Mord an Olof Palme: „Ein Mann, der den Eindruck macht, in seinen Ermittlungen völlig unabhängig zu sein“
Mord an Olof Palme: „Ein Mann, der den Eindruck macht, in seinen Ermittlungen völlig unabhängig zu sein“

Mord an Olof Palme: „Ein Mann, der den Eindruck macht, in seinen Ermittlungen völlig unabhängig zu sein“

Ein Artikel von: Redaktion

Im Mordfall des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme gibt es Hoffnung, dass eine Aufklärung doch noch stattfinden wird. Das sagt Autor Patrik Baab im Interview mit den NachDenkSeiten. Zusammen mit seinem Co-Autor, dem Politikwissenschaftler und Rüstungsexperten Robert Harkavy, hat Baab sich mit dem schwedischen Generalstaatsanwalt getroffen, um über das rätselhafte Verbrechen, das über 30 Jahre zurückliegt, zu sprechen. Einen Einblick in das Gespräch und die Hintergründe des Falls gibt Baab im folgenden NachDenkSeiten-Interview unseren Lesern. Von Marcus Klöckner.

Herr Baab, der Mord an Olof Palme liegt Jahrzehnte zurück. Kann das Verbrechen noch aufgeklärt werden?

Robert Harkavy und ich sind überzeugt, dass der Fall Palme gelöst werden kann. Der derzeitige schwedische Generalstaatsanwalt Krister Petersson scheint dazu der richtige Mann zu sein. Er ist nicht nur Fan des 1. FC Köln, sondern nach unserem Eindruck auch gewillt, den Mord aufzuklären. Wir haben uns im vergangenen Herbst mehrere Stunden mit Krister Petersson unterhalten. Dabei erklärte er, dies sei sein letzter Job als Chefermittler und er wolle unbedingt in den kommenden vier Jahren zu einem Ergebnis kommen. Wenn er sein Vorhaben einlöst, dann wäre er der erste Palme-Ermittler, der nicht Teil einer Vertuschungsaktion ist.

Warum haben Sie Hoffnung, dass bei den Ermittlungen etwas rauskommen könnte?

Krister Petersson führt aus, dass Christer Pettersson, der lange Zeit von den schwedischen Ermittlern beschuldigte angebliche Einzeltäter, den Mord gar nicht begangen haben kann. Er habe sich gar nicht am Tatort befunden und sei deshalb Jahre später vom Berufungsgericht zu Recht freigesprochen worden. Zeugen, die damals Christer Pettersson belastet haben, seien von der Polizei selbst bestochen worden. Damit bricht die Einzeltäter-Theorie in sich zusammen. Der schwedische Chefermittler denkt an eine professionelle, militärisch ausgebildete Tätergruppe, möglicherweise militärische Spezialkräfte.

Wer ist der Staatsanwalt?

Ein Mann, der den Eindruck macht, in seinen Ermittlungen völlig unabhängig zu sein. Vor allem hat er beruflich alles erreicht, er muss keine Karriere mehr machen und möglichen Pressionen nicht mehr nachgeben. Aber er weiß auch, dass er sich mit mächtigen Gegnern anlegt. Krister Petersson sieht zahlreiche Hinweise, dass die schwedische Polizei und der schwedische Geheimdienst, die Säpo, in die Tat verwickelt sind.

Er hat Ermittlungsteams nach Südafrika geschickt und interessiert sich sehr für die schwedischen Zellen der NATO-Geheimarmee Stay-Behind. Denn dem Leitungsgremium dieser NATO-Geheimarmee, dem Allied Clandestine Committee ACC, waren auch Vertreter von Staaten zugeordnet, die der NATO nicht angehörten – wie z.B. Schweden. Dies belegen Dokumente, die wir in unserem Buch auswerten. Insoweit zeigte Krister Petersson starkes Interesse an unseren Recherche-Ergebnissen. Aber ob er den Fall ausermitteln kann, hängt auch davon ab, ob die Säpo ihre Archive öffnet und ihre Unterlagen zugänglich macht. Dies ist nach meiner Kenntnis in den vergangenen 30 Jahren nicht geschehen.

Um das kurz zu klären: In dem Fall gibt es einen Krister Petersson und Christer Pettersson.

Ja, das mag verwirrend wirken, aber das ist einfach nur eine zufällige Namens-Ähnlichkeit. Der lange beschuldigte angebliche Einzeltäter Christer Pettersson war ein drogen- und alkoholabhängiger Kleinkrimineller. Eine Woche vor dem Mord an Olof Palme nahm er einen Schnapsladen hoch und lief danach der Polizei direkt in die Arme. Er wäre gar nicht in der Lage gewesen, einen solchen Mord auszuführen. Robert Harkavy und ich gehen davon aus, dass man einen Sündenbock gesucht hat. So wollte man von den wahren Hintergründen der Tat und vor allem auch von der Tatbeteiligung von Teilen der schwedischen Sicherheitskräfte und des schwedischen Establishments ablenken.

