„Wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat“ – Vor 50 Jahren wurde Rudi Dutschke Opfer eines Attentats

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Am Gründonnerstag, dem 11. April 1968 schoss ein junger Rechtsradikaler auf Rudi Dutschke und verletzte ihn schwer. Dutschke hatte Kopf und Leidenschaft der antiautoritären Bewegung verkörpert. Der Anschlag auf ihn wurde zum Auslöser der sogenannten Osterunruhen und setzte die Gewaltfrage auf die Tagesordnung. Die Bewegung verlor ihre spielerische Leichtigkeit und Heiterkeit und zerfiel kurz darauf. Das freibeuterische Denken der Revolte und ihr libertärer Sozialismus wichen einer Rückkehr zu einer sterilen Orthodoxie und geschichtlich überholten Vorstellungen von Klassenkampf und parteiförmiger Organisation. Von Götz Eisenberg.

„Die ganze Oppositionsbewegung krankt zurzeit daran, dass sie eine konkrete Utopie noch nicht ausgemalt hat. Das zu tun, ist die wichtigste Aufgabe der kritischen Theorie – gerade jetzt in der Zeit der sehr, sehr langen und komplizierten Übergangsperiode, die bestimmt wird durch den Kampf gegen die bestehende Ordnung.“
(Rudi Dutschke 1967)

Das Attentat

Am 4. April 1968 wurde in Memphis/USA Martin Luther King von einem Rassisten ermordet. Damit verlor die Bürgerrechtsbewegung in den USA ihre charismatische Leitfigur und ihren prominentesten Sprecher. In München las ein 23-jähriger rechtsradikaler Hilfsarbeiter namens Josef Bachmann einen Artikel über diesen Mord, schnitt ihn aus und legte ihn zu anderen Zeitungsausschnitten, die er gesammelt hatte. In ihnen wurde mehr oder weniger unverblümt zum Lynchen Rudi Dutschkes aufgefordert. Der Mord an King machte die in Bachmann tickende Bombe scharf und beschleunigte möglicherweise die Realisierung seiner schon länger gehegten Attentatspläne. Er hatte mit einem NPD-Mitglied Schießübungen durchgeführt und verfügte über rege Kontakte ins rechtsradikale Milieu. Er beschloss, nach Berlin zu fahren und dieses „dreckige Kommunistenschwein“ zu erschießen. Am 10. April 1968 fuhr er abends mit dem Interzonenzug nach Berlin. Im Gepäck zwei Pistolen und einen Zeitungsausschnitt aus der neofaschistischen „Deutschen National- und Soldatenzeitung“ vom 22. März 1968 mit der Schlagzeile: „Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es Bürgerkrieg“. Darunter fünf Fotos von Dutschke, angeordnet in Art eines Steckbriefs. Am Morgen des 11. April in Berlin angekommen, fragte er sich nach Dutschkes Adresse durch. Dieser war gerade aus Prag zurückgekehrt, wo er im überfüllten Audimax der Karls-Universität über den Prager Frühling und den von Dubcek propagierten „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ gesprochen hatte, dessen Entwicklung Rudi mit kritischer Solidarität beobachtete. Rudi hatte sich auf die Feuerbachthesen von Marx bezogen und unter dem Jubel von über 1.000 Studierenden darauf hingewiesen, dass „die Erzieher selbst erzogen werden müssen“. Am Nachmittag des 11. April war er unterwegs, um im SDS-Zentrum vorbeizuschauen und für seinen kranken Sohn ein Medikament zu besorgen. Man schickte Bachmann schließlich zum SDS-Zentrum am Kurfürstendamm. Gegen 16:35 Uhr entdeckte er Rudi Dutschke mit seinem Fahrrad vor dem Gebäude. Er trat auf ihn zu und fragte: „Sind Sie Rudi Dutschke?“ Als Rudi bejahte, feuerte er drei Kugeln auf ihn ab, zwei in den Kopf und eine in die Brust. Bachmann floh und wurde nach einem Schusswechsel mit der Polizei festgenommen. Bei seiner ersten Vernehmung gab er zu Protokoll: „Ich möchte zu meinem Bedauern feststellen, dass Dutschke noch lebt. Ich hätte eine Maschinenpistole kaufen können. Wenn ich das Geld dazu gehabt hätte, hätte ich Dutschke damit zersägt.“

