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Konjunkturstatistik 2012 – auf die Lesart kommt es an

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„Die deutsche Wirtschaft trotzte 2012 der europäischen Wirtschaftskrise“, so ist die Pressemitteilung [PDF - 106 KB] zur Meldung der jüngsten Konjunkturdaten durch das Statistische Bundesamt überschrieben. Richtig ist, dass die deutsche Konjunktur im letzten Jahr im Vergleich zu unseren Nachbarländern auf durchaus stabilem Niveau stagniert. Die inländische Konjunktur befindet sich aber auch in Deutschland in der Rezession, lediglich der immer größer werdende Exportüberschuss hat dazu geführt, dass die deutsche Wirtschaft 2012 überhaupt gewachsen ist. Diese Entwicklung ist jedoch gesamtwirtschaftlich fatal. Anstatt als „Wachstumslokomotive“ die Eurozone mitzuziehen, hat die Exportfixierung der deutschen Wirtschaft dazu geführt, dass die gefährlichen ökonomischen Ungleichgewichte auch im letzten Jahr erneut gestiegen sind. Von Jens Berger.

Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt im letzten Jahr um 0,7% gewachsen. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass selbst das „Schuldenland“ USA im letzten Quartal ein Wachstum von 3,1% verbuchen konnte. Verglichen mit den konjunkturellen Hiobsbotschaften der Eurostaaten unter Merkels Kürzungsknute ist dieses Ergebnis jedoch erstaunlich gut. Doch das Ergebnis täuscht. Rechnet man den Export einmal heraus, ist die deutsche Wirtschaft im letzten Jahr um 0,3% geschrumpft, alleine der überaus solide Außenbeitrag[*], der gegenüber dem letzten Jahr noch einmal massiv stieg, sorgte dafür, dass Deutschland offiziell noch einmal knapp an der Rezession vorbeigeschrammt ist. Es wird noch einige Wochen dauern, bis detaillierte Ergebnisse vorliegen, aber bereits heute kann man mit gutem Gewissen mutmaßen, dass vor allem der Export in die USA und nach Ostasien die wegbrechenden Märkte Südeuropas mehr als ausgeglichen hat und zu diesem erstaunlichen Exportwachstum geführt hat.

Auch im letzten Jahr ist der Exportüberschuss der deutschen Volkswirtschaft gewachsen. Während die Importe um 2,3% stiegen, wuchsen die Exporte um 4,1%. Damit ist der Außenbeitrag von 4,1% (2009), über 5,1% (2010) und 5,2% (2011) auf nunmehr 5,7% (2012) des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass gesamtwirtschaftlich die Überschüsse des Einen immer exakt gleich den Defizite des Anderen sind. Jede Milliarde Euro, mit der die deutschen Exportüberschüsse wachsen, fällt somit spiegelbildlich in einem anderen Land als Defizit an. Quer über die ideologischen Gräben hinweg, sind sich die Ökonomen darüber einig, dass die kriselnden Eurostaaten ihre Defizite senken müssen, um sich aus der Verschuldungsspirale zu befreien.

Siehe dazu auf den NachDenkSeiten den sehr detaillierten Bericht „Eurokrise und kein Ende – Spanien im freien Fall“.

Wenn Deutschland es allerdings nicht schafft, seine Überschüsse abzubauen, können andere Staaten auch ihre Defizite nicht abbauen. Das ist eine simple mathematische Grundwahrheit. Dabei ist es jedoch nicht sonderlich wahrscheinlich, dass das Wachstum der deutschen Überschüsse aus dem Außenhandel mit der Eurozone entstanden ist. Deutschlands Wirtschaft ist wahrscheinlich eher Nutznießer der aktiven Konjunkturpolitik in den USA und Ostasien. Während Europa sich sprichwörtlich zu Tode spart, investieren andere Wirtschaftsregionen aktiv gegen die (vor allem von Europa ausgelöste) Wirtschaftskrise an und davon profitiert nun einmal auch indirekt der deutsche Export in diese Länder. Man könnte die deutsche Linie also mit Fug und Recht als „parasitär“ bezeichnen. Und schon morgen wird sich Frau Merkel dafür rühmen, dass Deutschland „dank“ seiner Sparsamkeit so solide dasteht – wer kennt schon die eigentlichen Fakten?

Vom Statistischen Bundesamt ist diesbezüglich keine Aufklärung zu erwarten. Gerade so als ob er „seiner“ Kanzlerin Wahlkampfhilfe andienen wollte, lobt Amtsleiter Roderich Egeler die deutsche Konjunktur als besonders „widerstandsfähig“. Ob dies damit etwas zu tun haben könnte, dass Egeler das gleiche Parteibuch wie seine Kanzlerin hat?

Mit stolzgeschwellter Brust berichtet das Statistische Bundesamt auch davon, dass die öffentlichen Haushalte in Deutschland im letzten Jahr dank der konjunkturellen Entwicklung einen Finanzierungsüberschuss erzielen konnten. Solide Staatsfinanzen, eine zu schwache Binnenkonjunktur und eine Rezession vor den Toren – diese Kombination schreit nach keynesiansicher Lesart geradezu zwingend nach einem Konjunkturprogramm. Doch in Deutschland werden die Konjunkturdaten offensichtlich anders gelesen. Hierzulande rühmt man sich für seine konjunkturpolitische Zurückhaltung und verschweigt, dass Deutschland längst im Abwärtsstrudel wäre, wenn andere Staaten (allen voran die USA) auf eine aktive Konjunkturpolitik verzichten würden. Dies ist nicht nur verantwortungslos, sondern auch kurzsichtig. Denn wenn die Weltwirtschaft tatsächlich kollabieren sollte, wird Deutschland seine aufgetürmten Forderungen an das Ausland, die mit jedem Leistungsbilanzüberschuss größer werden, abschreiben können.

Zum Thema: Thorsten Hild – „Wirtschaftsentwicklung 2012: Deutschland ist noch abhängiger vom Außenhandel geworden – und stößt an seine Grenzen


[«*] Differenz zwischen dem Wert der ein- und ausgeführten Waren und Dienstleistungen innerhalb eines Jahres

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