Die Macht des Schamgefühls
Die Macht des Schamgefühls

Die Macht des Schamgefühls

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes | Verantwortlicher: Redaktion

Seit jeher werden Demütigungen und Beschämungen in Politik und Gesellschaft als Machtinstrument eingesetzt. Die Historikerin Ute Frevert hat zu diesem Thema ein interessantes Buch vorgelegt: „Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht“. Udo Brandes hat es für die NachDenkSeiten gelesen.

Auf dem Cover von Ute Freverts Buch ist ein Foto abgebildet, das man aus der französischen Geschichte kennt: Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Französinnen, die Liebesbeziehungen zu deutschen Besatzungssoldaten eingegangen waren, dazu gezwungen, sich in aller Öffentlichkeit als sichtbares Zeichen ihrer Schande eine Glatze scheren zu lassen. Auf dem Foto ist eine Frau zu sehen, deren Kopf schon fast kahl ist und die die Augen geschlossen hält. Im Hintergrund ist die Menschenmenge zu sehen. Individuell erkennbar sind zwei Frauen, die lachen und sich offensichtlich über die Demütigung ihrer Geschlechtsgenossin außerordentlich freuen. Wenn man dieses Foto sieht, kann man es nicht fassen, dass Menschen sich zu so viel Bosheit und Gemeinheit hinreißen lassen. Heute, das betont auch Ute Frevert in ihrem Buch, herrscht eine große Sensibilität in Bezug auf Demütigungen und Verletzungen. Aber heißt das auch, das wir heute tatsächlich humaner miteinander umgehen? Dazu später mehr. Zunächst zu einem weiteren Foto in Freverts Buch. Man könnte ja annehmen, dass solche öffentlichen Demütigungen wenigstens staatlicherseits nicht mehr vorkommen. Auch auf dem Klappentext von Ute Freverts Buch heißt es: „Heute ist es nicht mehr der Staat, der beschämt und demütigt.“ Gleich ganz zu Anfang in ihrem Buch widerlegt sie sich selbst. Auf Seite acht ist ein Foto abgebildet, auf dem eine schwarze Amerikanerin namens Shena Hardin zu sehen ist, die an einer belebten Straße steht und ein Schild vor sich hält. Auf dem Schild steht (natürlich in englischer Sprache) der Satz „Nur eine Idiotin fährt auf dem Bürgersteig, um einen Schulbus zu überholen.“ Frevert erläutert dazu:

„Genau das hat Hardin mehrfach getan, wofür eine Richterin sie zu einer Geldstrafe und zu einem zeitweiligen Entzug des Führerscheins verurteilt. Damit nicht genug, verhängt sie das, was die Amerikaner shame sanction nennen: eine Ehrenstrafe, die Hardin öffentlich als Idiotin brandmarkt. Solche Sanktionen sollen strafen und disziplinieren, aber auch erziehen und bessern“ (S. 7).

Zwar gibt es solche öffentlichen Beschämungsaktionen staatlicherseits bei uns in Deutschland tatsächlich nicht. Aber heißt das etwa, das der Staat bei uns nicht mehr Menschen beschämt? Mir fallen dazu Zeitungsberichte über Wohnungsinspektionen durch Jobcenter ein, die überprüften, ob ein Empfänger von Arbeitslosengeld II nicht doch irgendwo einen Koffer Bargeld versteckt hat oder ob vielleicht eine weitere Person in der Wohnung lebt. Maßnahmen, die durch die Hartz-4-Gesetze legitimiert wurden. Ein weiteres Beispiel: In Zusammenhang mit Corona verschickten manche Gesundheitsämter regelrechte Drohschreiben an Bürger, die in Quarantäne gehen mussten. Solche Schreiben sind deshalb Akte der staatlichen Beschämung von Bürgern, weil sie darin nicht wie erwachsene und im Grundsatz gleichberechtigte Staatsbürger behandelt werden, sondern wie gefährliche Schwerverbrecher. Deshalb erschließt es sich mir nicht, wieso Frevert auf die Idee kommt, der Staat würde bei uns heute nicht mehr beschämen und demütigen.

Warum beschämen Menschen andere Menschen öffentlich?

