Mathias Bröckers über 9/11 und die Medien: Das hatte mit Journalismus nichts mehr zu tun
Mathias Bröckers über 9/11 und die Medien: Das hatte mit Journalismus nichts mehr zu tun

Mathias Bröckers über 9/11 und die Medien: Das hatte mit Journalismus nichts mehr zu tun

Ein Artikel von: Redaktion

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist eine „Diskurskeule zur Desinfektion des Meinungskorridors“. Das sagt Mathias Bröckers im zweiten Teil des NachDenkSeiten-Interviews (den ersten Teil finden Sie unter diesem Link). Der Begriff, so Bröckers, erlebe mit den Varianten „Verschwörungserzählung“, „Verschwörungslegende“ oder „Verschwörungsideologie“ geradezu eine „virale Inflation“. Und damit ist der Mitbegründer der taz und Bestsellerautor auch schon mittendrin in der Beschreibung des Kampfes um die Deutungshoheit. Ein Interview über den Umgang der Medien mit den Anschlägen vom 11. September 2001, über die Erfahrungen, die Bröckers mit Journalisten im Zusammenhang mit 9/11 machen musste, sowie über die Frage, ob sich an der Strategie der Medien im Umgang mit unliebsamen Meinungen etwas geändert hat. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Herr Bröckers, wie haben Sie den Zustand der Medien in der Zeit nach dem 11. September wahrgenommen?

Die Reporterlegende Dan Rather, Nachrichtenchef des Senders CBS, hatte es auf den Punkt gebracht: »George Bush ist der Präsident. Er trifft die Entscheidungen. Und wie es sich für einen Amerikaner gehört: Wo immer man mich haben will, ich reihe mich ein.« Die Berichterstattung über die Anschläge vom 11. September und ihre direkten Folgen, die Kriege in Afghanistan und im Irak, waren dann auch von einer Einheitlichkeit geprägt, die mit Journalismus nichts mehr zu tun hatte: Die »freie Presse«, die Wachhunde der Demokratie, waren zu Schoßhunden und Lautsprechern der US-Regierung mutiert. Sie produzierten Propaganda. Und reagierten auf Gegenstimmen genauso, wie es die CIA 1967 für Kritiker der offiziellen Einzeltäter-Version des Kennedy-Mords empfohlen und George W. Bush es gerade noch einmal bekräftigt hatte: Sie wurden als frevelhafte Verschwörungstheoretiker und boshafte Lügner durchs mediale Dorf getrieben.

Wie ist der Zustand der Medien heute?

Eine Besserung sehe ich nicht, im Gegenteil, denn als Kampfbegriff der psychologischen Kriegsführung erlebte die Phrase „Verschwörungstheorie“ als Diskurskeule zur Desinfektion des Meinungskorridors ja eine virale Inflation sondergleichen, mittlerweile auch in den Varianten „-Erzählung“, „-Legende“, „-Ideologie“ usw. Skepsis und Kritik gegenüber Regierungs-Verlautbarungen werden damit systematisch tabuisiert und können mit dieser Denunziationsvokabel einfach unter den Teppich gekehrt werden.

Damit wären wir auch beim Hauptthema dieses zweiten Teils unseres Interviews: Medien und Medienkritik. In den vergangenen 20 Jahren wurde die Medienkritik immer lauter. These: Die Anschläge vom 11. September und das Verhalten der Medien danach haben dazu geführt, dass die Medienkritik sich in die Breite gestreut hat und viele Bürger die Berichterstattung heute viel sensibler und kritischer betrachten, als es noch vor 9/11 war. Stimmen Sie der These zu?

Internet und digitale Medien steckten 2001 noch in den Anfängen, sich jenseits des Nachrichten-Mainstreams zu informieren, war noch nicht so einfach und diese Möglichkeiten werden von vielen stärker genutzt. Insofern sind sicher viele Menschen skeptischer geworden, weil sie leichter überprüfen können, inwieweit die in der „Tagesschau“ präsentierte Realität den wirklichen Ereignissen entspricht. Das erfreulichste Feedback auf meine 9/11-Serie bei Telepolis und das erste Buch 2002 war der Dank vieler Leser, dass sie wegen der zahlreichen Links und Quellen gelernt hätten, selbst im Netz zu recherchieren. Kurz vor Drucklegung hatte mich der Verleger noch um einen Vorspann gebeten: „Du musst erklären, was eine Suchmaschine ist, das kennen die Leute nicht.“ Die kleine web-pädagogische Handreichung „Zweimal täglich googeln“ gereichte mir allerdings eher zum Nachteil. Meine Quellen wurden durchweg als »unseriös«, »dubios« und »lachhaft«, weil »nur bei Google recherchiert«, eingestuft, obwohl mehr als 90 Prozent der angegebenen Links auf bekannte »seriöse« Medien verwiesen. Dass das Internet ein Übermedium ist, in dem alle anderen Medien erreichbar sind, hatte der »Holzjournalismus« 2001 noch nicht verstanden und verkaufte das Internet als Drohkulisse für die garantierte Unseriosität gefährlicher Informationen.

