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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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19. Dezember 2014
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Die Zerstörung der Medienpluralität schreitet voran. Ein Essay zur „Konzentration nach rechts“, erlebt an der Ruhr

Verantwortlich:

Beachten Sie die Verschiebungen in der Zeitungslandschaft – im konkreten Fall demonstriert an der Entlassung der Redaktion der Westfälischen Rundschau zugunsten der Redaktion einer konservativeren Zeitung und an den Verschiebungen in der WAZ-Gruppe. Wer erforschen will, warum Angela Merkel trotz gravierender Fehler so populär ist, muss die von Justus Meyer beschriebenen Tendenzen beachten. Die Gleichrichtung, ehrlicher genannt die „Gleichschaltung“, wird immer noch weiter getrieben. Im Grunde ein schon lange anhaltender Prozess.
Heute um 16 Uhr findet übrigens eine Kundgebung „Rundschau retten“ in Lüdenscheid statt. Albrecht Müller

Konzentration nach rechts
Die Zeitungslandschaft wird schwärzer

von Justus Meyer

Fast ist es vollbracht. Die WAZ, deren Ruf als „roter Konzern“ schon seit einigen Jahren nur noch ein Gerücht war, macht nun ernst: Mit der Entscheidung, die Redaktion der Westfälischen Rundschau zu entlassen, aber gleichzeitig die Zeitung selbst weiterzuführen, ist der endgültige Schritt hin zum schwarzen Meinungsmonopol an der Ruhr getan. In zwei Wochen stehen – wenn nicht noch ein Wunder geschieht – 120 Redakteure ebenso viele freie Mitarbeiter auf der Straße. Ab diesem Zeitpunkt werden beispielsweise die Leser in Dortmund, Lünen und Schwerte ihren Lokalteil ausgerechnet vom konservativen Konkurrenten vor Ort, den Ruhr Nachrichten, zugeliefert bekommen. Der so genannte „Mantel“ des Blattes, also der überregionale Teil, kommt ohnehin seit 2009 von der WAZ aus Essen
Im zynischen Berater-Deutsch verkauft das Unternehmen die Entleibung der alten SPD-Zeitung (1946 erhielten die SPD-Politiker Fritz Henßler, Paul Sattler und Heinrich Sträter die Lizenz von den Briten) als „grundlegende Sanierung“ [PDF – 60 KB]. Begründung für den Kahlschlag: die roten Zahlen, die die Westfälische Rundschau seit Jahren schreiben würde. Wie das allerdings in einem extrem verschachtelten Gebilde wie der WAZ-Holding berechnet wird, ist für Außenstehende kaum nachzuvollziehen. Und der Minderheiten-Gesellschafter ddvg – das ist die Medienholding der SPD – erklärte in einer Stellungnahme: „Die Entscheidung der WAZ ist nicht nachvollziehbar und erweckt den Eindruck einer seelenlosen Redaktionsklempnerei“. In Gewerkschaftskreisen ist die Rede davon, dass die gesamte WAZ noch eine Rendite von 14 Prozent erwirtschaften würde. Aber: Solidarität war gestern. Zumal die WAZ seit dem letzten Jahr im Besitz der eher CDU-freundlichen Familie Grotkamp ist. Doch der Schwenk nach rechts vollzog sich schon seit Jahren. Ausgerechnet unter dem Kanzleramts-Chef von Gerhard Schröder, Bodo Hombach, der 2002 Geschäftsführer der WAZ-Gruppe wurde, entwickelte sich die WAZ zum konservativen Konzern. Hombach war es beispielsweise, der 2005 den damaligen Chefredakteur der Rheinischen Post Ulrich Reitz zum Chefredakteur der WAZ und später auch zum Mitglied der Geschäftsführung machte. In dieser Eigenschaft ist Reitz jetzt schon dafür verantwortlich, dass in großem Stil Personal abgebaut und Lokalredaktionen geschlossen wurden. Ergebnis: die Auflagen der WAZ-Blätter – neben der Essener WAZ sind dies die Westfälische Rundschau, die Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung und die Westfalenpost – befinden sich auf Talfahrt. Ein Ende ist nicht abzusehen, denn welcher Leser soll die Westfälische Rundschau beispielsweise noch abonnieren, wenn er nur noch eine Mogelpackung mit fremden Inhalten bekommt?

Ähnlich begann der Anfang vom endgültigen Ende eines einst „großen“ linken Blattes: der Frankfurter Rundschau. Auch hier ist das SPD-Unternehmen ddvg beteiligt, aber mit einem wesentlich höheren Anteil, nämlich mit 40 Prozent gegenüber den 60 Prozent des Kölner DuMont-Verlages. Einerseits muss man zugeben, dass die FR schon vor dem Einstieg der ddvg in Schwierigkeiten war. Allerdings: das Blatt wurde unter der Federführung von DuMont und mit Billigung der ddvg derart von seinen regionalen Wurzeln abgetrennt und in die Redaktionsgemeinschaft von Berliner Zeitung und Kölner Stadtanzeiger gezwungen, dass man sich irgendwann fragen musste, für welche Leserschaft dieses Blatt eigentlich gemacht wurde. Die durch die bislang erfolglose Suche nach einem Investor zermürbte FR-Belegschaft hat nun DuMont und ddvg aufgerufen, ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden und im Zweifel aus eigener Tasche für eine wenigstens minimal Abfindung der rund 500 Mitarbeiter zu sorgen. Die letzte Axt an das Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main, in dem die FR bislang erschien, hat möglicherweise jetzt ausgerechnet der Axel Springer Verlag gelegt. Der größte Kunde der Druckerei in Neu-Isenburg, die bislang schwarze Zahlen geschrieben hat, kündigte seine sämtlichen Aufträge. Damit stehen nicht nur die Redakteure der FR vor dem vermutlichen Ende ihres Blattes, sondern auch die Drucker. Angenehme Nebenwirkung für Springer: der Konzern, der seit einiger Zeit von Rekordgewinn zu Rekordgewinn eilt, kann die Preise in der Druckindustrie drücken.

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