Google vs. Huawei sollte vor allem für die EU ein letztes Warnsignal sein, um sich von den USA zu emanzipieren
Google vs. Huawei sollte vor allem für die EU ein letztes Warnsignal sein, um sich von den USA zu emanzipieren

Google vs. Huawei sollte vor allem für die EU ein letztes Warnsignal sein, um sich von den USA zu emanzipieren

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Die Entscheidung, den chinesischen Technologie-Konzern Huawei auf eine schwarze Liste mit Unternehmen zu setzen, die von US-Unternehmen nicht mehr beliefert werden dürfen, sollte die naive Vorstellung endgültig widerlegen, dass es sich bei den weltweit dominanten Tech-Giganten Google, Facebook, Apple, Microsoft und Co. um internationale Konzerne mit eigenen Standards handelt. Wenn das Weiße Haus den Krieg erklärt, werden Google und Co. zu treuen Soldaten, wie es schon Edward Snowden mit seinen Enthüllungen klarstellte. Der Huawei-Boykott zeigt jedoch, wie skrupellos die US-Regierung die Marktmacht der Tech-Giganten schon heute in ihrem Wirtschaftskrieg einsetzt. Der Rest der Welt darf das nicht hinnehmen! Vor allem für die EU müsste dies nach den aufgezwungenen Sanktionen gegen Russland, Iran und Venezuela das allerletzte Warnsignal sein, sich schnellstmöglich von den USA loszusagen. Von Jens Berger.

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Was bedeutet der Boykott eigentlich konkret?

Dass Google selbst alles andere als begeistert von der Order aus dem Weißen Haus war, Huawei künftig keine Lizenzen für die Nutzung der Google-Play-Services und den Zugang zum Google-Play-Store auszustellen, ist durchaus glaubhaft. Schließlich dürfte der von Trump angeordnete Huawei-Boykott für Google langfristig zumindest den Verlust des kontinental-asiatischen und afrikanischen Marktes bedeuten. Schon heute liefern die großen chinesischen Smartphone-Hersteller ihre Android-Smartphones auf dem Heimatmarkt ohnehin ohne Software von Google und ohne Schnittstellen zu den Services und dem Store von Google aus. Auf dem chinesischen Smartphone-Markt spielen ausländische Hersteller keine nennenswerte Rolle. Global stellen Samsung und Apple hingegen immer noch etwas mehr als ein Drittel des Marktes. Global war Huawei im letzten Jahr der größte Gewinner mit einem Verkaufsplus von +34%, während Samsung und Apple global Marktanteile verloren.

Indem Google Huawei aussperrt, zwingt es die chinesischen Hersteller de facto, ihre auf dem chinesischen Markt ohnehin schon vorhandenen lokalen Variationen des Android-Systems mit eigenen Vertriebsplattformen für die Apps von Drittanbietern auch international zum Standard zu machen und damit Google auszusperren. Huawei hat dies für den so wichtigen europäischen Markt bereits angekündigt. Es ist jedoch eine offene Frage, ob eine chinesische Google-Alternative auf dem europäischen Markt überhaupt eine Chance hätte. Hier sind Zweifel angebracht. Auf den Wachstumsmärkten Asiens und Afrikas wäre der Verlierer jedoch wahrscheinlich Google, da dort die preiswerte chinesische Hardware ein wichtigeres Verkaufsargument als die Integration der dort ohnehin nicht so dominanten Google-Services ist. Stellt sich die Frage, ob die potentiellen Gewinne auf dem asiatischen Markt für Huawei und Co. die ziemlich sicheren Verluste auf dem europäischen Markt wettmachen können. Es sieht eher so aus, als wären sowohl Google als auch Huawei die Verlierer von Trumps Wirtschaftskrieg.

