Rezension: Norbert Blüm, Ehrliche Arbeit – Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier

Ein Artikel von:

Nein, Norbert Blüm ist nicht so eitel, dass er eine Biografie geschrieben hat, wie es gestandene oder weniger gestandene Politiker üblicherweise tun, er hat mit seinem Buch „Ehrliche Arbeit“ vielmehr ein biografisches Vermächtnis verfasst. Der 76-Jährige hat die Mühen und Widerstände des Schreibens eines dicken Buches überwunden und sich dabei selbst gefunden.
„Widerstände überwinden und sich selbst finden“, dass ist für Blüm auch der Kern der Definition von „ehrlicher Arbeit“. Und die neue soziale Frage ist für ihn die „Rehabilitation der ehrlichen Arbeit“. (315). Der Kapitalismus werde daran zugrunde gehen, dass er Arbeiter und ihre Arbeit nicht würdigt. (80) Wolfgang Lieb

Biografisch ist das Buch, weil es mit dem Berufseinstieg des 14-jährigen „verhaltensauffälligen“ Jungen als Lehrling bei Opel beginnt, dem sein Lehrgeselle „Ausdauer und Hartnäckigkeit“ beigebracht hat. Blüm erzählt wie ihm eine seiner Enkelinen die Frage stellte, „warum brauchen wir eigentlich Geld“ und welche Mühe er hatte ihr das einigermaßen verständlich zu erklären. Blüms Buch endet mit den letzten Worten seines Vaters auf dem Sterbebett „Gretel, es war alles schön“, mit denen dieser seine „ehrliche Arbeit“ als die „Sorge für die anderen“ und die „Anerkennung der anderen“ als „erfülltes Leben“ zusammenfasste.

Es ist ein „typischer Blüm“, der zum Leser spricht – flott geschrieben, mit polemischer Zuspitzung und mit nicht enden wollenden Bonmots und Apercus und einem schier unstillbaren Mitteilungsbedürfnis. Der oftmals als Clown Verspottete, macht in diesem Buch klar, dass sich hinter der lustigen Maske des Spaßmachers ein tiefgründendes moralisches Anliegen verbirgt.

Über zwei Drittel des über 300 Seiten starken Buches arbeitet sich Blüm buchstäblich damit ab, was bei allem Wandel in unseren Arbeitsweisen Kern der Arbeit und was ihre Schale ist (243). Wer eine moralisch fundierte, nahezu flächendeckende Kritik des gegenwärtigen Wirtschaftens und dessen skandalöse Auswüchse lesen möchte, der findet in diesem Buch geradezu verschwenderisch viel Stoff.

Das Buch lässt sich nur schwer zusammenfassen, denn Blüm erzählt (oft am Beispiel von Märchen) und er hat viel darüber zu erzählen, was zu kritisieren ist, was anzuprangern ist, was zu ändern wäre, was zurückgeholt werden oder auf was man sich zurückbesinnen müsste. Blüm will alles so einfach wie möglich ausdrücken, manchmal allerdings auch einfacher als möglich.

In seiner Denkwelt der katholischen Soziallehre flankiert von der kantschen Philosophie erhebt er eine nicht enden wollende Verteidigungsrede über den Wert und des Sinns der Arbeit als „menschlichen Wesenskern“ (101) gegenüber einer Vielzahl für ihn nur zeitgeistigen Strömungen und Interpretationen über die Veränderung des Charakters der Arbeit.

