Nachtrag zu „Setzt die Politik die richtigen Prioritäten?“

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Der NDS-Leser Thomas Haug hat die in meinem Beitrag skizzierten Probleme, die aus der Entsolidarisierung und Spaltung unserer Gesellschaft folgen, mit Fakten aus seiner praktischer Erfahrung in einer baden-württembergischen Gemeinde angereichert. Lesenswert.

Thomas Haug an AM, NachDenkSeiten:

Als treuer Leser Ihrer Seiten (die ich über meine Mailsignatur auch weiterempfehle, s.u.), kann ich Ihren, im Artikel “Setzt die Politik die richtigen Prioritäten? Und warum nicht?” vom 18. April 2007 geschilderten Beobachtungen nur beipflichten.

Insbesondere der Punkt 2 “Die Folgen der Entsolidarisierung und Spaltung unserer Gesellschaft.” macht mir große Sorgen, da ein zerstörtes “Miteinander” nur sehr schwer zu restaurieren sein dürfte. Gesetze kann man, wenn man dazu willens ist, wieder abschaffen oder ändern, soziale Strukturen müssen jedoch über Jahre/Jahrzehnte wachsen und sind, einmal zerstört, nur schwer wieder aufzubauen.

Ich selbst erfahre als Vorsitzender eines Musikvereins immer wieder völliges Unverständnis gerade auch von den “Jungen” im Verein, wenn Gemeinschaftsaufgaben anstehen und eine Arbeitseinteilung hierfür erstellt werden soll. Es bedarf hier immer wieder umfangreicher Erklärungen, vor allem eben an die jungen Vereinsmitglieder, warum denn nun ausgerechnet sie mithelfen sollen. Sie verstehen dann zwar irgendwann, dass SIE eben der “Verein” sind und dass es ohne sie nicht geht, doch allein die Tatsache, dies erklären zu müssen, zeigt, wie wenig soziales Denken heute noch gepflegt und gefördert wird. (Nebenbei: die kritischen Anmerkungen sind nicht als Kritik an der Jugend sondern an der so gemachten Entsolidarisierung gemeint.)

In der Vereinsarbeit stelle ich allgemein immer stärker fest, wie sich die Umsetzung gewisser “Reformen” im Schulbereich auswirkt, da es uns immer größere Probleme bereitet, trotz vielfältiger Angebote Nachwuchs für den Verein zu finden. Das geht, lt. Aussage befreundeter Vereinsvorsitzender aus anderen Vereinen, diesen genauso, dürfte also ein allgemeines Problem sein.

Wir erhalten von Eltern immer häufiger die Aussage, dass ihr Kind zwar gerne Musik machen würde, aber bereits jetzt mit Hausaufgaben und sonstigen schulischen und außerschulischen Aktivitäten total ausgelastet sei. Je älter die Kinder sind, desto schwieriger wird das Ganze, da dann noch mehrere Nachmittags-Schultage pro Woche hinzukommen. Kein Wunder, wenn der Stoff von 13 Schuljahren in 12 Jahren mit immer weniger Lehrpersonal durchgezogen werden muss.
Wenn dann noch die Ganztagsschule kommt, hat man als Verein nur noch dann eine Chance, überhaupt Nachwuchs und die Zeit, diesen auszubilden, zu finden, wenn man sich an dieser Ganztagsschule mit eigenen Angeboten
beteiligt und selbst den Musikunterricht in der Schule anbietet. Die Schulen sind dafür äußerst dankbar, da zumindest die Schulen, mit denen ich gelegentlich zu tun habe, laut Aussage einiger Lehrer noch überhaupt nicht wissen, wie sie die Schüler nachmittags mit dem vorhandenen Lehrpersonal sinnvoll betreuen sollen.
Somit wird sich über kurz oder lang die Situation ergeben, dass pädagogisch nicht geschultes Personal, das auch nicht im Auftrag der Schule tätig ist, unentgeltlich oder fremdfinanziert einen Teil des Schulunterrichts abhält.

