Feuilletonistisches Geschwafel, aber keine Wissenschaft
Feuilletonistisches Geschwafel, aber keine Wissenschaft

Feuilletonistisches Geschwafel, aber keine Wissenschaft

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes | Verantwortlicher: Redaktion

Das neue Buch des Soziologen Heinz Bude – Eine Rezension von Udo Brandes. Der bundesweit bekannte und viel in den Medien vertretene Soziologe Heinz Bude hat ein neues Buch vorgelegt: „Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee“. Unser Autor Udo Brandes hat das Buch für die NachDenkSeiten gelesen. „Wenig Inhalt, viel Geschwafel“ ist sein Resümee.

Nach der Lektüre von Budes neuestem Buch kann ich die tiefe Abneigung des großen französischen Soziologen Pierre Bourdieu gegenüber „Essayisten“ verstehen. Bourdieus Soziologie war immer in der Empirie verankert. Und er hatte wirklich etwas zu sagen. Nach dieser Lektüre bin ich gegenüber soziologischen Essays auch skeptisch geworden.

Man darf für Budes Buch natürlich nicht die Schriften des großen Soziologen Pierre Bourdieu als Vergleichsmaßstab wählen. Denn Bourdieu war eine Ausnahmeerscheinung, wie es sie wahrscheinlich nur einmal alle 100 Jahre gibt. Aber man darf Bude sicherlich mit dem Bourdieu-Schüler Didier Eribon, den Autor des soziologischen Bestsellers „Rückkehr nach Reims“ vergleichen. Nur: Auch bei diesem Vergleich tut sich ein Abgrund auf.

Ich habe beim Lesen immer wieder gedacht: Entweder kann Heinz Bude nicht klar und verständlich schreiben. Oder er will nicht klar und verständlich schreiben. Alternativ könnte man natürlich auch annehmen, dass meine geistigen Möglichkeiten für die Texte von Heinz Bude nicht ausreichen. Die empirische Erfahrung zeigte mir aber, dass ich dazu in der Lage bin, selbst Texte von Pierre Bourdieu zu verstehen. Und dieser ist nicht dafür bekannt, populär und leicht verständlich zu schreiben. Deshalb scheint mir folgende These plausibel: Heinz Bude hat nichts wirklich Relevantes mitzuteilen. Und versteckt dies hinter einem langatmigen, wolkigen Geschwafel. Eine lange Aneinanderreihung von Thesen, Gedanken und Ideen von Philosophen, Soziologen und anderen Denkern, die sich jemals irgendwie zum Thema „Solidarität“ geäußert haben. Dabei muss man die Stellen mit der Lupe suchen, an denen Bude mal einigermaßen eindeutig und klar sagt, was er selbst meint oder denkt. Zusammenfassend kann man sagen: Dieses Buch ist feuilletonistisches Geschwafel, aber keine Wissenschaft. Warum Bude meiner Einschätzung nach so seltsam nebulös und unklar schreibt, darauf komme ich noch. Zunächst einmal hier ein Anschauungsbeispiel:

„Nach dem zweiten Dreißigjährigen Krieg von 1914 bis 1945 ‚preisgegeben einer Epoche voll nihilistischen Fiebers und dennoch voller Einsamkeit’ (hier zitiert Bude aus Der Mensch in der Revolte von Albert Camus; UB) findet Albert Camus im Innern der absurden Erfahrung die Revolte, die eine Solidarität außerhalb des Heiligen stiftet: ‚Um zu sein, muss der Mensch revoltieren, doch muss seine Revolte die Grenze wahren, die sie in sich selbst findet und wo die Menschen, wenn sie sich zusammenschließen, zu sein beginnen.’ Die absurde Existenz wird zur solidarischen Existenz“ (S. 33).