Die Antwort ist einfach: Um ihren Machtanspruch durchzusetzen und Gefügigkeit bei denjenigen zu erzeugen, die diesen Machtanspruch anerkennen sollen. Und Beschämungen sind ein hocheffektives Disziplinierungsinstrument dafür. Kein Mensch riskiert es gern, beschämt zu werden. Ute Frevert beschreibt dies sehr gut:

„Scham, das wussten bereits die antiken Philosophen, ist ein Gefühl von ungeheurer Wucht und Wirkmächtigkeit. Sie kann tödlich sein und prägt sich auch den Weiterlebenden unauslöschlich ein. Wer sich einmal in ‚Grund und Boden’ geschämt hat, wird diese Erfahrung kaum je vergessen“ (S.10).

Aus Angst vor Beschämungen riskieren Menschen Kopf und Kragen

Was aber macht Beschämungen so unerträglich, dass sie jeder Mensch um fast jeden Preis vermeiden will? Es ist vor allem der öffentliche Blick. Man kann sich zwar auch schämen, ohne dass irgendjemand etwas von der eigenen „Schandtat“ weiß. Nämlich vor sich selbst, weil man die gesellschaftlichen Normen verinnerlicht hat. Aber der öffentliche Blick ist es, der Schamgefühle so unerträglich macht:

„Es ist das leidvolle Wissen um die Macht und die Gewalt des öffentlichen Blicks, eines Blicks, der sich nicht abschütteln lässt, der unter die Haut geht und am Körper der Beschämten haften bleibt. Werden andere Menschen Zeugen individueller Fehlleistungen oder Normverstöße, heizt dies das Schamgefühl an; je mehr Wert man auf ihre Wertschätzung legt, desto größer wird die eigene Scham. Ein Kind, das in einem Laden einen Kaugummi mitgehen lässt und weiß, dass es das nicht tun darf, mag sich insgeheim dafür schämen. Ertappt man es dabei und informiert die Eltern, bedarf es nicht einmal mehr der Aufforderung ‚Schäm dich’, um das entsprechende Gefühl hervorzurufen. Vor aller Augen bloßgestellt zu sein treibt ihm brennende Röte ins Gesicht, es hat nur einen Wunsch: sich den beschämenden Blicken zu entziehen. Aus diesem Grund nennen Psychologen Scham eine soziale oder interpersonale Emotion. Sie stellt sich mehrheitlich in Anwesenheit Dritter ein“ (S.10).

Die soziale Einbettung von Scham, so Frevert, lasse Scham zu einem mächtigen und potentiell gefährlichen Gefühl werden. Sie veranschaulicht dies an einem literarischen Beispiel:

„Aus Angst vor Beschämung riskieren Menschen Kopf und Kragen. So springt der kleine Uli in Erich Kästners Kinderbuchklassiker Das fliegende Klassenzimmer von einer hohen Leiter, um zu beweisen, dass er kein Feigling ist. Oft haben ihn die Schulkameraden wegen seines Mangels an Mut gehänselt, und er lief dabei ‚knallrot’ an. Sein Sprung befördert ihn zwar mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus, bringt aber Peiniger und Spötter zum Schweigen.

Kästners Uli – das Buch erschien erstmals 1933 – wuchs in einer Jungenwelt auf, in der Feigheit ein schlimmer moralischer Makel war. Jungen mussten mutig sein und diesen Mut unter Beweis stellen. Taten sie das nicht, erlebten sie Verachtung und Zurücksetzung bis zum Ausschluss aus der Gruppe. Uli hatte das akzeptiert und verinnerlicht, er wusste der Hänselei nichts entgegenzusetzen als eine tollkühne Tat“ (S. 10-11).

Mir fiel dazu ein, was ein amerikanischer Weltkriegsveteran in einer Fernsehdokumentation zum sogenannten „D-day“ berichtete, also dem Tag, an dem die Alliierten an der französischen Normandie ihre große Offensive begannen und Zigtausende von amerikanischen Soldaten im Maschinengewehrfeuer der deutschen Wehrmachtsoldaten starben. Ich fragte mich damals, wie die amerikanischen Soldaten es überhaupt fertigbrachten, bei der Erstürmung des Küstenstreifens mitzumachen, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dabei zu sterben, extrem hoch war. Der ehemalige amerikanische Soldat sagte dazu dem Sinne nach: „Kein Soldat macht das aus Patriotismus oder sonstigen Idealen. Sondern nur aus einem Grund: Aus Angst vor der Reaktion der Kameraden.“ Mit anderen Worten: Aus Schamgefühl und Isolationsangst.

