Rezension: Wolfgang Bittner: Südlich von mir. Gedichte

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Wolfgang Bittner ist ein in den NachDenkSeiten immer wieder präsenter Autor. Erst kürzlich hat er das Sachbuch „Die Eroberung Europas durch die USA“ (2014) zu Hintergründen der Ukraine-Krise veröffentlicht (siehe Rezension vom 05.11.2014). Zwei Jahre zuvor erschien der politische Roman „Hellers allmähliche Heimkehr“ (siehe Rezension vom 28.03.2013). Dass Bittner auch Gedichte schreibt, spricht für seine publizistisch-literarische Vielseitigkeit. Und dass er in dem Lyrikband „Südlich von mir“ (2014) so ganz anders von Griechenland spricht, als wir es dieser Tage etwa durch die „Institutionen“ über uns ergehen lassen müssen, spendet etwas Trost in den finsteren Zeiten, in denen wir leben (frei nach B. Brecht). Von Petra Frerichs.

Von Haus aus promovierter Jurist, hat der Schriftsteller Wolfgang Bittner bis heute ein stattliches Gesamtwerk von mehr als 60 Büchern vorgelegt und sich in den Sparten der Kinder- und Jugendliteratur ebenso einen Namen gemacht wie als Autor von Romanen, Erzählungen, Gedichten, Essays und Sachbüchern. Zuletzt erschien 2014 der hier besprochene Gedichtband – es ist seit „Probealarm“ (1977) bereits sein achter in Folge. Das breite Spektrum, in dem Bittner publiziert, hat zur Gemeinsamkeit, dass es aus der Feder eines politisch denkenden Humanisten stammt. Und diese Humanität in Verbindung mit einer eher skeptischen Weltsicht macht ihn empfänglich sowohl für Gesellschafts- und Zivilisationskritik als auch für die Wahrnehmung der Wunder des Lebens. In seinen Gedichten scheint auf, was von hoch sensiblen Rezeptoren aufgespürt und verarbeitet wurde. Sie umfassen Sujets von der Naturbeobachtung bis zum Krieg und sind in sieben thematische Blöcken gruppiert: In „Südlich“ finden sich Gedichte übers Reisen in südlichen Gefilden, allen voran Griechenland, Rhodos, mit Natur- und Gartenmotiven – stellenweise so schön, dass man sofort die Koffern packen möchte, um dem beschriebenen nächtlichen Gesang der Zikaden mit lauschen zu können. Unter „Dortzulande“ kommen die Kehrseiten zur verdichteten Sprache: der Tourismus als entfremdetes wie entfremdendes Massenphänomen (z.B. „Invasion“), in dem die Kameras und Smartphones die unmittelbare Landschafts- und Naturerfahrung verdrängt zu haben scheinen. Nicht nur in Griechenland, versteht sich. Im Gedicht „Rattenrennen“ heißt es hierzu (auszugsweise):


Im Café, im Restaurant,
sitzen sie vor ihren Smartphones,
selbstverloren tippen oder telefonieren sie
als winke ihnen irgendwo im Nirgendwo
das Paradies,
die Erfüllung allen Begehrens.
Kein Blick für ihr Gegenüber,
kein vertrautes Wort.

Dann aber gedenkt Wolfgang Bittner wieder „seines“ Griechenlands als historischem, mythologischem und gegenwärtigen Ort und versöhnt oder verwöhnt uns im Gedicht „Dortzulande“ mit Oliven, Wein, Feigen und Kapernbüschen. Hier zeigt sich der Dichter auch als sinnenfroher Genießer, der sich an dem Geruch und Geschmack der Früchte ebenso ergötzen kann wie an den Farben des Südens im Sommer: „dieses sehnsuchtsblaue Meer“ macht ihn wahrlich zum Romantiker.

In den weiteren Abschnitten mit den Titeln „Gesang im Sommer“, „Nebelmond“, „Nie wieder“, „Treibhaus“ und „Nördlich“ behandelt Bittner solche Themen wie Alltagsbeobachtungen hierzulande, Naturerfahrungen, Reflexionen, die über die sinnliche Wahrnehmung hinausweisen, Disharmonisches bis zur eigenen Endlichkeit, also den Tod, den Krieg, als Kind erlebt und die Kriege von heute (für Bittner, den entschiedenen Kriegsgegner, ist der Krieg die „ultima irratio“), über das Schreiben und den Literaturbetrieb und schließlich kritische Betrachtungen über die aktuelle „Völkerkunde“ („Jeder sich selbst der nächste, /einer der Feind des anderen“), aber auch Anklänge an die nordische Mythologie.

Mit Bedacht ist die Anordnung der Gedichteinheiten erfolgt. Ganz grob gesagt geht es vom Hellen zum Dunklen, vom Harmonischen zur Disharmonie bis zur Katastrophe, von Natur, Landschaft, Kultur zu ihren desaströsen Zerstörungen, von Süden nach Norden, von der Wärme in die Kälte. Allerdings bei weitem nicht klischeehaft und eindimensional, sondern immer wieder „gebrochen“, etwa durch eine überraschende Wendung wie im Gedicht „Nebelmond“:

In der Fußgängerzone
Keine Fußgänger,
der Himmel kalt,
die Zweige kahl,
ein Bettler.

Der halbe Mond,
ein Licht
am Ende der Straße,
und jemand sagt: „Du
wärmst mir das Herz.“

Mit sprachlichen Überblendungen, dem Wechsel der Sinnebenen (etwa durch ein überraschendes Verb) oder dem Wechsel der Grundstimmung (von Traurigkeit zum Purzelbaum Schlagen) gelingt es Bittner, seine Natur-, Landschafts- und sozialen Beobachtungen mit Reflexionen zu versehen, die überschüssige Sinngehalte vermitteln und jeglicher Verklärung oder der Idylle vorbeugen. Dafür ein letztes Beispiel mit dem Gedicht „Ahornbaum“:

Drei rosa Wolken
zieh’n am abendlauen
Himmel überm Ahornbaum,
und in der Ferne
dämmern blau die Berge,
weit weg, so weit –
wir schauen
in diese kalte Welt hinein
aus unserm Kindertraum.
Wir sind die späten Märchenzwerge,
wir spucken eine Zwetschenstein
von unserem Balkon
herab auf alles –
und auf unsre Illusion.

Ein Gedicht, das auch Bittners Sinn für Rhythmik und Metrik in den Versen aufzeigt. Der Band endet fulminant mit einer Art Vermächtnis, in dem Bittner vielleicht seine geronnene Lebenserfahrung weitergeben möchte; hier heißt es zum Schluss:

Schwimme nicht mit dem Schwarm, er führt dich ins
Netz. Lies Gedichte, bleibe empfindsam, hilf dir selbst,
lebe zeitlos, meditiere die Unendlichkeit.
Vertraue nicht auf deine Kinder, warte nicht auf deine
Enkel, es geht um Erkenntnis, es geht um Liebe, lass
dich nicht kaufen, sei Mensch, bleib bei dir.

Wolfgang Bittner: Südlich von mir. Gedichte, München 2014, Lyrik Edition 2000, 113 S., 12,50 Euro

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