ARD – Mittagsmagazin macht Meinung

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Es folgt eine Analyse der Meinungsmache beim Mittagsmagazin der ARD, beobachtet und beschrieben von Dr. Martin Beck.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wie Moderatoren das Fernsehpublikum beeinflussen

Wieviel Manipulation steckt eigentlich in einer sich als „Mittagsmagazin“ nahezu harmlos gebenden Sendung? Der Begriff „Mittagsmagazin“ – mm – macht vieles möglich und folglich enthält dieses Sendungsformat nicht nur Berichte, Nachrichten und Interviews zur aktuellen Tagespolitik, Sportinformationen, Börsenberichte oder Wettervorhersagen, sondern im weitesten Sinne auch „Buntes“, beispielsweise Amüsantes über den Katzenstreit in der Downing Street oder Informationen zu Ernährungsfragen. Im Sinne einer klassischen Einteilung handelt es sich bei mm um eine Informationssendung mit unterhaltenden Einsprengseln. Den Leserinnen und Lesern der Nachdenkseiten muss nicht erklärt werden, dass auch diese Sendung nicht „nur“ informiert, sondern kräftig an der medialen Meinungsbeeinflussung im Sinne des sogenannten Mainstreams mitwirkt. Verkürzungen, Simplifizierungen, unbewiesene Behauptungen und Wiederholungen von Behauptungen finden sich in vielen Berichten, sie sollen hier aber nicht nachgewiesen werden. Vielmehr geht es hier darum aufzuzeigen, wie durch die Moderation einer Sendung der Prozess der Meinungsbildung beeinflusst und verstärkt werden kann.

Der Moderator/die Moderatorin als Vermittler von Glaubwürdigkeit

Wenn auch zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Produktion einer Sendung mitwirken, brauchen Sendungen wie das „Mittagsmagazin“ ein „Gesicht“, einen Moderator oder eine Moderatorin. Für „mm“ ist meistens Hannelore Fischer im Einsatz, in der Woche vom 8. bis 12. August wurde sie von Stefan Scheider abgelöst. Es sind manchmal diese Wechsel, die durch eine kontrastive Wirkung auf manipulative Absichten aufmerksam werden lassen.

Informationssendungen verlangen, um als solche glaubhaft zu sein, von der Moderation einen entsprechenden sachlichen und neutralen Kommunikationsstil, der die Glaubwürdigkeit einzelner Berichte, aber auch der ganzen Sendung insgesamt herstellt.

Stefan Scheider, der in der letzten Woche die Sendung moderierte, verfügt über die sprecherischen und stimmlichen Grundlagen seines Rednerberufs in erheblichem Maße. Zum Sympathieträger macht ihn sein eher tiefer Stimmklang, der Vertrauen erweckt. Seine stimmliche Variationsfähigkeit gibt ihm zusätzliche Möglichkeiten der Betonung. So versteht er das zuhörende Fernsehpublikum auch über längere und gegliederte Satzgebilde mitzunehmen und durch melodische Akzente Wichtiges zu betonen. Seine Aussprache ist deutlich. Mit Mimik und Gestik versteht er seine Worte zu unterstreichen. Somit wäre eine gewisse personale Voraussetzung für eine Glaubwürdigkeitswirkung gegeben.

Der Moderator/die Moderatorin als das allgemeine „Wir“ – Die Vereinnahmung des Zuschauers

Was den Sprachstil dieses Moderators ausmacht, das ist die offensichtlich gewollte Herstellung eines „Gemeinschaftsgefühls“. Dieses äußert sich sprachlich in einem geradezu inflationären Gebrauch des Personalpronomens „wir“ in seinen unterschiedlichen grammatischen Ausprägungen.

Hannelore Fischer gelang es – etwa am 29.7. – ganz unabhängig von den Inhalten die Rolle der Moderation bescheiden zu halten. Sie begrüßte und verabschiedete das Zuschaupublikum, sie sprach das Publikum mit „Sie“ an und wenn sie von „wir“ sprach, dann war tatsächlich meistens die Redaktion des „mm“ gemeint.