Im ersten Teil des Interviews wurde schon deutlich, dass Sie auch im Zentrum des Kampfes um die Deutungshoheit gestanden haben. Sie selbst haben Medien immer wieder kritisiert, aber auch Medien haben Sie scharf attackiert. Würden Sie uns mehr von Ihren Erfahrungen erzählen?

Ich hatte ja ordentlich recherchiert, so gut wie ich es als freier Ein-Mann-Betrieb konnte, und war schockiert, wie blind und taub sich sämtliche Großmedien stellten angesichts der haarsträubenden Ungereimtheiten, Widersprüche und offenen Fragen in der offiziellen Darstellung der Ereignisse. Das musste man einfach scharf kritisieren, wenn einem Rechtsstaat und Pressefreiheit noch irgendetwas wert waren. Dass ich selbst heftig angegriffen und diffamiert wurde, lag dann weniger an meiner Person und ihrem weitgehend untadeligen Lebenslauf, sondern folgte eher dem klassischen „Kill The Messenger“-Muster: den Überbringer unerwünschter Nachrichten zu denunzieren, um sie leichter ignorieren zu können. Dass die Weltöffentlichkeit über 9/11 massiv getäuscht worden war, dafür gab es Dutzende materielle Beweise, die sich nicht mehr einfach als »spekulativ« vom Tisch wischen ließen – außer mit der Stigmatisierung des Überbringers als frevelhafter „Verschwörungstheoretiker“.

Nach der Regel, wie derlei Disqualifikation in Deutschland abläuft – und die mein einstiger taz-Kollege Wiglaf Droste einmal auf den Punkt brachte: »Wer zuerst Auschwitz sagt, hat gewonnen!« – hatte mir der damalige Spiegel-Autor Henryk M. Broder ja schon gleich am 14. September 2001 im Radio und auf seiner Webseite ein »krankes Hirn« bescheinigt, das in einer Reihe mit Auschwitz-Leugnern und den »Protokollen der Weisen von Zion« stünde – und wünschte mir zum Abschluss seiner Suada den Tod als „Fettfleck an einer Hochhauswand“. Weil ich den selbsternannten „Antisemitismusbeauftragten“ Broder noch nie wirklich ernst nehmen konnte, antwortete ich nur mit einer Mail, dass ich, mit 65 Kilo und 177 Zentimetern, anders als kleine Fettsäcke, keine Flecken hinterlasse. Als Ken Jebsen mich dann 2011 über das Buch zum 10. Jahrestag im rbb interviewte, wurde Denunziant Broder erneut aktiv, um ihn aus dem Sender zu mobben.

Damals haben Sie sich mit einem Spiegel-Reporter getroffen. Im Cafe „Einstein“ in Berlin. Sie saßen dort und waren „aufgeräumter Stimmung“. Der Spiegel-Reporter hat zumindest diese Formulierung verwendet. Eine eigenartige Formulierung. Ich zitiere aus dem Artikel:
„Bröckers, 48, er nennt sich einen ‚Konspirologen‘, hat einen Bestseller des Unbehagens verfasst. Er trinkt Milchkaffee im West-Berliner Café ‚Einstein‘, er ist aufgeräumter Stimmung, er raucht kurze Zigaretten ohne Filter. Er sagt, die Sonnenbrille auf die Stirn geschoben: ‚Es geht doch hier nicht darum, Herrn Bush irgendwie dumm anzupissen‘, und das sagt er, als müsste ‚Herr Bush’ ihn, Bröckers, kennen. Oder fürchten.“
Erinnern Sie sich noch daran, was Sie damals gedacht haben, als Sie den Artikel gelesen haben?

