Die Wirtschaft kann alles besser oder der Größenwahn der privaten Elitehochschulen. Die Berliner ESMT ein grandioser Flop?

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Warum entpuppen sich die bombastischen Ankündigungen über die von der Wirtschaft gesponserten „Spitzenhochschulen“ immer wieder als Größenwahn? Die Gründe sind: Die staatlichen Hochschulen sind zu gut. Kein noch so karrieresüchtiger Student gibt teures Geld aus, wenn er an den staatlichen Hochschulen eine vergleichbare Leistung bekommt. Kein Unternehmen steckt auf Dauer Geld in eine Ausbildung, wenn die Gefahr besteht, dass die Ausgebildeten zum Konkurrenten abwandern.
Ein Strategiewechsel zeichnet sich ab: Durch unmittelbare Einflussnahme auf die Hochschulpolitik und die Hochschulen lassen sich die Interessen der Wirtschaft flächendeckender und kostengünstiger durchsetzen als durch die langfristige Finanzierung von wenigen privaten Hochschulen. Die Ausbreitung der neoklassischen Lehrmeinungen an den deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten beweist den durchschlagenden Erfolg dieser Strategie.

Private Hochschulen – minimaler Anteil, maximale Öffentlichkeitsarbeit

In Deutschland gibt es laut dem neuesten Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz 88 staatliche, 16 kirchliche, überwiegend staatlich finanzierte und 15 private staatlich anerkannte Universitäten. Von den insgesamt 1.361.951 Studierenden an wissenschaftlichen Hochschulen (also ohne Fachhochschulen) studieren 6.904 an privaten Hochschulen, das sind gerade mal ein halbes Prozent. Berücksichtigt man noch, dass unter den privaten auch solche Hochschulen sind, die von wohltätigen Organisationen getragen werden, bleibt nur noch ein verschwindend kleiner Teil von Studierenden übrig, der an den überwiegend von der Wirtschaft getragenen wissenschaftlichen Hochschulen studiert. Selbst wenn man nur die Studierenden der Wirtschaftswissenschaften nimmt – denn die meisten dieser privaten Universitäten bilden ausschließlich Betriebswirte aus -, dürfte der Anteil der an privaten „Schools“ Studierenden allenfalls zwischen 1 und 2 Prozent – eher aber niedriger – liegen.

Blättert man jedoch die Wissenschaftsseiten der Tages- oder Wochenzeitungen und vor allem der Wirtschaftszeitungen durch, so muss man den Eindruck gewinnen, dass die von der Wirtschaft getragenen „Business“ oder „Management Schools“ nicht nur geradezu wie Pilze aus dem Boden schießen, sondern mehr noch, dass an ihnen das deutsche Hochschulwesen wieder genesen werde.

Kein Wunder: Über die staatlichen Hochschulen hört man seit Jahrzehnten nicht viel anderes, als dass sie „Mittelmaß“, „im Kern verrottet“ (Peter Glotz), „mit dem Latein am Ende“ (SPIEGEL) oder einfach „krank“ sind.
Wahre Jubelberichte hingegen kann man immer wieder über solche Hochschulen lesen, die sich gerne mit modernen englischen Kürzeln schmücken, wie E.A.P für European School of Management (Berlin), IUB für International University of Bremen, IU für International University in Germany (Bruchsal), BLS für Bucerius Law School (Hamburg), GISM für German international School of Management and Administration (Hannover), EBS für European Business School (Oestrich-Winkel) oder ESMT für European School of Management and Technology (Berlin).
Wenn man der überwiegenden Berichterstattung über diese im Laufe der letzten zehn Jahre gegründeten Hochschulen und vor allem den hochschuleigenen Werbebroschüren Glauben schenkt, dann kann man nur noch an Hölderlin denken und den Eindruck gewinnen, dass von diesen selbst ernannten „Elite“-Hochschulen endlich „das Rettende naht“.