In vielen Exkursen beschreibt er dazu die Unkenntnis und Ignoranz von Bankern, Wissenschaftlern und Staatslenkern und sieht das Märchen von des Kaisers neue Kleider als die Antizipation der Beschreibung der Finanzkrise. Es sei diese Trinität der Weltreligion des Finanzkapitalismus, die zur Katastrophe geführt habe, nämlich Deregulierung, Privatisierung und Kostensenkung. Blüm ist für die Einführung einer Börsenumsatzsteuer und schimpft auf die Steuerfreiheit des Verkaufs von Unternehmensanteilen. Selbst dem Zinsverbot des Islam kann er einiges abgewinnen, er sieht in den dort an die Stelle des Zinses tretenden Anrechten an zukünftigen Gewinnen, eine engere Koppelung an die Realwirtschaft. So viel wie mit Geldgeschäften, könne mit ehrlicher Arbeit kein Mensch verdienen. (26) Er übt beißende Kritik an den herrschenden Unternehmensphilosophien. (190 ff.) Der Manager unterscheide sich vom klassischen Unternehmer durch die Auflösung des Zusammenhangs von Risiko und Haftung. Die Manager hielten sich für das Gemeinwohl nicht zuständig, wollten aber den Staat abkassieren. (202) „Das Unternehmenssystem von heute ist damit ein System von Eigentumsbeauftragten geworden, die die sich vom Auftraggeber gelöst haben. Manager im Aufsichtsrat bestimmen über Manager, die anderenorts wiederum über sie bestimmen. Jeder ist mit jedem verbandelt. Das ist eine Art systemimmanente Korruption. Unter tausend Verpuppungen erscheint die letzte Figur, die alle anderen Puppen an ihren Fäden hält: der Manager des Finanzkapitalismus.“ (196)

Dagegen setzt Blüm die Wertschätzung „ehrlicher Arbeit“, sie sei der Hebel zur Veränderung von der realitätsfernen Spekulationswirtschaft zur Realwirtschaft. (195)

Blüm stellt sich gegen Darwin und Marx, gegen Marktideologen und „Naturgläubige“ mit dem Ziel der Rettung der jüdisch-christlichen Philosophie als die Befreiung von Macht, sei es der Macht der Wirtschaftsgesetze, sei es der Macht der unverrückbaren Gesetze der Natur. (58 ff.) Dass er mit seinen Interpretationen von Darwins Evolutionstheorie oder von Marxens Revolutionstheorie, deren Theoriegebäude oft ziemliche Gewalt antut, verzeiht man Blüm spätestens wieder, wenn er seine nicht enden wollenden Beispiele anführt, mit denen deren (vermeintliche) Apologeten gescheitert sind. Blüms Rhetorik lebt in vielen Kapiteln des Buches davon, dass er zunächst einen Buhmann aufbaut, um diesen dann anschließend mit seinem beißenden Spott niederzumachen und um schließlich die „Arbeit“ als Retter in letzter Not anzubieten. Das spricht allerdings in aller Regel nicht gegen die vernichtenden Beispiele, die er gegen seine Gegner aufzählt. Blüm kritisiert die Absurditäten des Konsumismus (der „Schnäppchenjägerei“), die Blut- und Vernunftlosigkeit des Homo oeconomicus, das „Internet-Nirwana“, den „digitalen Imperialismus“ oder den „gesichtslosen Imperialismus einer Arbeitswelt ohne Arbeit“. Dagegen sei Arbeit ein Überbleibsel aus schweren Zeiten aber zugleich Zuflucht unserer Humanität: „Der Schweiß auf der eigenen Stirn, die Mühe des eigenen Nachdenkens, das ist möglicherweise der letzte Damm, der uns vor dem Internet-Nirwana rettet.“ (124) „Eine Welt ohne Arbeit würde das Ende der menschlichen Entwicklung bedeuten“. (139) Oder: „Arbeitslosigkeit hat gesellschaftliche Gründe. Sie ist nicht Folge wirtschaftlicher oder gar technischer Sachzwänge.“ „Arbeitslosigkeit ist die Quelle von Armut. Aber Armut ist auch die Ursache von Arbeitslosigkeit.“ (141) Immer spürt man, dass Blüm selbst erlebt hat oder als Christ mitfühlt, worüber er spricht.