Zum Glück hat er nicht erwähnt, dass ich auch gern mal lange Zigaretten mit Haschisch rauche – wobei in dem Artikel schon vorkam, dass ich mal ein Buch über Hanf geschrieben habe und schon von daher womöglich wirr im Kopf sein könnte. Aber im Ernst: Ich dachte natürlich: „So ein A….!“, weil in dem ganzen Artikel weder der Buchtitel noch der Verlag genannt und aus dem knapp zweistündigen Gespräch über 9/11 als einziger O-Ton nur dieser bescheuerte Nebensatz zitiert wurde. Als nach dem Treffen der Spiegel-Fotograf anrief und für das Foto einen „mystischen Hintergrund“ wünschte, war mir aber schon klar, dass es in dem Artikel nicht um Wahrheitsfindung, sondern um das Porträt eines durchgeknallten Spinners mit irrem Blick gehen sollte. Weil das Foto dann aber stinknormal geriet, packte man noch eine „Teufelsfratze im WTC-Rauch“ dazu, um dann daneben mit der ganz großen Keule zuzuschlagen. „Was für manchen Rechten die ›Auschwitz-Lüge‹ ist, könnte für manchen Linken die ›September-Lüge‹ werden. Eine verdrängte Wahrheit, um die Weltanschauung nicht verändern zu müssen.“

Lügner und Nazi – mehr Höchststrafe geht für einen Autor eigentlich nicht. Doch was hier mit küchenpsychologischer Begründung als Totschlagargument gedacht war, liefert, glaube ich, die Erklärung für die höchst eigene Verdrängungsleistung des Spiegel (und der Medien insgesamt) in Sachen 9/11. Nicht ich musste zwanghaft lügen und Bin Laden und Co. reinwaschen, um meine »Weltanschauung« zu retten, sondern umgekehrt: Der Spiegel und die Großmedien mussten das Osama-Märchen erzählen, damit ihr »altes Weltbild« von der freiheitlichen, demokratischen Führungsmacht USA nicht zusammenbricht.

Der Spiegel-Reporter war Ullrich Fichtner. Spulen wir nach vorne in das Jahr 2018. Stichwort: Der Skandal um die gefälschten Beiträge des Spiegel-Reporters Claas Relotius. Die etwas zu kreativen Beiträge von Relotius hatten dann laut Medienberichten auch Auswirkungen auf Fichtner. Was waren Ihre Gedanken?

Dass ich ihm diese Art von Pseudo-Journalismus schon im Oktober 2002 vorgeworfen hatte, als Walter van Rossum uns zu einem „WDR-Funkhausgespräch“ live in den Ring geladen hatte. Fichtner hatte die »9/11 – Was wirklich geschah«-Serie des Spiegels, eine im Reportagestil von einem Dutzend Autoren montierte Geschichte der »wirklichen« Ereignisse, als Buch mit herausgebracht – und warf mir in der Diskussion immer wieder meine »unseriösen Quellen« aus dem Internet vor. Ich hielt dagegen, dass die Real-Life-Suggestionen der Spiegel-Reporter, die so tun, als würden sie den »Terroristen« bei der Vorbereitung des Anschlags über die Schulter schauen, die ganze szenische Dramaturgie mit atmosphärischen Einsprengseln und der »Wir waren dabei und kennen die Wahrheit«-Gestus, nichts mit Journalismus zu tun habe. Nach Punkten und dem Beifall der 200 Zuschauer hatte ich das Match damals klar gewonnen, Fichtner stieg mit diesem Reportage-Schwurbel dann beim „Spiegel“ auf und wäre heute Chefredakteur, wenn sein Musterschüler Relotius nicht aufgeflogen wäre.

In dem Artikel „Die September-Lüge“ wählt Fichtner einen szenischen Einstieg: „Trocken und heiß zog der 9. September über Toronto auf, Montag vor fünf Wochen, für Punkt 10 Uhr Ortszeit war Delmart »Mike« Vreelands Verhandlung bei Gericht angesetzt, aber Vreeland kam nicht, und so begann, im Wirrwarr der Geschichten, schon wieder eine neue.“„Trocken und heiß zog“ also dieser Septembertag „auf“. Das wirkt so schön authentisch, oder? Relotius verfasste seine Beiträge genau in dem Stil, den der Spiegel offensichtlich so schätzt: literarisch, erzählend. Mussten Sie im Zuge der „Relotius-Affäre“ auch an das Spiegel-Buch zum 11. September denken?

Was dem kreativen Jungautor Relotius vorgeworfen wurde, dass er zum Beispiel aus stinknormalen Trump-Wählern einer Kleinstadt in Minnesota ein finsteres Nest waffentragender Dumpfbacken gemacht hatte, ist letztlich genau das, was seine Vorgesetzten Fichtner et. al. nach dem 11. September 2001 betrieben haben. Mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich Osama und die 19 »Hijacker« als Alleintäter nicht selbst ausgedacht haben, sondern vom Weißen Haus unhinterfragt übernahmen und dann eine geile Story nach der anderen daraus gestrickt haben. Dass die wahren Fakten völlig unklar und entscheidende Fragen offen waren, war zweitrangig – das Narrativ stimmte und der Schwurbel kam auf die Titelseite. Es geht nicht darum, »Sagen, was ist«, wie es einst Rudolf Augstein zur journalistischen Übermittlung und Einordnung von Fakten vorgegeben hatte, es geht im ehemaligen Nachrichtenmagazin nur noch um pseudojournalistisches Agendasetting und »Ausmalen, wie sich’s anfühlt«.

