Gewogen und für zu leicht befunden
Gewogen und für zu leicht befunden

Gewogen und für zu leicht befunden

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Warum schreibt man ein Buch, wenn man eigentlich nichts zu sagen und nichts zu erzählen hat? Diese Frage müsste man der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock stellen, die pünktlich zum Wahlkampfbeginn ihr Buch “Jetzt” in den Handel bringt. Der vielversprechende Untertitel lautet “Wie wir unser Land erneuern”. Doch wer in Baerbocks Erstlingswerk Antworten auf diese Frage, Konzepte oder gar Visionen sucht, sucht vergebens. Und so ähnelt das Buch auf frappierende Art und Weise seiner Autorin – ganz nett, aber belanglos. Ein Bewerbungsschreiben für höhere Ämter sieht anders aus. Eine Art Rezension von Jens Berger.

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Rezensionen über überflüssige Bücher zu schreiben, ist ein undankbarer Job. Besonders schlimm ist es, wenn das Buch so belanglos ist, dass es noch nicht einmal für einen stattlichen Verriss taugt. Vielleicht kennen Sie ja die Situation. Sie sind auf einer Party und neben ihnen sitzt eine jüngere Frau, die den freundlich nickenden Gästen mit gewichtiger Ernsthaftigkeit etwas über Gott und die Welt erzählt. Nicht alles, was die junge Dame da erzählt, ist falsch; vieles sogar richtig, aber irgendwie auch banal und nicht gerade originell. Dazu schafft die Vortragende es auch noch, ihre spärliche Lebenserfahrung so in ihre Banalitäten einzubauen, dass man sich als höflicher Mensch unangenehm intellektuell unterfordert fühlt, dies jedoch nicht öffentlich kundtun will; schließlich möchte man ja kein Partycrasher sein. Also tut man das, was alle anderen auch tun – man nickt freundlich und ist heilfroh, wenn man im Blickwinkel etwas entdeckt, das als Vorwand taugt, sich von der andächtig lauschenden Gruppe losreißen zu können. Auf die Idee, diese intellektuell übergriffigen Monologe niederzuschreiben und daraus ein Buch zu machen, muss man erst mal kommen. Doch die mit zu viel Selbstvertrauen ausgestattete Binsenweise ist nicht irgendwer, sondern immerhin – aus welchem tieferen Grund auch immer – Kanzlerkandidatin. Da wird das Buch schon seine Käufer finden; lesen wird es wahrscheinlich kaum wer. Und das ist auch gut so.

Warum schreibt man als Politiker ein Buch? Entweder man hat was zu sagen oder man hat etwas erlebt, das es wert ist, erzählt zu werden. Beides ist bei Annalena Baerbock offensichtlich nicht der Fall. Das was sie inhaltlich zu sagen hat, erinnert eher an eine dieser 0815-Reden, die man als Politiker andauernd halten muss – beim runden Geburtstag eines altgedienten Parteifunktionärs im heimischen Wahlkreis, bei der Einweihung des neuen Pumpenhauses der Freiwilligen Feuerwehr oder beim Jahrestag der regionalen Dachdeckerinnung. Der Praktikant nimmt dann ein paar belanglose Textbausteine, kombiniert sie mit Passagen aus dem Wahlprogramm und hin und wieder streut man einen persönlichen Witz mit ein – schließlich soll das Ganze ja individuell klingen. So oder so ähnlich muss auch Baerbocks Buch entstanden sein.

Auf stolzen 256 Seiten erfährt man inhaltlich nichts, was irgendwie neu, innovativ oder gar visionär wäre. So bewegen sich die größten Teile des Buches auf dem inhaltlichen Niveau des Satzes „Zukunft ist für alle da“. Baerbock will mehr Geld in Bildung, digitale Infrastruktur, soziale Teilhabe und natürlich saubere Energien investieren. Wer will das nicht? Hin und wieder tauchen sogar progressiv klingende Ideen auf. So spielt sie mit dem Gedanken einer höheren Besteuerung der Vermögen, will die Schuldenbremse für Investitionen ausklammern oder Kinder aus armen Familien besser fördern. Wer nun aber konkrete Aussagen oder gar fundamentale Kritik an der neoliberalen Politik sucht, wird enttäuscht sein. Die Erhebung der Vermögenssteuer ist beispielsweise noch nicht einmal ihre Forderung, sondern lediglich ein „Vorschlag ihrer Partei“; die Schuldenbremse als solche greift sie nicht an, sondern plädiert lediglich für Ausnahmen von der Regel; und selbst bei der Chancengleichheit für Kinder ärmerer Familien bleibt sie wolkig. Sie kritisiert Niedriglöhne, stellt aber Hartz IV nicht infrage. Sie will „gesunden und sauberen“ Produkten „Vorteile am Markt“ verschaffen, sagt aber weder wie dies konkret vonstatten gehen soll, noch wie sie dies sozialverträglich zu gestalten gedenkt. Stattdessen wirft sie mit Worthülsen wie „sozial-ökologischer Transformation“ oder „sozial-ökologischer Marktwirtschaft“ – die soll die soziale Marktwirtschaft ablösen – um sich, weigert sich jedoch standhaft, dies zu präzisieren. Stattdessen Nebenkriegsschauplätze. Das Bruttoinlandsprodukt sei – so Baerbock – als Indikator ungeeignet und habe keine Zukunft. Darüber ließe sich ja diskutieren. Aber das macht sie nicht. Sie verweist stattdessen auf andere „Wohlstandsindikatoren“, die zu entwickeln, „die Aufgabe unserer politischen Generation“ sei. Na toll.

