Von Belmarsh nach Berlin – Reisen eines Vaters
Von Belmarsh nach Berlin – Reisen eines Vaters

Von Belmarsh nach Berlin – Reisen eines Vaters

Ein Artikel von Moritz Müller | Verantwortlicher: Redaktion

Am letzten Samstag nahm John Shipton, der Vater von Julian Assange, vor dem Londoner Belmarsh-Gefängnis den Gavin-MacFadyen-Preis anstelle seines Sohnes entgegen, weil dieser nunmehr als Untersuchungshäftling hinter den Mauern dieses, im Volksmund „Britisch-Guantánamo“ genannten, Gefängnisses sitzt. Am morgigen Mittwoch wird Herr Shipton dann bei der wöchentlich stattfindenden Mahnwache für Julian Assange auf der Ostseite des Brandenburger Tores anwesend sein und wohl wie schon in London einige eindringliche Worte zur Situation, in der sich sein Sohn befindet, sagen. Ein Reisebericht von Moritz Müller.

Am letzten Freitag hatte ich mich ein weiteres Mal nach London aufgemacht, um an zwei Veranstaltungen zur Unterstützung von Julian Assange und Chelsea Manning teilzunehmen. Am Freitagabend hatte die Greenwich & Lewisham Assange Campaign (GLAC) zu einem Informationsabend im örtlichen Gemeindezentrum geladen. Das Belmarsch-Gefängnis gehört zum Londoner Stadtteil Greenwich & Lewisham und daher fühlen die Gründer dieser Gruppe eine Verantwortung, etwas gegen die Zustände in ihrer Gegend zu tun.

Die Sprecher an dem Abend waren Patrick Hennigsen von 21st Century Wire, die Friedensaktivistin Sheila Coombes und Emmy Butlin vom Julian Assange Defence Committee. Als erster Beitrag wurde dieses Video gezeigt, in dem Julian Assanges Anwältin Jennifer Robinson sehr eindrücklich die Implikationen dieses Falles, mit dem sie seit nunmehr 9 Jahren befasst ist, schildert. Sie lässt keinen Zweifel daran, wie wichtig es ist, dass Julian Assange nicht an die USA ausgeliefert wird, weil ihn dort kein fairer Prozess erwartet und weil dies einen gefährlichen Präzedenzfall für Journalisten weltweit schaffen würde.

Patrick Hennigsen wies darauf hin, dass das Europäische Auslieferungsersuchen der schwedischen Behörden von einem Richter hätte kommen müssen, und nicht wie im Fall Assange geschehen, von einem Staatsanwalt. Hier pflichtete ihm der Zuhörer und Rechtsexperte Alexander Mercouris bei, der schon am Rande einer Veranstaltung im Juni von einer Kette von Rechtsverdrehungen im Fall Assange gesprochen hatte, die ihn an die Dreyfus-Affäre erinnerten. Es wurde auch erneut erwähnt, dass Julian Assange sich seit dem 22. September nur noch in Untersuchungshaft befindet und ihm deswegen viel bessere Haftbedingungen zustehen sollten, die die Gefängnisleitung aber nicht umsetzt. Dazu gehören mehr Besuche, Ermöglichung der Vorbereitung auf seine Verhandlung im Februar und dafür ein eigener Computer.

Helen Mercer, eine Organisatorin von GLAC, weist darauf hin, dass viele Häftlinge, ähnlich Julian Assange, 22 Stunden am Tag in ihrer Zelle vegetieren, weil keine Ressourcen für einen menschlicheren Strafvollzug vorhanden sind. Außerdem wird darum gebeten, Belmarsh nicht ungeprüft als Hort von Terroristen und Schwerverbrechern hinzustellen, da es dort zum großen Teil Kleinkriminelle gibt, die unter den schlechten Haftbedingungen leiden, und dass viele der als Terroristen Dargestellten ähnlich wie im „echten“ Guantanamo gar keine Terroristen sind, sondern nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Sheila Coombes weist auf die Bedeutung von Manning und Assange für die Friedensbewegung hin. Es bleibt zu hoffen, dass sich die FFF-Bewegung bald der Wichtigkeit dieses Themas bewusst wird. Emmy Butlin gibt dann einen Überblick über die derzeitigen Unterstützer-Aktivitäten und weist auf die Preisverleihung am nächsten Tag vor dem Belmarsh-Gefängnis hin.