Die Anschläge scheinen jedenfalls für nahezu alle großen Medien abgehakt. Ein historisches Ereignis, das sich nun jährt. Das war’s. Ärgert Sie das?

Es ist ein gigantischer Skandal. „Well now, what can a poor boy do? ‘Cept to sing for a rock-n-roll band“. Weil ich nicht singe, schreibe ich darüber. Den „Street Fighting Man“ zu geben, dafür fühle ich mich ein bisschen zu alt, aber die Revolution ist nötiger denn je. Und ohne eine Neu-Ermittlung und Aufklärung von 9/11 als False-Flag-Operation wird sich nichts ändern, die Verantwortlichen sind nach wie vor auf freiem Fuß. Wer sich darüber nicht ärgert, hat mit den Traditionen der Aufklärung und der Demokratie nun wirklich nichts mehr am Hut. Weil dauerhaftes Ärgern aber keine gesunde Haltung ist, nehme ich den Niedergang des Journalismus eher resigniert zur Kenntnis.

Hat sich etwas an den Strategien, die Medien damals im Kampf um die Deutungshoheit angewandt haben, etwas geändert?

Eigentlich nicht, nur sind jetzt mit dem Wachstum der sozialen Medien sehr viel mehr Leute davon betroffen. Nach 9/11 waren es im deutschsprachigen Raum kaum eine Handvoll Autoren, die das offizielle Narrativ kritisch unter die Lupe nahmen, die konnte man recht einfach in eine Kiste mit der Warnung „Verschwörungsfanatiker“ (Spiegel) packen. Jetzt muss man den Twitter-Kanal von Donald Trump mit 70 Millionen Followern löschen, um eine bananenrepublikanische Zählung und Deutung der Wahlergebnisse sicherzustellen. Eine Zensur findet aber nicht statt und Pressefreiheit ist weiterhin offiziell garantiert.

Doch wenn man den Kommandeur der größten Weltmacht ungestraft von der Kommunikation abschneiden kann, ist auf dieser nach oben offenen Trump-Skala künftig alles möglich und kein kleinerer Akteur muss sich mehr wundern, wenn ihm der Saft abgedreht wird. Presse- und Meinungsfreiheit sind natürlich weiterhin gegeben, doch wer gehört werden darf und wer nicht, entscheidet kein ordentliches Gericht, sondern eine unsichtbare Instanz von Tech-Oligarchen, die über den Gesetzen steht und auch einen gewählten Präsidenten einfach abschalten kann. Da müssen sich dann im Netz erfolgreiche Journalisten, Blogger oder YouTuber nicht wundern. Willkommen bei der Silicon-Valley-Stasi, dem Wahrheitsministerium von Google, den Faktencheckern von Facebook und der Bewegtbildkontrolle von YouTube.

Wem da der Satz von Adorno einfällt – „Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“ – muss sich freilich hüten, nicht umgehend als gefährlicher Dissident zu gelten. Mit einer massiven Tendenz zum Totalitarismus hat das nämlich alles gar nichts zu tun – nur „Verschwörungsideologen“ können so etwas behaupten.

Gerade gab es in Berlin die Demonstrationen für die Grundrechte. Der Tagesspiegel hatte dazu einen „News-Blog“ eingerichtet. Wenn ich richtig gezählt habe, dann waren in 18 Einträgen im „News“-Blog Begriffe wie „Corona-Leugner“, „Verschwörungsgläubige“ und „Corona-Verharmloser“ zu finden. Sieht so nun der „Nachrichtenjournalismus“ aus?

Nach 9/11 reichte noch ein Besen, jetzt muss gekärchert werden, um die Desinfektion des Meinungsspektrums zu gewährleisten und multimedial möglichst 100-prozentige Diskurshygiene sicherzustellen. Wer etwa die Unfehlbarkeit der neuen Dreifaltigkeit aus Regierung, Robert Koch-Institut und Professor Drosten bezweifelte und ihre Behauptungen und Maßnahmen infrage stellte, musste umgehend mit Sanktionen rechnen, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch am Arbeitsplatz und privat. Die erzeugte Panik vor dem unsichtbaren Schrecken, von dessen Existenz die Weltöffentlichkeit ohne PCR-Tests nie erfahren hätte und dessen Tödlichkeit dann je nach Region als normale oder schwere Grippewelle in die Sterbestatistiken eingegangen wäre, übertraf die Angst vor dem Terror nach dem sichtbaren Schrecken von 9/11 bei Weitem. Und entsprechend auch die Bereitschaft, als Antwort und Lösung dieser apokalyptischen Bedrohung sofort in einen Krieg, nunmehr »gegen das Virus« zu ziehen.