Warum will Bachmann unbedingt jemanden erschießen, der sich zeitlebens für die Erniedrigten und Beleidigten, also für Leute wie ihn, eingesetzt hat? Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, muss man die kritische Sozialpsychologie zu Rate ziehen. Das von seinen Erziehern gezüchtigte und gequälte Kind ist dennoch auf deren Wohlwollen und Zuwendung angewiesen. Es muss seine Peiniger lieben, und diese sadomasochistische Verfilzung von Quälerei und Liebe bleibt oft ein Leben lang wirksam. Die Erziehung zu Gehorsam und Unterwerfung unter Autoritäten mündet in eine „Identifikation mit dem Angreifer“, die einen Menschentyp hervorbringt, der verbissen seine eigene Knechtschaft verteidigt. Die in einem „erbärmlichen geistigen und seelischen Zustand“ gehaltenen Menschen, schrieb der junge Max Horkheimer in seinem Buch „Dämmerung“, „sind die Affen ihrer Gefängniswärter, beten die Symbole ihres Gefängnisses an und sind bereit, nicht etwa diese ihre Wärter zu überfallen, sondern den in Stücke zu reißen, der sie von ihnen befreien will“. Diesem, wenn man so will, perversen Mechanismus fielen immer wieder Revolutionäre zum Opfer – von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Kurt Eisner, Gustav Landauer bis Rudi Dutschke.

Kopf und Herz der antiautoritären Revolte

Wer war dieser Rudi Dutschke, der den Hass dieses jungen Mannes und vieler anderer auf sich gezogen hatte? Er kam 1940 als viertes Kind von Alfred und Elisabeth Dutschke in Schönefeld bei Berlin zur Welt und wuchs im benachbarten Luckenwalde auf. Vater Dutschke war als Soldat im Krieg, so dass die vier Söhne zunächst unter der Obhut der Mutter aufwuchsen, die eine tief religiöse Protestantin war. Rudi wurde Mitglied der „Jungen Gemeinde“ und verweigerte aus christlich-pazifistischen Gründen den Dienst in der Nationalen Volksarmee. Daraufhin wurde er in der DDR nicht zum Studium zugelassen, so dass er gezwungen war, nach West-Berlin auszuweichen. Nach dem Mauerbau im Jahr 1961 blieb er dort und begann, an der Freien Universität Soziologie zu studieren. Den rebellischen Geist hatte er in den Westen mitgebracht. 1962 schloss er sich mit seinem damaligen Freund Bernd Rabehl, der ebenfalls in der DDR aufgewachsen war, der „Subversiven Aktion“ an, einer kleinen Gruppe, die sich an der „Situationistischen Internationale“ orientierte und ein undogmatisch-aktionistisches Revolutionsmodell vertrat. 1965 wurden die Beiden Mitglieder des Berliner SDS. Der körperlich eher kleine, aber sehr sportliche Dutschke wurde bald zur Leitfigur des antiautoritären Lagers des SDS, das ab 1967 im Verband dominant wurde. Er war ein mitreißender Redner, ohne demagogisch zu sein. Er vermochte auszudrücken, was die Leute bewegte und umtrieb. Rudi setzte auf ein Modell von Aufklärung durch Aktion, das er in einem Gespräch mit Günter Gaus, das am 3. Dezember 1967 vom Fernsehen ausgestrahlt wurde, wie folgt erläuterte: „Wir haben angefangen, eine Methode zu entwickeln, die sich dadurch auszeichnet, dass wir Aufklärung über gesellschaftliche Tatbestände in der ganzen Welt und in der eigenen Gesellschaft verbinden mit Aktionen. In der Vermittlung und in der Verbindung von Aufklärung – systematischer Aufklärung – über das, was geschieht, was uns tagtäglich in den Zeitungen, in den Rundfunkorganen, auch im Fernsehen, vorenthalten wird.“ Gegen die systematische Hintanhaltung von Informationen gelte es, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, in der über das, was in der Welt geschieht, lebendig diskutiert werden könne. „Wir wissen“, fuhr Rudi fort, „dass im Augenblick nur Minderheiten aufgeklärt werden können, aber Minderheiten, die geschichtlich die Chance haben, Mehrheiten zu werden. Heute sind wir nicht sehr viele. Aber das schließt doch nicht aus, dass immer mehr Menschen … vielleicht unsere Einsichten als richtige begreifen.“

