Wahlspruch der Westlichen Wertegemeinschaft: ‚Ich bin der Herr und habe das Sagen‘

Wahlspruch der Westlichen Wertegemeinschaft: ‚Ich bin der Herr und habe das Sagen‘

Wahlspruch der Westlichen Wertegemeinschaft: ‚Ich bin der Herr und habe das Sagen‘

Ein Artikel von Pentti Turpeinen

Getrieben von der gleichen Einfältigkeit, mit der wir heute unsere globalen Probleme zu lösen versuchen und unsere kreativen Potentiale vergeuden, begannen die Mächtigen der Frühzeit, beflügelt von der schlichten Idee „Ich bin der Herr und habe das Sagen“, ihre Herrschaft sehr erfolgreich zu befestigen und auszubauen. Einvernehmliche Zusammenarbeit mit Religionen erwies sich als ideal beim Legitimieren der Macht dieser Auserwählten. Auf allen Kontinenten. Und auch unsere Kaiser und Könige verstanden es, mit der christlichen Kirche viele Jahrhunderte lang für eine stabile Akzeptanz zu sorgen. Als dann die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft eine Verteilung der weltlichen Macht auf mehrere Köpfe verlangte, war die demokratische Variante an der Reihe: „Wir sind die Herren und haben das Sagen“. Dabei blieb das altbewährte abendländisch-christliche Legitimationsgebot systemtragend: Erlaube keine Kritik an deinem Weltbild und an deinen Taten und fange nie an, selbstkritisch über dein Herrschaftssystem zu diskutieren! Von Pentti Turpeinen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Eine der Grundideen der Demokratie, nämlich die Lebensbedingungen gleichberechtigt in einer Atmosphäre von herrschaftsfreier Kommunikation kritisch und selbstkritisch zu gestalten, konnte nur ansatzweise verwirklicht werden. Indem man beim Aufbau von demokratischen Nationalstaaten, praktischerweise aber ohne an die Folgen zu denken, wirtschaftspolitische Verwaltungsstrukturen und Legitimationstraditionen der kaiserlich-königlichen Herrschaft übernommen hat, blieben diese prägend; nicht nur in der Art, wie die Bürokratie und Staatsgewalt die Bürger heute noch behandelt, sondern auch in dem Traum, mit abendländisch-christlichen Werten die Welt zu beglücken.

Das Urmodell der Unantastbarkeit, die Religion, bei uns die christliche, wurde weltweit zu einem Fundament der Machtausübung ausgebaut. Unsere Kaiser und Könige wussten mit kreativer Energie die Bereitschaft des Volkes, sich freiwillig unter die Religion zu unterordnen, als Akzeptanz ihrer Herrschaft zu stabilisieren. Auch heute werden wir dazu erzogen, Wonne und Erhebung im Dienste von etwas Höherem zu erlangen; gegenwärtig meint man, für die Werte des Westens zu leben und zu sterben.

Obwohl in demokratischen Nationen die Machtausübung offiziell in rein weltliche verwandelt, blieb dieses „Höheres zu huldigen“ vor allem in nationalistischen Demokratien als eine systemtragende Gesinnung präsent; meistens im Hintergrund, nur in Kriegszeiten wiederbelebt, in God‘s own country USA offen als eine Normalität gepflegt. Hat sich die USA in den vergangenen Jahrzehnten unbeirrt für das Streben nach der christlich-abendländischen Herrschaft über die Erdenvölker fast alleine eingesetzt, fühlen sich nun bei der selbstverschuldeten gegenwärtigen weltpolitischen Krise die Nationen der Europäischen Union, Great Britain und die anderen Verteidiger der westlichen Freiheit tief berührt berufen, den Ruhm und die Ehre bei der Rettung der Welt zu teilen.

Wie so oft in der Geschichte scheinen auch unsere gegenwärtigen demokratischen „Herrscher auf Zeit“ die wahre Erfüllung im Kampf für das Gute an der Spitze einer aufgewühlten bis hysterischen Bevölkerung zu suchen. Dafür werden die Reste der kritischen Diskussionskultur mit Elan und Erfolg aus der medialen Öffentlichkeit verdrängt, die öffentliche Meinung über die Gefahren eines selbstkritischen Denkens aufgeklärt, die Klarheit des Geistes im altbewährten Stil der vergangenen Herrschaftssysteme in eine widerspruchlose Einheitsmeinung kultiviert.

Ja, es hat sich auch im Inneren der deutschen Nation einiges getan: In der modernen Atmosphäre einer mittelalterlichen Selbstverherrlichung riskieren diejenigen, die sich aufgefordert fühlen, die Politik der westlichen Wertegemeinschaft öffentlich zu kritisieren, ihren Ruf, ihre Arbeit und die soziale Stellung. Im Vergleich zur Hexenverbrennung klingt es noch zivilisiert, humanistisch sogar, aber gelernt ist gelernt: Die kritische Diskussion wurde im Reich der westlichen Werte traditionsbewusst weitgehend ausgeschaltet, und um das Schreckgespenst der Selbstkritik braucht man sich kaum Gedanken zu machen, weil sowas Schräges praktisch nie gesichtet wurde.