Er korrigiert mal so nebenbei die Paulus-Rezeption, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Er sieht in der sonntäglichen Ruhepflicht eine Errungenschaft der gewerkschaftlichen Avantgarde.
Er referiert die „christliche“ (genauer die katholische) Soziallehre und stützt sich auf Papst Johannes II und seiner Enzyklika Laborem Exercens (102) und verlangt dementsprechend die Unterordnung des Kapitals unter die Arbeit. Wie ein Pfarrer in seiner Predigt greift Blüm in seinen reichhaltigen Fundus philosophischer oder literarischer Versatzstücke oder zu theologischen oder zu anderen mystischen Interpretationshilfen. So spannt er etwa den Bogen vom Turmbau zu Babel bis zum heutigen Drang nach den höchsten Gebäuden der Welt, um solches Streben als eitlen Tand abzutun gegenüber den viel größeren Innovationen der Erfindung der Sprache, der Musik und der Schrift. (116 ff.)

Durch die vielen Facetten an denen er sich auf der Suche nach einem Begriff der „ehrlichen Arbeit“ abarbeitet, verliert man häufiger den roten Faden. So ist Arbeit für ihn einmal „jegliches planvolles Handeln“ (131), um sie dann wiederum weder im Sinne physischer Existenzsicherung noch als „Herstellung“ im Sinne stofflicher Produktion sondern – auf Hannah Arendt zurückgreifend – als „Handeln“ (136) im Umgang mit anderen Menschen, als „Sozialarbeit“ zu charakterisieren. Arbeit sei auch im kulturellen Sinne eine „Lebensmittel“. (139) Gerne hätte der Leser die zahlreichen richtigen Beobachtungen und die treffende Kritik immer mal wieder auf einen allgemeinen und gemeinsamen Nenner gebracht. Der Nenner für Blüm ist aber eben keine abstrakte Begriffsdefinition sondern immer wieder die Rückkoppelung auf das Konkrete: „Aber auch wenn wir uns gerne die Wissens-, Informations- oder Dienstleistungsgesellschaft vorgaukeln, noch immer leidet der größere Teil der Menschheit an Hunger, Durst, heilbaren Krankheiten und oft brutaler physischer Gewalt.“ (115) Arbeit gehe nicht aus, angesichts des Elends in der Welt und angesichts der „schizophrenen Welt von Reichtum und Armut“ gebe es genug zu tun. (143)

Blüms Hoffnung auf Widerstand erinnert an Hölderlins Patmos-Hymne „wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. So etwa wenn man etwa eines seiner Rettungsangebote liest:

„Drei Widerstände stehen dem gesichtslosen Imperialismus einer Arbeitswelt ohne Arbeit entgegen.
Der erste will den Marsch in eine abstrakte Globalität stoppen, in der die Menschen, egal wo in der Welt…wenig mehr sind als die billigsten Rädchen für das Getriebe der weltumspannenden Kapitalverwertung.
Der zweite Widerstand richtet sich gegen die anonyme Herrschaft der Experten, die sich auf ein von ihnen selbst vorselektiertes Wissen stützen und sich dahinter gegen jede demokratische Kontrolle verschanzen.
Der dritte und stärkste Widerstand wendet sich gegen das irrige Versprechen, eine anstrengungslose Leichtigkeit des Seins sei möglich. Denn in einer Welt ohne Widerstände, und nichts anderes würde eine Welt ohne ehrliche Arbeit bedeuten, würde sich der Mensch selbst nicht mehr spüren.“

Wenn es gelänge, die konstruktiven Potentiale der „neuen Arbeit“ zu fördern und ihre destruktiven zurückzudrängen, dann bestünde eine Chance, dass die drei genannten „Widerstände“ obsiegten. (172)

Geradezu lutherisch trotzt also der Katholik Blüm allem von ihm selbst beschriebenen Unheil und dem Pessimismus: „Wer glaubt, wird selig.“

Lesenswert ist das Buch vor allem im Schlussteil, wo Norbert Blüm auf sein ureigenes politisches Terrain einschwenkt und den Sozialstaat und die solidarischen Sicherungssysteme verteidigt.