Das Denken der Revolte

Wer sich in das Denken Rudi Dutschkes und der antiautoritären Revolte einlesen möchte, kann das anhand des in der „Bibliothek des Widerstands“ des Hamburger Laika-Verlages erschienenen Bandes „Rudi Dutschke. Aufrecht gehen – 1968 und der libertäre Kommunismus“ tun. Das Buch liefert keine Biographie Dutschkes im herkömmlichen Sinn, sondern so etwas wie eine intellektuelle Biographie der Revolte, für die Dutschke stand und die er verkörperte. Das Gespräch zwischen Gaus und Dutschke sowie ein Portrait Dutschkes von Wolfgang Venohr aus dem Jahr 1968 sind dem Band als DVDs beigefügt. Der einleitende Essay von Helmut Reinicke, einem Mitstreiter von Dutschke und Hans-Jürgen Krahl, ist nicht einfach zu lesen. Die Sprache und die Begrifflichkeit der Revolte klingen für heutige Ohren fremd und müssen erst wieder erlernt werden. Ohne diese Mühe ist eine Wiederaneignung revolutionärer Traditionen schwer denkbar. Eine Bewegung, die Herrschaft und Ausbeutung überwinden will, muss sich auch einer Sprache bedienen, die nicht die Sprache von Herrschaft, Ware und Geld ist. Die heute dominante und von vielen jungen Leuten gesprochene Sprache ist extrem verarmt; es ist die Sprache der digitalen Medien, des Konsums und der Reklame. In ihr lässt sich das Gegebene nur verdoppeln, aber nicht in Richtung seiner noch „ungewordenen Möglichkeiten“ (Ernst Bloch) transzendieren. Wer Widersprüche nicht zu artikulieren vermag, wird sie irgendwann auch nicht mehr denken können.

Rudi selbst hatte sich dieser Mühe unterzogen. Es ging für Rudi und die Linke in der BRD darum, die durch den Faschismus und die Restauration des Kapitals verloren gegangenen Jahre durch die Wiederaneignung der Literatur der Emanzipation zurückzugewinnen. Rudis berühmte schwarze Ledertasche war stets prall mit Büchern gefüllt. Er trug sie immer bei sich und las, wann immer er Zeit dafür fand. Er arbeitete sich durch die Frühschriften von Marx, die in der DDR verpönt gewesen waren; er las Rosa Luxemburg. Ihr Satz von „der Freiheit, die immer die Freiheit der Andersdenkenden ist“, entsprach seinen Erfahrungen in der DDR, blieb haften und wurde ihm zum Lebensprogramm. Er las Georg Lukács und Karl Korsch, die Repräsentanten eines westlichen Marxismus. Über Lukács wollte er ursprünglich promovieren und er besuchte und befragte ihn in Budapest. Er las Frantz Fanons Buch „Die Verdammten dieser Erde“ mit dem fulminanten Vorwort von Sartre. Er las und diskutierte mit Herbert Marcuse und Ernst Bloch, mit denen er sich anfreundete. Mit Bloch traf er im Februar 1968 auf einer Tagung in Bad Boll zusammen. In der Diskussion ging es um ein verändertes Verhältnis von subjektiver und objektiver Dialektik. Auf letztere hatten die Zweite und die Dritte Internationale im Banne eines ökonomistisch reduzierten Marxismus gesetzt. Die objektive Entwicklung der Produktivkräfte würde von sich aus eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse hervorbringen. Der Sozialismus fiele eines Tages wie ein reifer Apfel vom Baum der Geschichte und der Menschheit in den Schoß. Dutschke: „… das Verhältnis von subjektiver und objektiver Dialektik hat sich verkehrt zugunsten der subjektiven Dialektik. Es hängt heute mehr denn je von der subjektiven Tätigkeit der Menschen ab als von einer objektiven Dialektik.“ Geschichte sollte nicht mehr als Kette gesetzmäßig ablaufender Ereignisse begriffen werden, sondern als ein Feld von Möglichkeiten, die sich realisieren lassen, wenn die Menschen sich ihrer bewusst werden und für sie kämpfen. Er las natürlich auch das Buch, das Johannes Agnoli und Peter Brückner gemeinsam verfasst hatten, das „Transformation der Demokratie“ hieß und aus dem die Revolte ihre Argumente gegen Parlamentarismus und bürgerliche Demokratie bezog. Die 68er-Bewegung erweckte den Rätegedanken und die Idee der Selbstverwaltung zu neuem Leben und versuchte, an die Traditionen und Diskussionen der frühen Weimarer Jahre anzuknüpfen. Die Literatur der Emanzipation und Revolution wurde peu à peu zurückgewonnen und für die eigene Theoriebildung fruchtbar gemacht. Die Schriften von Gustav Landauer, Anton Pannekoek, Herman Gorter, Otto Rühle, Paul Mattick und Karl Korsch und anderen Räte-Theoretikern wurden neu herausgegeben und breit rezipiert. Rudi Dutschke formulierte in einem Gespräch mit dem SPIEGEL 1967 programmatisch:

