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Eine solche Steigerung von Hetze und Lüge und nur noch Propaganda schien mir bis vor kurzem undenkbar.

Veröffentlicht in: Aktuelles, Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Medien und Medienanalyse, Strategien der Meinungsmache

Diese Feststellung ist kein Aprilscherz. Auch die Meldung von t-online.de, also der Webseite der Deutschen Telekom „Wladimir Putin will auch Finnland und Georgien annektieren“, war nicht als Witz gedacht. Bundesfinanzminister Schäuble zieht vor Schülern öffentlich „Parallelen zwischen der Annexion der Krim durch Wladimir Putin und dem Anschluss des Sudetenlandes durch Adolf Hitler“ Siehe hier. In ungewöhnlich offenen Worten erklärte Schäuble den Schülern zudem, wie es zur Besetzung der Krim durch Russland kam. „Irgendwann hat sich das zugespitzt und dann hat der Putin gesagt, eigentlich wollte ich sowieso schon immer die Krim.“ Hier wird systematisch angeheizt. Und zudem blind auf dem rechten Auge: Weder Schäuble noch die deutsche Telekom regen sich über die Planung eines Überfalls der Türkei auf Syrien auf. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Der unglaubliche Vorgang in der Türkei reizt die deutschen Medien nicht zur Aufklärungskampagne, obwohl wir als NATO Partner und Stationierer von Patriot-Raketen direkt betroffen sind.

Wenn Sie diese beiden Vorgänge vergleichen – die absurde Behauptung, Putin wolle Finnland annektieren, und die reale Planung des türkischen Außenministers, der Spitze des Militärs und des Geheimdienstchefs – den Anlass für eine militärische Intervention selbst zu schaffen, dann erkennen Sie leicht, wie heruntergekommen die deutschen Medien und die deutsche Politik inzwischen sind.
Eine gute Beschreibung des Vorgangs in der Türkei und der Reaktion der deutschen Medien finden Sie hier beim „Freitag“:

NATO-Land Türkei plant Überfall auf Syrien
Desinformation | NATO-Land Türkei plant mit Hilfe einer False-Flag-Aktion einen Überfall auf Syrien und die gleichgeschaltete deutsche Presse macht Erdogans Youtube-Sperre zur Headline In den letzten Tagen haben wir darüber berichtet, dass die gleichgeschalteten deutschen Medien vollkommen spekulativ mit einer herbei fantasierten Bedrohung der baltischen Staaten, Polen oder gar Ost-Deutschlands durch Russland Stimmung machten. …

Schäuble äußert sich dazu nicht, obwohl Deutschland über die Partnerschaft mit der Türkei in der NATO wie auch konkret über die Stationierung von Patriotraketen direkt von einem solchen „getürkten“ Angriff betroffen wäre. Auch die Mehrheit der deutschen Medien beschreibt nicht unsere direkte Verwobenheit mit den Machenschaften der Regierenden in der Türkei.

Der verschwiegene Werbefeldzug der NATO in der Ukraine

Und weil es nicht in das Konzept der Hetze gegen Russland passt, wird in unseren grandiosen Medien auch nicht über den Werbefeldzug für einen Beitritt zum NATO-Bündnis berichtet, der in der Ukraine schon vor dem letzten Regierungswechsel gelaufen ist. Allein in der FAZ wurde am 27.3.2014 unter der Überschrift „Liebe Schulkinder, liebe Kulturträger“ im Feuilleton berichtet: „Die NATO veranstaltet in der Ukraine einen grandiosen Werbefeldzug für einen Beitritt zum Bündnis. Darüber freuen sich auch Nationalkünstler.“ Hier der Text [PDF – 586 KB]. Lesenswert.

Unseren Medien berichten über diesen Vorgang nicht, weil solche Berichte eine Kampagne stören würde, die heutzutage in nahezu allen deutschen Medien abläuft: Es war in der öffentlichen Debatte berichtet worden, dass mit der Ausweitung der NATO bis an die russische Grenze das Versprechen gebrochen worden sei, das der Westen 1990 Russland gegeben habe – nämlich die NATO nicht auf Polen, die baltischen Staaten usw. auszudehnen. Weil diese Berichte über die gebrochenen Versprechen die Position Russlands in der öffentlichen Debatte stärkten, wurde die Parole ausgegeben, die NATO sei nicht aktiv ausgedehnt worden, die Völker des Baltikums und Polen usw. hätten dringend um Aufnahme gebeten und dagegen habe man sich ja nicht wehren können.
Diese Ausreden lösen sich in Luft auf, wenn belegt wird, wie aktiv die NATO im Osten und sogar in der Ukraine tätig war. Deshalb werden diese Informationen unterschlagen. Das ist übrigens ein weiterer Beleg dafür, dass man von Gleichschaltung des Großteils der deutschen Medien sprechen kann.

