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18. Dezember 2014
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Tschüss Gerard Depardieu,

Verantwortlich:

die Medien berichten am Wochenende, dass Sie ihre Heimat Richtung Russland verlassen, weil Sie Sich durch die angekündigten Steuersätze der Regierung Hollande für „Ihr Talent“ bestraft sehen. Putin hat Ihnen offenbar gestern sogar persönlich einen russischen Pass ausgehändigt. Europaweit wird in vielen Zeitungen dazu der Eindruck erweckt, dass Frankreich „Jagd auf Reiche und Erfolgreiche“ mache. Ein Gastartikel von Wolfgang Geuer

Auch von anderen Betuchten wie Karl Lagerfeld hört man im Stundentakt die echte oder gespielte Empörung über Strafsteuern und lautes Nachdenken über Fluchtwege, um sich dem Zugriff des Staates zu entziehen. Wie viele Erfolgreiche auf der Welt – Karl Lagerfeld eingeschlossen – schreiben Sie ihre Erfolge ausschließlich Ihren eigenen „Talenten“ zu. Andere scheinen Ihrer Auffassung nach zu den Erfolgen keinen wesentlichen Beitrag geleistet zu haben. Sie vergessen dabei, dass ein Erfolg viele Väter und Mütter hat. In Ihrem Fall sind Drehbuchautoren, Kameraassistenten, Maskenbildner, Beleuchter, Statisten, Produktionsassistenten, Schreiner, Ausstatter und Sekretärinnen nötig, um einem Film zum Erfolg zu verhelfen. Was wäre der Architekt ohne den Maurer oder Zimmermann, der Zahnarzt ohne die Assistenz oder den Techniker? Die Bezahlung erfolgt allerdings auf sehr unterschiedlichem Niveau, ohne dass jemand genau sagen kann, welche Bezahlung angemessen wäre. Natürlich trägt ein bekannter Schauspieler zum Verkaufserfolg eines Films bei. Und verkauft sich dabei selbst nicht schlecht.

Sie waren für die französische Filmindustrie von erheblichem Wert – und die hat in barer Münze zurückgezahlt. Aber die Geschichte vom kleinen gallischen Dorf zeigt auch, dass Obelix ohne den klugen Asterix gegen die Römer nicht viel erreicht hätte. Oder denken Sie, er hätte die Römer alleine besiegen können? Und was wäre Obelix ohne den Zaubertrank? Aus meiner Sicht ein fetter Sack, den die Römer schon im ersten Durchgang zu minderwertigem Hackfleisch verarbeitet hätten. Die Löwen im Circus Maximus hätten sich vermutlich angewidert weggedreht. Die Geschichte des gallischen Dorfes lebt zu recht von vielen fiktiven Personen und Ingredienzien wie dem Zaubertrank, um sie unterhaltsam zu machen.

In einer deutschen Tageszeitung wird erwähnt, dass Sie in all den Jahren als Schauspieler, Weinerzeuger und Restaurantbesitzer immerhin 145 Mio. Euro Steuern bezahlt hätten. Eine erstaunliche Summe für einen Schauspieler mit angeschlossenen Weinbergen, wenn es stimmt. Wenn die Information zutreffend ist, haben Sie mehr als das Doppelte davon eingenommen. Um es einfach zu machen, gehe ich von 300 Mio. Euro aus. Sind Sie sicher, dass ihre Talente einen solchen Betrag wert sind? Sind es nicht die besonderen Verhältnisse, Netzwerke, Förderer, staatlichen Subventionen und Vermarktungsregeln, von denen Sie profitiert haben? Und natürlich von den Zufällen im Leben, Claude Regy oder Marguerite Duras kennen gelernt zu haben, die ihnen als damals noch ganz unbekanntem Schauspieler weiter halfen. Glück muss der Mensch haben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort in Erscheinung treten und die richtigen Leute treffen, sonst gelingt bei allem Talent Vieles nicht. Das Glück ist wie der Gewinn aus einer Lotterie, der uns unverhofft zufliegt. Verdient? Sicher ist, dass wir genau dies nicht beeinflussen können, so sehr wir die Gunst der Stunde auch herbei wünschen mögen.

By the way: Wurden ihre Talente nicht vom Theatre National Populaire, einer staatlichen Einrichtung, kostenlos gefördert? Dort lernten Sie auch die Leute kennen, die ihnen weiter halfen. Und Sie konnten im Laufe ihrer Karriere die Infrastruktur und die wirtschaftlichen Verhältnisse ihres Landes nutzen, die ihr enormes Einkommen ermöglicht haben. In all diesen Fällen waren nebenbei gesagt viele Hände und Talente nötig, um den verschiedenen Geschäftszweigen einen dauerhaften Erfolg zu bescheren.

Was wären Ihre Talente in Somalia oder in Bangladesch wert, wo jede Infrastruktur und die Kaufkraft der Kunden fehlen? Um es deutlich zu sagen, dort benötigten Sie noch viel mehr Glück als in ihrem jetzigen Dasein, um einfach zu überleben. Ihr Land gibt Ihnen dagegen die Sicherheit, jeden Tag ihr Haus zu verlassen und unverletzt wieder zurückzukehren. In anderen Teilen der Welt ist dies keineswegs selbstverständlich. Die entstehenden Kosten für Straßen, Bildung, ein funktionierendes Gesundheitswesen und Sicherheit kann kein Einzelner finanzieren, sondern dies können nur alle (Franzosen) zusammen. Und ich meine, alle sollten nach ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit dazu beitragen.

Ob bei Spitzenverdienern wie ihnen ein Steuersatz von 75% angemessen ist, kann ich zwar nicht sagen. Aber Leute wie Sie – alle Vermögenden – profitieren von den Verhältnissen in besonderer Weise. Sie als Schauspieler konnten außerdem fette staatliche Subventionen als Millionen-Gage einstreichen. Dafür sollten Sie zahlen. Geld für das Gemeinwesen ist nämlich die unbedingte Voraussetzung, die Gesamtwirtschaft am Laufen zu halten. Auch für Sie. Und für ihren Erfolg. Bedauerlich, dass Sie das nicht erkennen wollen.

Noch eines: Mit ihrer russischen Staatsbürgerschaft unterstützen Sie nun ein Land, das sich nicht scheut, Killer auf kritische Journalisten und Dissidenten zu hetzen. Ein weiter Weg für einen Franzosen, der früher mit kritischen Filmemachern zusammengearbeitet hat. Aber keine Angst, Sie werden nicht gejagt. Sie werden gebraucht, um dem Regime von Putin und anderen Diktatoren, mit denen Sie sich bereits gemein gemacht haben, international Reputation zu verschaffen.

Wolfgang Geuer

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