRICS-Mitgliedern echte Zugkraft gewonnen hat. Dieser Prozess spiegelt sich heute darin wider, dass Indien russische Energieimporte routinemäßig in Rupien und Dirham abwickelt, während der bilaterale sino-russische Handel mittlerweile überwiegend ohne westliche Währungen abgewickelt wird.
Gleichzeitig hat die NDB die Finanzierung in Lokalwährungen erhöht. Dies ist einer der Schlüsselprozesse der Entdollarisierung.
Auch wenn die Idee einer einheitlichen „BRICS-Währung“ 2022 von Russland und 2023 erneut von Brasilien ins Spiel gebracht wurde, um westliche Finanzsanktionen und das SWIFT-Netzwerk zu umgehen, haben mehrere Faktoren die Umsetzung ins Stocken geraten lassen – so z. B. die divergierenden Geldpolitiken und Inflationsprofile der Mitgliedsstaaten. Infolgedessen ist der FMCBG auf das praktikablere Ziel umgeschwenkt, inländische Massenzahlungssysteme (wie Brasiliens Pix und Indiens UPI) miteinander zu verknüpfen.
Es gibt jedoch noch grundlegendere Engpässe im FMCBG-Prozess. Dazu gehören nicht nur geopolitische Reibereien zwischen den Mitgliedsstaaten.
Ein Beispiel hierfür ist, dass sich Neu-Delhi möglicherweise gegen eine auf den Yuan ausgerichtete Regelung sträuben würde, da es nachdrücklich und oft die Vernetzung bestehender nationaler Zahlungssysteme befürwortet. Weiterhin fordert der FMCBG seit fast zwei Jahrzehnten eine Reform des IWF. Und immer noch verfügen die Vereinigten Staaten über eine entscheidende Sperrminorität. Ganz zu schweigen davon, dass der US-Dollar trotz der BRICS-Bemühungen zur Nutzung lokaler Währungen noch immer mehr als 50 Prozent der globalen über SWIFT abgewickelten Transaktionen beherrscht, während der chinesische Yuan bei unter vier Prozent verharrt.
Nicht zuletzt hat die Aufnahme sehr unterschiedlich ausgestatteter Volkswirtschaften – darunter Ägypten, der Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate – widersprüchliche außenpolitische Orientierungen, Petrodollar-Abhängigkeiten und makrofinanzielle Volatilitäten mit sich gebracht, was den Konsensprozess unweigerlich verlangsamt hat. Dies ist sicher einer der Faktoren, der zu breiteren, verwässerteren gemeinsamen Erklärungen führt.
Der FMCBG-Prozess wurde ursprünglich nicht dazu geschaffen, die US-geführte Finanzhegemonie zu schwächen. Aber die heutigen Zeiten hybrider Kriegsführung, eben auch im Finanzbereich, haben dazu geführt, dass der FMCBG-Prozess nun doch noch eine parallele Infrastruktur zur Absicherung aufbaut. Diese Infrastruktur ermöglicht es souveränen Staaten, einen Raum gegen den transatlantischen Finanzzwang zu schaffen, während sie notwendigerweise in den breiteren globalen Markt integriert bleiben. Aber eine Antwort auf den heutigen Wirtschaftskrieg bedarf mehr als nur der Koordination der Zentralbanken. Und auch hier haben die BRICS einen Unterbau aus wirtschaftlichen, zivilgesellschaftlichen und technischen Arbeitsgruppen und Mechanismen geschaffen.
Wirtschaft und Wissenschaft: Der Bau von Fluchtrouten
Wenn wir uns nun dem Bereich der Privatwirtschaft und der Bildung zuwenden, stellen wir fest, dass die Initiativen in diesen Bereichen in erster Linie dazu dienen, grenzüberschreitendes Vertrauen und praktische Konnektivität ohne westliche Vermittlung aufzubauen. Angefangen beim BRICS Business Council (BBC), der 2013 gegründet wurde, können wir ihn als den unternehmerischen Lobbyarm von BRICS verstehen. Der BBC (nicht der Sender!) arbeitet in neun Arbeitsgruppen, um die üblichen imperialen Lieferketten zu umgehen. Und er hat in dieser Hinsicht konkrete Erfolge erzielt.
Beispielsweise hat er den Datenaustausch im Zollwesen automatisiert und direkte Lieferkettenabkommen für Getreide und Düngemittel institutionalisiert, um die Mitglieder vor Sanktionen zu schützen. Die BRICS Women’s Business Alliance (WBA) wurde 2020 ins Leben gerufen. Die WBA betrachtet die wirtschaftliche Führungsrolle von Frauen als makroökonomischen Imperativ. Sie hat erfolgreich eine verifizierte digitale Netzwerkinfrastruktur für über 5.000 Unternehmerinnen aus 60 Ländern geschaffen – die es von Frauen geführten Firmen ermöglicht, schnelle, vertrauensvolle grenzüberschreitende Partnerschaften außerhalb des mehrschichtigen Käfigs zu bilden – und Inkubatoren gestartet, die Start-ups direkt mit Risikokapitalfonds aus dem Globalen Süden verbinden.