Auch das Thema Außen- und Sicherheitspolitik bleibt in ihrem Buch an der Oberfläche. Stattdessen verweist sie als „Völkerrechtlerin“ (sic!) auf die Komplexität des Völkerrechts, verteilt jedoch stets nur Prüfaufträge, wo man sich eine konkrete Positionierung wünschen würde. Das betrifft den grünen Wunsch nach Kriegen für das Menschenrecht genauso wie US-Sanktionen gegen deutsche Unternehmen. Das müsse man alles im Einzelfall prüfen. Ach was! Zumindest in Sachen Prinzipienlosigkeit und dem Unwillen, klare Positionen zu beziehen, scheint die grüne Kandidatin sehr viel von ihrer schwarzen Übermutter gelernt zu haben.

Statt klarer Aussagen – egal in welche Richtung – kommen bei Baerbock skurrile Anekdoten. So erklärt sie den Wandel der Grünen von einer Friedens- zu einer Kriegspartei doch tatsächlich über einen weiten, weiten Bogen aus feministischer Perspektive. Ihre Oma sei im Krieg – natürlich vom Russen – vergewaltigt worden. In Bosnien hätte es während des Krieges auch Vergewaltigungen gegeben – die sie mit Völkermord gleichsetzt. Daher sei auch der Kosovo-Kriegsentscheid der Grünen kein Widerspruch zum Pazifismus der Grünen und last but not least käme es im Irak ja auch zu Vergewaltigungen, die eine militärische Intervention Deutschlands rechtfertigen würden. Das ist so schlicht wie unsinnig. Warum haben die Grünen dem ersten Angriffskrieg der bundesdeutschen Geschichte zugestimmt, weil es in einem anderen Krieg in Bosnien zu Vergewaltigungen kam? Und was hat Annalenas Oma mit den Jesidinnen im Irak zu tun? Das erklärt uns die Kanzlerkandidatin nicht.

Es ist wie auf der Party. Die nette junge Dame erzählt auch viel Mist und weiß selbst nicht mehr, wo der erzählerische Faden anfing, den sie schon lange verloren hat. Aber alle Umstehenden nicken andächtig. Lohnt es sich, zu widersprechen? Oder ist es für Verstand und Seele besser, sich diesen Unsinn gar nicht erst anzutun und sich lieber ein neues Bier zu holen?

Sind die inhaltlichen Punkte des Buches schwach, so sind die anekdotischen Punkte schon beinahe amüsant belanglos. Doch gerade diese Belanglosigkeit sagt mehr über die Kandidatin, als es ihr lieb sein kann. So kulminiert die anekdotische politische Erfahrung der Dame, die ja tatsächlich Kanzlerin werden will, in einem längeren Absatz zu ihren Erfolgen in Sachen Gleichstellung. Sie hat nämlich – Trommelwirbel – es zusammen mit einem fraktionsübergreifenden Gespann, u.a. mit Katja Kipping und Kristina Schröder, geschafft, im Bundestag einen Still-, Spiel- und Wickelraum durchzusetzen. Das ist natürlich eine Visitenkarte für das höchste politische Amt in Deutschland. Gibt es im Kanzleramt eigentlich einen Wickelraum?

Derlei Geschichten, die für sie sicherlich wichtig sind, wären leichter zu ertragen, wenn Baerbock sich nicht zwischen den Zeilen so unangenehm aufplustern würde. So liest sich ihre Schilderung des Klimaabkommens von Paris fast so, als habe sie persönlich diese Abkommen ausgehandelt. Dann erfährt der Leser jedoch zwischen den Zeilen, dass sie den Gipfel nur als Zaungast mit ihrer Tochter im Kinderwagen begleitet hat – ihre Mutter musste Paris leider verlassen. Das kann ja mal passieren. Das Ganze kulminiert dann in dem absurden Höhepunkt, an dem die Subalterne ihrer Tochter im Kinderwagen verspricht, dass sie nun „alles dafür tun wird, damit das Wunder von Paris wahr wird“.

Das soll kein Vorwurf an die Autorin sein. Während andere Staatsmänner und Politiker spannende Anekdoten und Hintergründe zu weltgeschichtlichen Ereignissen beisteuern können, hat Annalena Baerbock nun einmal nichts erlebt, das sich abseits eines Aufsatzes für die Schülerzeitung für ein Buch eignen würde, das ja immerhin den Anspruch hat, eine Kanzlerkandidatin zu promoten. Was soll sie da auch schreiben? Auch mein Leben ist eher langweilig und eignet sich nicht für ein Autobiografie – aber aus genau diesem Grund schreibe ich ja auch keine und will ganz nebenbei auch nicht Bundeskanzler werden.

Und dies ist der wohl wichtigste Punkt, den es zu diesem belanglosen Buch zu schreiben gibt. In der öffentlichen Debatte wird Baerbocks mangelnde politische Erfahrung ja stets als größtes Hindernis für ihre Eignung zum höchsten politischen Amt genannt. Dieser Kritikpunkt wird durch ihr Buch nicht etwa entkräftet, sondern ganz im Gegenteil bestätigt. Doch Annalena Baerbock scheint dies noch nicht einmal zu merken. Wenn sie eins auszeichnet, dann ist es ihr grundloses Selbstvertrauen. Dies wird an einer Stelle des Buches besonders deutlich: Da mokiert sich Baerbock doch tatsächlich darüber, dass es bei politischen und akademischen Werdegängen mehr und früheren Kontakt mit der Arbeitswelt bräuchte. Sie selbst – so liest man wenige Seiten später – habe diesen Kontakt; sie habe als Schülerin schließlich am Verkaufstresen einer Bäckerei gejobbt und das sogar um 5.00 Uhr morgens, „manchmal direkt nach der Disco“. Nicht schlecht! Hoffentlich kommt nun niemand auf die Idee, Baerbock sei schon fast überqualifiziert für das Amt der Kanzlerin.

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