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25. November 2017
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„Aufruf zur Revolte“ – Ein Interview mit Konstantin Wecker

Veröffentlicht in: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Interviews, Ungleichheit, Armut, Reichtum

Konstantin Wecker hat gemeinsam mit Prinz Chaos II. ein Buch über Revolte geschrieben (kostenloser Download [PDF – 9.2 MB]). Es ist eine Polemik. In einem Aufruf voller Wut und Poesie drücken die Autoren aus, was quer durch die politischen Lager von Vielen gedacht, aber nur selten in dieser Klarheit ausgesprochen wird. Ihr Fazit lautet eindeutig: „Duckt Euch nicht! Steht auf! Stellt Euch zornig gegen die Energie der Zerstörung!“. Christine Wicht hat mit Konstantin Wecker über den „Aufruf zur Revolte“ gesprochen.

Sie sind der Meinung, dass sich zu empören ein Grundrecht des Menschen ist. Ohne Empörung wäre die Sklaverei nicht abgeschafft worden und es gäbe keine Demokratie. 2007 haben Sie eine CD herausgebracht mit dem Titel „Ich gestatte mir Revolte“. Der Wunsch zur Revolte begleitet Sie schon eine ganze Weile. Sie rufen mit Ihrem aktuellen Buch auf zur Revolte. Was glauben Sie, warum machen nur wenige Menschen den Mund auf?

Das ist eine ganz eigentümliche Mischung aus Einschüchterung und Beschwichtigung, die Tag für Tag auf uns einregnet. „Angst essen Seele“ auf, nannte Rainer Werner Fassbinder einen seiner Filme. Nichts lähmt einen Menschen so sehr, wie die Angst. Und auf der anderen Seite hängt immer die Karotte vor der Nase, dass es eben doch irgendwie genauso weitergehen könnte, dass man eigentlich nichts ändern muss. Es kann aber nicht und man muss!
Der Menschheitswagen steuert auf einen Abgrund zu. Aber die Geschwindigkeit, mit der wir auf diesen Abgrund zurasen, ist inzwischen so hoch, dass sich viele Menschen verzweifelt festhalten, um nicht bei voller Fahrt ins Aus geschleudert zu werden. Das ist auch sehr verständlich, aber wir müssten irgendwie versuchen, ins Fahrerhäuschen zu gelangen. Wir steuern ja nicht mehr die Dinge, sondern die Dinge steuern uns!

Sie sind ein Verehrer von Erich Mühsam und haben in Ihren Konzerten schon oft den von ihm geschriebenen Revoluzzer zitiert. Warum ist der Revoluzzer von Mühsam heute noch aktuell?

Erich Mühsam sagte: „Sich fügen heißt lügen“. Es gibt viele Missstände in unserem Land, Altenpflege, Armut, Kinderarmut, Bankenrettung, Überwachung, um nur einige zu nennen. Es gibt wenig Widerstand gegen politischen Entscheidungen. Die Menschen fügen sich. Und letztlich geht das eindeutig nur deshalb, weil sehr viel gelogen wird. Wir werden belogen, aber wir belügen uns auch selbst. Nehmen wir den Rechtsterrorismus. Was da in den Verfassungsschutzämtern angeblich an Pleiten, Pech und Pannen abgelaufen ist, das kann doch kein Mensch mehr glauben. Aber sind wir auch bereit, die grausigen Schlussfolgerungen zu ziehen? Der Ungeheuerlichkeit nämlich ins Auge zu sehen, dass es eine Kumpanei gegeben haben muss, zwischen Nazi-Terroristen und Teilen des Sicherheitsapparates?

In der Vorbemerkung Ihres Büchleins „Aufruf zur Revolte“ weisen Sie und Prinz Chaos II. extra darauf hin, der Text sei kein unbeherrschter Wutausbruch, sondern ein Aufschrei. Da möchte ich Sie mit einer Strophe Ihres Liedes „Wut und Zärtlichkeit“ fragen: Kann man wütend sein und weise, laut sein und im Lauten leise, macht gerechter Zorn nicht müde?