Der Sozialstaat ist für ihn die evolutionäre Antwort auf die soziale Frage. (273) Der Sozialstaat entlastete die Betriebe von Aufgaben, die die Unternehmen in der Marktwirtschaft gar nicht oder nur schwerlich erfüllen könnten. Der Sozialstaat sei somit eine Funktionsbedingung der Marktwirtschaft. Ohne Gewerkschaften, die Massenkaufkraft sichern, und ohne Sozialstaat, der die Lebensrisiken abfedert, gebe es keine Marktwirtschaft. (275)

„Die Erbsünde des Kapitalismus ist, dass der die Arbeit zur abhängigen Variablen der Kapitals degradiert hat…Das Spätere, nämlich das Kapital, herrscht über das Frühere, nämlich die Arbeit. In der kapitalistischen Ordnung bestimmt also die Wirkung die Ursache. Diese Konstellation stellt die Weltordnung auf den Kopf. Arbeit ist ein personeller Wert, Kapital ein instrumenteller.“ (203)

Blüm hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die „Sozialpartnerschaft“ (204) und für den „sozialpartnerschaftlichen Anstand“, für starke Einheitsgewerkschaften, für den Mindestlohn („Wir lassen die Tür sperrangelweit auf, damit Unternehmen den Staat ausbeuten“ (219)), gegen atypische Beschäftigungsverhältnisse, gegen die Leiharbeit: „Leiharbeit ist erstens Erpressungsinstrument, zweitens Lohndrückerei, und drittens Drehtür zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit.“ (211) Beschäftigungswachstum habe sich in ein Wachstum der prekären Arbeitsverhältnisse gewandelt. (216)

Dagegen fordert er die „die Rehabilitation der ehrlichen Arbeit (als) die Renaissance alter Werte der Achtung, der Treue und des Respekts vor der Arbeitssamkeit“. (220) Arbeit werde sich auch zukünftig nie der Notwendigkeit der Selbstüberwindung durch Anstrengung entledigen können. (246) Dementsprechend übt Blüm auch scharfe Kritik am sog. „bedingungslosen Grundeinkommen“, am „Bürgergeld“ oder an den Lobgesängen über das „lohnlose Ehrenamt“. Wer, so fragt er, würde die Maloche des Kanalreinigers oder die Nachtschicht im Elektrizitätswerk übernehmen? Wahrscheinlich würde die Bürgergeld-Gesellschaft nach der Rosinen-Theorie funktionieren, jeder picke sich das Beste raus. Für den Rest sorgt… eine Strafkompanie? (247) Das Pendant zur Freiwilligenarbeit sei nicht die Zwangsarbeit, sondern die Lohnarbeit.

Blüm erträumt eine Welt zwischen Kapitalismus und seinem „Milchbruder“ (Nell-Breuning), dem Kommunismus. Er will keine wirtschaftliche Revolution, sondern er ersehnt eine kulturelle Revolution. (250) Er will „Eigentum in Arbeitnehmerhand“ und nicht revolutionäre Umverteilung des schon gebildeten Eigentums, ihm genügt eine „partnerschaftliche Umverteilung“ des neu Entstehenden. Nur ein künftiges Bündnis von Arbeit und Eigentum könne die Raffgier des Finanzkapitalismus – der weder mit Arbeit noch mit Eigentum verbunden sei – Grenzen setzen. (272)

Blüm sieht in der katholischen Soziallehre (bei der er allerdings immer also auch die protestantische als die „christliche Soziallehre“ mit vereinnahmt) als den „Dritten Weg“:
„Der Marxismus verteidigt das Gemeineigentum, während der Liberalismus das Privateigentum verteidigt. Die Christliche Soziallehre verteidigt das Privateigentum, aber in sozialer Bindung. Die christliche Soziallehre verbindet also individuelle mit sozialen Rechten und Pflichten.“ (266)

Blüm unterscheidet drei Varianten des Sozialstaats:

  1. als staatliche Institution und steuerfinanziert (skandinavischer Wohlfahrtsstaat)
  2. als private Initiative, vorwiegend mit Hilfe von Privatversicherungen und mit risikoabhängigen Prämien finanziert (angelsächsische Modelle)
  3. als genossenschaftliche Selbsthilfe, verwirklicht als Sozialversicherung, die sich im Wesentlichen aus einkommensproportionalen Beiträgen ihr Geld beschaffe. (das kontinentale Modell) (279)

