Wenn wir einander nicht mehr begegnen, verlieren wir uns.
Wenn wir einander nicht mehr begegnen, verlieren wir uns.

Wenn wir einander nicht mehr begegnen, verlieren wir uns.

Ein Artikel von: Redaktion

KOMMUNIKATION 21 – eine Kunstinstallation von Ludo Vici.
Der Kunst eine bestimmte Aufgabe zuzuweisen, halte ich für falsch, aber gerade in Zeiten wie dieser stellt sich der Kunst die Herausforderung, die gesellschaftlichen Entwicklungen mit offenem Blick zu betrachten und mit ihren Mitteln zu reflektieren. Dabei reicht es aber nicht aus, sich mit einer persönlichen Meinung auf die eine oder andere Seite zu stellen, vielmehr ist es notwendig, sich wertfrei von außen dem Geschehen zu nähern, es zu beschreiben und in seinen ganz menschlichen Empfindungen und Auswirkungen spürbar zu machen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Was mich nun schon seit Monaten umtreibt, sind die kulturellen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie, insbesondere der Umstand, wie sehr sie zu einer Spaltung der Gesellschaft beigetragen hat. Der Tonfall der Diskussion und die sich stetig steigernde Aggressivität sind geradezu erschütternd. Wie einfach ist es geworden, leichtfertig ein Urteil über einen anderen Menschen zu fällen, den anderen abzuwerten, ja, ihn zu beschimpfen.

Ist die Beleidigung das neue Normal im gesellschaftlichen und politischen Umgang?

Information und Aufklärung büßen im gleichen Maße ihren Nutzen und Wert ein, mit welchem sie in den Dienst einer Moral gestellt werden. Die Moral verformt die Information in ein Glaubenssystem. Überzeugungskraft beruft sich in der Folge auf Lautstärke. Es wird gebrüllt und gefuchtelt. Der Lärm macht taub und tumb. Wer soll da zuhören? Aber gerade das ist es, was jetzt so notwendig wäre: Zuhören. Zuhören bedeutet aber nicht nur, den Austausch von Argumenten und Informationen zuzulassen, sondern sein Gegenüber im Ganzen zu sehen, wieder verstehen zu lernen, dass Kommunikation Augenhöhe voraussetzt, auch und gerade wenn die Meinungen so bitter auseinandergehen, wie das gerade der Fall ist.

Das Spezielle am Fall Corona ist die Tatsache, dass es das einzige politische und gesellschaftliche Thema ist, dem sich absolut niemand entziehen kann. Spätestens mit der Impffrage ist jeder Einzelne gezwungen, eine Haltung zu diesem Thema einzunehmen. Eine Handlung vorzunehmen oder aber sie zu unterlassen. Es gibt keine Ausreden, kein sich Abwenden, keine Neutralität. Die Frage: Bist du geimpft? wird allgegenwärtig sein und bleiben. Es wird über Verantwortung, Respekt und Moral verhandelt. Das darunterliegende Motiv aber ist Angst. Angst vor der Krankheit, Angst vor Nebenwirkungen, Angst vor Ausgrenzung, Angst vor Isolation. Eine ganze Gesellschaft in Atemnot, hechelnd nach Erlösung, flüchtet sich in das Urteil und die Abwertung des anderen.

Eine Gesellschaft aber kann nicht atmen, wenn sie zu einer Ansammlung von Horden zerfällt. Der urinnerste Impuls für das Entstehen einer Gemeinschaft ist die Begegnung des Menschen mit dem Menschen. Das Erkennen des eigenen Selbst im anderen. Die Chance, Kontakt aufzunehmen.

Daher habe ich nach einem künstlerischen Weg gesucht, diesen Zustand zu beschreiben, mehr noch, ihm zu begegnen und auf das meiner Meinung nach wesentliche Element zu reduzieren: Das Urteil.

Bedeutsam ist eben nicht das Urteil, das wir fällen, sondern dieser kleine, zumeist unscheinbare Moment, in welchem wir das Urteil fällen.
Dieser Moment, dieser Akkord von Impulsen, der uns leitet, öffnet den Weg in unser Innerstes.

Diesem Augenblick, in welchem das Urteil gefällt wird, bin ich nachgegangen und möchte ihn in meiner Installation zu einer Erfahrung machen. Ich möchte ihn beleuchten und dem Betrachter den Raum für ein Innehalten öffnen, weil ich glaube, dass wir diesem Moment zu wenig Beachtung schenken. Ist das Urteil einmal gefällt, halten wir in unserem Bewusstsein eine Reihe von scheinbar ausschließlich rationalen Argumenten bereit, um das Urteil zu begründen; darüber hinaus spielen aber viele weitere emotionale und unbewusste innere Regungen und Impulse eine Rolle, die im weiteren Verlauf der Verteidigung unseres Urteils verblassen, obgleich sie uns eine Einsicht in den Urteilsprozess gewähren können. Wenn es gelingt, diese inneren Regungen und Impulse erlebbar zu machen, ist dies der Weg zu verstehen, dass auch in allen anderen Menschen diese Innenwelt lebendig ist und so können wir einen Ausgangspunkt finden, uns wieder von Angesicht zu Angesicht, von Mensch zu Mensch zu begegnen.

Dies ist gerade angesichts der Umbrüche, vor denen wir als Gesellschaft stehen, von essentieller Bedeutung, da ohne diese Qualität der Begegnung politische Kräfte entstehen und sich etablieren können, die alle unsere Ideale einer freien und humanistischen Gesellschaft zerreiben.
So entstand das Projekt KOMMUNIKATION 21.

Um komplizierte Beschreibungen des Projektes an dieser Stelle zu vermeiden, habe ich eine knappe Online-Präsentation mit Bildern und kurzen Animationen erstellt und möchte nun möglichst viele Menschen einladen, sich diese anzusehen.
Sie finden die Präsentation hier.

Neben der kreativen Arbeit gibt es bei einem solchen Projekt eben auch die Aufgabe, Verbündete zu finden, und so freue ich mich über jeden Einzelnen, der die Zeit findet, sich mit dem Projekt zu beschäftigen, und es mir so gelingt, Partner zu finden, die bereit wären, mich bei der Umsetzung der Installation zu unterstützen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Arbeit bei den meisten Menschen, die sie erfahren, einen lebendigen, tiefen Eindruck erzeugt. Einmal hergestellt, kann sie an jeweilige Örtlichkeiten angepasst werden und an verschiedensten Orten der Welt gezeigt werden. Schließlich betrifft dieses Thema uns alle.

Recht herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Ludo Vici

ludo-vici.de

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