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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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21. Dezember 2014
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„Glücksatlas“ auf allen Kanälen – ein weiterer Beleg für die weite Verbreitung des gesteuerten Kampagnenjournalismus

Verantwortlich:

Gestern Abend habe ich mir das zweifelhafte Vergnügen gegönnt, das heute journal anzuschauen. Ich hätte nicht gedacht, dass der Charakter dieser Sendung als Propagandamedium noch zu steigern ist. Ist es aber. Die erste (!) Meldung war ein Bericht über einen so genannten „Glücksatlas Deutschland 2011“. Der Beitrag über diese so genannte Studie im Auftrag der Deutschen Post, unter Führung von Bernd Raffelhüschen und bei Mitwirkung von Allensbach und DIW dauerte 8 min und 10 s (!); darin enthalten ist ein lammfrommes Interview des Moderators Kleber mit dem Professor genannten Interessenvertreter Raffelhüschen von über 4 (!) min Länge. – Das ZDF und seine Hauptnachrichtensendung ist nur die Spitze des Eisbergs. Alle wichtigen Medien sind voll von unkritischen Meldungen zur „Studie“. Albrecht Müller.

Zum Medienecho auf die „Studie“:

Hier beispielhaft der Link auf einen Artikel im Tagesspiegel, der typisch ist für die vielen Meldungen. Eine Google News Suche zum Stichwort Glücksatlas ergab um 9:48 Uhr 252 Ergebnisse. Das erste Ergebnis sieht so aus:

Glücksatlas: Die Deutschen sind so zufrieden wie lange nicht

WELT ONLINE – vor 1 Stunde
Glücksatlas Deutschland 2011″ vorgelegt Die Hamburger sind zu beneiden. Die Hanseaten sind deutschlandweit die glücklichsten Menschen – und sie haben auch …
Glücksatlas : Das große Glück: Hamburger sind die “Dänen Deutschlands”‎ Hamburger Abendblatt
Glücksatlas 2011: Was die Deutschen glücklich macht‎ RP ONLINE
„Glücksatlas Deutschland 2011“: Mit Geld und Ehe glücklich werden‎ FOCUS Online
BILDZEIT ONLINE
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Das ist für die Strategen im Hintergrund ein durchschlagender Erfolg.

Zur Strategie im Hintergrund:

Sowohl die Macher der neoliberalen Ideologie wie auch ihre politischen Arme, die CDU/CSU, die FDP und die Bundeskanzlerin, brauchen Belege für den Erfolg ihrer Rezepte. Deshalb haben sie penetrant von Boom und Aufschwung XXL geredet, auch wenn die Daten dies überhaupt nicht hergaben. Sie – übrigens auch ihre Mitstreiter bei SPD und Grünen – haben behauptet, die Agenda 2010 und die Reformpolitik insgesamt sei ein großer Erfolg. Sie haben, um möglichst viel Licht auf ihre Arbeit zu lenken, andere Völker und Volkswirtschaften diskreditiert und herunter gemacht – ohne Rücksicht auf Verluste. Das funktioniert nach dem berühmten Wippschaukeleffekt. Je tiefer man den andern taucht, umso höher, größer und glänzender erscheint mal selbst. Helmut Schmidt und seine Leute haben das früher mit der SPD so gemacht. Ein bewährtes Prinzip.
Den unwissenden Bürgern wird mit der „Studie“ wie dem „Glücksatlas Deutschland 2011“ suggeriert: Jammert nicht, es geht euch doch allen gut. Nach der CDU-Kampage “Deutschland geht es gut” folgt damit der nächste Streich.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie solche Studien zustande kommen. Da setzen sich die Strategen von Bundespresseamt, Parteizentrale der Union, Kanzleramt und die einschlägigen PR Agenturen zusammen und überlegen, wie die Hauptbotschaften für die nächste Wahlauseinandersetzung direkt und indirekt unter die Leute gebracht wird. Dabei spielt dann die Basisbotschaft – es geht uns gut, die Reformpolitik ist erfolgreich – eine zentrale Rolle. Jetzt kommt es darauf an, diese Botschaft A in Variationen unter die Leute zu bringen. Die Variationen B, C, etc. sind: wir sind glücklich, die Hamburger sind glücklicher als die Thüringer usw.. Das ist alles Beiwerk und unterstützendes Material für die Hauptbotschaft.
Dann überlegt man sich, auf welche Vorfeldorganisationen eine solche Studie abgestützt werden kann und wer sie finanzieren könnte und wer ihr besondere Glaubwürdigkeit verleiht. Die einschlägigen Unterstützer sind schnell gefunden. Raffelhüschen macht bei solchen Sachen immer mit, auch Allensbach und vermutlich auch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit greift man auf „die umfangreichen Datenreihen des Sozioökonomischen Panals zugrunde, die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung seit 1984 erhoben werden“ (WeltOnline). Und zur Finanzierung der Propaganda Aktion stellt sich die Deutsche Post AG zur Verfügung. Das kennen wir schon. Die Deutsche Post finanziert auch wesentlich das Institut für die Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, über das wichtige Agitationslinien für den Niedriglohnsektor gelaufen sind.

Über die Machenschaften des Professor Raffelhüschen und seine Bereitschaft, private Interessen „wissenschaftlich“ abzustützen haben wir schon ausführlich berichtet. Hier finden Sie gleich mehrere Beiträge in den NachDenkSeiten und hier auch ein einzelnes Beispiel für die Gefügigkeit des ZDF . (Zu Raffelhüschens Rolle bei der Zerstörung des Vertrauens in die gesetzliche Rente hat die ARD in ihrem Beitrag „Rentenangst“ sehr gut berichtet, in meinem Buch „Meinungsmache“ finden sich im Kapitel 19 (Die Zerstörung des Vertrauens in die sichere Altersvorsorge – ein Musterbeispiel gelungener Gehirnprägung) einschlägige Belege.)

Trotz aller bisher schon schlimmen Erfahrungen – die Bereitschaft der Journalisten, sich zu PR Journalisten umfummeln zu lassen, ist schon erstaunlich:

  • Zunächst noch zum ZDF: 8’10“ für ein solches Stück und als erste Meldung. Das ist unglaublich. Und wenn es im ZDF keinen Aufstand gibt, dann zeigt das nur, wer dort die Macht hat, und wie rücksichtslos man den Charakter als öffentlich-rechtlichen Medium parteipolitischen Überlegungen opfert.
  • Ein erster Überblick über die verschiedenen Meldung ergab, dass es kaum kritische Stimmen gibt. Viele Journalisten sind offensichtlich an der langen Leine von PR Agenturen. Andere freuen sich vielleicht nur darüber, dass sie etwas positives melden können. Sie verdrängen dabei die Realität, sie verdrängen die Stagnation bzw. den Rückgang der Masseneinkommen, die hohe Arbeitslosigkeit und die Unzufriedenheit mit der Politik, die sich in massivem Rückgang der politischen Beteiligung zeigt, usw.
  • Nicht einmal wirklich auffallende kritische Punkte werden hinterfragt. Zum Beispiel: Wieso finanziert die Deutsche Post eine solche Studie? Wie viele Leute sind befragt worden? Wann war das genau? Wie lauten die Fragen? Auf der Basis welcher Fallziffern werden Aussagen über einzelne Bundesländer gemacht?

Anregung: Wenn Sie in Ihrem Umfeld Menschen kennen, die auf solche Studien und die Meldungen darüber herein fallen, dann klären Sie bitte auf.

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