Die Revolte, die wir beide uns vorstellen, ist ja ohnehin etwas anders als man sich das vielleicht spontan vorstellt. Wir sprechen ja von einer „Revolte der Zärtlichkeit“. Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Sensibilität und Revolte. Gerade die Fähigkeit, an fremdem Leid mitzuleiden, ist essentiell nicht nur für die Mitmenschlichkeit generell, sondern auch dafür, die Unerträglichkeit der Zustände zu empfinden.

In der Bevölkerung ist aber kaum ein Aufschrei zu merken, die Wahl hat gezeigt, dass das Volk keine wirkliche Änderung will, mal abgesehen von der Abwahl der FDP. Revolte liegt wohl scheinbar nicht im Trend?

Wir haben uns nicht entschlossen, diesen Text zu schreiben, weil wir uns dachten: „Die Revolte liegt in der Luft, man braucht jetzt nur noch einen schmissigen Aufruf und dann geht’s los.“ Im Gegenteil: die Idee dieses Textes ist in einer Situation entstanden, in der sich der Prinz und ich unsere, ja, doch: unsere Verzweiflung gestanden haben. Das war in der Künstlergarderobe nach einem Konzert in der Schweiz. Wir beide sind ja sozusagen von Berufs wegen immer dabei, Leuten Mut zu machen, sie stark zu reden und zu singen, an das Positive zu appellieren. Aber da haben wir festgestellt, dass uns Himmelangst wird, wenn wir uns den Stand der Dinge anschauen – und den eklatanten Mangel an echtem, wirkungsvollem Widerstand, an kreativem Denken. Der Aufruf zur Revolte ist deshalb ein Versuch, in ziemlich verzweifelter Lage einen kraftvollen und auch sehr poetischen Gegenimpuls zu setzen.

Über 15 Seiten Nennen Sie in eindringlicher Weise viele Gründe, von denen jeder es wert ist, sich zu empören, aufzustehen und nein zu schreien. Es sind bekannte Tatsachen, warum meinen Sie, hat sich bisher niemand empört?

Empört wird sich ja schon immer mal wieder. Aber diese Art der Empörung, die sich einfach nur über etwas aufregt, die aber keinerlei praktischen Konsequenzen ableitet, die nicht aktiv wird, nicht eingreift – das ist eine Stubenhockerempörung und hat mit dem, was der späte Stefan Hessel in seinem grandiosen Büchlein „Empört Euch!“ gemeint hat, überhaupt nichts zu tun.

Warum gerade jetzt ein Buch? Der Neoliberalismus hat in Demokratien Einzug erhalten. Die Menschen haben sich anscheinend damit abgefunden. Wenn die geplante Freihandelszone zwischen USA und EU durchgedrückt wird, ist die Demokratie in vielen Bereichen ausgehebelt. Wie sollen sich Bürger noch gegen die Macht der Wirtschaft wehren?

Wie sollte sich ein kleines Volk wie die Vietnamesen gegen die gewaltige Militärmaschine der USA zu Wehr setzen? Wie sollten die Menschen früher gegen den unglaublichen Druck des Absolutismus aufkommen? Wir haben ein aberwitziges Ungleichgewicht bekommen, was Wohlstand und Macht angeht. Und diese Zusammenballung der Macht in wenigen Händen ist mit einer Demokratie unvereinbar. Aber solche Situationen gab es in der Geschichte häufig und keine Macht der Welt ist für die Ewigkeit gebaut.

Sie vergleichen im Aufruf zur Revolte den Zustand unserer heutigen Gesellschaft mit dem vor der französischen Revolution. Glauben Sie, dass Sie Ihre Leser mit diesem Vergleich zur Revolte ermutigen können?

Prinz Chaos II. ist ja nicht nur Liedermacher und Autor, sondern auch Historiker. Und ich finde diesen Vergleich mit dem vorrevolutionären Frankreich ungeheuer hilfreich, um vor allem das Verhalten der Herrschenden, diesen elitären Autismus, zu verstehen. Auch damals gab es ja genug auch sehr einflussreiche Leute, die genau erkannt haben, dass es so nicht weitergeht, dass Frankreich sich radikal verändern müsste. Aber die sind innerhalb ihrer eigenen Klasse völlig aufgelaufen, weil die bei weitem meisten Adeligen total abgekoppelt waren von der Stimmung im Rest der Gesellschaft. Die haben nicht gemerkt, was sich da zusammenbraut oder es einfach nicht ernst genommen. Diese Entkoppelung sehen wir heute auch wieder. Daniela Dahn schreibt in ihrem neuen Buch, dass die Kluft zwischen arm und reich in Europa heute der zur Zeit vor der französischen Revolution ähnelt. Der Geldadel ist aufgepumpt mit Arroganz und einem Gefühl der Überlegenheit. Die sehen auch nach einer gigantischen Finanzkrise keinen Grund, irgendetwas zu ändern, weil sie so glänzend verdienen. Aber das kann sich rächen.

