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Auch das gehört zur 70-Jahr-Feier Israels: Ein Bericht von „Haaretz“ über die ungewöhnlich schweren Verletzungen von Palästinensern

Veröffentlicht in: Gedenktage/Jahrestage, Israel, Militäreinsätze/Kriege

Israel hat 70 Stunden lang die Staatsgründung gefeiert. In deutschen Medien wurde ausführlich davon berichtet, wie hier zum Beispiel im Deutschlandfunk. Zur Realität gehört auch die ausweglose Lage der Palästinenser. Und dazu gehören die 37 von israelischen Soldaten kürzlich getöteten und die etwa 5000 verletzten Palästinenser. Die Schussverletzungen sind ungewöhnlich schlimm. Davon berichtete Haaretz. Lesenswert. Als Nachtrag am Ende noch der Link auf einen Kommentar von Uri Avnery. Albrecht Müller.

Ärzte in Gaza: Israelischer Beschuss bei den Protesten an der Grenze verursacht Wunden, die man seit dem Krieg von 2014 nicht mehr gesehen hat

Amira Hass in Haaretz 22.04.2018

Tötung von Gaza Demonstranten untergräbt Israels Reklamation des Selbstverteidigungsrechts.
Nach internationaler Kritik untersucht die israelische Armee den Tod eines 15-jährigen Gazaners.
Die Wunden von scharfer Munition bei 1.700 Palästinensern im Gazastreifen im Lauf des letzten Monats waren ungewöhnlich schwer, sagen palästinensische und ausländische Ärzte.

Seit am 30. März die Demonstrationen, bekannt als Rückkehrmarsch, begonnen haben, haben israelische Soldaten 37 Palästinenser getötet und etwa 5.000 verletzt, von denen 36% von scharfer Munition verletzt wurden.

Ärzte im Shifa-Hospital sagten, sie hätten seit Israels Operation Protective Edge 2014 in Gaza so schwere Verletzungen nicht gesehen. Die Hilfsorganisation Médecins sans Frontières sagte, ihre medizinischen Teams würden postoperativ Menschen “mit verheerenden Verletzungen von einem ungewöhnlichen Schweregrad (versorgen), die extrem komplex zu behandeln sind. Die von den Patienten erlittenen Verletzungen werden bei den meisten zu ernsten, langfristigen Körperbehinderungen führen.”

Seit 1.April hat MSF 500 Menschen mit Schusswunden, meist an den unteren Extremitäten, postoperativ versorgt. Die meisten waren junge Männer, einige waren Frauen oder Kinder.

“Die medizinischen Teams von MSF weisen darauf hin, dass die Verletzungen einen extremen Grad an Zerstörung von Knochen und Weichteilgewebe aufweisen, sowie Austrittwunden, die faustgroß sein können”, sagte die Gruppe in einem Bericht vom 19. April.

(Der Bericht) zitiert Marie-Elisabeth Ingres, Leiterin der Mission von MSF in Palästina, mit den Worten: “Die Hälfte der mehr als 500 Patienten, die wir in unsere Kliniken aufgenommen haben, hat Wunden, wo die Kugel das Gewebe zerstört hat, nachdem sie den Knochen buchstäblich pulverisiert hat. Diese Patienten werden sehr komplexe Operationen benötigen und die meisten von ihnen werden lebenslang behindert bleiben.”

Der Bericht schließt: “Neben der regelmäßigen Pflege (Betreuung), werden die Patienten oft zusätzliche Operationen benötigen und einen sehr langen Prozess der Physiotherapie und Rehabilitation durchlaufen (müssen). Viele Patienten werden für den Rest ihres Lebens funktionale Beeinträchtigungen behalten. Einige Patienten werden gegebenenfalls Amputationen benötigen, wenn in Gaza keine ausreichende Behandlung möglich ist und sie es nicht schaffen, die nötige Genehmigung für eine Behandlung außerhalb des Gazastreifens zu bekommen.”