Sowohl das skandinavische als auch das angelsächsische Modell bewegten sich auf beitragsbezogene Systeme zu, aber ausgerechnet das deutsche kontinentale Modell, werde in entgegen gesetzte Richtung verschoben. (280) Er nutzt das Buch als Gelegenheit, um seine Generalabrechnung mit der Riester-Rente zu machen. Damit werde der Bock zum Gärtner gemacht: mit ihr sinke das allgemeine Rentenniveau auch für jene, die sich Riester gar nicht leisten könnten. (Im unteren Fünftel der Haushaltseinkommen riestern nur 16%, im oberen rund 40% der Haushalte.) Die Schwachen zahlten die Rechnung für Leistungen, die die Starken erhielten. Das sei auf den Kopf gestellte Solidarität. (281) Das Kunststück der Riester-Rente sei: höhere Beiträge für niedrigere Renten – Weniger für Mehr. (299)

Die Riester-Rente sei nicht mehr als die „Melkkuh der privaten Versicherungswirtschaft“ (301). Blüm attackiert die nackte Propaganda der Versicherungskonzerne und die Kumpanei von BILD und Allianz und die politische Korruption etwa von Rürup, Miegel, Raffelhüschen oder der INSM. Er erläutert auch, warum sich die gesetzliche Rentenversicherung nicht gegen die Angriffe der Privatversicherungen wehren könne: die Arbeitgebervertreter in deren Selbstverwaltung blockierten diese Selbstverteidigung.
Mit der Privatisierung der sozialen Sicherungssysteme und der dabei notwendig gewordenen staatlichen Grundsicherung, mendele sich der Sozialstaat zur „Bedürfnisprüfungsanstalt“. Mit Hartz IV habe es angefangen, mit dem „Großen Bruder Staat“ höre es auf. (287) Der neue Sozialstaat sei der Nachfahre des alten Polizeistaates in der Maske des Wohltäters. (288)

Für Blüm ist das Stellwerk der Sozialversicherung nicht nur eine Finanzierungsfrage sondern eine Wertfrage. Wenn sich soziale Sicherheit ums Kapital drehe, sei alle Aufmerksamkeit auf die Kapitelentwicklung gerichtet. Die Pflege der Gewinne stehe dann im Fokus dieser Art von Sozialstaat, weil die Gewinne auch seine Einnahmequelle seien. Wenn dagegen die Arbeit die Schlüsselkategorie des Sozialstaates sei, werde die Arbeit der Platzanweiser. Die Sorge um Lohn und Beschäftigung stehe dann im Mittelpunkt, denn die Rentenversicherung sei auf anständige Löhne angewiesen. (311)

An der Emphase seines Plädoyers für die gesetzlichen (genossenschaftlichen) solidarischen Sicherungssysteme und an der unerbittlichen Abrechnung mit deren Gegner, kann man herausspüren, wie sehr Norbert Blüm darunter gelitten haben muss, dass er in den letzten Jahren nicht nur von den Medien, sondern auch von seiner eigenen Partei so gedemütigt geworden ist.

So sehr ich Blüms Rettungsversuche für den Sozialstaats begrüße und so weit ich auch mit seiner Utopie der „partnerschaftlichen Umverteilung“ des neu Entstehenden sympathisiere, was er aus meiner Sicht weitgehend ausblendet, das ist die strukturelle Herrschaftsmacht, die durch die Konzentration des derzeit schon „gebildete Eigentums“ (der Primärverteilung) – also von den derzeit Mächtigen in der Real- wie in der Finanzwirtschaft – auf die Politik, auf die veröffentlichte Meinung und die Gesellschaft ausgeübt wird. Es erscheint mir völlig unrealistisch, dass diejenigen Gruppen, die ihre derzeitige gesellschaftliche Stellung und Macht aus dem Besitz von Kapital und eben nicht aus dem Einsatz von Arbeit ableiten, sich der Umsetzung einer arbeitsorientierten Rationalität beugen. Wer über die Dispositionsrechte von Kapital verfügt, wird (und muss) den gesellschaftlichen Arbeitseinsatz in dem Rahmen zu halten versuchen, der durch die optimalen Verwertungsbedingungen des eingesetzten Kapitals vorgezeichnet ist.
Diesem übermächtigen Propaganda- und Herrschaftsapparat des „Großen Geldes“ gegenüber bleibt Norbert Blüm ein einsamer Rufer in der Wüste, der zur Umkehr mahnt. Das Buch ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als der Appell eines der letzten Vertreter der katholischen Soziallehre für eine von christlicher Moral geprägte Gesellschaft und Wirtschaft. Norbert Blüm ist damit einer der wenigen übrig gebliebenen wirklichen „Christdemokraten“.