Das Beispiel der ESMT Berlin

Eine besonders feine Hochschul-Adresse sollte die European School of Management and Technology (ESMT) werden. Wie bei all diesen „Schools“ wird natürlich nur auf Englisch gelehrt; deshalb gelten sie von vornherein als „international“, mindestens aber „european“. Die ESMT wurde sogleich als „Super-Business-School“ gehandelt, als „Schule mit globalem Anspruch und einem europäischen Geist im Herzen Europas“. An dieser Managerschule geht es nicht nur um ein Studium oder um wissenschaftliche Weiterbildung für einen ordentlichen akademischen Beruf – nein, es geht um „Learning for Leading“. Ziel der Ausbildung in der ESMT ist nicht etwa nur die Befähigung zu selbständigem wissenschaftlichen Arbeiten, nein, der „klare Schwerpunkt ist Leadership“ oder wenigstens „Career Transition“. Dort sollen auch nicht mehr mittelalterlich anmutende „Seminare“, sondern „executive education programs“ angeboten werden. Studienpläne werden zu „Open Enrollment-Programs“ und Studiengänge werden nach „degree programs“ unterschieden. So heißt es, für jedermann nachlesbar, im Internet-Auftritt der ESMT.

Natürlich gehört zu dem „path to leadership“ das passende bauliche Ambiente. Dafür war in München die Wappenhalle im ehemaligen Flughafengebäude Riem, im Rheinland das Schloss Gracht bei Erftstadt und als „Headquarter“ und „the futur esmt campus“ das frühere Staatsratsgebäude auf der Museumsinsel in Berlin-Mitte gerade gut genug. “Früher wurden dort Eliten für die DDR ausgebildet, heute für die Weltpolitik. Wir bewegen uns also immer vorwärts, der Zukunft zugewandt”, merkte dazu der Berliner Wissenschaftssenator Thomas Flierl – gewollt oder ungewollt – ironisch an.

Die Crème de la Crème der deutschen Wirtschaft hat sich als Stifter eines „deutschen Harvard“ zusammengefunden. Im „Foundation Board“ sitzen Top-Manager: Dr. Henning Schulte-Noelle (Chairmann of th Supervisory Board of Allianz AG), Dr. Rolf Breuer (Chairman of th Supervisory Board of Deutsche Bank AG), Dr. Ulrich Hartmann (Chairman of the Supervisory Board of E.ON AG), Prof. Jürgen E. Schrempp (Chairman of the Management Board of DaimlerChrysler AG). Zu den weiteren 25 Top-Unternehmen, die diese Top-Elite-Einrichtung tragen, gehören noch die Siemens AG, die Lufthansa, BMW, die Hertie-Stiftung, die Deutsche Telekom, der Axel Springer Verlag, die Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG, die Bundesvereinigung der Deutschen Industrie e.V., die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände e.V., die Deutsche Post WorldNet AG, EADS N.V., die KPMG Deutsche Treuhand-Gesellschaft, die MAN AG, McKinsey&Company Inc., die Münchner Rückversicherungs AG, die Robert Bosch GmbH, die Ruhrgas AG, die RWE AG, die SAP AG, die Schering AG und The Boston Consulting Group GmbH.
Dr. Gerhard Cromme (Chairman of the Supervisory Board of ThyssenKrupp AG) hat den Vorsitz im Supervisory Board der ESMT inne.

Eindrucksvoller, größer, globaler, mit größerer ökonomischer Potenz geht es jedenfalls in Deutschland kaum noch, um eine Hochschule aufzubauen, die den Ansprüchen unserer Global Player endlich entspricht und die in der Weltliga mitspielen kann.