Ganz anders Stefan Scheider. Nur einige Beispiele in der Sendung vom 8. August:

„Also wir sehen’s, der Flüchtlingspakt, der wirkt…“, „Unser Nachbar Österreich fährt schwere Geschütze auf…“, „Da hören wir gleich näher hin …“, „Dann wählen wir Bundesbürger einen neuen Bundestag…“, „… um die Gunst unserer Stimmen…“, „… unsere Steuerlast“, „Die Politik hat eine Sicherung eingebaut, damit wir Kreditnehmer (deutet auf sich) nicht plötzlich in Schulden aufwachen…“

Wenige Beispiele vom 9. August:

„Und das bewegt uns heute…“, „Also die Machtmenschen versöhnen sich, sortieren wir das alles mit unserem Korrespondenten …“, „… bekommen wir in Deutschland zu spüren…“, „Jetzt schauen wir in die Türkei…“, „Wir treffen jetzt …“, „… gleich prüfen wir nach…“, „Die Bilder überraschen uns, können wir diesen Bildern vertrauen?“, „Müssen wir mit diesem Mann noch ernsthaft rechnen?“

Einige Beispiele vom 10. August:

„Schauen wir doch in das Paket hinein…“, „Wir müssen erst mal schauen…“, „Seit Nizza wissen wir auch warum…“, „Wir müssen uns fragen…“, „Auf einmal stellen wir fest…“, „Können wir dazu weitere Antworten finden…“, „… im Rückspiegel unseres Autos…“, „… hören wir oft…“, „… sollten wir klar trennen …“, „… blendet uns so sehr, dass wir die Fehler nicht mehr sehen…“

Einige Beispiele am 11. August:

„Das bewegt uns heute…“, „… Populisten, … sie benutzen unsere Ängste…“, „… für unsere Sicherheit…“, „Haben wir da zwei Pakete auf dem Tisch?“, „Und wir schauen nochmal auf den Wahlkalender…“, „Warum erlauben wir uns diesen zweifelhaften Populismus?“, „Wir reden gleich weiter über Europa…“, „… wir haben uns selbst überzeugt…“, „… und dort bleiben wir dann auch…“, „… unser Parteien- und Politikforscher…“, „Haben wir denn alle genug telefoniert?“, “die meisten von uns, die banken ja inzwischen online…“, „Dieses Pfeifen im Ohr – es macht uns schier wahnsinnig…“, „Was macht denn unser Wetter…?“.

Beispiele vom 12. August:

„… und das bewegt uns heute…“, „Da müssen wir sicher … abwarten…“, „Ja, diese Meldungen, die wir hören…“, „… jetzt gehen wir in den Lebensläufen … weiter zurück…“, „Unsere Sinne, die tanzen …“, „… wir bestellen und der Shop liefert…“, „… soweit wir das überblicken können…“.

Wer ist denn nun das „wir“?

Jedenfalls nicht allein er und seine Redaktion. Lassen „wir“ den Moderator selbst antworten mit einem Beispiel vom 12. August: „Doch bei näheren Hinsehen entdecken wir auch Gewinner: Sie und mich!

Stefan Scheider verwischt Unterschiede, indem er mit „wir“ vor allem sich selbst und das Fernsehpublikum meint. Es ist nicht eine einfache Distanzlosigkeit, es ist eine Zurücknahme der Rolle des Moderators, der nun sich in die Rolle des Zuschauers begibt, als Gleicher unter Gleichen dem Schicksal ausgesetzt. Eigentlich ist es sogar eine Umdeutung der Moderatorenrolle in eine schauspielerische Zuschauerrolle: Der Moderator gibt sich auch ahnungslos und lernt im Laufe der Sendung von Bericht zu Bericht dazu. Zuschauer und Moderator – alle – verschmelzen zu einem Wir. „Wir“ nehmen darum auch „unserem“ Moderator, ist er doch einer von uns, alles ab. Irgendwie sind „wir“ eine Familie.

Der Sprachgebrauch erinnert an das Arzt-Patient-Verhältnis bei der morgendlichen Visite „Wie geht es uns denn?“. Eine Frage, die sich nur an den Patienten richtet und die vom Situationsmächtigen gestellt wird. Drückt das Anredepronomen „Sie“ in der Alltagskommunikation „Wie geht es Ihnen?“ noch mit der Distanz auch Respekt aus, so wird mit dem „uns“ in der Arztfrage das liegende Gegenüber nicht nur allein vereinnahmt, sondern auf eine quasi kindliche Ebene gestellt.
So geht es „uns“ bei diesem Moderator auch. „Wir“ sind eine Familie, allerdings in der Rolle unwissender Kinder. Das „wir“ des Moderators in dieser Intensität bedeutet nichts anderes als die Infantilisierung des Zuschaupublikums.

