Gedanken zum 09. November: Im Jahr 33 nach der „Zeitenwende“ des Mauerfalls

Gedanken zum 09. November: Im Jahr 33 nach der „Zeitenwende“ des Mauerfalls

Gedanken zum 09. November: Im Jahr 33 nach der „Zeitenwende“ des Mauerfalls

Ein Artikel von Bernd Liske

Der Anteil der Westdeutschen in Verwaltung, Justiz und Gewerkschaften Ostdeutschlands beträgt noch immer zwischen 80 und 95 Prozent, 80 Prozent aller Hochschulen von Erfurt bis Schwerin werden von Westdeutschen geleitet und 94 Prozent aller Vorsitzenden Richter stammen ebenfalls aus dem Westenähnlich sieht es bei Bankern, Staatssekretären, in den Finanzämtern und beim Verfassungsschutz aus. Die Bevölkerung wird heute wieder mit warmen Worten in der Hoffnung gehalten werden, dass sich die blühenden Landschaften noch einstellen werden. Doch der Anteil Ostdeutschlands am Bruttosozialprodukt stagniert seit Jahrzehnten bei 11 Prozent – bei einem Bevölkerungsanteil von 16 Prozent – und die Löhne liegen je nach Sparte teilweise noch immer zwischen 33 und 10 Prozent unter dem im westlichen Durchschnitt. Von Bernd Liske.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Während der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck meint, für die Freiheit könne man auch frieren und ein paar Jahre weniger Lebensglück und Lebensfreude in Kauf nehmen, und Robert Habeck, man solle kürzer duschen und wenn man arbeitet, müsse man nicht heizen, bewältigen die Tafeln im Osten wie im Westen nicht mehr den Ansturm auf sie, gehen Millionen Schüler ohne Frühstück zur Schule – und der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes stellt fest, Wohlstandsverlust und Vermögensverzehr kämen in der Mittelschicht an. All das trifft Ostdeutschland sehr viel härter und man kann feststellen: Das gab es vor dem 09. November nicht.

Entfernt man den gepflegten Schein, kommt im Kern zum Vorschein, was ich schon einige Male so zusammengefasst habe:

„Der Osten Deutschlands wurde vom Westen annektiert, vorhandene Wettbewerbskraft plattgemacht, mit westdeutschem Gedankengut gefüttert, als Markt und dann als Billiglohnland aufgebaut. Das Bild so zu malen, vernachlässigt bewusst viele feine Pinselstriche – die einem verklärten Blick auf die Lage durchaus zuträglich wären – weil das Grobe es ermöglicht, vieles zu ignorieren, dass bei dem Bemühen, analytisch zum Kern vorzudringen, nur stört.“

Diese Ausgangslage gibt den Blick darauf frei, dass der gelernte Ostbürger zwar nach dem Fall der Mauer in den Westen und sonst wohin reisen konnte, währenddessen aber seine Heimat verlor. Nicht nur ideell, sondern auch materiell. Während die Ossis sich die Welt eroberten, kamen die Wessis in den Osten und eroberten ihn – inklusive aller relevanten Führungsstrukturen. Für die Ossis gab es statt Glasperlen die Freiheit – für die Wessis zwar keinen Kontinent, aber doch zumindest eine nicht geringe Ausdehnung in Richtung Osten.

Wenn Identitäten ausgelöscht und durch Phrasen ersetzt werden, die sich nicht an die Wirklichkeit binden lassen, wenn sich Freiheit primär in Abhängigkeit des ökonomischen, intellektuellen und sozialen Kapitals entfaltet, so setzt die Freiheit nur das Recht des Stärkeren durch, dem zunehmend immer mehr Menschen zum Opfer fallen. Folge dessen sind insbesondere auch immer schwerer tragbare transformatorische Folgekosten.

In diese Wirklichkeit passt das geplante Zukunftszentrum Deutsche Einheit. Es ist nicht nur für die gezielte Verbrennung von Fördermitteln und die Vergabe von Posten geeignet, sondern soll sich als Zentrum zur Geschichtsklitterung profilieren, das die DDR aus westdeutschen Blickwinkeln des Antikommunismus aufarbeitet – wie ein Interview mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in der WELT vom 31. Oktober aufzeigt. Er gehörte der Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ an, aus deren Arbeit der Gedanke eines solchen Zentrums erwuchs. Statt die kognitive Diversität in Deutschland zu stärken, stärkt der herrschende Kleingeist den monokulturellen Anbau – wobei er glyphosatgleich jegliches gedankliche Unkraut tilgt, dass dem erstarrten Demokratieverständnis Kopfschmerzen bereitet. Bei den zu erwartenden Preisverleihungen und Jubiläumsveranstaltungen wird man sich an dem Verblödungsertrag ergötzen: Bis die Geschichte darüber zusammenschlägt.

Wenn Bundeskanzler Olaf Scholz von einer „Zeitenwende“ spricht, so kann man ihm ohne Zweifel recht geben: Deutschland erlebt seit dem 24. Februar eine Zeitenwende. Von einem Tag auf den anderen entfaltete sich ein medialer und von Sanktionen bestimmter Wirtschaftskrieg Deutschlands gegen Russland, der ungleich besser vorbereitet war als die Bewältigung der Pandemie. Über Monate trieb der Westen Russland vorher in eine Ecke, aus der es sich um der eigenen Selbsterhaltung willen meinte, nur so befreien zu können, wie es das dann tat: Durch ein Verbrechen.

