Historiker melden sich in der aktuellen Debatte auch deshalb zu Wort, weil sie heute schon Linien der Geschichtsschreibung festzurren wollen

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Der am 30.1. in der Frankfurter Rundschau abgedruckte Essay des Historikers Götz Aly „Die Väter der 68er“ hat in den Hinweisen vom 31.1. (Nr. 14) schon den passenden Kommentar von Wolfgang Lieb ausgelöst. Ich komme darauf zurück, weil dieser Vorgang wieder ein schönes Beispiel für den Versuch mancher Historiker ist, durch vehemente Prägung der aktuell herrschenden Meinung auch die Geschichtsschreibung zu prägen. Das ist dann sozusagen die Fortsetzung der Manipulation in alle Ewigkeit. Dazu ein paar Fälle aus der Vergangenheit und aus der Zukunft. Albrecht Müller.

  1. Beginnen wir mit Götz Aly und seinem Versuch, Gemeinsamkeiten der 68er mit der jungen Generation der Nazis von 1933 zu konstruieren und sie nebenbei noch als ziemlich unerheblich erscheinen zu lassen. Daran stimmt vieles nicht:
    • Die 68er waren keine homogene Bewegung. Rudi Dutschke und drei andere zu zitieren und daran festzumachen, dass die 68er zu gewalttätigen Aktionen neigten, zur totalitären Sprache, zur Feindschaft gegen das „System“ und die „Scheiß-Liberalen“ – das reicht nicht. Damit kann man jede Differenzierung erschlagen. Es gab eine Unzahl von Personen in der damaligen Studenten-Bewegung, die damit nichts am Hut hatten und sich dennoch in Demonstrationen einreihten und für etwas andere Lebensformen und Erziehungsmethoden einsetzten.
    • Wer diese Differenzierung nicht macht, verkennt dann auch die Wirkung der 68er auf die weitere Entwicklung in unserem Land. Die vielen Nicht-Wortführer in der damaligen Studentenbewegung prägten diese Bewegung und wurden davon geprägt – zum großen Teil mit segensreicher Wirkung für das politische Engagement einer ganzen Generation, wie auch z. B. für den Umgang der Eltern mit ihren Kindern und mit anderen in unserer Gesellschaft insgesamt. Die Wirkung dieses Geistes, der nichts mit Gewalttätigkeit und Radikalismus zu tun hatte, wird weit unterschätzt.
    • Einfach mal so Gegnerschaft zum „System“ und damit bei diesem Sprachgebrauch Gegnerschaft zum parlamentarischen, demokratischen System insgesamt zu unterstellen, ist historisch falsch – und unglaublich grob geschnitzt. Waren denn die vielen Anti-Springerdemonstrationen gegen das „System“ gerichtet? Im Gegenteil: hier haben junge Leute die Realisierung der Versprechen des Systems, nämlich auf möglichst freie und nicht-manipulierte Meinungsbildung, eingefordert.
    • Gegen Ende seines Essays zitiert Götz Aly den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger als Zeuge für die Behauptung, „die 68er-Studenten hätten sich hauptsächlich für Konflikte organisiert, ‚die ihre Wurzel im Ausland haben’, gerade so als gäbe es in Deutschland nicht genug zu besprechen. Seiner Ansicht nach folgten sie der „merkwürdigen Illusion“, sie könnten so „aus der deutschen Geschichte flehen.“

    Dieser Historiker Aly scheint irgendwo anderswo zu leben, oder er hat sich im Archiv vergriffen. Oder er ist entschlossen, die 68er als verantwortungslos darstellen. Denn es ging ihnen ja partout nicht nur um Vietnam und um die damals endlich begonnene Sorge um die Entwicklungsländer. Es ging um die Hochschulen und ihren Zustand, um die Wahrung der Informations- und Pressefreiheit, um die Bild-Zeitung, auch um die Einkommens- und Vermögensverteilung, und um die Wirtschaftsordnung, um Marktversagen, würde man heute sagen. Teilweise hatten die damals jungen Leute etwas übertriebene Vorstellungen davon, was man mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel erreichen könnte. Deshalb konzentrierten sich viele von ihnen auf diesen Vorschlag. Aber das kann man ihnen erstens nicht übelnehmen und zweitens beschränkte sich diese Konzentration auf ein kleines Segment in der gesamten Bewegung.

    Vermutlich kann ich hier schreiben, was ich will. Die heute gepflanzten Vorurteile nach dem Muster des Historikers Götz Aly werden in die Geschichtsschreibung eingehen. So ist es auch gedacht.

  2. So hat es mit anderen Vorurteilen in der Vergangenheit funktioniert.
    Auf eine zusammenhängende Serie Willy Brandt betreffend bin ich in den NachDenkSeiten schon einmal eingegangen: die Behauptung, der Bundeskanzler Willy Brandt sei wirtschafts- und gesellschaftspolitisch ein Versager gewesen. Er sei ein Außen-Kanzler gewesen, er sei ein Opfer des Linksrucks seiner Partei und so weiter. Das ist ein Komplex von manipulierten Meinungen, die sich in den Geschichtsbüchern bereits niederschlagen.

    Dort steht auch zu lesen, dass die SPD 1972 die Wahl wegen der Ostpolitik und wegen der Person Willy Brandts so glorios gewonnen habe. Dass sie damals noch einen Kampf gegen das große Geld gewagt hat, kommt in den Geschichtsbüchern allenfalls in Fußnoten vor. Würde es größer geschrieben, könnte man ja vielleicht für die gegenwärtigen Probleme daraus lernen. Das will man partout nicht.

  3. Und jetzt noch ein paar Beispiele dafür, was uns ins Haus stehen wird:

    Wenn wir in 50 Jahren oder auch nur in 30 Jahren die Geschichtsbücher aufschlagen könnten, dann würden wir zum Beispiel folgendes lesen:

    • Schon in den siebziger Jahren erwiesen sich die nach dem englischen Nationalökonomen Keynes formulierten wirtschaftspolitischen Rezepte nicht mehr als passend. Strukturell bedingt wuchs die Arbeitslosigkeit von Sockel zu Sockel.
    • Darauf folgend kam es zu einem Reformstau. Wichtige Strukturreformen wurden versäumt.
    • Der Sozialstaat erwies sich nicht mehr als bezahlbar.
    • Auch die gesetzliche Rente nicht. Sie sank auf unter 40% des Arbeitseinkommens.
    • Erst die Regierung Schröder hatte den Mut zu durchgreifenden Strukturreformen.
    • Einen besonderen Namen machte sich damals der unscheinbare Franz Müntefering. Er setzte mit der Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre gegen populistische Stimmen eine wichtige Reform durch.
    • Die wichtigste Reform jener Zeit war die Einführung der so genannten Riester-Rente. Schon Ende des Jahres 2007 hatten 10 Millionen Deutsche eine solche Rente. Sie wurde vom Staat richtigerweise gefördert.
    • Der Erfolg der Reformen wurde manifest im Aufschwung der Jahre 2006 und 2007.
    • Usw. usw.

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