Die moderne Konsumindustrie hat bisher immer vermocht, schon nach erschreckend kurzer Zeit jede noch so kritische Bewegung zu kommerzialisieren und mit ihrer PR zu lenken bzw. zu konterkarieren. Wird sie nicht auch jede weitere Idee zur Revolte in Watte packen, hübsch designen und urheberrechtlich geschützt vermarkten?

Klar, wir haben das oft erlebt, dass man Revolten die Spitze genommen und sich deren Symbolik und Sprache einverleibt hat. Am Ende kam dann nicht viel mehr dabei heraus, als eine Modernisierung des alten Systems. Die Kommerzialisierung einer Revolte ist momentan aber nicht unser Problem. Leider, könnte man sagen. Das Problem ist diese allgemeine Friedhofsruhe, speziell in Deutschland. In anderen Ländern sieht es ja teilweise anders aus. Aber die Bundestagswahl war ja quasi das Votum zu sagen: „Hauptsache uns geht’s gut und welche Ursachen das Debakel in Griechenland oder Spanien hat, ist uns erstmal egal.“ Das ist nicht nur eine moralisch fragwürdig Haltung. Das wird auch auf Dauer nicht gut gehen. Denn die Krise ist schon längst da – nur noch nicht bei allen.

Sie beschreiben einerseits die Geldsucht und andererseits die Aktion des Herrn Kofler, sein Aktienpaket zu verkaufen, als kluge Aktion. Halten Sie diese Handlungsoption für realistisch, zumal die Aktien gerade steigen?

In diesem ganzen Bereich habe ich, im wahrsten Sinne, keine Aktien. Ich hatte noch nie Aktien und verfolge das Auf und Ab der Kurse auch nicht sonderlich. Ich bin da sehr altmodisch und lehne es für mich ganz allgemein ab, Aktien zu kaufen. Am Ende sind das doch alles Luftbuchungen und man muss sich eher wundern, dass es immer wieder gelingt, dieses irrwitzige Finanzsystem für eine weitere Runde zu stabilisieren. Aber diese Rettungsaktionen werden immer aufwendiger und die letzte Rettungsrunde hat die Staaten mit einer gigantischen Staatsverschuldung hinterlassen.

Nein, wir brauchen ganz andere Ansätze einer kooperativen, nachhaltigen Wirtschaft und vor allem einer Wirtschaft, in der die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, die tatsächlich benötigt werden, im Zentrum steht und nicht eine solche Finanzakrobatik.

Wie stellen Sie sich die Revolte vor?

Es gibt ein paar Anhaltspunkte. Das eine ist die Erfahrung von Dresden Nazifrei. Hier waren der Prinz und ich ja jahrelang vor Ort bei den Blockaden und wir durften erleben, was ein Bündnis bewerkstelligen kann, das entschlossen und solidarisch vorgeht. Dabei ist das persönliche Vertrauen zwischen verschiedenen Akteuren absolut entscheidend. Wenn man sich nicht vertraut, kann man in brenzligen Situationen nicht bestehen. Wie man diese Dresdner Erfahrung auf das soziale Feld übertragen kann, scheint uns die zentrale Herausforderung zu sein. Und die Form der Blockade wird da nicht genügen. Dazu haben wir aber in den letzten Jahren diese Serie von Platzbesetzungen erlebt, vom Tahrir in Kairo ausgehend. Hier wurde zumindest angedeutet, wie eine neuartige, selbstorganisierte Organe einer echten Massendemokratie entstehen könnten. Am Ende führt natürlich kein Weg an neuen Organisationsformen vorbei, aber den Anfang muss eine spontane Dynamik machen, etwas Unvorhergesehenes, eine Energie, die sich losreißt aus dem Knast der Frustrationen. Das kann man nicht herbeischreiben. Das können nur viele Einzelne herbeiführen.

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