Am Ende gibt es auch eine Diskussion und eine der ersten Fragen bezieht sich wie immer auf die schwedischen Sex-Anschuldigungen und dass diese, wenn man das Thema im Bekanntenkreis anspricht, auch an erster Stelle kommen. Alexander Mercouris weist hier auf die, seiner Meinung nach, plausible Erklärung von Assange (auf Englisch) zu diesem Thema hin, während ich auf die sehr präzise Veröffentlichung von Nils Melzer verweise.

Am Samstag trafen sich dann ca. 100 Interessierte vor dem Gefängnis, um an der Übergabe des Gavin-MacFadyen-Preises an Julian Assange, vertreten durch seinen Vater John Shipton, teilzunehmen. Wie bei anderen Veranstaltungen in London, wo ich zugegen war, ist die Atmosphäre zwar kämpferisch, aber doch ausgesprochen friedlich und die Polizei ist erst gar nicht erkennbar und taucht auch erst am Ende der Veranstaltung in der harmlosen Form von 3 unbewaffneten Streifenpolizisten auf. Man muss das den britischen Behörden lassen, sie sind hier Meister der Deeskalation und des Ins-Leere-laufen-Lassens, das einen leicht vergessen macht, dass die gleiche Regierung für die harsche Behandlung der Gefangenen in Belmarsh zuständig ist.

John Shipton bedankt sich auf seine ruhige, höfliche Art für den Preis und gibt seiner festen Überzeugung Ausdruck, dass es mit Hilfe aller beteiligten Unterstützer gelingen wird, die seinem Sohn zustehende Befreiung zu erlangen. Zurzeit befindet sich Herr Shipton auf einer Tour durch Europa, die ihn an diesem Mittwoch und Donnerstag nach Berlin führt, und er plant auf der morgigen Mahnwache in Berlin anwesend zu sein und wird dort sicher auch einige Worte sagen.

Mittwoch, 2. Oktober, Pariser Platz am Brandenburger Tor, Berlin, 19:00 bis 21:00 Uhr.

Nach John Shipton kommen noch diverse weitere Sprecher, unter ihnen Julian Assanges Freund Ciaron mit einer emotionsgeladenen Rede. Leider wird Ciaron wegen familiärer Gründe London für eine Weile verlassen müssen, um seine Heimat Australien aufzusuchen.

Der Unterhausabgeordnete Chris Williamson fragt sich und die Anwesenden, wo die weiteren 649 Abgeordneten an diesem Tag sind, wenn sie in anderen Fällen und Ländern die Pressefreiheit als hohes Gut preisen. So z. B. geschehen im Juli bei der Global Conference for Media Freedom: London 2019, unter der Schirmherrschaft des damaligen Außenministers Jeremy Hunt. Wir berichteten. Auch Vivienne Kubrick sagt einige interessante Worte, die man sich zusammen mit den anderen Redebeiträgen sehr schön hier ansehen kann.

Insgesamt scheinen sich die Anwesenden darauf einzustellen, dass dieser Fall, bei einem Gang durch die Instanzen, sich noch einige Zeit hinziehen wird und die größte Gefahr die Isolationshaft, und der Gesundheitszustand von Julian Assange sind.

Dann gab es noch einen lebhaften Rundgang zum Gefängnistor, wo lautstark nach Julian Assanges Freiheit gerufen wurde, was die wachhabenden Beamten mit dem Zuziehen ihrer (auch fast schwedischen) Gardinen quittierten. Die inoffizielle australische Nationalhymne „Waltzing Matilda“ live auf der Geige gespielt, rundete das Geschehen mit einem bewegenden Moment ab.

Wer John Shipton begegnen will und hören will, wie es einem Vater geht, dessen Sohn seit Jahren gegen seinen Willen festgehalten und bedroht wird, der kann dies bei einem Besuch bei der morgigen Mahnwache in Berlin tun, und dort seine Solidarität nicht nur mit Julian Assange und Chelsea Manning, sondern auch mit John Shipton bekunden.

Mittwoch, 2. Oktober, Pariser Platz am Brandenburger Tor, Berlin, 19:00 bis 21:00 Uhr.

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