„Ich denke, dass die Parteien und das Parlament nicht mehr die Wünsche, Interessen und Bedürfnisse von vielen Menschen repräsentieren. Wir haben eine Interessendemokratie. Eine Vielfalt von Interessengruppen trifft sich an der politischen Börse und macht in der Anerkennung des bestehenden Staates nur noch einen Scheinkampf um den Anteil am Brutto-Sozialprodukt. (…) Wir zielen ein System direkter Demokratie an – und zwar von Rätedemokratie, die es den Menschen erlaubt, ihre zeitweiligen Vertreter direkt zu wählen und abzuwählen, wie sie es auf der Grundlage eines gegen jedwede Form von Herrschaft kritischen Bewusstseins für erforderlich halten.“

Als der traditionalistische Flügel des SDS ein Schulungsprogramm zusammenstellte, das über den Kanon der Klassiker des Marxismus-Leninismus nicht hinausging, stellte Rudi eine eigene Literaturliste zusammen, die bis in die Gegenwart reichte und unter dem Titel „Ausgewählte und kommentierte Bibliographie des revolutionären Sozialismus“ in einer Sondernummer der SDS-Korrespondenz und dann auch im Rotbuch-Verlag erschien. Karl-Heinz Delwo hat sie dankenswerter Weise in den oben bereits erwähnten Band der „Bibliothek des Widerstands“ aufgenommen und wieder zugänglich gemacht.

In einer ganzen Generation existierte eine riesige Lesewut und es wurde unglaublich viel gelesen. Alles musste nachgeholt werden. Am meisten lasen sicherlich Rudi Dutschke in Berlin und Hans-Jürgen Krahl in Frankfurt, die im Jahr 1967 auf der 22. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt gemeinsam das berühmte „Organisationsreferat“ hielten, das die Hegemonie des antiautoritären Flügels untermauern sollte. Auch dieses Referat ist im von Helmut Reinicke eingeleiteten Band enthalten. Wir Jüngeren, die erst im Laufe der Revolte politisiert wurden, taten uns häufig schwer, die Texte der SDS-Größen zu verstehen. Aber wir erblickten in unserem Nicht-Verstehen eine Aufforderung, uns auf den Hintern zu setzen und daran zu arbeiten, unsere theoretischen Defizite zu beheben. Wir lasen ganze Nächte hindurch und waren von einem unbändigen Drang beseelt zu verstehen, wo unser Ort in der Geschichte war und was um uns herum geschah. Theorie galt uns als eine Art rauchverzehrende Lampe, die den Nebel vertrieb, der über den Verhältnissen lag und den Einblick in ihre Struktur verwehrte. Aus Rudi Dutschkes kommentierter Bibliographie können Wissensdurstige auch heute noch wichtige Literaturhinweise beziehen.

„BILD hat mitgeschossen“

Während Rudi noch auf dem Operationstisch lag und die Ärzte zwei Kugeln aus seinem Kopf entfernten, brach draußen ein Sturm der Entrüstung los. Im Audimax der TU versammelten sich circa 2.500 Menschen, um auf Nachrichten aus dem Krankenhaus zu warten und zu beraten, was nun zu tun sei. Alle hatten das Gefühl, dass die Kugeln auch ihnen gegolten hatten. Man war sich einig, dass BILD mitgeschossen hatte. Springer hatte zwar nicht selber den Finger am Abzug gehabt, aber ohne die in den Monaten vor dem Attentat von der Springer-Presse entfesselte Hetzkampagne gegen die rebellierenden Studenten und vor allem die Person Rudi Dutschkes wäre die Tat von Bachmann kaum möglich gewesen. Es zeugt vom Reifegrad der Bewegung, dass sie das Problem nicht personifizierte und an Josef Bachmann festmachte. Als verantwortungslose Störer, bösartige Krawallmacher, Rowdies, rote SA, Kriminelle und als Schädlinge der Gesellschaft hatten die Springer-Zeitungen die Studenten beschimpft, nur weil sie von einem Grundrecht Gebrauch gemacht und gegen den Vietnamkrieg, Pressekonzentration, Notstandsgesetze und die Große Koalition demonstriert hatten. Die Springer-Blätter erklärten die Studenten zu Freiwild und forderten zur Selbstjustiz auf: „Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen“, hieß es zum Beispiel in der Bild-Zeitung vom 7.2.68. In der Person von Josef Bachmann hatte Springers Aufforderung ihren Vollstrecker gefunden. Das war keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Vor Gericht räumte Bachmann später ein, dass er sich tatsächlich von hetzerischen Berichten in der Bild-Zeitung zu seiner Tat hatte anregen lassen.