50.000 € Studiengebühr p.a. – Zum Welterfolg fehlen nur noch die Studenten

Und weil ja nichts wert ist, was nichts kostet, müssen die Studierenden dieser „bedeutendsten Lehr- und Forschungseinrichtung auf dem Kontinent“ es sich schon was kosten lassen, um zu den „High Potentials“ aufzusteigen, nämlich 50.000 Euro im Jahr. Das ist mehr, als in Stanford oder Harvard an Studiengebühren auf den Tisch geblättert werden muss, viel mehr als an der London School of Economics und sehr viel mehr als an der renommierten Uni St. Gallen.

Zum absoluten Welterfolg fehlt dieser Elite-Hochschule eigentlich nur noch eine winzige Kleinigkeit: Es fehlen die Studierenden. Zwar gab es in München und Köln seit 2002 für rund 750 Führungskräfte einige Seminarprogramme, aber ein erster MBA-Studiengang ist – obwohl die Hochschule seit November 2001 Schlagzeilen macht und die Berliner Gründung mit allem Pomp im Beisein des Bundespräsidenten schon im Oktober 2002 gefeiert wurde – nach mehrfachem Hinausschieben erst für Januar 2006 mit 30 bis 50 Teilnehmern angekündigt worden.
Wenn es denn dazu kommt!
Denn SPIEGEL ONLINE meldet am 28. Mai 2005 unter der Überschrift „Studienabbruch des ESMT- Präsidenten“, dass der Chef des Management Boards, der britische Professor für Strategie und Marketing Derek F. Abell, sein Amt aufgibt. Sein Traum vom Aufbau eines „Harvard an der Spree“ scheint wohl geplatzt zu sein; vielleicht muss er auch den Sündenbock für die Pannenserie beim Aufbau spielen.
Hinter den groß gefeierten „Milestones“ des ESMT verbergen sich nämlich eine Serie von Peinlichkeiten.