In diesem Stil referiert Bude nicht enden wollend zig Autoren, ohne dass richtig klar wird, warum. Und was er nun sagen will. An manchen Stellen schreibt er dann Sätze, die schlicht falsche Aussagen enthalten. Zum Beispiel diesen:

„Die Solidarität der Frauen überwindet Stände, Klassen, Nationen und Kulturen, berührt sich mit der Arbeiterbewegung, kreuzt die Bürgerrechtsbewegung, streift die Ökologiebewegung und verbündet sich mit antirassistischen Bewegungen (S. 145).“

Dass die Solidarität der Frauen Nationen und Kulturen überwinden kann (nicht zwangsläufig aber immer tut), will ich gerne gelten lassen. Aber dass die Solidarität der Frauen Klassenunterschiede aufhebt, ist natürlich kompletter Unsinn. Das wird sofort deutlich, wenn man sich die typischen Diskussionen in den Medien oder auf sonstigen Veranstaltungen über die Benachteiligung von Frauen anschaut. Es dauert in der Regel keine fünf Minuten, bis eine engagierte Feministin, die im Regelfall eine hoch privilegierte Frau aus der Bourgeoisie ist, darauf verweist, dass es in den Vorständen von Dax-30-Unternehmen gar keine oder nur ganz wenige Frauen gibt. Dazu kann man nur sarkastisch feststellen: Genau das ist ja auch das zentrale Problem praktisch aller Frauen. Insbesondere von denen, die gezwungen sind, in einer Putzkolonne zum Niedriglohn zu arbeiten. Sie haben keine Chance, in den Vorstand eines Dax-30-Unternehmens vorzudringen und Millionengehälter zu kassieren. Und diese Benachteiligung und Ausbeutung wäre natürlich sofort behoben, wenn nur erst genügend Frauen in den Vorständen der Dax-Unternehmen säßen.

Mit anderen Worten: Klassengegensätze überlagern die Wahrnehmung der Welt erheblich und führen nicht selten dazu, dass privilegierte bürgerliche Frauen keinerlei Antennen für die Probleme von Frauen aus anderen Klassen haben. Genau deshalb sind privilegierte bürgerliche Frauen mitnichten notwendigerweise solidarisch mit Frauen aus der Arbeiterklasse. Im Gegenteil: In vielen bürgerlichen Familien, die für ihren Privathaushalt eine Putzfrau zum Niedriglohn und ohne Sozialversicherung beschäftigen, ist auch keine klassenübergreifende Solidarität zwischen Frauen zu erkennen, die diese Ausbeutung von Frauen in prekären Lagen verhinderte.

Genau diese Klassenunterschiede führen auch dazu, dass die privilegierten bürgerlichen Schichten nicht begreifen, dass Einwanderung von benachteiligten sozialen Klassen, die Globalisierung nur als immer schlimmer werdende Armut, Obdachlosigkeit, Gewaltkriminalität und Verwahrlosung ihres Stadtteils kennengelernt haben, nicht freudig begrüßt wird. Auch Bude scheint den materiellen Hintergrund dieses Konfliktes nicht verstanden zu haben. Oder er will ihn nicht wahrhaben. Denn er schreibt in seinem Vorwort:

„Die glühenden Verfechter der Solidarität kommen heute zumeist nicht mehr von links, sondern von rechts. Sie meinen eine exklusive Solidarität, die mit Mauern geschützt und durch Kultur behauptet wird. Solidarität zuerst für uns und unter uns, dann für die und jene da draußen. Ist das, was rettet, zugleich die Gefahr?“ (Seite 10).

Das hätte so auch in der grün-liberalen taz stehen können.

Die folgende Stelle veranschaulicht noch einmal das Problem des Buches: Bude stellt viele Fragen, aber er bezieht selten klar und deutlich Position. Man legt dieses Buch nach der Lektüre zur Seite und fragt sich: Und was willst du mir jetzt sagen, lieber Autor?

„Dann stößt man auf das ‚Gleichnis vom Gericht des Menschensohns über die Völker aus Matthäus 25,40. Die Gerechten fragen den Menschensohn, der für die Völker der Erde gelebt hat und gestorben ist, Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich als Fremden gesehen und dich in unser Haus aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf antwortet der Menschensohn, der als Jesus ganz Mensch geworden ist und als Christus von den Toten wiederauferstanden und in den Himmel aufgefahren ist: ‚Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.’ Schon an dieser Stelle erhebt sich die Frage, was für eine Verbindung zwischen der Philia des Aristoteles und der christlichen Brüderlichkeitsethik im Blick auf einen für uns heute angemessenen Solidaritätsbegriff besteht“ (S. 22-23).

Mir allerdings hat sich diese Frage nicht gestellt. Mich hätten konkrete Fragen mehr interessiert. Auf Seite 66 zum Beispiel stellt Bude fest:

„Angestellte wollen als Einzelne angesprochen werden und legen eine spontane Abneigung allem Kollektiven gegenüber an den Tag.“

Was ist Budes erhellender Gedanke?