An der Bildungsfront wurde 2015 die BRICS Network University (BRICS-NU) formalisiert. Die BRICS-NU fungiert als Konsortium, das 178 Partneruniversitäten verbindet. Auch dieses Netzwerk hat Fortschritte beim Aufbau eines unabhängigen globalen BRICS-Universitätsrankings erzielt, um westliche akademische Metriken herauszufordern. Und ja, auch die Wissenschaft ist Teil dieses mehrschichtigen Käfigs, weshalb eine solche Bemühung von Bedeutung ist. Nichtsdestotrotz hat es sich schwergetan, aufgrund kollidierender nationaler Bildungsgesetze die Mobilität von Studierenden oder gemeinsame Abschlüsse zu ermöglichen.
Forschung und Zivilgesellschaft
BRICS nutzt intensiv staatlich unterstützte Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Netzwerke, um neue Strategien zu entwickeln und zur Reife zu bringen und die Idee eines demokratischen Multilateralismus zu verbreiten. Man könnte sagen, dies sei eine weitere Form der Diplomatie.
Ein etablierter Mechanismus in dieser Hinsicht ist der BRICS Think Tank Council (BTTC) sowie das dazugehörige Academic Forum. Der 2008/2009 entstandene und 2013 institutionalisierte BTTC dient als intellektueller Brutkasten des Bündnisses. Er generiert erfolgreich politische Rahmenwerke (wie etwa Strategien zur Abwicklung in Lokalwährungen), die die sogenannten Sherpas (darauf kommen wir später noch zu sprechen) schließlich in die offiziellen Erklärungen einweben.
Darüber hinaus hat er ein souveränes System von Fortschrittsindikatoren etabliert, um die Entwicklung der verschiedenen Mitgliedsstaaten anhand von Metriken zu bewerten, die unabhängig von westlichen Bewertungsmaßstäben für Regierungsführung und politische Entwicklung (sog. Governance-Indizes) sind.
Gleichermaßen versucht die Zivilgesellschaft, sich dem Einfluss westlicher Finanzierungsflüsse zu entziehen. Und hier haben die BRICS durch die im Jahr 2015 ins Leben gerufene Civil BRICS und das begleitende BRICS Civil Forum eine Struktur geschaffen, die die Entwicklung von Autonomie in diesem Bereich ermöglichen kann. Zudem funktioniert der Civil-BRICS-Mechanismus wie ein Beratungsgremium, das NGO-Empfehlungen auf offiziellen Kanälen weitergeben kann. Weiterhin entsteht hier eine transnationale Infrastruktur von Basisorganisationen, die nun über Ländergrenzen hinweg Strategien koordinieren können.
Regierungskoordination und technische Netzwerke
Die breite operative Maschinerie der BRICS liegt in ihren spezialisierten ministeriellen und technischen Netzwerken. Abseits des geopolitischen Rampenlichts konzentrieren sich diese Bürokraten der mittleren Ebene und Wissenschaftler auf Datenformatierung und logistische Effizienz. Sie haben eine bemerkenswerte informationelle Integration erreicht und die Konstellation von Fernerkundungssatelliten (zum Austausch souveräner Klima- und Katastrophendaten), ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für Impfstoffe sowie ein Rahmenwerk für Wettbewerbsbehörden (Competition Authorities Framework) etabliert. Dieser letzte Mechanismus ist so konzipiert, dass er den Mitgliedsstaaten die kollektive Hebelwirkung verleiht, um z.B. gegen westliche Tech-Monopole vorzugehen, während gleichzeitig kritische Sektoren wie Getreidewertschöpfungsketten erforscht werden, um „einheitliche Ansätze zur Antimonopolregulierung“ zu entwickeln.
Natürlich offenbaren diese eher technischen Netzwerke – die an der Oberfläche vielleicht weniger politisch erscheinen – auch eine der Grenzen des Bündnisses.
Zum einen weist BRICS ein Vertrauensdefizit auf, das physischer Natur ist. Was meine ich damit? Nun, die Mitgliedsstaaten teilen virtuelle Daten bereitwillig, aber Vorschläge, die physische Integration oder makroökonomisches Vertrauen erfordern, geraten routinemäßig ins Stocken. Zwei große, noch nicht realisierte Vorschläge veranschaulichen diese Obergrenze:
Die von Russland vorangetriebene Agrar-Getreidebörse der BRICS ist ein solcher unrealisierter Vorschlag. Diese vorgeschlagene Börse würde den US-Dollar umgehen und westlichen Zentren (wie Chicago und London) die Möglichkeit nehmen, globale Benchmarks für Lebensmittel festzulegen.
Obwohl die erweiterten BRICS-Staaten über die Hälfte der globalen Lebensmittelproduktion kontrollieren, bleibt die Initiative aufgrund interner Währungsstreitigkeiten (in welcher Währung wird der Handel bepreist?) und der Weigerung von Ländern wie Indien, den heimischen Agrarprotektionismus einem gemeinsamen multilateralen Markt zu überlassen, blockiert. Darüber hinaus wird der globale Getreidehandel fest im mehrschichtigen Käfig gehalten und ist vollständig auf maritime Transportversicherer, internationale Schiedsgerichte und Inspektionsbehörden mit Sitz in Europa und den USA angewiesen.