Doch wir kommen zu falschen Schlüssen, wenn wir Kriege nicht generell als Verbrechen ächten und uns der Natur dieses Krieges nicht bewusst werden. Dann erkennen wir nicht, dass all die Hilfe für die Ukraine keinem anderen Zweck dient, als diesen Krieg anzuheizen und übersehen, dass es an jeglichen Bemühungen mangelt, ihn über Verhandlungen zu entschärfen. Dann erkennen wir nicht, dass ein primäres Ziel dieses Krieges darin besteht, Europa und nicht zuletzt Deutschland zu schwächen.

Die Politik ignoriert das ebenso geflissentlich wie die vielfältigen Konsequenzen für Deutschland. Das gilt auch dafür, dass die Ukraine nach den Maßstäben, die wir an unsere Vergangenheit anlegen und mit der wir unsere Gegenwart beurteilen, ein faschistisches Land ist, dessen Natur sich nicht zuletzt dadurch entfaltet, dass es nicht nur die Symbolik pflegt, sondern auch die Feindbilder.

Alles, was nicht dem Duktus folgt, es müsse alles dafür getan werden, Russland zu brechen, und dafür, die Ukraine maximal – nicht zuletzt mit immer leistungsfähigeren Waffen – zu unterstützen, wird niedergebrüllt, gezwungen den Treueeid auf diese politische Entwicklung zu leisten oder kaltgestellt. Prägnantes Beispiel dafür ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – was umso mehr von Bedeutung ist, als er seinen eigenen Beitrag für diese Entwicklung geleistet hat, nun aber die deutsche Spielform demokratischer Expansion durch die atlantische kassiert wird – statt „Wandel durch Annäherung“ wird das Konzept „Russland überdehnen“ verfolgt.

Wir Deutschen – gewohnt, nach unten zu treten und nach oben zu buckeln, wofür symbolisch unser Betteln um Flüssiggas im Nahen Osten und der proklamierte Führungsanspruch Deutschlands als Beispiele herhalten können – lassen das mit uns machen. Gleichzeitig wird Stimmen wie denen von Eugen Drevermann mit seiner „Rede gegen den Krieg“ und Gabriele Krone-Schmalz keine Verbreitung ermöglicht. Als Verschwörungstheoretiker oder Putin-Versteher diskreditiert, wird ihre Analytik wie auch ihr Rat ignoriert.

Ich meine, mich in den Kreis derer inhaltlich wie auch hinsichtlich des Umgangs mit mir einordnen zu können bzw. zu müssen. QuerdenkerQuerdenken als Denkmethode nach Edward de Bono – sind im Land der Dichter und Denker für den immer dumpfer denkenden Kleingeist derart stressend, dass selbst der Begriff schon bewusst verbrannt und in die Obhut des Verfassungsschutzes getrieben wird.

Eine solche „Zeitenwende“ mag wie ein Naturereignis plötzlich über uns hereingefallen sein: Doch schaut man genauer hin, erkennt man, dass es eine der möglichen Folgen einer natürlichen Entwicklung ist, die sich über Jahre vollzog. Wie der Klimawandel in unserer natürlichen Umgebung dazu führt, dass die Eisberge schmelzen, über dem Ahrtal plötzlich eine Sturzflut niedergeht und das Wetter generell zunehmend Kapriolen schlägt, ist es der sich über Jahr vollziehende gesellschaftliche Klimawandel, der die Durchsetzung von Innovationen behindert und generell die Innovationskraft schwinden lässt, der durch Feigheit Souveränität verhindert und die Erfahrungen dieses Jahres erst möglich macht, der Unsummen durch Betrug vernichtet, der Menschen durch gleichgerichtete Medien verblödet und die Militarisierung vorantreibt, der wieder Unruhe auf die Straßen bringt.

Eine auf Eigennutz programmierte Gesellschaft, in der Freiheit und Demokratie nicht die gelebten Werte, sondern nur die Mäntelchen sind, unter denen sich das Recht des Stärkeren wie zu Urzeiten durchsetzen soll – ich nennen es das Paradigma-Paradoxon der Demokratie –, kommt an ihre Grenzen, wenn der Kampf um das goldene Kalb die Moral frisst, wenn die Stärkung der Schlauheit die Schwächung der Klugheit erzwingt, wenn die Ressourcen knapper werden und erreichtes schwindet. Ein Land, das Werten nur an Gedenktagen seine Aufmerksamkeit schenkt und sie ansonsten zunehmend nicht mehr lebt, erodiert das Fundament seiner Existenz und wird urplötzlich damit konfrontiert, dass der Schein seines Seins auf ein Sein trifft, dem es durch seinen Schein nicht mehr gewachsen ist.

„Ausgestattet mit fast allem, was notwendig ist, um Geschichte zu schreiben, machten sie sich auf, Geschichte zu werden. Es lag an ihrem Wesen.“
Prof. Dr. Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger (*1939), Chemiker und Aphoristiker

Zum Autor: Bernd Liske, Jahrgang 1956, ist studierter Mathematiker und Inhaber von Liske Informationsmanagementsysteme. In seinen Büchern und Artikeln setzt er sich mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Problemen unserer Gesellschaft auseinander.

Titelbild: shutterstock / Heiko Kueverling

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