Der Pulitzer-Preis-Träger Sy Hersh findet harte Worte gegen Bush

Ein Artikel von:

Seymour Hersh vom „New Yorker“ hatte am letzten Wochenende das Symposium „Der ‚Krieg gegen den Terrorismus’: Wo wir stehen“, mit einer vernichtenden Kritik an Präsident George W. Bush und seiner Außenpolitik im Nahen Osten beendet.
Brigitta Huhnke hat einen Artikel aus der lokalen Tageszeitung „Tufts Chronicle“, in dem einige Positionen von Sy Hersh zusammengefasst sind, übersetzt und dazu eine Vorbemerkung verfasst.

Am letzten Januarwochenende fand an der Tufts Universität in Medford, Massachusetts eine hochkarätig besetztes Symposium zum Thema „The ‘War on Terrorism’: Where Do We Stand?” statt. An den Panels und Vorträgen beteiligten sich 25 ExpertInnen aus Wissenschaft, Politik und Journalismus. Im Auditorium saßen 400 TeilnehmerInnen, ProfessorInnen, Studierende, aber auch Angehörige des State and Defense Departments, sowie normale BürgerInnen.
Presseberichten zufolge scheint es dort einen generellen Konsens gegeben zu haben: Der gesamte Krieg gegen den Irak war von Anfang an falsch, katastrophal geführt und ist seit längerem mehr als vermasselt. Niemand der versammelten Rednerinnen und Redner hat dort die Position vertreten, es könne noch einen positiven Ausweg aus diesem Krieg geben, nur noch weitere Serien von furchtbaren Ereignissen sind zu erwarten. Das Konzept „Krieg gegen den Terror“ ist an sich schon mehr als fragwürdig, da Terrorismus eine Taktik ist, die von jeder x-beliebigen Gruppe ausgeübt werden kann, aber ein „Krieg“ gegen ein solches kriminelles Verhalten natürlich niemals gewonnen werden kann. Dieses Konstrukt macht jedoch „Sinn“, wenn die dahinter stehende fundamentalistische evangelikale Botschaft „verstanden“ wird, nämlich sich im „Endzeitkampf“ für Jesus Christus gegen den „Anti-Christen“ (früher Kommunismus, jetzt „der Islam“) zu befinden. Mit diesen wahnhaften Ideen sollten sich unseres Erachtens auch deutsche LeserInnen stärker auseinandersetzen. Auch in der Bundesrepublik, wenn auch noch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, gewinnen fundamentalistische, evangelikale Sekten bis in die EKD hinein an Einfluss. Auch die absurden Stellungnahmen seitens der Regierung im Fall des in Guantanamo fast fünf Jahre lang gefolterten Bremer Bürgers Murat Kurnaz, tragen bereits Diskursfragmente dieses evangelikalen Konstrukts vom „Krieg gegen den Terror“, die jedoch unserem säkularen Grundgesetz mit seinem unbedingten Folterverbot absolut widersprechen. Aber mit eben dieser „verrückten“ Argumentation, sollen sich nun auch deutsche Truppen in Afghanistan – auch dieser Krieg kann niemals gewonnen werden – stärker an direkten Angriffen beteiligen, obwohl auch deutsche Soldaten mit ihrer Bereitschaft, Tote zu schänden gezeigt haben. Auch bei uns sind zunehmend demokratische Verbindlichkeiten (im In- und Ausland) bedroht.

Mit einer offensichtlich sehr eindringlichen Rede von Seymour Hersh ging die Konferenz an der Universität Tufts am Sonntag zu Ende. Dieses Urgestein des investigativen US-Journalismus hat nicht nur die Folterungen in Abu Ghraib durch US-Soldaten 2004 publik gemacht und damit weltweit Abscheu über die Folterpraktiken in diesem völkerrechtswidrigen Krieg ausgelöst. Hersh war auch der erste renommierte Journalist, der schon früh und auf der Basis umfassender Recherchen und Fakten vor einem Angriff des Bush Regimes auf den Iran gewarnt hat. Konzentriert sind seine Recherchen in „The New Yorker“ vom 17. April 2006 nachzulesen. Mittlerweile besteht bei allen Gegnern der Bush Regierung kaum noch Hoffnung, Bush könne davon lassen, nun auch seine wahnsinnige Mission vom „Krieg gegen den Terror“ gegen den Iran zu exekutieren. Es folgt die Übersetzung (Brigitta Huhnke) eines Artikels aus der lokalen Tageszeitung „Tufts Chronicle“, in dem einige Positionen von Sy Hersh zusammengefasst sind. Was auffällt, ist die Trauer und Ratlosigkeit (auch über die Opfer auf der Täterseite) eines überaus verdienstvollen Kollegen, der sich sein ganzes Leben lang um demokratische Positionen und Aufklärung auch anderer US-Kriegsverbrechen verdient gemacht hat.