Auch hier trifft wieder die neoliberale Maxime “Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren” zu: Der “Gewinn” für die Wirtschaft kommt in der Form von streßerprobten, jungen (=billigen) und willfährigen Arbeitskräften aus den Schulen/Hochschulen, die angesichts des dahinsiechenden Arbeitsmarktes erst einmal froh sind, überhaupt einen Job zu finden. Diese lernen in den Schulen/Hochschulen nur noch das, was ökonomisch sinnvoll ist und “verwurstet” werden kann. Wer unter diesen Voraussetzungen dann auch noch gute Noten mitbringt, kann getrost eingestellt werden, denn alle, die diesem Tempo nicht folgen können, landen schon vorher auf dem “Abstellgleis Hauptschule”.

Der Verlust zeigt sich auf verschiedenen Ebenen:

  1. Die “Qualität” der Schulabgänger verschlechtert sich, da immer mehr Stoff in immer weniger Zeit vermittelt wird. Durch die auf Grund des größeren Drucks entstehenden schlechteren Notenschnitte haben
    interessierte Kreise dann auch gleich gute Argumente, weitere “Reformen” zu fordern, die natürlich nur das Ziel der Ökonomisierung der Bildung haben, die Qualität interessiert nicht. Durch diese “Reformen” wird die Zukunftsfähigkeit und der soziale Zusammenhalt Deutschlands nicht gestärkt, sondern aus kurzfristigem Profitdenken heraus nachhaltig ge- und zerstört.
  2. Das Gemeinschaftsleben, das nun mal gerade im ländlichen Bereich von Vereinen geprägt ist, leidet immer mehr unter den gestreßten Jugendlichen, da sie in der wenigen Freizeit, die ihnen noch verbleibt, nicht auch noch eine weitere “Verpflichtung” auf sich nehmen wollen. So geht der Trend zur “Individualisierung” weiter, die Menschen werden immer mehr nur noch Arbeitskräfte und Konsumenten, die persönliche Kreativität und soziales Engagement bleiben auf der Strecke.

Wir als gemeinnütziger Verein, der im günstigsten Fall (sehr selten) die Jugendausbildung kostendeckend betreibt, konkurrieren mittlerweile mit professionellen, privaten Musikschulen, die Kindern bereits im Kleinkindalter (lt. Homepage eines Anbieters aus meiner Region ab einem Alter von 4 Monaten) zu ihren ersten musikalischen Erfahrungen verhelfen.
Es mag sein, dass das sinnvoll ist, doch was ist das eigentliche Ziel dieser Aktion? – Natürlich, Kinder frühestmöglich an einen Anbieter zu binden, um auf Jahre hinaus die Unterrichtsgebühren von den Eltern kassieren zu können. Später landen die Kinder dann im Einzel- oder Kleinstgruppenunterricht und die meisten davon sind für die kulturell
tätigen Vereine erst mal verloren.

Ich persönlich kann nur hoffen, dass die Menschen endlich aufwachen und ihrem Ärger Luft machen, bevor es zu spät ist und die Strukturen unseres sozialen Zusammenlebens vollends zerstört sind. Dass es schwer ist, sich der medialen Gehirnwäsche zu entziehen, steht außer Frage. Gerade junge Menschen, die durch die Schulen nicht nur (aus-)gebildet, sondern eben auch “geformt” werden, haben dieser Indoktrination noch keine Lebenserfahrung entgegenzusetzen. Für sie sind Lehrer Vertrauenspersonen.
Diese sind oft leider nicht in der Lage dazu, den wahren Hintergrund einer kostenlosen Unterlage zur Unterrichtsgestaltung von irgendeinem Institut oder einer Stiftung zu erkennen (die ja oft genug sogar über die
Schulämter verteilt werden) und setzen diese ohne eine kritische Würdigung deren Inhaltes im Unterricht ein.

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