Was spricht gegen die Einzeltätertheorie?

In der eiskalten Winternacht des 28. Februar 1986 kurz nach 23 Uhr näherte sich der Mörder von hinten dem Ehepaar Olof und Lisbet Palme. Die beiden kamen aus dem Kino Grant auf dem Sveavägen mitten in Stockholm. Zeugen sagten aus, dass der Täter eine kurze Weile neben den beiden herlief, möglicherweise mit ihnen gesprochen hat. Dann feuerte er Olof Palme aus nächster Nähe genau in jene Stelle des Rückenmarks, bei deren Verletzung der Getroffene sofort tot ist.

Nicht gesichert ist, ob ein zweiter Schuss Lisbet Palme streifte oder ob es sich hier um eine Inszenierung handelt. Dann entfernte sich der Mörder gemessenen Schrittes hin zu den Stufen der Tunnelgatan. Er drehte sich ruhig um, blickte zurück. Erst dann sprintete er die Stufen der Tunnelgatan hinauf und verschwand in einer der drei von dort abzweigenden Straßen. Ein einziger Schuss in die tödliche Stelle; ein kaltblütiger Rückzug vom Tatort; ein Mord an einem Ort, der sich bestens für die Flucht eignet – dies ist das Werk eines Profis, eines trainierten, ausgebildeten, routinierten „hitman“, der sich auf ein eingespieltes Team stützt.

Sie haben sich mit dem Staatsanwalt getroffen. Was sind seine Erkenntnisse?

Wie alle professionellen Ermittler spricht Krister Petersson nicht über einzelne Ermittlungsergebnisse. Aber aus den Fragen, die er stellt, und den Themen, die wir diskutiert haben, erkennen wir, in welche Richtungen er ermittelt. Hier gibt es zahlreiche Übereinstimmungen mit unserer Arbeit. So betrachtet der Chefermittler genau die sogenannten „walkie-talkie-men“. Zahlreiche Zeugen sahen rund um den Tatort und entlang des abendlichen Wegs der Palmes Männer mit Funkgeräten – Mobiltelefone gab es ja noch nicht. Ihre Positionen sind nicht ganz logisch. Keine einzige dieser Zeugenaussagen wurde sauber ausermittelt.

Wurden Palme und seine Frau an diesem Abend beobachtet?

Dafür sprechen viele Indizien. Der Entschluss von Olof und Lisbet, mit ihrem Sohn und seiner Freundin ins Kino zu gehen, fiel erst am Abend, vielleicht zweieinhalb Stunden vor dem Beginn der Vorstellung um 21 Uhr. Wer auch immer diese Männer mit Funkgeräten positioniert hat – er musste wissen, was Palme und seine Frau an diesem Abend vorhatten. Dies konnte nur wissen, wer das Telefon von Olof Palme abgehört hat. Dafür kommen nur Mitarbeiter von Polizei, Geheimdienst oder Telefongesellschaft in Frage.

Woran war der Staatsanwalt noch interessiert?

Großes Interesse zeigt Krister Petersson auch an der Südafrika-Spur. Es gibt Dokumente des südafrikanischen Militärgeheimdienstes, in denen Palme als Staatsfeind bezeichnet wird und eine Operation gegen ihn befohlen wird. Es liegt eine Reisekosten-Abrechnung eines Agenten namens Roy Allen vor. Dieser Mann gehörte einer südafrikanischen Todesschwadron an. Die Reisekostenabrechnung für eine Fahrt über die Niederlande und London nach Stockholm und zurück ist datiert auf die Tage 26./27./28./29. und 30. Februar 1986. Dies kann nicht stimmen – der Februar 1986 hatte nur 28 Tage. Bloß ein Irrtum oder eine Fälschung – das wissen wir nicht genau.

Aber wir wissen: In den Dokumenten des Militärgeheimdienstes des Apartheid-Regimes wird davon gesprochen, dass die Operation von Brüssel aus gesteuert und überwacht wird. Damit kann die südafrikanische Botschaft in Belgien gemeint sein – was wenig Sinn macht. Damit kann aber auch die Zentrale der NATO-Geheimarmee Stay-Behind – das Allied Clandestine Committee oder sein operativer Arm, der Secret Operations Planning Staff – gemeint sein. Dies macht eher Sinn. Denn uns liegen Dokumente dieser Gremien vor, die auf eine Beteiligung von Stay-Behind hinweisen.

Der Fall ist verwirrend – wie viele Verbrechen dieser Art.