Die Organisation Medical Aid for Palestinians mit Sitz in London bringt den gleichen Befund wie MSF. Sie zitiert einen Chirurgen des Shifa-Hospitals mit den Worten: “Die verwendeten Kugeln verursachen Verletzungen, von denen die lokalen Ärzte sagen, sie hätten sie seit 2014 nicht mehr gesehen. Die Eintrittswunde ist klein. Die Austrittswunde ist verheerend, (die Kugeln haben) eine Pulverisierung des Knochens und Zerstörung von Weichteilgewebe verursacht.”

Der Bericht der Organisation vom 20. April sagte auch, Chirurgen in Gaza hätten 17 Amputationen durchgeführt – 13 Beine und vier Arme. Außerdem mußte einem Jungen in Ramallah, der am 17. April von israelischen Soldaten angeschossen wurde, ein Bein amputiert werden. Seine Eltern sagten, er habe in der Nähe des Grenzzauns zwischen Israel und Gaza östlich vom Flüchtlingslager al-Bureij Fußball gespielt.

Beide Hilfsorganisationen verwendeten zur Beschreibung der Wunden wiederholt das Wort “Zerstörung”.

Um mit der Flut der Patienten zurechtzukommen, haben öffentliche und private medizinische Einrichtungen ihre Präsenz in der Nähe der Demonstrationen, die entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza stattfinden, verstärkt.

Das Palästinensische Gesundheitsministerium stellte fünf Feldkliniken in der Nähe der Demonstrationen auf, um Patienten zu stablisieren, bevor sie das Krankenhaus erreichen. Jede Klinik hat drei Betten und mehrere Matratzen und ist mit 10 Ärzten und 15 Pflegekräften plus Volontären besetzt.

Zusätzlich hat das palästinensische Rote Kreuz fünf Stationen für die Notversorgung errichtet. MSF hat Operations-Teams herein gebracht, die neben den Gaza-Teams am Al-Shifa- und Al-Aqusa-Hospital arbeiten.

Trotzdem sagt die Weltgesundheitsorganisation, dass das Fehlen von Medikamenten und medizinischen Einmal-Produkten wie Verbandsmaterial eine angemessene Versorgung der Patienten beeinträchtigt. Das Palästinensische Gesundheitsministerium benötigt dringend einen Bestand von 75 unentbehrlichen Medikamenten und 190 Arten von medizinischen Einmal-Produkten.

Die WHO kritisierte Israel auch für die Verletzung von medizinischem Personal und sagte, 48 medizinische Mitarbeiter seien von israelischen Kugeln verletzt worden, als sie versuchten Verwundete zu evakuieren. Mindestens drei wurden von scharfer Munition getroffen. Außerdem wurden 13 Ambulanzen von scharfer Munition oder Tränengasgranaten getroffen.

Zwischen dem 30. März und Donnerstag (18.April) wurden laut Palästinensischem Gesundheitsministerium 1.539 Gazaner von scharfer Munition und etwa 500 von Geschossen mit Schwammspitzen verletzt. 62,3% der Opfer wurden am Unterkörper getroffen, 16% am Oberkörper, 8,2% an Kopf oder Nacken, 4,8% in den Magen und 4% in die Brust. Außerdem wiesen 4,7% multiple Verletzungen auf.

Wie das Ministerium sagte, wurden am Freitag 729 Palästinenser von israelischen Kugeln oder Ausrüstung zur Unterdrückung von Unruhen verletzt, von denen 305 Krankenhausbehandlung benötigten. Von letzteren wurden 156 von scharfer Munition getroffen.

15 der ins Krankenhaus aufgenommenen Patienten waren, wie (das Ministerium) weiter sagt, Frauen und 45 Kinder. Insgesamt wurden seit dem 30. März 500 Minderjährige durch israelischen Beschuss verletzt.

Quelle: haaretz.com
Übersetzung: K. Nebauer

Ergänzung:
Der Link auf einen Kommentar von Uri Avnery:
Wir gehören nicht zur selben Menschenrasse
Geblendet in Gaza

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