Da BRICS derzeit weder über eine integrierte gemeinsame Verrechnungsstelle noch über einheitliche Zertifizierungsstandards für Qualitätsstufen von Agrargütern in den Häfen der Mitgliedsländer verfügt, fehlt dem Forum die spezifische Architektur, die erforderlich ist, um eine souveräne Getreidebörse funktionsfähig zu machen. Mit anderen Worten: Gegenwärtig kann es diese Gitterstäbe des Käfigs nicht umgehen.
Ein weiterer bemerkenswerter, aber noch nicht realisierter Vorschlag ist ein einheitliches BRICS-Smart-Grid, basierend auf dem bereits etablierten BRICS Digital Centre of Excellence (DCoE) für intelligente Netze und Energiespeicherung. Dieser Vorschlag würde den BRICS ermöglichen, physische transnationale intelligente Netze sowie einen gemeinsamen strategischen Öl- und Gaspuffer aufzubauen. Es würde ein vollständig geschlossenes Energie-Ökosystem schaffen, das die weltgrößten Energieproduzenten (Russland, VAE, Iran) direkt mit den weltgrößten Energieverbrauchern (China, Indien) verbindet – auch wenn es im jetzigen Stadium erstmal um technischen Austausch, die Interoperabilität von Standards und freiwillige Pilotprojekte gehen wird. Dennoch könnten auch hier geopolitische Spannungen in den Vordergrund treten: Indiens kritische Prüfung chinesischer Ausrüstung für die Energieversorgung wäre ein solches potenzielles Hindernis für eine tiefere Infrastrukturintegration. Schließlich erfordert die physische Verbindung von Energienetzen ein immenses Maß an Vertrauen – ganz zu schweigen von den geopolitischen Infrastrukturanfälligkeiten, die ohnehin bestehen. Denn selbst wenn ein solches Energienetz mit Energiespeicherungskapazitäten aufgebaut würde, wer würde diese physische Infrastruktur schützen?
Die Sherpas und das Wesen von BRICS
Die eigentlichen Wächter über den Konsens und die Konstrukteure der Ambiguität der Deklarationen sind jedoch die Sherpas. Diese leitenden Regierungsdiplomaten, die seit 2011 tätig sind, bilden das ständige diplomatische Rückgrat der BRICS.
Sie beaufsichtigen jährlich Hunderte technischer Veranstaltungen, standardisieren Erweiterungskriterien und – was am wichtigsten ist – verfassen die abschließenden Gipfelkommuniqués. Die Sherpas zu verstehen ist der Schlüssel zum Verständnis des Wesens der BRICS selbst. Sherpas sind Meister der konstruktiven Ambiguität – sie entwerfen Texte, die es höchst unterschiedlichen Staaten ermöglichen, dasselbe Dokument zu unterzeichnen, ohne ihre souveränen Interessen zu kompromittieren. Sie arbeiten nach einem Konsensmodell, was bedeutet, dass die strategischen Rivalitäten des Bündnisses sie oft dazu zwingen, die Sprache auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu verwässern.
Interessanterweise weigert sich der Sherpa-Mechanismus, ein physisches Sekretariat einzurichten. Anders als die Europäische Union, die über einen zentralisierten Gerichtshof und eine Bürokratie mit all den dazugehörigen Konsequenzen verfügt, arbeitet BRICS nach dem Prinzip des „Präsidentschafts-Reset-Syndroms“. Das bedeutet, dass sich die Prioritäten mit jedem neuen jährlichen Vorsitz mehr oder weniger unvorhersehbar verschieben.
Obwohl dies manchen seltsam erscheinen mag, ist dieser Mangel an physischer und zentralisierter Struktur auf außenpolitischer Ebene eine bewusste Entscheidung. Das Fehlen eines Sekretariats verhindert, dass ein einzelner Mitgliedsstaat den administrativen Kern des Bündnisses politisch vereinnahmt. Auf diese Weise stellt BRICS sicher, dass es ein souveränitätswahrendes Forum bleibt. Schließlich könnte eine zentral handelnde Bürokratie die Souveränität eines Landes beschneiden. Und genau dieser Spagat zwischen der Ambition des Machbaren und dem Schutz der Souveränität jedes Landes führt uns vor Augen, dass die BRICS ein von inneren Widersprüchen getriebenes Zweckbündnis ist – auch wenn der heutige geopolitische Kontext ihn transformieren könnte. Dennoch können wir die Erklärung von Neu-Delhi nur dann besser einordnen, wenn wir diese institutionellen Fesseln anerkennen. Sie offenbart nämlich das, was momentan maximal machbar ist, wenn Staaten zwar den Käfig reformieren, aber ihre eigene Handlungsfreiheit nicht an ein gemeinsames Projekt abtreten wollen.
Ende Teil 1