Im Rausch der eigenen Außerordentlichkeit kann sich die westliche Wertegemeinschaft nun im Stile ihrer Vorbilder aus der Frühzeit unserer Zivilisation ganz auf die heilbringende Eroberung der Welt konzentrieren. Einfühlsam in die Tradition der Kreuzzüge zurückversetzt, bemüht man sich mitreißend überzeugend: Lasst uns die ganze Welt von dem Bösen befreien; diesmal aber endgültig!

Und dabei pflegt unsere regelbasierte Weltordnung traditionsbewusst die altbewährte Unfähigkeit, die Folgen des eigenen Tuns und Lassens zu überschauen, und kommuniziert mit Erfolg ihre Kriege, Ausbeutung und Naturzerstörung, ihre selbstverschuldeten Katastrophen, als unvermeidbare Kollateralschäden auf dem Wege zum Wohlstand und Freiheit für alle; ja für alle, die sich dessen als würdig erweisen. Zu was die Menschheit jenseits dieser Macht-Profit-Erstarrung des Verstandes fähig ist, lassen die geistreichen Einzelinitiativen rund um die Welt ahnen. Da wird vorgezeigt, dass Phantasie, Kreativität, Neugierde, Erfindungsreichtum, Einsatz, Empathie usw. natürliche Überlebensfähigkeiten des Menschen sind. Statt die Menschheit von Anbeginn in solch einer schöpferischen Zusammenarbeit zu erziehen, hat die „Ich bin der Herr und habe das Sagen“-Mentalität unsere Talente in eine profitorientierte Dienstleistungskultur verwandelt.

Mit der Einführung von Demokratien war man mit Recht stolz auf das Kultivieren der freien Meinungsäußerung, um gleichberechtigt die Lebensbedingungen gemeinsam zu gestalten. Und in der revolutionären Übergangsperiode hatten kritische Meinungen und Analysen auch wesentlich dazu beigetragen, das starre „Ich bin der Herr und habe das Sagen“ der Kaiser und Könige und sonstiger Herrscher zu überwinden. Danach aber etablierten sich die Demokratien als nationalistische Machtgebilde mit Großmachtphantasien der vergangenen Zeiten. Die Führung der nationalen Geschäfte übernahmen in der Tradition von vormals die wirtschafts-politisch Mächtigen mit dem Spruch „Wir sind die Herren und haben das Sagen“. Der herrschaftsfreie Diskurs als eine herrschaftsfreie Gestaltung der gemeinsamen Lebensbedingungen blieb auf wenige Versuche begrenzt und wurde als ein Traum der Intellektuellen in Bibliotheken ordentlich archiviert; immerhin noch in kritischer Literatur und manchen Internetforen lebendig diskutiert.

Wie man das aus der Geschichte kennt, neigen auch „autistische“ Demokratien, aus ihrem kultivierten Unvermögen, die Folgen des eigenen Handelns zu überschauen, dazu, mit verhängnisvollen Fehlentscheidungen die Legitimation bei der Bevölkerung zu verlieren. Völker lassen sich oft von zwielichtigen Ideen und Ideologien begeistern, werden aber aufmüpfig, wenn ihre Lebensverhältnisse sich trotz gegenteiligen Versprechungen verschlechtern. Frei nach Brecht: Zuerst kommt das Fressen, dann die westliche Wertegemeinschaft! Dass dies auch gegenwärtig der Fall ist, merkt man in dem verzweifelten Versuch unserer politisierten Öffentlichkeit, mit absurd-spruchhaften Gedanken und desorientiertem Tun und Lassen die Stimmung doch im Griff zu halten.

Unsere angeborene Fähigkeit, in Gefahrensituationen das Reagieren der Intuition des Körper-Geistes zu überlassen, brauchen wir in unserem geregelten Alltag kaum zu beachten. Und ebenso verkümmert auch unsere angeborene geistige Wachheit, indem wir Informationen einsaugen, ohne zu reflektieren, was für ein Wissen wir da verinnerlichen. Als eine Legitimationskunst für den Zusammenhalt einer etablierten Herrschaft hat sich dieses Zu-kurz-Denken fabelhaft bewährt.

Da das kritische Bewusstsein der Bevölkerungen seit längerem von der Unterhaltungsindustrie gepflegt und kultiviert wird, wir von Warner-Brüdern und -Schwestern über weltweite Missstände, Korruption und Lügen aufgeklärt werden, sollte man wohl eine TV-Serie über die Gesinnung der westlichen Wertegemeinschaft drehen. In der ersten Folge etabliert sich die „Ich bin der Herr und habe das Sagen“-Ideologie, indem einige Talentierte der Urzeit erkennen, dass sie mit ihrer Fähigkeit, soziale Zusammenhänge zu überschauen, andere beherrschen können. Passend dazu wird ein Menschenbild konstruiert, indem das gemeine Volk als „von Natur aus hinterhältig und gierig“ definiert wird und die Mächtigen nur zum Wohle der Allgemeinheit ihren Reichtum vermehren.

