„Am Ende ist es wieder niemand gewesen, wenn die Dinge doch kippen sollten“
„Am Ende ist es wieder niemand gewesen, wenn die Dinge doch kippen sollten“

„Am Ende ist es wieder niemand gewesen, wenn die Dinge doch kippen sollten“

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes

Als die in Bonn lehrende Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot im Januar dieses Jahres ihrem österreichischen Verlag den Text für ihr neues Buch vorlegte, lehnte dieser es ab, das Buch zu veröffentlichen. Nicht weil der Text schlecht war, sondern weil der Verlag die Kritik der Medien fürchtete. Guérot, die vor der Corona-Krise bei den Medien eine beliebte Expertin insbesondere für Europafragen war, hatte es nämlich gewagt, die Coronapolitik der Regierung zu kritisieren. Und das ist ja bekanntlich in den großen deutschen Medien so etwas wie ein Sakrileg. Guérot fand dann als Autorin Unterschlupf beim Frankfurter Westend Verlag. Dort ist ihr Buch unter dem Titel „Wer schweigt, stimmt zu“ erschienen. Unser Autor Udo Brandes hat es für die NachDenkSeiten gelesen und stellt es vor.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Das geplante Impfpflichtgesetz ist im Deutschen Bundestag gescheitert. Und wenn wir Glück haben, ist es nun auch bald endgültig epidemiologisch betrachtet vorbei mit der Coronakrise. Außerdem haben wir jetzt ein anderes dominierendes Thema: den Ukrainekrieg. Deshalb könnte man auf den Gedanken kommen, dass Guérots Buch als Lektüre für die eigene politische Bildung oder Verortung vielleicht nicht mehr notwendig wäre, „weil ja alles vorbei ist“. Weit gefehlt! Guérot hat in ihrem Buch am Beispiel der Coronapolitik sehr überzeugend dargestellt, in was für einem schwer angeschlagenen Zustand sich unsere Demokratie mittlerweile befindet. Man bekommt in ihrem Buch noch einmal in geballter Form dargestellt, was da in den letzten zwei Jahren in unserer Gesellschaft passiert ist, wie sehr die Institutionen in Staat und Gesellschaft unter demokratischen Gesichtspunkten versagt haben. Und zu was für unzivilisierten und antidemokratischen Exzessen Journalisten, Künstler, Politiker, Wissenschaftler und Intellektuelle in der Lage sind, die sich ansonsten über jede „Mikroaggression“ hermachen. Wenn man dies alles in konzentrierter Form zur Kenntnis bekommt, kann einem angst und bange werden.

Die Sprache fördert es zutage

Einen Tiefpunkt demokratischer Kultur markierte dabei der ZDF-Comedian Jan Böhmermann. Ich finde, jeder sollte wissen, was für eine Geisteshaltung beim ZDF gepflegt wird. Er sagte folgenden Satz:

„Was Ratten in der Zeit der Pest waren, sind Kinder zurzeit für Corona: Wirtstiere“ (Das Zitat findet sich in Guérots Buch auf Seite 55).

Der Philologe Viktor Klemperer schrieb in seinem berühmten Buch über die Sprache des Dritten Reichs, dass die Sprache das Denken des Sprechers zutage fördere, auch das, was dieser nicht offen sagen wolle. Vergleiche mit Tieren und erst recht mit Ratten sind typisch für eine autoritäre, faschistoide Geisteshaltung. Deshalb habe ich mich gefragt: Ist dieser Satz von Böhmermann einfach nur geschmacklos und dumm? Oder zeugt so ein Satz von einer faschistischen Einstellung? Diese Frage möge jeder selbst für sich beantworten.

Dass so ein Satz heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ohne Konsequenzen möglich ist, sagt nicht nur viel über den Zustand der öffentlich-rechtlichen Medien aus, sondern auch über den Zustand unserer Gesellschaft.

Beifall von der falschen Seite“ ist ein totalitäres Argument

Ulrike Guérot, die sich schon vor ihrem Buch öffentlich mit kritischen Einwänden zur Coronapolitik zu Wort gemeldet hatte, bekam dies bitter zu spüren:

„Ich persönlich musste im August 2021 eine Rufmordkampagne über mich ergehen lassen, weil ich – wie viele andere – auf Ungereimtheiten in der offiziellen Corona-Berichterstattung, auf das Framing von Zahlen oder die rechtliche Problematik von 2G hingewiesen habe. Viele, die das taten, wurden – schlimm genug – von rechts vereinnahmt. Ich hingegen habe mich gewundert, warum nur die politische Rechte die Maßnahmen als unverhältnismäßig kritisierte, während die politische Mitte sie begrüßte und immer mehr davon forderte. Auf einmal konnte man die eigenen Argumente nur noch in Zeitungen oder auf Webseiten lesen, die man vorher nicht mal mit der Kneifzange angefasst hätte: in der BILD-Zeitung, der Achse des Guten oder in FPÖ-Blättchen. Damit aber war die Frage auf dem Tisch: Ist man rechts, wenn man in einer konkreten Frage Argumente teilt, die man gerne woanders – etwa in der ZEIT oder in der FAZ – gelesen hätte? Und teilt man, wenn man ein Argument mit einer politischen Gruppierung teilt, die man ansonsten als ziemlich unerträglich erachtet, konsequenterweise alle anderen Positionen dieser Gruppierung? Natürlich nicht!“ (S.11).

