Leserbriefe zu „Deutschland verlernt seine Kulturtechniken“

Ein Artikel von:

Der Artikel „Deutschland verlernt seine Kulturtechniken“ hat einige unserer Leser zu Briefen angeregt. Wir geben eine Auswahl der Zuschriften hier wieder. Zusammengestellt von Redaktion.

1. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Riegel,

vielen, vielen Dank für diesen Artikel. Alles was Sie schreiben ist absolut zutreffend und Alltag an unseren Schulen, und zwar nicht nur den Grundschulen.
Hierbei die herrschende Unterversorgung mit Musikpädagogen lediglich als Mangel zu beschreiben, ist im Hinblick auf die Realität untertrieben.

Dass diese Tendenz allerdings erst mit dem Aufbruch des sogenannten Neoliberalismus begann, ist denke ich nur zum Teil zutreffend.

Ich, zu den nachfolgend beschriebenen Zeiten Schüler, kann mich gut erinnern, dass bereits in den frühen 1970er Jahren Musikunterricht wenn überhaupt, dann mehr als eine Art „erweiterte Gesellschaftslehre“ betrieben wurde. Singen und musizieren waren da schon Randerscheinungen. Ganz zu schweigen von Unterrichtsinhalten zur Gehörbildung und einer soliden Ausbildung in allgemeiner Musiklehre. Man betrachtete dies verstaubt. Den eigenen Unterricht hingegen als zeitgemäß und fortschrittlich.
Klar war damals bereits, dass so meist nur Kinder aus Familien mit genügend finanziellen Mitteln, ihren Nachwuchs auf Konservatorien ausbilden zu lassen, eine Chance hatten, die Eingangsprüfungen der Musikhochschulen zu bestehen. Ohne Musikstudium wird niemand MusiklehrerIn.

Wenig reflektierte „Fortschrittlichkeit“ (oder auch Zeitgeist) ebnet(e) häufig den Weg für marktradikale Rücksichts- und Kulturlosigkeit.

Ralph Domke


2. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Müller,

dem Artikel von Tobias Riegel in den Nachdenkseiten vom 13.03.2020 möchte ich einige Überlegungen hinzufügen, die, wie ich finde, dem Schluss des Artikels fehlen.

So gehören meiner Ansicht nach zu diesem Thema die Vorleistungen der Familien. Sie wecken und stimulieren das Interesse für Musik und finanzieren den Musikunterricht der Kinder. Erst diese Vorbildung, die (auch) in der Schule durch den Musikunterricht angelegt und dann weiter gefördert oder vertieft wird oder werden kann, öffnet die Tür für ein späteres Lehramtsstudium der Musik im Primar- oder Sekundarbereich.

Ob sich aber eine Familie den Musikunterricht für ein oder mehrere Kinder leisten kann und/oder will, gründet u.a. auf ihren wirtschaftlichen Grundlagen und sozialen Status und den für musische Bildung relevanten Voraussetzungen, inkl. den musikalisch relevanten. Diese wiederum sind auch abhängig von der musikalischen Bildung, die die Eltern erfahren haben. Und damit auch von den wirtschaftlichen Verhältnissen von deren Eltern sowie deren Beziehung zur Musik. Wie man sieht, schließen sich hier Kreise von eine musikalische Bildung voraussetzenden Bedingungen.

Ergänzen wir diese Bedingungen nun um die aktuellen ökonomischen Voraussetzungen vieler Menschen in prekären Beschäftigungen, als meist weibliche Alleinerziehende oder in Hartz IV-Verhältnissen, dann ist es nicht (mehr) selbstverständlich, dass Kinder ein Instrument erlernen – wenn es diese Selbstverständlichkeit denn jemals außerhalb des gebildeten Bürgertums für Mädchen und Jungen gegeben hat. Daran ändern auch die staatlichen Finanzierungshilfen nichts, die es für Kinder aus wirtschaftlich schwierigen oder armen Verhältnissen gibt. Insgesamt gesehen dürften viel mehr Kinder ein Instrument erlernen als bisher, wenn sich mehr Eltern die Finanzierung des Musikunterrichts ihrer Kinder leisten könnten. Die Auswirkungen dieses Aspekts setzen sich in der Schule fort.

Wenn weniger Studierende ein Lehramtsstudium in Musik aufnehmen als theoretisch möglich, werden auch weniger Musiklehrer*innen in den Schulen arbeiten, die Lehramtspraktikanten während des Studiums aufnehmen und anleiten und später als ausbildende Mentoren zur Verfügung stehen. Natürlich wirkt sich dies auf den Umfang und die Qualität des schulischen Musikunterrichts aus. Hinzu kommen der Umfang und die Qualität der Ausstattung mit für den Musikunterricht relevantem Material in den Schulen. Dabei ist es nicht banal, ob es in der Schule eine funktionierende aktive Musikfachschaft gibt oder nicht, ob Musikunterricht im Bedarfsfall fachlich qualifiziert vertreten werden kann und ob die Gemeinde als Schulträgerin überhaupt über die nötigen Mittel verfügt, ihre Schule angemessen auszustatten.

Wäre Tobias Riegels Eingangsstatement, „ Die musikalische Bildung der Kinder in Deutschland wird fatal vernachlässigt, wie eine neue Studie bestätigt. Das ist für die Gesellschaft selbstzerstörerisch.“, zutreffend, müsste unsere Gesellschaft an einer großen Menge von Stellschrauben tätig werden, um den Zerstörungsprozess erst aufzuhalten und auf lange Sicht positiv zu entwickeln.

Mit einem herzlichen Gruß und dickem Dankeschön für die ständige Arbeit im Sinne der Aufklärung
Klaus Witzig


3. Leserbrief

Wie wahr und wichtig und richtig ist dieser Warnruf. In der Grundschule ist sicher die Lehrerschaft mitverantwortlich, weil der Musikunterricht zu oft zugunsten anderer angeblich wichtigerer Fächer ausfällt. Aber auch hier hat ja das Fachsystem schon lange Einzug gehalten, und den „Allround-Volksschullehrer“, der in vier oder fünf Fächern unterrichtet, gibt es nicht mehr.

Warum aber wird Musik nicht mehr goutiert, nicht von Kindern und nicht von Studierenden? Weil die deutsche Musik nicht mehr geschätzt und nicht mehr gewollt wird. Wenn ein Chor aus Finnland in die Universitätsstadt Siegen kommt und im Apollo finnische Lieder darbietet, ergeht sich die Zeitung in Lobeshymnen, weil auch das zahlreiche Publikum von mit innerer Beteiligung dargebrachten Gesängen angerührt war, Stimmungen nachvollziehen konnte und begeistert applaudiert hatte. Aber die deutschen Volkslieder wurden nach dem Krieg verachtet und ab 1968 konsequent aus dem Lehrplan entfernt. Mit deutschen Volksliedern kann man nur noch Hunde hinter dem Ofen hervorlocken.
 
Hagen Pankratz


4. Leserbrief

Dazu ein Aufruf der betroffenen, oft freiberuflichen Künstler, aus aktuellem Anlass:
openpetition.de/petition/online/hilfen-fuer-freiberufler-und-kuenstler-waehrend-des-corona-shutdowns
 
Herzlichst,
Marius van der Meer


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