Gegen 21 Uhr strömte alles nach draußen und setze sich in Richtung Springer-Haus in Bewegung, um den Versuch zu unternehmen, die Auslieferung der dort gedruckten Zeitungen zu verhindern. In dieser Nacht flogen die ersten Molotowcocktails – zur Verfügung gestellt von Peter Urbach, einem Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, wie sich später herausstellte. Die sogenannten Osterunruhen hielten nicht nur Westberlin, sondern die ganze BRD in Atem. Tausende belagerten die Springer-Druckereien und versuchten, die Auslieferung von BILD und Welt zu verhindern. Da es in Gießen keine für Springer arbeitende Druckerei gab, beschlossen die Gießener Linken, nach Frankfurt zu fahren und sich an der Blockade der Societätsdruckerei zu beteiligen, in der die regionale Ausgabe der Bild-Zeitung gedruckt wurde. Dort lieferten sich über 2000 Demonstranten tagelang Straßenschlachten mit der Polizei. In einem gegen einen Gießener Demonstranten wegen dieser Blockade angestrengten Strafverfahren trat im November 1969 der Hannoveraner Psychologie-Professor Peter Brückner vor dem Landgericht Frankfurt als Sachverständiger auf und führte in seinem Gutachten den Nachweis, dass die Springer-Presse eine Pogromstimmung erzeugt und sich der „Volksverhetzung“ schuldig gemacht habe. Das auch heute noch lesenswerte Gutachten Brückners findet sich in dem 1983 im Wagenbach-Verlag erschienenen Band „Die Zerstörung des Gehorsams“. Brückner führte gegen Ende seiner gründlich recherchierten Expertise aus, dass man bei nüchterner Betrachtung sagen müsse, „dass sich Rudi Dutschke spätestens vom Ende Februar 1968 an in Lebensgefahr befand“. Damals waren bei einer vom Senat organisierten und der Springer-Presse propagandistisch vorbereiteten Demonstration gegen den vom SDS veranstalteten Vietnamkongress 80.000 „anständige Berliner“ erschienen, die dort mal ordentlich die Sau rauslassen konnten. Sie brüllten „Raus mit Dutschke, Teufel, Kunzelmann“, „Volksfeind Nr. 1 Rudi Dutschke“, „Politische Feinde ins KZ“ und ähnliches mehr. Ein Mann, den die Menge mit Rudi Dutschke verwechselte, konnte einer Lynchmeute nur mit knapper Not entkommen. Mit Rufen wie „Lyncht die Sau!“, „Schlagt ihn tot!“, „Kastriert das Judenschwein!“ jagten sie den jungen Mann durch die Straßen. Am 24. Dezember 1967 wurde Rudi, als er die in der Gedächtniskirche versammelten Christen am Heiligen Abend an die Realität des Vietnam-Kriegs erinnern wollte, von einem Kirchenbesucher mit seiner Krücke niedergeschlagen. Wenige Tage vor der Großdemonstration wurde ein Auto, in dem Dutschke mit einigen Begleitern saß, von einem Dutzend Taxis eingekreist. Als die Fahrer ausstiegen und sich dem Wagen bedrohlich näherten, konnte der Fahrer Rudi und seine Mitfahrer durch ein rasantes Manöver gerade noch aus der Gefahrenzone bringen.