Diese Beobachtung kann ich aus eigener Erfahrung durchaus bestätigen. Die Frage aber ist: Warum ist das so? Hier wäre eine fundierte soziologische Erklärung interessant gewesen. Die kommt aber nicht. Stattdessen mäandert Bude seitenweise von einer Betrachtung zur nächsten. Und ich habe mich bei der Lektüre gefragt: Worauf will er hinaus? Was will er sagen? Was ist seine Aussage? Seine Idee? Sein erhellender Gedanke? Ich konnte nur wenig finden. Zum Beispiel diese Aussage:

„Im Zweifelsfall sind wir doch alle Trittbrettfahrer, die nicht unbedingt dazu neigen, die Kollision zwischen der einzelnen Arbeitnehmerin und der einzelnen Unternehmerin als Kollisionen zweier Klassen mit ihren jeweiligen Klasseninteressen zu verstehen. Das Kollektive ist kein Erfahrungsgegenstand, sondern eine Hintergrundstruktur“ (S.18).

Bude zitiert dann Engels und führt aus, dass von unserer sozialen Existenz nur noch das „einzelne, lumpige Individuum“ übrig bleibe. Mit anderen Worten: Es fehlt den Menschen an politischem Bewusstsein zu ihrer Lebenslage, nämlich dass ihre Lebenssituation etwas mit ihrer Klassenlage zu tun hat. Aber Bude stellt hier nicht die entscheidende Frage: Warum ist das so? Warum fehlt dieses politische Bewusstsein? Und ist dies vielleicht ein ganz entscheidender Erfolg der neoliberalen Ideologie, die uns seit Jahrzehnten eingetrichtert wird?

Auf Seite 21 schreibt Bude dann Folgendes:

„Er (der Begriff Solidarität; UB) kommt vielen wie eine überkommene und ausgeleierte Begriffsschablone vor, die höchstens sentimentale Bedürfnisse nach einer guten alten Zeit befriedigt, aber er wird trotzdem immer wieder in Anschlag gebracht, wenn es um den Ausdruck des Überdrusses mit dem Menschenbild des rationalen Egoisten oder gar eine Abrechnung mit dieser merkwürdigen Periode des Neoliberalismus der letzten dreißig bis vierzig Jahre geht.“

Bude lässt hier ganz leise anklingen, dass er die neoliberale Ideologie nicht unbedingt für eine gute Idee hält. Man könnte diese Äußerung zumindest so interpretieren. Aber ich habe aus dem ganzen Buch doch eher den Eindruck, dass Bude gerne als kritischer Soziologe erscheint, aber nicht wirklich ernsthaft die neoliberale Ideologie kritisieren will. Dies wird auch in dem Kapitel über Achtsamkeit sehr deutlich. Einerseits scheint er dieser Bewegung kritisch gegenüberzustehen. Andererseits kritisiert er Autoren, die die Achtsamkeitslehre klar und deutlich als eine Ideologie bezeichnen, die Selbstoptimierung einfordert und als achtsames Leben verklärt – und damit Selbstausbeutung und Selbstverleugnung fördert und Wut und Empörung über die Zumutungen des Systems stilllegt:

„Man kann es sich leicht machen und die Programme für Achtsamkeitsübungen als ‚McMindfulnes’ brandmarken, (….)“ (S.117).

Bude scheut vor klaren Aussagen und Positionen zurück

Hier fällt zum wiederholten Male auf: Bude scheut vor klaren Aussagen und Positionen zurück. Eine gewisse Ähnlichkeit zu Angela Merkel, bei der man auch die klaren, eindeutigen Positionierungen an einer Hand abzählen kann.

Wo Bude wirklich steht, zeigt sich dann aber im Kapitel „Die Quelle des Krieges“. In diesem Kapitel zeichnet Bude die Nachkriegszeit nach in Bezug auf das Thema Solidarität. Er sieht zum Beispiel die Zusammenarbeit zwischen dem Gewerkschafter Willi Bleicher, der acht Jahre im Konzentrationslager interniert war und dem Funktionär und Alt-Nazi der Kapitalseite, Hanns Martin Schleyer, der später von RAF-Terroristen ermordet wurde, als eine Art von Solidarität:

„In der Solidarität sehr unterschiedlicher, aber trotzdem gemeinsamer Betroffenheit akzeptierten die Verhandlungspartner ihre spezielle Rolle in der Wiederaufbaumoderne“ (S. 78).