Ehrverletzungen können Kriege auslösen

Man sollte also niemals unterschätzen, was Schamgefühle und dementsprechend Beschämungen und Demütigungen anrichten können. Das gilt im Übrigen, wie Ute Frevert in vielen Beispielen zeigt, auch für die Beziehungen zwischen Staaten:

„Verletzt ein Staat die Ehre des anderen, ohne Satisfaktion zu geben und sich zu entschuldigen, kann das einen Krieg auslösen, so 1870 zwischen Frankreich und Preußen. Endet der Krieg mit einem für den Unterlegenen demütigenden Friedensschluss, wie man es 1919 in Deutschland, Österreich oder Ungarn erlebte, wird ein neuer Waffengang wahrscheinlicher. Politiker und Diplomaten sind in solchen Fällen gut beraten, mit Fingerspitzengefühl vorzugehen und Demütigungen zu vermeiden“ (S.16).

Als ich diese Worte von Ute Frevert las, wünschte ich mir, dass unsere außenpolitischen „Eliten“ von Norbert Röttgen über Cem Özdemir bis hin zu Außenminister Heiko Maas das Buch von Ute Frevert einmal lesen. Vielleicht würden sie wenigstens dann verstehen, was sie mit ihren irrationalen, und nach meinem Eindruck bisweilen regelrecht hasserfüllten Hetzkampagnen gegen Russland und den russischen Präsidenten Putin anrichten. Und erkennen, wie gefährlich das ist.

Medien können Konflikte zwischen Staaten anheizen

Ute Frevert betont, dass bei Demütigungen in der internationalen Politik Medien eine wichtige Rolle spielen und Konflikte zwischen Staaten anheizen können:

„Medien werden dabei mehr und mehr zu Akteuren eigenen Rechts: Sie können Normverstöße ausfindig machen, vorgebliche Demütigungen aufspüren und aufbauschen, Sanktionen einfordern. Und sie können selber an der Demütigungsschraube drehen, indem sie eigene und fremde Politiker verspotten, karikieren, in den Schmutz ziehen. Hohe Wellen schlug 2016 das sogenannte Schmähgedicht des deutschen TV-Moderators Jan Böhmermann auf den türkischen Präsidenten Recep Taypip Erdogan. Dessen Vize stufte es als Beleidigung des Präsidenten und aller 78 Millionen Türken ein. Erdogan strengte daraufhin nicht nur eine private Beleidigungsklage gegen den Satiriker an, sondern wollte ihn nach § 103 STGB (Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten) belangt sehen“ (S.17).

Zum Schluss noch ein Gedanke: Ute Frevert betont, wie auch zu Anfang gesagt, dass es heute eine deutlich höhere Sensibilität für das gefährliche Potential von Demütigungen und Beschämungen gibt. Das stimmt einerseits. Kinder zum Beispiel werden heute im Durchschnitt wesentlich respektvoller behandelt als früher. Körperliche Gewalt gegen Kinder ist inzwischen nicht nur gesellschaftlich weitgehend geächtet, sondern auch gesetzlich verboten. Auch besteht ohne Zweifel eine höhere Sensibilität im Umgang mit Minderheiten. Gleichzeitig kann man aber auch beobachten, dass ausgerechnet das Milieu der Politisch Korrekten Andersdenkende ausgesprochen feindselig behandelt und regelrecht verfolgt – unter anderem mit öffentlichem Anprangern. Deshalb ist meines Erachtens die Sensibilität für Verletzungen durch Demütigungen nicht unbedingt gestiegen. Vielmehr hat sich die Praxis von Demütigungen und Beschämungen nur auf andere Schauplätze verlagert und es wird anders damit umgegangen. Aber unsere Gesellschaft ist nicht unbedingt humaner geworden.

Resümee

Ute Freverts Buch ist eine Reise durch 250 Jahre Demütigungen und Beschämungen in Politik und Gesellschaft. Die Beispiele reichen vom Privaten über Schulpädagogik bis hin zur internationalen Politik und dem „Medienpranger“. Sie fragt, wie es möglich ist, dass sich junge Menschen freiwillig in TV-Formaten wie Deutschland sucht den Superstar entwürdigen lassen. Und sie thematisiert am Beispiel von Willy Brandts Kniefall auch die Politik der Entschuldigung durch das öffentliche Zeigen von Demut. Wer sich für das Thema Demütigungen und Beschämungen in Politik und Gesellschaft interessiert, der sollte zum Buch von Ute Frevert greifen. Man findet hier reichhaltiges Material. Ich kann es deshalb nur empfehlen.

Ute Frevert: Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht, Frankfurt a. M. 2017, 336 Seiten, 25 Euro

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