Rudis Weg nach dem Attentat

Rudi erholte sich langsam von den Folgen des Attentats. Aber die Schüsse auf ihn hatten der Bewegung einen Knacks versetzt. Er hatte es verstanden, die Gemeinsamkeiten zu formulieren, der Bewegung Ziele zu geben und sie zusammenzuhalten. Er verkörperte Theorie und Moral der Befreiung und fehlte nun an allen Ecken und Enden. Im Frühjahr 1970, wenige Wochen nach Krahls Unfalltod, löste sich der SDS auf. Mit Hans-Jürgen Krahl hatte die antiautoritäre Bewegung eine weitere Integrationsfigur und einen brillanten Theoretiker verloren. Die Bewegung zerfiel in konkurrierende Parteien und Gruppierungen, die in verschiedene traditionalistische Sackgassen marschierten. Eine davon war der Weg in den bewaffneten Kampf und führte zum Aufbau der RAF. All jene, die nun seit Jahrzehnten von der Studentenbewegung als „geistigem Nährboden des Terrorismus“ schwadronieren, seien daran erinnert, dass die Gewaltfrage vom Staat und seinen medialen Sprachrohren auf die Tagesordnung gesetzt worden war. „Der Spaß hat aufgehört“, schrieb Ulrike Meinhof nach dem Attentat auf Rudi in der Zeitschrift „konkret“. Sie selbst hatte großen Anteil daran, dass nun der blutige Ernst begann. Rudi Dutschke hatte in der Gewaltfrage stets eine klare Position bezogen. Lange bevor einige seiner Genossinnen und Genossen versuchten, die Methoden des bewaffneten Kampfes von Lateinamerika nach Westeuropa zu übertragen, hatte er 1967 in einem Spiegel-Gespräch betont, dass in den Metropolen kein Mensch mehr zu hassen und der bewaffnete Kampf als Mittel des politischen Kampfes abzulehnen sei. Die Herrschenden und ihre Politiker seien „bürokratische Charaktermasken“, die er ablehne und bekämpfe, aber nicht hassen könne – wie Diktatoren in der Dritten Welt. Gegen Konzepte einer von Minoritäten angezettelten und durchgeführten Revolution setzte Rudi immer auf eine Revolution durch die Mehrheit und ihre Selbsttätigkeit. Nach dem Mord an Buback und seinen Begleitern äußerte er sich 1977 zusammen mit Herbert Marcuse und Heinrich Böll in der Wochenzeitung DIE ZEIT noch einmal zur Gewaltfrage: „Als Sozialist bekämpfe ich die Vertreter der herrschenden Klasse politisch und den außerparlamentarischen und parlamentarischen Möglichkeiten gemäß – nicht mit der sich von der Bevölkerung abwendenden Methode des individuellen Terrors.“ Jenseits aller strategisch-taktischen Erwägungen war Rudi grundsätzlich davon überzeugt, dass Hass das Antlitz der Revolution entstellte und die emanzipatorischen Ziele kompromittierte. In seiner Auseinandersetzung mit einem Text von Che Guevara hatte er betont, dass jeder Form des Hasses die Gefahr des Umschlags von militantem Humanismus, wie Rudi ihn vertrat, in verselbständigten Terror innewohne.

Rudi Dutschke arbeitete sich – mit der ihm eigenen Disziplin und tatkräftiger Unterstützung einiger Freunde und vor allem seiner Frau Gretchen – ins Leben zurück, lernte wieder zu sprechen, zu denken und zu schreiben. Die Familie emigrierte über die Schweiz, Italien, England nach Dänemark, wo sie sesshaft wurde. Rudi wurde beinahe wieder der Alte, promovierte und nahm Lehraufträge an verschiedenen Universitäten wahr. Doch etwas fehlte, wie es bei Brecht heißt. Seine politische Verortung war weggebrochen; die Flüsse, die er befahren hatte, führten kein Wasser mehr. Er saß auf dem Trockenen und begann, nach einem Ersatz für den verlorengegangenen SDS zu suchen. Rudi beteiligte sich an der Parteigründungsdiskussion, die ab Mitte der 1970er Jahre in der undogmatischen Linken geführt wurde. Er engagierte sich bei den sich bildenden Grünen und wurde Mitglied von deren Bremer Ortsgruppe. Er wurde zum Delegierten für den Gründungsparteitag auf Bundesebene gewählt, der im Januar 1980 stattfinden sollte. Da erlitt er am Heiligen Abend 1979 in Aarhus einen epileptischen Anfall – eine Folge des Attentats – und ertrank in der Badewanne. Anfang Januar 1980 wurde er in Berlin-Dahlem beerdigt, nicht weit von der Freien Universität, die sein Betätigungsfeld gewesen war und an der er seine größten Triumphe gefeiert hatte.

Ich gehe davon aus, dass Rudi die Grünen spätestens nach deren Einsatz für eine deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg verlassen hätte. Die erste deutsche Kriegsteilnahme seit 1945 wäre mit Rudis moralischen und politischen Grundüberzeugungen nicht vereinbar gewesen. Nicht zuletzt seine protestantische Prägung hinderte ihn daran, seinen Mantel nach jedem Wind zu hängen und Grundprinzipien dem politischen Tagesgeschäft zu opfern. Auch das Einschwenken der Grünen in den neoliberalen Mainstream und die Marktvergötterung waren sicher nicht in seinem Sinne. Er wäre heute vermutlich ein Einzelkämpfer – das, was Peter Brückner als „einsam wandelndes Nashorn“ bezeichnet hat. Entmutigt wäre er wahrscheinlich dennoch nicht. Im Gespräch mit Gaus hatte er gesagt: „Es gibt keine Sicherheit für die Zukunft, dass wir nicht scheitern. Aber wenn die freie Gesellschaft sehr unwahrscheinlich ist, bedarf es umso größerer Anstrengungen, die historische Möglichkeit zu verwirklichen, ohne die Sicherheit zu haben, dass es wirklich gelingen wird. Es hängt vom Willen der Menschen ab, dass sie es schaffen, und wenn wir es nicht schaffen, dann haben wir eine historische Periode verloren. Als Alternative steht vielleicht Barbarei!“