Die Moderatorin/der Moderator und die Deutungshoheit

Darum ist es nicht verwunderlich, dass der Moderator „uns“ ab und zu Anweisungen gibt, wie „wir“ Berichte – emotional oder rational – einzuordnen haben. An den folgenden Stellen übernimmt er die Deutungshoheit im Hinblick auf Berichte, die noch zu sehen sind oder über Ereignisse, die zurückliegen.

  • „Unsere nächste Geschichte macht uns starr vor Entsetzen
  • „Jetzt haben wir Flüchtlingsgeschichten gehört, aber die folgende lässt uns staunen
  • „… heute schütteln wir den Kopf …“
  • „… wir müssen uns fragen …“
  • „… und wir reisen weiter und ganz Deutschland hat ein Lächeln auf den Lippen…“
  • „… blendet uns so sehr, dass wir die Fehler nicht mehr sehen…“
  • „… früher standen wir ziemlich ehrfürchtig vor diesen Glaspalästen…“
  • „… glücklich macht uns …“
  • „… ja das tut schon in der Seele weh …“

Der allumfassende Anspruch auf die Vermittlung von Wahrheit aber gipfelt in dem Satz: „… so sah die Welt am Donnerstag aus …“. So erreicht die Infantilisierung ihren Höhepunkt.

Der Moderator und die redaktionelle Familie

Wenn Zuschaupublikum und Moderator zum Wir werden, dann herrscht in der journalistischen Familie das „Du“ vor. Egal wer zugeschaltet wird, Scheider spricht Korrespondenten und andere Sprecher mit dem Vornamen an. Auch das signalisiert eine quasi familiäre Zusammengehörigkeit. Nur einer macht zunächst das Spiel nicht mit. Es lohnt sich, diese Stelle in der Sendung vom 8. August näher zu betrachten:

Es geht um das Verhältnis zur Türkei. Der Moderator:

„Die europäische Familie tut sich schwer mit dem Alleinherrscher … . Vor allem Österreich will die Tür zum EU – Haus nicht offen halten, für die Türkei … . Unser Nachbar Österreich fährt schwere Geschütze auf… Unser Korrespondent Thomas Baumann hat die Pressekonferenz beobachtet… . Wie reagiert denn Deutschland darauf? Guten Tag im Hauptstadt-Studio, Thomas.“

Korrespondent Thomas Baumann:

„Na ja, Herr Scheider, die Bundesregierung reagiert wohl gelassen… . Bei den Parteien gibt es unterschiedliche Meinungsbildungen…“.

Interessant ist dieser Ausschnitt, weil hier im Sprachgebrauch deutlich die simplifizierende Denkweise zu Tage tritt. Die EU wird zur Familie, die in einem Haus wohnt. Und Deutschland reagiert? Wer aber ist Deutschland, dass es einheitlich reagiert? Offensichtlich wird hier insgeheim das Bild der Familie weiter transportiert. Deutschland – also wir? Thomas Baumann lässt den Moderatoren zweifach ins Leere laufen: Erstens weist er die anbiedernde Ansprache zurück, indem er den Moderator mit „Herr Scheider“ anspricht. Zweitens weist er das alles vereinheitlichende Bild „Deutschland reagiert“ zurück, indem er den wirklichen Akteur benennt: die Bundesregierung. Und schwerwiegender noch. Er stört mit dem Hinweis auf die unterschiedliche Meinungsbildung in den Parteien den Versuch der Harmonisierung.

Der Moderator und der Autoritätsbeweis

Eine weitere Auffälligkeit ist der Autoritätsbeweis, mit dem der Moderator die Wahrheit der in den Berichten gezeigten Inhalte untermauern will. Die von ihm als Experten und Fachleute benannten Korrespondenten und Interviewpartner liefern endgültige Beweise, die „uns“ abschließend überzeugen sollen.

So heißt es am 8. August: „Ziehen wir unseren Fachmann zu Rate…“

Zweifel an den Experten kommen nie auf. Sie helfen bei der Deutung der Welt mit und so verwundert es ebenfalls nicht, wenn der Moderator beispielhaft schließt: „Danke für die Orientierung“ (12. August).

Genau das scheint der Sinn der Sendung zu sein, „uns“ zu orientieren.


Martin Beck arbeitete vor seiner Tätigkeit im Schuldienst wissenschaftlich im Bereich rhetorischer Kommunikation und war lange Jahre Lehrbeauftragter für Sprecherziehung an der Uni Landau.

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