Abgesehen davon, ob diese Zusammenarbeit wirklich als ein Akt der Solidarität zu bewerten ist, ist sehr aufschlussreich, was Bude hier alles nicht sagt oder übergeht: Es fehlt zum Beispiel das aus heutiger Sicht wirklich erstaunliche Faktum, dass die CDU 1947 mit ihrem Ahlener Programm eine regelrecht sozialistische Haltung an den Tag legte. Was für das Thema dieses Kapitels doch wirklich ein spannender Stoff gewesen wäre. Aber Bude verliert darüber kein Wort. In Bezug auf die Wiedervereinigung schreibt er nichts darüber, dass dies eher eine Okkupation und Enteignung zugunsten des westlichen Kapitals und westlicher Eliten war, als eine Wiedervereinigung auf Augenhöhe. Was sich bis heute gesellschaftlich und politisch auswirkt (u. a. erkennbar an den Erfolgen der AFD im Osten).

In Zusammenhang mit der rot-grünen Ära verliert er kein Wort über die zerstörerische Hartz-IV-Politik, die ganz wesentlich zu einem Klima der unsolidarischen Ellenbogengesellschaft beigetragen hat. Bei Bude liest sich das so:

„Die Solidaritätsressource der deutschen Gesellschaft sollte sich nicht mehr aus der Bewältigung einer Vergangenheit, sondern aus der Gewinnung einer Zukunft ergehen. Die Formel dafür hieß ‚Steigerung der Konkurrenzfähigkeit’“ (S. 88).

Mein Resümee:

Heinz Bude ist nicht das, was ein Soziologe sein sollte: Ein Wissenschaftler, der die Mythen und Ideologien der Herrschenden entlarvt und im Interesse von demokratischer Aufklärung die Wahrheit hinter den Fassaden der Gesellschaft sichtbar macht. Bude ist aus meiner Sicht eher ein Feuilletonist, der sich mit der herrschenden Klasse und ihrer Ideologie identifiziert und deshalb mit ihr kollaboriert. Deshalb ist sein Buch auch so seltsam inhaltsleer, dass man kaum etwas davon im Kopf behalten kann. Und deshalb schreibt er auch so verschwafelt und unklar. Weil er offenbar das Bedürfnis hat, sein Einverstandensein mit den Verhältnissen zu kaschieren. Und dass er nicht wirklich etwas Erhellendes zum Thema Solidarität zu sagen hat. Aber warum dann überhaupt diese kleinen Prisen der Kritik am Neoliberalismus? Weil dies ein sehr gut funktionierendes Geschäftsmodell ist. Der Neoliberalismus ist in Verruf geraten. Zumindest bei der Mehrheit der Bevölkerung. Da macht es sich für einen Intellektuellen gut, sich als jemand zu geben, der den neoliberalen Markttotalitarismus kritisch sieht.

Warum ist Bude bei den Medien so gefragt?

Eine klassische politische Propagandamethode besteht darin, jemanden, der das Image hat, gegenüber der eigenen politischen Haltung kritisch eingestellt zu sein (aber es nicht wirklich ist), als Zeugen für die Legitimierung der eigenen Position zu zitieren. Mit anderen Worten: Man nehme sich einen Intellektuellen, der im Rufe steht, links zu sein, und lasse ihn bezeugen, dass neoliberal-rechte Politik, die die Interessen weniger bedient, eine Politik zum Nutzen aller ist. Also gut für das Allgemeinwohl. Und genau das, so meine These, ist auch das Erfolgsgeheimnis von Bude: Mit linkem Image neoliberal-rechte Politik legitimieren. Damit erzeugt man beim medialen Establishment eine große Nachfrage. Weil die Medien so ein herrschaftskritisches Image pflegen können. Mein abschließendes Urteil: Geben Sie Ihr Geld lieber für andere Bücher aus. Die Lektüre dieses Buches ist verschwendete Lebenszeit.

Heinz Bude, Solidarität, Die Zukunft einer großen Idee, Carl Hanser Verlag 2019, 19,00 Euro.

Titelbild: Heike Huslage-Koch, Wikicommons CC BY-SA 4.0

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