Google ist nur die Spitze des Eisbergs

Viel entscheidender als der Boykott durch Google ist für Huawei jedoch der Boykott durch die Chiphersteller Intel, Qualcomm, Xilinx und Broadcom, deren Produkte und Patente zwar zum Teil auch in den Smartphones von Huawei vorkommen, aber vor allem für die Server- und Netzwerksparte des Unternehmens von Bedeutung sind. Andererseits ist Huawei jedoch auch für einige US-High-Tech-Firmen ein überlebenswichtiger Kunde. Für kleinere Chiphersteller wie NeoPhotonics, Lumentum, Inphi oder Micron macht Huawei als Kunde einen Marktanteil von 13% bis 49% des Umsatzes aus. Für all diese US-Unternehmen verheißt der Technologie-Krieg des Weißen Hauses nichts Gutes. Es steht außer Zweifel, dass chinesische Hersteller – so sie denn nicht ohnehin schon Auftragsfertigung für US-Unternehmen betreiben – die wichtige US-Technik auch selbst produzieren können und die betreffenden Lizenzen und Patente einfach ignorieren. Würden die USA dies mit harter Hand verbieten wollen, blieben am Ende wohl die Regale der meisten amerikanischen und europäischen Elektromärkte leer. Und das wäre ja ebenfalls nur die Spitze des Eisbergs – ohne chinesische Produkte würde wohl schon bald unser gesamtes „System“ zusammenbrechen.

Ohne die unzähligen Chips, Switches, Router, Speichermodule, Halbleiter und all den anderen High-Tech-Komponenten läuft auch kein Internet, kein Handynetz, kein Stromnetz und all die vernetzten Maschinen in den Produktionshallen würden ebenfalls stehen bleiben. Da ein elektronischer Blackout keine ernstzunehmende Handlungsoption ist, haben auch die USA bei näherer Betrachtung gar nicht die Mittel, im Handelskrieg am Ende tatsächlich die „nukleare Option“ zu ziehen und ihren Krieg gegen Huawei auf andere Hersteller auszuweiten. Zumal es ja nicht so ist, dass China keine „nukleare Option“ im High-Tech-Krieg hätte. Denn ohne die Entwickler und Fabriken aus dem chinesischen Perlflussdelta rund um die Sonderwirtschaftszonen Shenzen, Dongguan, Guangzhou und Zhongshan würde wohl kein einziges US-Produkt mit Stecker mehr in den Handel kommen können. Selbst Apples iPhones mögen ja zum Teil in Kalifornien entworfen sein – produziert werden sie in China. Amazon, Apple, Dell, Google, Hewlett-Packard, Intel, Microsoft, Motorola und Co. haben schon lange eine symbiontische Beziehung zu all den gigantischen Produzenten im Perlflussdelta, deren Namen hierzulande kaum wer kennt. Allein dies zeigt die Idiotie der Trumpschen Handelspolitik, die eher ins 18. Jahrhundert passen würde. Auch Wirtschaftskriege kennen in einer globalen Welt nur Verlierer und keine Gewinner.

Eine technologische Autarkie ist für die EU eine strategische Notwendigkeit

Wenn der Huawei-Boykott eines zeigt, dann ist es die Bereitschaft, mit der die US-Regierung ihre Macht gnaden- und ruchlos gegen echte und vermeintliche Gegner einzusetzen bereit ist. Europa wird bei derlei selbstmörderischen Attacken bestenfalls in Kenntnis gesetzt. Dabei sind auch europäische Unternehmen, europäische Netzwerke und nicht zuletzt die europäische Gesellschaft Opfer des blindwütigen US-Wirtschaftskriegs. Der Branchenverband Bitcom wagt bereits vor einem „Flächenbrand“, den der US-Krieg gegen Huawei in Deutschland auslösen wird. Es kann nicht sein, dass eine ganze Wirtschaftsregion sich ohne jede Not abhängig von einem Land wie den USA macht, dem offenbar seit einiger Zeit jeder politische Anstand abhanden gekommen ist und das ohne mit der Wimper zu zucken, militärische und ökonomische Kriege gegen Gott und die Welt ausruft.

Wenn am Sonntag ein neues Europaparlament gewählt und danach eine neue EU-Kommission gebildet wird, sollte deren erste Hausaufgabe sein, ein schlüssiges Konzept zu entwickeln, wie Europa sich in allen Bereichen von den USA unabhängig machen kann. Dies fängt beim Militär an, geht beim Finanzwesen weiter und endet bei der Nutzung von Technologien. Denn Kriege, die nur Verlierer kennen, hatten wir Europäer schon genug.

Titelbild: arfa adam/shutterstock.com

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