Der Journalist Sy Hersh findet harte Worte gegen Bush

Mittwoch, 31. Januar 2007-02-01

Von Kat Schmidt

„Tatsache ist, wir haben eine Regierung, die tut, was sie in den nächsten zwei Jahren zu tun gedenkt“, sagt er. „Das Schlimmste kommt noch. Es ist so als ob wir notwendigerweise machtlos sind [und] das einfach ausspielen.“

01/31/07 “Tufts Daily”

Seymour Hersh vom „New Yorker“ hatte am letzten Wochenende das Symposium „Der ‚Krieg gegen den Terrorismus’: Wo wir stehen“, mit einer vernichtenden Kritik an Präsident George W. Bush und seiner Außenpolitik im Nahen Osten beendet.

„Tatsache ist, wir haben eine Regierung, die tut, was sie in den nächsten zwei Jahren zu tun gedenkt“, sagte er. „Das Schlimmste kommt noch. Es ist so als ob wir notwendigerweise machtlos sind [und] das einfach ausspielen.“

Einer der ersten Namen, der für den amerikanischen investigativen Journalismus steht: Hersh hat den Pulitzer Preis für seine Berichterstattung über das My Lai Massaker von 1968 verliehen bekommen und war daran beteiligt, die Geschichte über die US Misshandlungen im US Gefängnis von Abu Ghraib an die Öffentlichkeit zu bringen. An der Tufts (Universität) hatte er zuvor 2004, über den Irak gesprochen und 1988 (hier) über die Iran-Contra Affäre.

Am Freitag sprach Hersh lange über die Ambitionen der Regierung mit der Bedrohung eines nuklearen Iran umzugehen, über seine Recherchen zu „Die Iran Pläne: Wird Präsident Bush in den Krieg ziehen, um Teheran zu stoppen, die Bombe zu bekommen“, publiziert im New Yorker am 17. April 2006.

Er sagte, dass Bush und (seine) Top Berater weitgehend den militärischen Geheimdienst ignorieren, der sie über Irans nukleares Programm in Kenntnis gesetzt hat.

”Was immer auch der Iran hat, das haben sie uns gezeigt, sie haben es der I.A.E.A. (International Atomic Energy Agency) gezeigt“, sagte er.

Der Artikel (von Hersh im New Yorker) behauptete – überwiegend gänzlich fußend auf anonymen Quellen aus dem Inneren der Regierung – dass die Vereinigten Staaten damit begonnen haben, Pläne für einen Luftangriff gegen iranische Nuklearanlagen auszuarbeiten und sie zogen (damals schon) ebenfalls einen nuklearen Erstschlag in Betracht, Behauptungen, die die Regierung (dann, in der Reaktion auf den Artikel) geleugnet hat.

”Es dürfte so weit kommen, dass der Präsident eine Anordnung erlässt, dass das Militär es ausführen wird”, sagte Hersh. “Es würde zerstörerisch sein, aber es dürfte dazu kommen. Ich fürchte, dass er tun wird, was er tun will.”

Gleichzeitig, wie auch immer, sagte er, deren Glaube an die Mission ist ernsthaft.

“Was (das Weiße Haus) es nun tut, hat nichts mit der Region zu tun, es geht um uns, Amerika zu beschützen. Das glauben sie wirklich. Sie sagen, Wir schützen Euch, wir tun das für Euch“, sagte Hersh.

Er (Hersh) hat ausgeführt, dass Bush seine Mission als zeitgemäß und angemessen sieht, obwohl internationale Quellen schätzen, dass der Iran noch Jahre davon entfernt ist, eine nukleare Bombe entwickeln zu können.