Die Gründungsphase

  • Das begann schon mit der Renovierung des Staatsratsgebäudes. Das Land Berlin muss zwar bei seinen staatlichen Hochschulen Beträge in dreistelliger Millionenhöhe einsparen und massiv Studienplätze abbauen (von derzeit 135.000 Studierenden auf 85.000), aber für die wenigen erlesenen Elite-Studenten hatte der Senat immer noch 24 Millionen Euro übrig. Berlin kaufte das Staatsratsgebäude vom Bund, um es der ESMT kostenlos und mietfrei zu überlassen. Aber schon die geschätzten Sanierungskosten von mehr als 25 Millionen Euro waren den unternehmerischen Stiftern offenbar zu viel. Erst nach öffentlichem Protest gab der Aufsichtsratsvorsitzende Cromme seine Forderung auf, dass die Herrichtung des Gebäudes Aufgabe des Eigentümers, also des Landes Berlin sei. Eine ziemlich undurchschaubare Zwischenfinanzierung über Immobilienfonds musste gefunden werden.
  • Eine Spitzenhochschule braucht aber nicht nur schicke Gebäude, sondern vor allem Spitzenpersonal. Von 30, ja sogar von 60 Wissenschaftlern mit internationalem Ruf und weiteren 20 Gastprofessoren war ursprünglich die Rede. Im Oktober 2003 hielt der ESMT-Präsident nur noch 20 Vollzeitprofessuren für ein MBA-Vollstudium für nötig. Inzwischen müssen noch weniger ausreichen; gestartet werden soll mit 10 Dozenten, darunter sind inklusive Präsident und Dekan Wulff Plinke – sage und schreibe – sechs Professoren. Drei davon sollen aus Ungarn, Mexiko und Russland kommen. Einer der auserwählten Spitzenforscher muss aber zuvor noch die erste wissenschaftliche Hürde – seine Promotion – überwinden, bevor er zum Elite-Hochschullehrer werden kann. Allerdings sind sich auch die auserwählten Professoren noch nicht sicher, ob sie kommen wollen, laut SPIEGEL haben sie bisher nur eine Absichtserklärung unterschrieben. „Ob das reicht, um MBA-Kandidaten aus aller Welt zu überzeugen“ fragt Bärbel Schwertfeger im Unispiegel vom 13. April 2005 nicht ganz zu unrecht. Über jeden wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereich mit einer so kleinen Zahl von Professoren an der kleinsten staatlichen Hochschule würde die Zunft nur hohnlachen.
  • Auch das Stiftungskapital von ursprünglich geplanten 100 Millionen Euro brachten die Konzerne bisher nicht zusammen. Das EMFT spricht derzeit von einer „zugesagten Kapitalausstattung von 78 Millionen Euro“. Das wären gut gerechnet 4, maximal 5 Millionen Budget pro Jahr – Inflationsschutz für den Kapitalstock einmal außer Acht gelassen. Ein lächerlicher Betrag für eine Hochschule. Eine solche Summe dürften die Mitglieder des Stiftungskuratoriums im Durchschnitt locker als Jahreseinkommen kassieren. Professor Hans N. Weiler von der Stanford University in Kalifornien rechnet in der ZEIT (43/2002) vor, dass die Stanford Business School, an der sich das ESMT doch so gern orientieren möchte, jährlich über 90 Millionen Dollar verfügt. Gar nicht erst davon zu reden, über welche Haushaltvolumina staatliche Universitäten verfügen können. Bei den Managementseminaren kamen 2004 statt der geplanten vier Millionen knappe 700.000 Euro herein. Laut Abells Bericht an den Aufsichtsrat lagen die Verluste aus dem operativen Geschäft bei 1,5 Millionen Euro. Für 2005 rechnet der scheidende Präsident mit einem Nettomittelverbrauch von 5,8 Millionen Euro.
    Man darf gespannt sein, ob dieser Betrag dargestellt werden kann. In seinem „President`s Report“, der dem SPIEGEL vorliegt, beklagte Abell schon im Dezember 2004, dass zwei Drittel der Sponsoren „praktisch inaktiv“ seien und das Projekt nur „halbherzige Unterstützung“ erfahre. „Aus Angst vor einem Gesichtsverlust kündigten sie ihre Unterstützung zwar nicht offen auf, übten aber eine Art stillen Boykott“, schreibt der SPIEGEL. Selbst das Handelsblatt spricht inzwischen von einem „grandiosen Flop“.

Der Staat als Ausfallbürge

„Das Engagement der deutschen Wirtschaft garantiert, dass die Sache ein Erfolg wird“ erklärte Gerhard Cromme noch im Jahre 2002. Niemand brauchte sich zu wundern, wenn auch das ESMT im nächsten Jahr die Hand nach weiterer Staatshilfe aufhielte. So war es in Bremen, wo die IUB von Anfang an über 200 Millionen vom verarmten Bremen abstaubte, so war es in Baden-Württemberg, und so war es in Witten-Herdecke, wo das Land NRW inzwischen ein Drittel der Kosten für die „private Universität“ trägt. Wie selbstverständlich sacken diese „privaten“ Hochschulen schon seit längerem staatliche Hochschulbaufördermittel in Millionenhöhe ein. Angesichts der geringen Studierendenzahl sind die Studierenden an der „privaten“ Universität Witten-Herdecke pro Kopf inzwischen die teuersten Studierenden für das Land NRW geworden. (Nimmt man einmal die Kunst- und Musikhochschulen aus.)

Warum entpuppten sich die bombastischen Ankündigungen immer wieder als Größenwahn?

Warum kommen die meisten der von der Wirtschaft gesponserten, privaten Hochschulen nicht auf die Beine?