Das unabgegoltene Erbe der Revolte

Wir werden gegenwärtig von unseren Gegnern darüber belehrt, dass der Klassenkampf nach wie vor geführt und ausgetragen wird. Die politische Rechte bläst zum finalen Angriff auf die Errungenschaften der Revolte. „Fünfzig Jahre nach 1968 wird es Zeit für eine bürgerlich konservative Wende in Deutschland“, schrieb Alexander Dobrindt von der CSU unlängst in der Zeitung Die Welt, und Jörg Meuthen von der AfD sagte bereits im Jahr 2016: “Wir wollen weg vom links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland und hin zu einem friedlichen, wehrhaften Nationalstaat.“ Der Angriff der Rechten richtet sich nicht nur gegen Bastionen vermeintlich linker Meinungsmache und den im links-liberalen Milieu beheimateten Multikulturalismus, sondern zielt letztlich auf die Möglichkeit der Revolution selbst. Die Erinnerung daran, dass eine menschliche Welt möglich ist, soll getilgt werden. Ein großes Vergessen soll sich breitmachen und jede Alternative schon im Ansatz erstickt werden.

Ein Blick auf den Zustand der jüngeren Generation zeigt, dass dieses Vorhaben bereits weit vorangekommen ist. Das gilt leider auch für das Gros der heutigen Studierenden. Sie unterwerfen sich den Anforderungen einer zur Lernfabrik verkommenen Universität und lassen sich widerspruchs- und widerstandslos zu „Kopflangern“ (Brecht) des digitalisierten Kapitals herrichten. Sie begeben sich auf ein Reise-nach-Jerusalem-Spiel um gutbezahlte Jobs und verfahren nach dem altgriechischen Motto: „Glück ist, wenn der Pfeil (der Arbeitslosigkeit) den Nebenmann trifft“. Konkurrenz und Ellenbogeneinsatz statt Solidarität und gegenseitiger Hilfe. Sie pfeifen sich leistungssteigende Medikamente rein, vergöttern Markt und Effizienz, rennen wie Somnambule hinter ihren Smartphones her und trinken auf dem Weg zur Uni einen Coffee to Go. Statt sich in den Kampf zu stürzen, jagen sie Pokémons und tanzen nach der digitalen Pfeife. Insgeheim ahnen oder wissen sie, dass sie keine Perspektiven haben. Das macht sie latent wütend und gereizt. Deswegen besaufen sie sich regelmäßig und trinken oder kiffen sich weg aus einer frustrierenden Realität. Dass sie diese ändern könnten, ist ein Gedanke, der ihnen fremd ist. Von Revolution ist bloß noch die Rede, wenn es um eine neue Geschäftsidee oder die Gründung eines Start-up-Unternehmens geht. Ihr Traum, den sie leben wollen – wie ein gängiger Werbeslogan heißt – ist ganz von dieser Welt: reich sein, Karriere machen und dabei Spaß haben.