Da es sich um einen aufklärerisch-tragischen Phantasiefilm handelt, based on a true story, werden in weiteren Folgen die heutigen Akteure des Werte-Westens in die fernen Ursprünge der abendländisch-christlichen Wertegemeinschaft versetzt, wo sie mit ihren heutigen Überzeugungen, ohne aufzufallen, die Welt, gemeinsam mit einer ergebenen Bevölkerung, vor dem Bösen retten und fremde Völker und Kulturen mit brutaler Gewalt unter ihre Herrschaft bringen. Dabei kultivieren sie in bewährter Tradition die hohe Kunst, die verheerenden Folgen ihres Tuns und Lassens diskret zu verheimlichen, mit Faktencheck versteht sich. Frei nach Thomas Hobbes: Der Kampf aller gegen alle sei mit euch!

In der zweiten Staffel wird dann im Stile der utopischen Literatur eine aufklärerische Alternative zu der selbst- und weltzerstörerischen Ausweglosigkeit unseres etablierten Lebensstiles beschrieben. Aller Anfang steckt in Kleinigkeiten, so auch in der schlichten Einsicht mancher unserer Vorfahren aus der Vorzeit, dass eine gemeinsame Überlebensstrategie uns naturgegeben ist. In der ersten Folge wird rekapituliert, wie die Urvölker mit ihrem natürlichen Menschenverstand die Überlebensstrategien der eigenen Gemeinschaft mit dem Knowhow der Nachbarstämme fusionieren, eine herrschaftsfreie Entwicklung zum Vorteil aller in Gang bringen; selbstverständlich ohne die eigenen natürlichen Lebensbedingungen zu zerstören. Und nota bene, dieses herrenlose Gestalten des gemeinsamen Überlebens muss nicht mit einer Religion oder sonstigen höheren Werten legitimiert werden. Also, geht doch! Ein Oscar in der Kategorie die „Beste Aufklärung“ wäre angemessen!

Die Herrschaftssysteme fingen sehr früh an, zur Legitimation ihrer Macht die natürliche geistig-körperliche Verbundenheit mit der jeweiligen Lebensart auf bestimmte Merkmale zu reduzieren: Sei es unser Aussehen, die Hautfarbe, Sprachtraditionen, das Selbstwertgefühl als Mitglied einer demokratisch-christlichen Nation, das Nationalbewusstsein, die soziale Identität, unsere Kunst und Musik, die Selbstachtung als Angehöriger der westlichen Wertegemeinschaft; allesamt spielen wir da unsere fremdbestimmten Rollen in einem Spiel, das Jahrhunderte währt, in manchen Fällen Jahrtausende. Im Curriculum dieser Tradition steht nicht, dass wir uns in erster Linie als Mensch unter anderen Menschen begreifen lernen, sondern dass wir uns als Angehörige einer außerordentlichen Zivilisation, die allen anderen weit überlegen ist, identifizieren. Und wie borniert dieses „Ich bin der Herr und habe das Sagen“ auch unser individuelles Alltagsverhalten leitet, wird in Satiresendungen, Tragikomödien, Gewaltkrimis, Talkshows, politischen Veranstaltungen und sonstigen Trauerspielen unterhaltsam re-produziert!

Nach all der intensiven und lebenslangen Ausbildung zu einer weltlich-religiösen Außerordentlichkeit fällt es uns schwer, Menschen aus anderen Kulturen und Ethnien ohne Jahrhunderte alten Vorurteilen zu begegnen, in ihren Lebensweisen, Kunst und Musik, die menschliche Kreativität als solche zu bewundern. Und dass wir nicht erstarrte Gewohnheitswesen sind, sondern von Natur aus neugierig, erfinderisch, experimentierfreudig, flexibel, ist doch keine Neuigkeit! Statt unsere Abhängigkeiten uns bewusst zu machen, statt unsere Lernfähigkeit und Potentiale zu kultivieren, werden die verinnerlichten Vorurteile nun auch von der westlichen Wertegemeinschaft als Legitimation für kurzsichtige Herrschaftsinteressen benutzt. Unsere abendländisch-christlichen Kulturen machen es uns nicht leicht, in erster Linie Mensch zu sein.

Seit Anbeginn haben wache, kritische Geister sich wortgewandt bemüht, Lichtblicke auf die dunklen Wände unserer Höhle zu projizieren; mit wenig Erfolg. In der tiefen Dunkelheit vermochte die zivilisierte Vernunft nicht, über ihren Schatten zu springen. Den kritischen Geistern blieb sinnvoller Weise nur übrig, uns vor allem auf einzelne Missstände, Tatsachenverdrehungen, auf unmittelbare Notlagen in der Lebenswirklichkeit aufmerksam zu machen und diese zu verändern. Die phantasievolle utopische Literatur war dabei keine große Hilfe. Aber auch solche Gedanken sind frei, und wenn andere Menschen sie doch erraten, können sie etwas ändern.

Titelbild: shutterstock / AlexLMX

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