Heute hier, morgen dort – Warum unsere digitale Dauer-Erregung kontraproduktiv ist
Heute hier, morgen dort – Warum unsere digitale Dauer-Erregung kontraproduktiv ist

Heute hier, morgen dort – Warum unsere digitale Dauer-Erregung kontraproduktiv ist

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

In Zeiten der Hashtags, Shitstorms und Online-Petitionen hat sich auch die Art und Weise unserer politischen Teilhabe beschleunigt. Nahezu täglich wird in den sozialen Netzwerken die nächste Sau durchs virtuelle Dorf getrieben. Doch im gleichen Maße wie unsere Erregung steigt, sinkt auch unsere Aufmerksamkeitsspanne. Twitter, Facebook und Co. geben den Takt vor – die Debatte wird schneller, oberflächlicher, undifferenzierter und löst sich genauso schnell wieder im digitalen Nirwana auf, wie sie entstanden ist. Nicht trotz, sondern wohl eher wegen unseres politischen Hyperaktivismus ändert sich nichts. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, muss unsere politische Kommunikation nachhaltiger werden und sich entschleunigen. Ein Debattenbeitrag von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Für Menschen, die die sogenannten sozialen Netzwerke auch zur politischen Kommunikation nutzen, war die letzte Woche purer Stress. Am Anfang echauffierte sich das Netz über „Enteignungen“ und in den linken Ecken der Netzwerke wehte gar ein Hauch von Revolution durch die virtuelle Arena. Man ließ seinen Avatar durch einen Algorithmus mit einem „Enteignet Deutsche Wohnen und Co.“ Sticker verschönen und schwor „den Kapitalisten“, sie diesmal nicht ungeschoren davonkommen zu lassen. Zum Glück für die Kapitalisten hatte der „rote Spuk“ jedoch schon am letzten Freitag sein Ende.

Nun standen Julian Assange und seine drohende Auslieferung in die USA im Fadenkreuz der Klicktivisten. Die Enteignungs-Sticker wichen in Windeseile #FreeAssange-Soli-Stickern und es wurden Onlinepetitionen angeklickt. So (hyper)aktiv war die Community selten. Bis dann Notre Dame Feuer fing. Nun solidarisierte man sich mit den Parisern, besorgte sich fix Je-suis-Notre-Dame-Sticker und überflutete die Netzwerke mit genau den Videos und Bildern, die zeitgleich die TV-Kanäle überfluteten; um sich tags drauf darüber zu kabbeln, ob eine brennende Kathedrale schlimmer ist als ein Flüchtlingskind, das im Mittelmeer ertrinkt und warum „wir“ so einen Wind um eine Kirche machen. Und wer weiß – vielleicht tragen die Sticker der Netzwerke zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels schon neue Slogans und es wird bereits die nächste Sau durchs virtuelle Dorf getrieben.

Die Karawane der Empörung ist in stetiger Bewegung und verharrt selten so lange an einem Ort, dass es ausreicht, der Empörung auch einmal Nachdruck zu verleihen. Und das ist der Punkt, an dem aus politischem Klick-Aktivismus Belanglosigkeit wird. Welche Onlinepetition wurde doch gleich 500.000-mal „unterzeichnet“? Welche Kampagne läuft gerade auf change.org oder bei Campact? Das Netz und erst recht die sozialen Netzwerke eignen sich natürlich ganz hervorragend dafür, um Menschen unter Umgehung der Torwächter in den Medienkonzernen für Themen zu sensibilisieren und ihnen gute Argumente mit auf den Weg zu geben, sodass sie sich bestmöglich ihre eigene Meinung bilden und dementsprechend handeln. Diese Aufgabe nehmen ja auch wir bei den NachDenkSeiten gerne wahr.

So sinnvoll das Netz für die Information und Kommunikation ist, so sinnlos ist es jedoch als isolierte Aktionsplattform. Es ist einfach, hier und da zu klicken, sich zusammen mit der eigenen Echokammer auf Facebook zu empören und diese oder jene Petition online zu zeichnen – ändern wird man durch derartige Meinungskundgebungen im virtuellen Raum aber nichts. Die US-Regierung wird nicht deshalb auf Assanges Auslieferung verzichten, weil Michael Schmidt aus Herne dies in einer Petition auf change.org fordert. So gesehen hat der Klick-Aktivismus eine systemstabilisierende Funktion. Unzufriedene und Empörte reagieren sich an ihren Computern und Smartphones ab und haben danach zumindest das Gefühl, Teil eines wie auch immer gearteten Widerstands oder gar eines partizipativen demokratischen Prozesses zu sein. Den Mächtigen kann dies natürlich nur Recht sein.

Die Debatte in den sozialen Netzwerken krankt jedoch auch strukturell. Wer heute online über den Klimawandel, morgen über die Perspektiven des palästinensischen Widerstands und übermorgen über die Frage der Regulierung der Finanzmärkte debattiert, wird – sofern die an den Debatten Beteiligten keine Universalgelehrten sind – bei allen drei Themenfeldern an der Oberfläche bleiben müssen. Selbst wenn man die Themen intellektuell durchaus greift, reicht alleine der zeitliche Horizont nicht aus, um sie auch vertieft und differenziert zu debattieren. Was dabei dann herauskommt, sieht man jeden Tag in den sozialen Netzwerken – differenzierte Positionen haben es sehr schwer, während einfache und möglichst radikale Lösungen schon zu Beginn der Debatte den Weg vorgeben. Was in der eigenen Echokammer dann Konsens ist, ist gesamtgesellschaftlich jedoch womöglich eine exotische Außenseitermeinung. So prallen dann Positionen aufeinander, die nur sehr schwer auf einen Nenner zu bringen sind. Auf diese Art und Weise zu konstruktiven Kompromissen zu finden, scheint unmöglich. Nur wer miteinander debattiert, kommt weiter. Im Netz wird vor allem aneinander vorbei debattiert.

Am wichtigsten ist es aber, die Empörung und den Protest vom virtuellen in den realen Raum zu übertragen. 10.000 Demonstranten vor der US-Botschaft sind weitaus wirkmächtiger (und eindrucksvoller) als 100.000 Klickaktivisten, die eine Onlinepetition mitzeichnen. Auf Kölsch würde man wohl sagen … „Arsch huh, Zäng ussenander“. Warum gehen Sie Ostern nicht mal auf einen Ostermarsch der Friedensbewegung? Warum nicht mal zum 1. Mai auf eine Maikundgebung? Sinnvoller als ein Soliklick auf Facebook wäre dies allemal. Hätten es die Gelbwesten in Frankreich beim virtuellen Protest in den sozialen Netzwerken belassen, wären sie schon längst in Vergessenheit geraten und das Netz vergisst sehr schnell.

Ähnlich verhält es sich mit der konstruktiven Debatte. Twitter und Facebook sind toll, um Hintergrundinformationen weiterzuverbreiten. Nutzen Sie doch diese Informationen, um sich mit Freunden, Verwandten oder Kollegen im „echten Leben“ über diese Themen auszutauschen. Oder schauen Sie einmal bei einem unserer Gesprächskreise vorbei, um sich abseits der schnelllebigen Onlinewelt mit Gleichgesinnten auszutauschen. Oder engagieren Sie sich bei einer der unzähligen Gruppierungen, die unsere Gesellschaft bessermachen wollen – egal ob es sich um einen Verein, eine NGO, eine kirchliche Organisation, ein loses Aktivistenbündnis oder gar eine Partei handelt. Informieren Sie sich online und demonstrieren Sie offline.

Titelbild: just dance/shutterstock.com

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