Dass eine solche desinfektionistische Kriegshaltung, ein „Krieg gegen Viren“, noch absurder ist als ein „Krieg gegen Terror“, dies klarzumachen, wäre die Aufgabe eines funktionierenden, aufklärerischen Journalismus gewesen. Doch wie nach dem 11. September 2001 schalteten die Medien umgehend auf Kriegspropaganda. Skepsis und Widerspruch werden tabuisiert und denunziert, Kritiker als »Lebensgefährder« zu asozialen, unsolidarischen Volksfeinden gestempelt, Proteste gegen die Pandemie-Maßnahmen zu Aktionen von Nazis, Rechtsradikalen und gefährlichen „Verschwörungsideologen“ erklärt . Auch wenn die Pandemie so überraschend kam wie die Attacken des 11. September, wurde die »Wahrheit« dann genauso schnell verkündet und steht seitdem unverrückbar fest: ein tödliches Killervirus, dem nur mit Krieg (Maskenzwang/Lockdown/Versammlungsverbot/Ausgangssperren et cetera) begegnet werden kann, bis die Bevölkerung durchgeimpft ist.

Sachlich kann diese „Wahrheit“ nicht mehr diskutiert werden, sie ist in den Bereich der Glaubensfragen verschoben und so muteten die Zeitungen mit ihrem Zahlenkonfetti der Inzidenz dann auch so an wie der „Wachturm“ der „Zeugen Coronas“. An einigen Orten sollen ja auch schon Corona-Missionare mit irgendwelchen Broschüren an Haustüren klingeln, um die „Impfbereitschaft“ zu erhöhen. Der Corona-Zirkus hat fraglos kultische, religionsartige Züge angenommen und die Medien werden nicht müde, das paradoxe Dogma dieses Kults zu predigen: nämlich einerseits „auf die Wissenschaft“ zu hören und die Gefährlichkeit des Killervirus ernst zu nehmen, aber andererseits sämtliche Kriterien dieser Wissenschaft zur Erprobung von Impfstoffen sofort zu vergessen.

Welches Fazit ziehen Sie aus Ihren Erfahrungen mit den Medien und dem Verhalten der Journalisten?

Als der Schriftsteller Upton Sinclair für sein Enthüllungsbuch über die Monopole, Methoden und Manipulationen der amerikanischen Presse (The Brass Check. A Study Of American Journalism, Pasadena, 1919) keinen Verleger fand, brachte er es im Selbstverlag heraus. Es wurde von den Zeitungen nicht rezensiert, die New York Times weigerte sich sogar, Anzeigen für das Buch aufzunehmen. Heute, wo das Geschäftsmodell der anzeigenfinanzierten Tageszeitungen zu Ende geht, wäre man da in Sachen bezahlter Anzeigen vermutlich deutlich ungenierter. Sinclair zitiert dort eine Rede, die der ehemalige Redaktionsleiter der New York Post und Doyen des amerikanischen Pressewesens, John Swinton, 1880 vor dem vornehmen New Yorker Presseclub gehalten hatte:

»Bis zum heutigen Tag gibt es so etwas wie eine unabhängige Presse in der Weltgeschichte nicht. Sie wissen es, und ich weiß es. (…) Wenn ich meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung veröffentlichen würde, wäre ich meine Stellung innerhalb von 24 Stunden los. Es ist das Geschäft der Journalisten, die Wahrheit zu zerstören, unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden, die Füße des Mammons zu lecken und das Land zu verkaufen für ihr tägliches Brot. Sie wissen es, und ich weiß, was es für eine Verrücktheit ist, auf eine unabhängige Presse anzustoßen. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen der reichen Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen die Strippen, und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und unser ganzes Leben sind Eigentum anderer Menschen. Wir sind intellektuelle Prostituierte.“

Das bringt den Zustand der aktuellen „Pre$$titution“ leider noch immer ziemlich genau auf den Punkt.


Den ersten Teil des Interviews finden Sie unter diesem Link.


Lesetipp:


Titelbild: Brian A Jackson / Shutterstock

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!