Es ist immer die gleiche Schrittfolge:

  • Angesichts der Schlechtrederei der staatlichen Hochschulen gab es immer wieder unternehmerische Initiativen, einen Stachel ins Fleisch des öffentlichen Hochschulwesens zu treiben. Man wollte einen Wettbewerb zwischen kommerziellen und staatlich finanzierten Hochschulen inszenieren und die Vorzüge der Privatisierung beweisen.
  • Im Gegensatz zu den staatlichen Universitäten, die ständig nur ihre Misere beklagen, betreiben die privaten ein aufwändiges PR- und Marketing-Programm. Die Medien, die ja mehr oder weniger darauf programmiert sind, alle öffentlichen Einrichtungen herunterzureden, greifen die Werbesprüche der privaten Neugründer begierig auf und feiern sie als vorbildliche Eliteeinrichtungen.
  • Nachdem sich die Unternehmer als Stifter kräftig von Politik und Medien haben feiern lassen, verlässt sie meist die Begeisterung. Nur mit ein paar Millionen und einigen schicken Gebäuden kann man halt keine Elite-Universität schaffen.
  • Die Wirtschaft zieht ihr finanzielles Engagement nach relativ kurzer Zeit zurück oder friert es ein. Die nun einmal gegründete, private Hochschule zwingt mit der Androhung des Konkurses oder der Abwanderung in ein anderes Bundesland den Staat in eine Ausfallbürgschaft.

Was sind die Gründe, warum die meisten privaten Hochschulen in Deutschland nicht zu Erfolgsmodellen werden?

  • Der Hauptgrund ist: Es gibt kaum einen Bedarf und damit keinen Markt für die private Konkurrenz. Die staatlichen Hochschulen sind – entgegen ihrem Ruf – schlicht zu gut. „Sie brauchen an Qualität, Internationalität und Profilierung keinen Vergleich zu scheuen, sind von soliden und dauerhaften Forschungskapazitäten wissenschaftlich untersetzt und weisen in ihrer Hochschullehrerschaft ein hohes Maß an Kontinuität auf“, sagt einer, der es eigentlich wissen müsste, nämlich Hans N. Weiler, Professor an der Stanford University in Kalifornien.
  • Auch die karrieresüchtigsten Studierenden fragen sich, warum sie horrende Studiengebühren für eine Ausbildung zahlen sollen, die sie an fast jeder wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät einer öffentlichen Universität besser oder in ähnlicher Qualität erheblich preisgünstiger bekommen.
  • Warum sollten Unternehmen für die Aus- oder Weiterbildung von „High Potentials“ Geld auf den Tisch legen, wenn die Gefahr besteht, dass die Absolventen dieser „Eliteausbildung“ zum Konkurrenten abwandern oder abgeworben werden? Das ist übrigens eines der wichtigsten Argumente dafür, dass Bildung nach unserem Grundverständnis eine öffentlich zu verantwortende Aufgabe darstellt. Für die „Großen“ unter den Wirtschaftsunternehmen ist es doch billiger und risikoärmer, ihre eigenen Jungmanager durch betriebliche Fortbildung oder gar wie DaimlerChrysler durch „Betriebs-Universitäten“ fit für höhere Aufgaben zu machen.

Der Strategiewechsel: Statt der Gründung von privaten Hochschulen die „Privatisierung“ der staatlichen Hochschulen

Der entscheidende Grund für das nachlassende, finanzielle Engagement der Wirtschaft für private Hochschulen ist allerdings ein ganz anderer:
„Was als hochschulpolitische Strategie einmal sinnvoll gewesen sein mag, nämlich durch private Gründungen Reformbereitschaft im öffentlichen Hochschulwesen zu wecken, ist längst überholt“ meint Stanford-Professor Weiler. Selbst der unternehmereigene Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft bewertet den „Mehrwert“ der privaten Business-Schools im Vergleich zu den öffentlichen Hochschulen als „relativ bescheiden“. Reinhard Mohn, der Bertelsmann-Patriarch, einst Hauptmotor und wichtigster Geldgeber der privaten Universität Witten-Herdecke, hat den Strategiewechsel schon vor einiger Zeit vollzogen: Er stellte seine Zahlungen an diese Hochschule ein und lenkt sein Geld lieber in das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann-Stiftung. Er hat erkannt, dass durch die „Beratungsleistungen“ und die unmittelbare Einflussnahme auf die Hochschulpolitik und auf die staatlichen Hochschulen die Interessen der Wirtschaft viel besser und flächendeckender umgesetzt werden können als durch einen aussichtslosen Wettbewerb einiger privaten Hochschulen mit ihren viel potenteren, staatlichen Konkurrenten. “Es ist zu befürchten, dass die Auswirkungen der ESMT auf die deutsche Hochschullandschaft eher gering bleiben werden”, fasst Erik Otto vom CHE zusammen. Es könne sein, „dass schon in wenigen Jahren niemand mehr von der ESMT rede.”