Mohamed ElBaradei, Generaldirektor der I.A.E.A., sagte am Freitag, dass der Iran noch drei bis acht Jahre davon entfernt ist, überhaupt in der Lage zu sein, eine Atombombe zu bauen, wie die Agence France-Presse berichtet.

“Er ist total radikal, wahrscheinlich der radikalste Präsident, den wir je gehabt haben, bezogen auf seine Definition, die Macht der Präsidentschaft betreffend”, sagte er. Da gibt es nichts Gefährlicheres als einen Radikalen, der keine Fakten hat, nichts aus Fakten und nichts aus der Vergangenheit lernt.“

Der Radikalismus, sagte er, hat gefährliche Implikationen. „Das ist ein Typ, der das Büro mit gesäuberten Büchern zum Iran verlassen will“, sagte er über Bush.

Nichts davon bedeutet, dass es schon passiert”, erzählte er dem verstummten Publikum. „Es könnte unter Gates (dem gegenwärtigen Verteidigungsminister) sein, besser verlaufen, aber wir müssen warten und schauen.“

Hersh wies darauf hin, nicht einmal die negative Presseberichterstattung habe die Aktivitäten der Regierung gebremst. „Sie könnten sich nicht weniger um das scheren, was wir schreiben. Sie sind immun, unbeeindruckt gegenüber dem, was die New York Times schreibt oder der New Yorker”, sagte er.

Weiter, mit Rückblick auf den Krieg, sagte er, die vierte Kraft (die Medien) hätte härter Druck auf die Regierung, die Erkenntnisse des Geheimdienst den Irak betreffend, ausüben sollen. „Wir in der Presse haben wirklich Ihnen gegenüber versagt”, sagte er. „Wir haben die moralische (Geschichte) Dimension versäumt. Wir alle haben das versäumt.”

Während seiner Äußerungen war Hersh vorsichtig genug, seine Kritik auf die Politik den Krieg betreffend zu begrenzen, nicht Kritik an den Menschen oder an der Kapazität der bewaffneten Kräfte zu üben. „Wir haben Typen bekommen, die in der Tat gelernt haben, Guerilla Kriege zu führen”, sagte er.

„Ich fühle wirklich mit unseren jungen Leuten – die jungen Leute, die wir geschickt haben, sind genauso Opfer (wie Bürger)”, sagte er später in seiner Rede.

Hersh berichtete ebenfalls über seine Einblicke als Reporter, auch über seine Rolle, die Ereignisse Abu Ghraib betreffend.

Als er an der Abu Ghraib Geschichte dran gewesen sei, habe eine junge Frau Kontakt zu ihm gesucht. Eines ihrer Familienmitglieder war gerade aus dem Irak zurückgekehrt – sehr verändert.

”Die Soldatin war völlig verändert: Mürrisch, in sich zurückgezogen, klinisch-depressiv. Sie hat ihre Familie verlassen, ihren Ehemann”, hat deren Verwandte Hersh berichtet.

In einem Interview mit Hersh, erinnerte sich diese Verwandte, dass diese Soldatin einen beweglichen Computer für Spiele und Filme mit in den Irak genommen hatte, aber jetzt, nach der Rückkehr in die USA, für andere zum Gebrauch zurückgelassen hatte.

Bei Untersuchung der Festplatte fand sich ein Ordner “Irak”, der Bilder eines arabischen Gefangenen enthielt: nackt, die Hände in die Luft gehalten. In der Bilderfolge ist zu sehen, wie er von Hunden attackiert wird.

Es ist blutig und jenseits dessen, was vorstellbar ist”, sagte Hersh

Die Verwandte hatte, einige Monate nach diesen Fakten, für Hersh noch eine weitere Erkenntnis über die Soldatin.

„Ich habe Ihnen eines nicht erzählt”, sagte die Frau zu ihm (Hersh), “(Sie, die ehemalige Soldatin) ist dann weggegangen, um allein zu leben (und) an jedem Wochenende hat sie sich Tätowierungen machen lassen. Sie hat alles übersät damit, ihren Körper, ihr Gesicht. Es war so, als wollte sie versuchen, ihre Haut zu verändern.“

Sie werden es nicht glauben, was in den nächsten Jahren mit den zurückkommenden Veteranen passieren wird”, sagte Hersh.

© Copyright 2007 Tufts Daily

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