Guérot kommt mit Verweis auf Hans-Magnus Enzensberger zu dem Schluss, dass „Beifall von der falschen Seite“ nicht nur ein falsches Argument sei, sondern es sei das totalitäre Argument. Denn dann überlasse man anderen die Kontrolle darüber, was man selber denken dürfe.

Warum es nicht „die eine wissenschaftliche Wahrheit“ gibt

Auch wenn es die Zeugen Coronas und ihre Priester in Medien, Politik und Universitäten vermutlich niemals begreifen werden: Wissenschaft ist keine Religion mit absoluten Wahrheiten. Und sie kann deshalb auch kein Erlöser mit einer Frohen Botschaft sein. Anders ausgedrückt: Die eine wissenschaftliche Wahrheit gibt es nicht. Wissenschaftler und natürlich erst recht Politiker können bei ein und demselben Sachverhalt selbstverständlich zu vollkommen unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. Guérot veranschaulicht dies sehr gut an zwei Beispielen. Sie erinnert daran,

„dass Atomkraft in Deutschland lange Zeit von einer großen Mehrheit für sicher, sauber und mithin für eine gute Energiequelle gehalten worden ist. In vielen Ländern – etwa China und Frankreich – ist das noch heute so und es gibt dafür durchaus gute, wissenschaftliche Argumente. Zum Beispiel ist die Kernenergie sehr klimafreundlich, weswegen Frankreich sie in der EU-Taxonomie als ‚nachhaltig‘ einstufen möchte. Dass die Kernkraft unter dem Prisma der Klimaneutralität nachhaltig ist, heißt keineswegs, dass sie nicht anderweitig gefährlich oder umweltschädigend ist, etwa mit Blick auf die Reaktorsicherheit oder die Endlager. Am Ende ist es eine Frage der Bewertung, auf welches Kriterium man schaut. Bis zur Reaktorkatastrophe von Fukushima – die Verlängerung der Atomreaktoren war gerade im Bundestag beschlossen – galt Kernkraft trotz lauten Protestes einer Minderheit als sicher. Nach dem GAU in Japan 2011 änderte sich diese Bewertung. Im Handumdrehen wurde der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen, obgleich man gestern noch alles anders bewertet und durchgesetzt hatte, ganz einfach weil man jetzt erfahren hatte, dass Kernkraft vielleicht doch nicht so sicher ist, wie alle zuvor angestellten Wahrscheinlichkeitsrechnungen behaupteten“ (S. 63-64).

Man könne daran zwei zentrale Dinge zeigen, so Guérot: Zum einen bilde eine Wahrscheinlichkeitsrechnung die Wirklichkeit nicht unbedingt ab. Und zum anderen hingen wissenschaftliche Begründungen von Kriterien ab, die man so oder so bewerten und priorisieren könne. Das bedeute:

„Bei Forschungsergebnissen und deren Interpretation geht es also selten um das, was die Wissenschaft sagt, sondern welche Bewertungskriterien eine Mehrheit bei wissenschaftlichen Erkenntnissen anlegt; und welche sie zu einem gegebenen Zeitpunkt als politisch relevant durchsetzen will“ (S. 64).

Was heute medizinischer Standard ist, wurde zunächst als Humbug abgetan

Ergänzend möchte ich hinzufügen (was auch Guérot an anderer Stelle im Buch sinngemäß sagt): Was die Mehrheit für richtig hält, ist noch lange nicht richtig. Mir fällt dazu folgendes Beispiel ein: Als der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis im 19. Jahrhundert herausfand, dass so viele Frauen wegen mangelnder Hygiene nach der Geburt an Kindbettfieber starben, wurde er von der Mehrheit der Ärzte und vor allem den medizinischen Machteliten (Professoren, Chefärzte) verlacht und seine Forderung nach verbesserter Hygiene als Humbug abgetan. Wikipedia beschreibt die weitere Entwicklung so: „Später wurde er ‚Retter der Mütter‘ genannt. Seine Studie von 1847/48 gilt heute als erster praktischer Fall von evidenzbasierter Medizin (auf empirische Belege gestützte Heilkunde) in Österreich und als Musterbeispiel für eine methodisch korrekte Überprüfung wissenschaftlicher Hypothesen.“

Guérot hat zum Thema „wissenschaftliche Wahrheit“ noch ein weiteres schönes Beispiel: Sie schreibt, es gebe ungefähr 600 Studien zur Frage, ob Kaffee gut oder schlecht für die Gesundheit ist. Die Ergebnisse würden von ganz schlecht (Herzrasen) bis sehr gut (belebend) reichen.