Im übrigen haben die Unternehmen die Erfahrung gemacht, dass sie mit einigen Stiftungsprofessuren (natürlich unter der Auflage, dass diese nach wenigen Jahren vom Staat übernommen werden) das wissenschaftliche Profil und die wissenschaftliche Ausrichtung einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät viel direkter und mit der einmaligen Bereitstellung von etwa drei Millionen Euro viel kostengünstiger nach ihren Interessen beeinflussen und sogar bestimmen können als über den langen, teuren und unsicheren Weg der Gründung und langfristigen Finanzierung einer privaten Hochschule.

Die Erfolge dieses hochschulpolitische Strategiewechsel der Wirtschaft sind unübersehbar:

  • Alle Hochschul-„Reformer“ sprechen inzwischen von „Wettbewerb“, von „betriebswirtschaftlicher Effizienz“, von „Hochschulmanagement“, von „Anreizstrukturen“ und vom Studium als „privatem Investment“.
  • Unter dem Stichwort Autonomie wird die staatliche Verantwortung eingeschränkt. Den Leitungsgremien der Hochschulen werden externe „Hochschulräte“ als mächtige Entscheidungsorgane, quasi als „Aufsichtsräte“, zur Seite gestellt, in denen üblicherweise die IHK oder regionale Unternehmensvertreter das Sagen haben.
  • Hochschulsponsoring oder Public Private Partnership gelten als besonders chic.
  • Es gilt geradezu als Beleg für die Reformbereitschaft, wenn Hochschulen sich als verlängerte Werkbänke der Wirtschaft definieren.

Doch es werden nicht nur (privat-)unternehmerische Betriebs- und Managementstrukturen auf die staatlichen Hochschulen übertragen, auch die erkenntnisleitenden Interessen in den einzelnen Wissenschaften werden zunehmend von wirtschaftlichen Interessen geprägt. Auf die Wirtschaftswissenschaften hat dieser Effekt schon voll durchgeschlagen. Der frühere, pluralistische Wettstreit zwischen eher nachfrageorientierten und eher angebotsorientierten Schulen ist nahezu uniform zugunsten der Angebotstheoretiker entschieden, der Neokeynesianismus ist fast komplett von der Neoklassik verdrängt worden. Die Mikroökonomie bzw. die Betriebswirtschaftslehre haben gegenüber der Makroökonomie oder der „Nationalökonomie“ bzw. den „Staatswissenschaften“ weitgehend obsiegt. Die mathematische („rein wissenschaftliche“) Modellzimmerei hat gemessen am internationalen Standard die empirische Wirtschaftsforschung an die Wand gedrängt.

Wozu sollte also die Wirtschaft noch private Business oder Management Schools aufbauen oder finanzieren, wenn es ihr zu gelingen scheint, die etablierten, staatlich finanzierten Hochschulen zu „privatisieren“?

Quellen:
Kopflose Elite-Uni, Studienabbruch des ESMT-Präsidenten »
Am Tropf der Unternehmen, Bärbel Schwertfeger »
Universum statt Nische! Hans N. Weiler »
www.esmt.org/en/home »
www.hochschulkompass.de »

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