Zunächst einmal blickt man in eine Nebelwand. Aber die Recherche-Leistung ist es, diese Nebelwand zu durchdringen. Dazu müssen wir die richtigen Fragen stellen: Welche Spuren weist der Tatort auf? Was sehen wir im Tatort-Umfeld? Welche Personen waren Teil der Befehlsketten? Welche Motive kommen ins Spiel? Am Ende sind die Rechercheure angewiesen auf verlässliche Informanten.

Ähnlich wie im Fall Barschel gibt es eine ziemliche Gemengelage, oder?

Man darf sich von der Vielzahl der Spuren nicht in die Irre führen lassen. Entscheidend ist wirklich, was wir am Tatort sehen und welche Motive ins Spiel kommen. Dies ergibt sich nicht aus Mutmaßungen, sondern aus Dokumenten oder den Aussagen von Zeitzeugen.

Welche Motive könnten bei Palme eine Rolle gespielt haben?

Dokumente belegen, dass es drei Motive gibt: Zunächst einmal ließ Olof Palme den schwedischen Waffenhandel mit Teheran im Rahmen der Iran-Contra-Affäre stoppen. Hintergrund waren große Razzien des schwedischen Zolls bei dem Waffenschieber Karl-Erik Schmitz und bei Bofors in Karlskoga. Die US-Regierung um Präsident Reagan hatte umfangreiche Waffenlieferungen an den Iran über Drittländer wie Schweden organisiert, um heimlich ein Verbot des Kongresses zu umgehen, und drängte die schwedische Regierung auf eine Fortsetzung der Lieferungen. Palme verweigerte sich diesem Drängen.

Das zweite Motiv?

Olof Palme plante für das Frühjahr 1986 einen Besuch bei Michail Gorbatschow in Moskau. Die NATO-Geheimdienste befürchteten, dass dabei auch über ein atomwaffenfreies Mitteleuropa und ein neutrales Skandinavien gegen sowjetische Sicherheitsgarantien verhandelt werden sollte. Dies betrachtete man als Gefahr für die NATO-Nordflanke und die NATO-Strategie, die im Kriegsfall einen Präventivschlag gegen die russischen U-Boot-Basen auf der Halbinsel Kola vorsah.

Und das dritte Motiv?

Schweden war der größte Geldgeber des African National Congress um Nelson Mandela, Palme hatte sich klar gegen die Rassentrennung positioniert. Dokumente des südafrikanischen Militär-Geheimdienstes zeigen: Für das Apartheid-Regime war Olof Palme ein Staatsfeind, gegen den eine verdeckte Operation durchgeführt werden sollte.

Verstehe ich Sie richtig: Diese drei Motive haben dann auch mutmaßlich zusammengewirkt?

Aus diesen Punkten erwächst ein Motivbündel, das auf die Vorgänge im Hintergrund hinweist. Im Sinne eines secret-service-subcontracting benutzte man offenbar – das zeigen die uns vorliegenden Dokumente – die Todesschwadronen des Apartheidstaates, um die Drecksarbeit für die NATO-Geheimarmee Stay-Behind zu erledigen.

Wer sich mit Fällen wie den Palme-Mord auseinandersetzt, wird schnell vorgeworfen, sich auf Verschwörungstheorien einzulassen. Hat man Ihnen auch diese Vorwürfe gemacht?

Dieser Vorwurf kommt immer wieder, meist von Menschen, die unser Buch gar nicht gelesen haben. Denn darin geht es nicht um Verschwörungstheorien, sondern um politische Interessen. Für unsere Darstellung ziehen wir eine Vielzahl von Belegen heran. Entscheidend für die Aussagekraft einer Theorie ist für mich die Realitätsprobe. Wer das Buch nicht gelesen hat, kann die Realitätsprobe nicht machen. Deshalb bleibt der Vorwurf im Ungefähren.

Der Begriff Verschwörungstheorie ist in meinen Augen analytisch unscharf und damit wenig hilfreich. Verwendet hat ihn der konservative Philosoph Karl Popper in der klaren Absicht, alternative soziologische Erklärungsmodelle auszugrenzen. Politisch aufgeladen hat ihn die CIA nach dem Mord an J. F. Kennedy. Der Geheimdienst versuchte, Hinweise in ein schlechtes Licht zu rücken, die CIA selbst sei in den Mord am Präsidenten verwickelt – was später historische Studien gut belegt haben. So scheint mir das Wort „Verschwörungstheorie“ ein interessengeleiteter politischer Kampfbegriff mit geringer analytischer Reichweite zu sein. Von Überfliegern wird er gerne verwendet, weil man sich damit schnell einer Sache entledigen kann, ohne gründlich darüber nachzudenken.

Lesetipp (aktualisierte Ausgabe): Im Spinnennetz der Geheimdienste – Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet? Westend Verlag. Frankfurt am Main, 2019. 416 Seiten. 20 Euro.

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