„Die Entscheidung darüber, welcher Studie Sie persönlich glauben, hängt am Ende schlichtweg davon ab, ob Sie Kaffee mögen oder nicht. Wenn ja, tendieren Sie ganz sicher dazu, dass Sie einer Studie glauben, die sagt, dass Kaffe gesund ist, und halten die anderen Studien für Quatsch“ (S. 64-65).

Was sagt uns das? (und das ist jetzt mein Kommentar): Ausgerechnet diejenigen, die sich in der Corona-Krise so vehement auf die Wissenschaft berufen haben und jeden, der gegenteilige Auffassungen vertrat, als Schwurbler, Querdenker, Verschwörungstheoretiker, Nazi usw. diffamierten, sind erstens meistens naiv wissenschaftsgläubig. Und zweitens verhalten sie sich oft wie die fanatischen Anhänger einer Religion. Dies gilt zum Beispiel für rigide Impfschädenleugner.

So ein Denken ist im Grunde antiwissenschaftlich und steht in der Tradition einer antimodernen Gegenaufklärung. Und der Witz dabei: Die Universitäten und wissenschaftlich Gebildeten stehen dabei an vorderster Front und sind die eifrigsten antimodernen Gegenaufklärer. Doch zurück zum Buch: Guérot zieht aus den von ihr genannten Beispielen Atomkraft und Kaffee folgende Schlussfolgerung:

„Ich plädiere daher für ein kleines bisschen Demut mit Blick auf den Wissenschaftsbegriff und geselle mich gerne zu jenen, die da sagen, wer klug ist, weiß, dass er nichts weiß. Das muss bedeuten, jede wissenschaftliche Erkenntnis zu hinterfragen, keine Wahrheit als immer gültig oder unveränderbar anzusehen, sondern immer auch das Gegenteil zu durchdenken“ (S. 66).

Oder ganz einfach ausgedrückt: Es immer für möglich zu halten, dass man selber irrt – und die, die zu anderen Schlussfolgerungen kommen und etwas anders sehen, recht haben könnten. Diese Haltung zeichnet Wissenschaftler aus. Sie ist aber auch die Grundlage von Demokratie. Das oberste Gesetz von Wissenschaft und Demokratie ist also: Es gibt keine absolute Wahrheit. Aber genau als solche, nämlich als absolute Wahrheit, wurde die regierungsamtliche Coronapolitik in der Öffentlichkeit behandelt – und Menschen mit anderen Auffassungen nicht nur schlimm diffamiert, sondern sogar regelrecht daran gehindert, für ihre Sicht der Dinge in der Öffentlichkeit zu streiten (Man denke an die vielen Demonstrationsverbote).

Im dritten Teil ihres Buches skizziert Guérot eine von ihr erhoffte Zukunftsvision. Ein Satz darin macht durch die Art seiner Formulierung meines Erachtens sehr schön deutlich, was wir uns selbst und vor allem den Kindern in unserem Land angetan haben. Dieser Satz lautet:

„Wir hören auf, unseren Kindern fast täglich in der Nase herumzubohren, und bringen ihnen stattdessen bei, an Feldblumen zu riechen“ (S. 117).

Prägnanter kann man meines Erachtens nicht auf den Punkt bringen, was da in unserer Gesellschaft passiert ist.

Resümee

Ulrike Guérots Buch ist ein „Muss“ für jeden politisch wachen Zeitgenossen, und erst recht für jene, die meinen, dass die vergangenen Jahre doch gar nicht so schlimm gewesen seien. Es gibt nicht mehr viele Universitäts-Akademiker, die den Mut haben, so klar und deutlich zu sagen, was ist. Die meisten Professoren und Intellektuellen haben sich ganz im Gegenteil mit ihren Wortmeldungen zur Coronapolitik selber ein Armutszeugnis ausgestellt, wie es deren schlimmste Feinde nicht bösartiger hätten formulieren können. Einige dieser skandalösen Zitate findet man in Guérots Buch. Ich empfehle nicht zuletzt auch deshalb dieses Buch. Es ist ein hochwirksames Medikament gegen eine schleichende Entwicklung der Gesellschaft ins Totalitäre. Und wie Guérot an einer Stelle sagt: „Am Ende ist es wieder niemand gewesen, wenn die Dinge jetzt doch, langsam, aber merklich, kippen sollten“ (S. 131).

P.S.: Übrigens, die Autorin des Buches kommt zum nächsten Pleisweiler Gespräch. Vormerken: 10.7.2022 14 Uhr. Einladung folgt.

Ulrike Guérot: Wer schweigt stimmt zu. Über den Zustand unserer Zeit und darüber, wie wir leben wollen, Westend Verlag 2022, 142 Seiten, 16,00 Euro.

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