Es wäre viel gewonnen, wenn Blüms christlich-soziales Welt- und Menschenbild auch in seiner Partei, der CDU erkennbar wäre, doch dort steht Blüm so verloren da, wie bei seinem letzten innerparteilichen Kampf auf dem Leipziger Parteitag im Jahr 2003.

Norbert Blüm hat mir sein Buch „in treuer Verbundenheit für den Sozialstaat“ gewidmet. Darüber habe ich mich gefreut und in der Verteidigung des Sozialstaats sind wir uns mit all unserer Kraft verbunden. Angesichts seiner Prägung aus dem katholischen Arbeitermilieu und seiner Orientierung an der katholischen Soziallehre, sehe ich ihm gerne nach, dass in seinem Buch die Impulse der Aufklärung vom freien und mündigen Bürger und vor allem, die aus meiner Sicht, viel wirkungsmächtigeren Anstöße des freiheitlichen und demokratischen Sozialismus für das Leitbild einer gerechten und solidarischen Gesellschaft und die Kämpfe der Arbeiterbewegung dafür ein wenig zu kurz kommen. Bei aller Sympathie für das christliche Menschenbild fehlt mir der aufklärerische und das heißt der emanzipatorische Impetus.

Bis auf die kompensatorische Rolle des Sozialstaats in der Marktwirtschaft, kommt in keinem einzigen Kapitel in Blüms Buch der demokratische Staat als solcher in seiner Funktion als Mitgestalter einer sozial- und arbeitsorientierten Wirtschaftspolitik vor. An dem ungeklärten Verhältnis zum demokratischen Staat wird das ewige Kreuz der katholischen Soziallehre erkennbar: Diese Lehre ist in einem Alternativradikalismus von freiem Markt oder zentralem Plan, also im polaren Denken von Marktradikalismus und Kommunismus gefangen.

Um Blüms Ideal der „ehrlichen Arbeit“ in der Gesellschaft und vor allem im Wirtschaftsgeschehen Raum zu schaffen, bedürfte es einer sozial geordneten Wirtschaft z.B. mit einer Gemeinwirtschaft in Konkurrenz zum kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb. Und in kapitalistischen Unternehmen müsste es eine wirkliche Mitbestimmung der „ehrlich“ Arbeitenden geben. Es bedürfte einer Wirtschaftspolitik die „ehrliche Arbeit“ und Arbeitsplätze für „ehrliche Arbeit“ sichert und ausbaut. Es bedürfte nicht nur einer Umverteilung des „neu Entstehenden“ sondern einer Bekämpfung von real existierender Armut und Ungleichheit. Kurz: Es bedürfte einer Politik auf der Basis eines gesellschaftlichen Leitbildes das über die kompensatorische (karitative) Flankierung der selbstregulierenden Märkte hinausgeht und diese bewusst einer demokratischen und sozialen Gestaltung unterordnet. Der konservative bismarcksche Sozialstaat, geprägt von der christlichen Soziallehre, mit seinen korporatistischen und paternalistischen Strukturen, müsste zum Wohlfahrtsstaat mit wirklichen sozialen Bürgerrechten und damit auch mit Rechten auf eine „ehrliche Arbeit“ fortentwickelt werden.

Aber dabei hätte vermutlich Norbert Blüm zu viel Angst vor zu viel Staat.

Bibliografische Angaben:
Norbert Blüm, Ehrliche Arbeit – Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier; Gütersloher Verlagshaus, 2011; 318 Seiten; 19,99 Euro

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!