Aber auch viele ehemalige Linke haben sich von der Idee des Klassenkampfes und der Revolution längst verabschiedet und ihren Frieden mit den herrschenden Verhältnissen gemacht. Sie haben sich in deren privilegierten Zonen häuslich eingerichtet; sie wählen vielleicht noch grün, haben die taz abonniert und kaufen ihre Lebensmittel im Bioladen. Gerade ehemalige 68er haben ein Büßergewand übergezogen und ihren ehemaligen Zielen abgeschworen. Sie zeihen die 68er-Bewegung totalitärer Absichten und halten es inzwischen für ein Glück, dass die Bewegung mit ihren Forderungen nicht durchgekommen ist. Die herrschenden Medien tun alles, um diesen Eindruck zu bestärken und fahren jede Menge sogenannter Zeitzeugen auf, die ins gleiche Horn blasen. Dabei ist es eine üble Geschichtsklitterung, das Wesen der 68er-Revolte habe sich in der RAF offenbart. Die RAF war eines der zahlreichen Spalt- und Zerfallsprodukte einer Revolte, auf die wir mit Stolz zurückblicken können und auf deren Gehalte wir uns gerade heute zurückbesinnen sollten. Die Revolte war vor allem darin bahnbrechend, dass sie die in der Ära nach Marx zerbrochene dialektische Einheit von Veränderung der Umstände und Selbstveränderung wiederhergestellt hat. Marx und Rimbaud kamen endlich zusammen: die Welt verändern und das Leben verändern. Die Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Revolutionierung der menschlichen Psyche galten als zwei Seiten ein und desselben Prozesses. Was die Revolte auf ihrem bewegten Höhepunkt für knapp zwei Jahre glücklich umklammert hatte, entmischte sich Anfang der 1970er Jahre wieder. Von Marcuse führte der Weg innerhalb weniger Wochen zu Lenin. Die sogenannte „proletarische Wende“ verfehlte die Wirklichkeit der BRD; die Bewegung fiel zurück auf das Niveau der Klassenkämpfe im Russland zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit dem Marsch in die Traditionalisierung nahm die zerfallende Bewegung ihre Zerschlagung in eigene Regie.

Dagegen hatte sich das antiautoritäre Lager in vielen Belangen wirklich auf der Höhe der Zeit befunden. In seinem „wilden Denken“ hatte es alle bis heute existentiellen Fragen angerissen: vom versklavenden Konsum, sinnloser Arbeit, langweiliger Freizeit, medialer Massenmanipulation und einem letztlich ungelebten Leben bis hin zu Fragen der Erziehung, Partnerschaft und Sexualität. Gegen einen ausgehöhlten und verselbständigten parlamentarischen Betrieb und verknöcherte Parteistrukturen, die die Menschen zu Objekten der Apparate degradieren und unfähig sind, den Willen der Menschen zum Ausdruck zu bringen, setzte die Revolte auf die Wiederbelebung der Idee einer von unten nach oben aufgebauten und durchlässigen Rätedemokratie. Angesichts des aktuell grassierenden Überdrusses an den etablierten Systemen der Repräsentation täte die Linke gut daran, den Rätegedanken zeitgemäß wiederzubeleben. Wenn wir, die libertären Linken, das verbreitete Unbehagen nicht aufgreifen, tun es andere. Die Rechten eignen sich seit Jahren diesen Rohstoff an und setzen das verbreitete Unbehagen nach rückwärts in Richtung „Volksgemeinschaft“ in Gang. Am politisch-gesellschaftlichen Horizont ziehen dunkle Wolken auf und wir müssen uns ranhalten, wenn sich nicht das gesellschaftliche Ganze erneut verfinstern soll.

Ich schließe mich Didier Eribon an, der kürzlich davon sprach, dass wir, wenn wir sowohl die neoliberale Technokratie als auch den fremdenfeindlichen Nationalismus bekämpfen wollen, dringend ein neues linkes Denken und eine neue linke Praxis entwickeln müssen. Die seit Jahren andauernde Krise und Paralyse des linken Denkens lasse sich nur überwinden, „wenn wir uns den Geist von 68 wieder zu eigen machen.“ Die Revolte hatte ein Bewusstsein davon, dass man die Revolution nicht macht, weil man den historischen Materialismus durchsetzen möchte, sondern, wie Rudi Dutschke es ausgedrückt hat, aus „existentiellem Ekel“ an Formen bürgerlichen Lebens oder Nicht-Lebens und weil einem die entfremdeten Lebensbedingungen die Luft zum Atmen nehmen. Die Revolte hat auf ihrem Höhepunkt die Idee einer Revolution hervorgebracht, deren Hauptsorge nicht mehr der Steigerung der Produktion galt, sondern der Entfaltung der menschlichen Möglichkeiten und des Glücks.

Im bereits erwähnten Gespräch mit Gaus sagte Rudi:

„Wir können es ändern. Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Das haben sie uns jahrhundertelang eingeredet. … Wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat, eine Welt, die sich auszeichnet, keinen Krieg mehr zu kennen, keinen Hunger mehr zu haben, und zwar in der ganzen Welt. Das ist unsere geschichtliche Möglichkeit …“


Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gefängnispsychologe. In der »Edition Georg-Büchner-Club« erschien im Juli 2016 unter dem Titel »Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst« der zweite Band seiner »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«. Der erste Band »Zwischen Amok und Alzheimer« ist 2015 im Verlag Brandes und Apsel erschienen.

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