Eine Agenturmeldung die Sie leider nie lesen werden

Jens Berger
Ein Artikel von:

„Deutschland wird laut einer Prognose des Ifo-Instituts in diesem Jahr China als Land mit dem weltweit größten Importdefizit ablösen. Das deutsche Defizit summiere sich 2016 voraussichtlich auf 310 Milliarden Dollar, sagte Ifo-Ökonom Christian Grimme. Das wären 25 Milliarden Dollar mehr als 2015. Allein im ersten Halbjahr lagen die deutschen Warenimporte um 159 Milliarden Dollar hinter den Exporten. ´Haupttreiber war die Stagnation der Warennachfrage in Deutschland´, sagte Grimme. Das deutsche Defizit wird im laufenden Jahr auf 8,9 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen, sagt das Ifo-Institut voraus. Die EU-Kommission stuft bereits Werte von dauerhaft mehr als sechs Prozent als stabilitätsgefährdend ein, weil sich andere Staaten verschulden müssen, um die deutschen Exporte zu finanzieren. Sie rügt die Bundesregierung daher regelmäßig und empfiehlt ihr, mehr zu investieren und so die Nachfrage im Inland zu stärken. Auch das US-Finanzministerium kritisiert die deutschen Überschüsse als Risiko für die weltweite Finanzstabilität“. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Vergleichen Sie diese von mir veränderte Meldung doch bitte einmal mit dem Original auf Zeit.de, das sich vor allem auf eine Agenturmeldung von Reuters stützt. Wie Sie merken werden, habe ich lediglich den Begriff „Exportüberschuss“ gegen den Begriff „Importdefizit“ und die damit verbundenen Formulierungen ausgetauscht. Beide Begriffe bezeichnen notabene ein und denselben Sachverhalt und sind austauschbar, ohne dass sich der Inhalt dadurch sachlich ändert. Exportüberschuss = Importdefizit. Sie werden merken, dass meine Version gleich kritischer und negativer klingt, obgleich ich exakt dasselbe beschreibe wie die ZEIT.

Zumindest meiner Auffassung nach ist meine Version jedoch auch für ökonomische Laien, Politiker und Finanzjournalisten einfacher verständlich. Denn warum sollten die EU und die USA sich über deutsche „Überschüsse“ beschweren. „Überschüsse“, das lernen wir mit der Muttermilch, sind doch schließlich etwas Gutes und „Defizite“ etwas Schlechtes. Doch in einem geschlossenen System ist das leider so nicht richtig, da die Überschüsse des Einen zwingend die Defizite des Anderen sind. Deutsche Überschüsse bei der Leistungsbilanz sind also zwingend die Defizite in der Leistungsbilanz anderer Staaten. Und dies ist vor allem in einer Währungsunion problematisch. Denn wenn wir die gute, alte Mark noch hätten, würde diese bei anhaltenden Bilanzüberschüssen zwangsläufig aufwerten und damit Exporte verteuern und Importe verbilligen. In der Gemeinschaftswährung Euro gibt es diesen Automatismus so nicht.

Aber dann muss die EU doch hier korrigierend eingreifen und dauerhafte Exportüberschüsse bzw. Importdefizite sanktionieren! Genau das tut die EU ja auch in ihrem sogenannten „Verfahren zur Vermeidung und Korrektur makroökonomischer Ungleichgewichte“. Der einzige Schönheitsfehler dabei: Während Staaten mit einem dauerhaften Exportdefizit/Importüberschuss hart sanktioniert werden können, besteht für die Kommission keine Möglichkeit, Staaten mit einem dauerhaften Exportüberschuss/Importdefizit hart zu sanktionieren. Mehr als eine folgenlose Mahnung kann Brüssel de facto nicht erteilen. Und nun raten Sie doch mal, wer sich dieses Ungleichgewicht ausgedacht hat? Richtig, Deutschland. Daher werden wir uns auch weiterhin als Exportweltmeister feiern und uns in wenigen Jahren wundern, warum uns erst die Eurozone und dann die Weltwirtschaft um die Ohren fliegen. So muss das wohl sein, denn wir sind lernresistent.

Schauen Sie sich zu diesem Thema bitte auch das NachDenkSeiten-Video „Denkfehler: Exportüberschüsse sind prima“ an und leiten es an all Ihre Freunde, Bekannte und Verwandte weiter. Denn Aufklärung ist wohl die letzte Hoffnung, um diesen Wahnsinn zu beenden.


(Alternativ ist das Video auch via YouTube erreichbar.)

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!