Aus aktuellem Anlass noch eine Kostprobe von einer gesteuerten Kampagne:

Sowohl die Süddeutsche als auch die Welt beziehen sich in zwei Russland-Bashing-Artikeln auf den US-Historiker Timothy Snyder, der dazu die passenden Statements liefert.

Beim Thema Manipulation sind wir hoffnungslos gespalten – in die Opfer hier und in solche, die die Mechanismen der Manipulation durchschauen dort. Heute beim Thema Ukraine, Ost-West, neue Konfrontation, Russland – mehr denn je.

Wir beobachten ständig Manipulationsvorgänge. Dies zu tun und zu fördern, war der Grund für die „Erfindung“ der NachDenkSeiten. Wir haben solche Vorgänge bei der Agenda 2010 und der Privatisierung der Altersvorsorge beobachtet, bei der Umfirmierung der Finanzkrise in eine Staatsschuldenkrise und der Heiligsprechung der Exportüberschüsse. Jetzt, beim Thema Krieg und Frieden, scheiden sich die Geister nach meinem Eindruck noch mehr als bei den früheren Kampagnen und Manipulationsvorgängen. Viele laufen mit, andere leisten Widerstand. Von der Gruppe der Letzteren erreichte uns gerade ein Brief. Der Nachdenkseitenleser und Briefschreiber bezieht sich auf den folgenden Eintrag in den Hinweisen vom 20. März 2014:

2.d. Putin vs. Obama eine linguistische Analyse
Zielsetzung dieser Arbeit ist es, auf pragmalinguistischer Grundlage nachzuweisen, dass in der deutschen Presse die angemessene Objektivität in der Darstellung des amerikanischen Präsidenten Barack Obama und russischen Staatsführers Wladimir Putin nicht gemäß publizistischer Richtlinien eingehalten, und die Meinung der Leser nach eigenem Gutdünken beeinflusst wird.
Dazu war es notwendig, einen politischen Anlass zu finden, zu dem beide Politiker Stellung beziehen. Die Darstellung des Raketenabwehrschirmes in Europa in den Printmedien ist hierfür geeignet, da die Beurteilung dieses Gegenstandes durch die Medien die jeweilige Sichtweise der beiden Politiker zu eben diesem Thema in einem entsprechend positiven
beziehungsweise negativen Licht erscheinen lässt.
Stellvertretend für das liberale Spektrum in Deutschland wurde die Süddeutsche Zeitung ausgewählt. Die konservative Ausrichtung wird durch die Frankfurter Allgemeine Zeitung repräsentiert.
Anhand ausgewählter Artikel dieser zwei Leitmedien wurde auf den drei Ebenen Wort, Satz und Text analysiert, mit welchen sprachlichen Mitteln die Verfasser versuchen, ihre persönliche Wertung entweder verdeckt oder offen auszudrücken. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung bestätigen die These der tendenziösen Berichterstattung und sollen dazu beitragen, einen neuen Forschungszweig aus der Verbindung von Medien- und Sprachwissenschaften zu schaffen, der sich mit der Rolle der Medien in der Kriegsvorbereitung beschäftigt.
Quelle: Bachelor-Arbeit von Mirjam Zwingli, Hochschule für angewandte Sprachen – Fachhochschule des Sprachen & Dolmetscher Instituts München über Institut für Medienverantwortung [PDF – 2.8 MB]

Der daran anknüpfende, interessante Brief des NachDenkSeiten-Lesers P.J.F. aus Mühlhausen/Thüringen lautet:

Ihr Link NDS unter 2.d. vom 20. März 2014

Sehr geehrter Herr Müller,
ich denke, der Hinweis (Nachdenkseiten 20. 03. 2014) auf die Arbeit von Mirjam Zwingli ist wichtig, denn die Autorin zeigt in dieser Untersuchung Wirkungsmechanismen einer besonders gefährlichen Form der Manipulation. Diese ist schwer durchschaubar, weil bei scheinbar sachlicher Information überwiegend ideologische und emotionale Elemente sprachlich transportiert werden, und nicht jeder hat die Zeit, Texte aus linguistischer Perspektive zu analysieren. So werden Denkweisen über das Unterbewusstsein gesteuert, ohne dass sich der Mensch dessen immer bewusst ist. Beispiele finden sich seit Jahren nicht nur in der Berichterstattung über Russland und seinen Präsidenten.
„Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewusster ich mich ihr überlasse. Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist? Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ (Victor Klemperer: LTI, Reclam 1980, S. 21)
Der zitierte Text aus einer vergangen geglaubten Zeit beschreibt auch ein aktuelles Phänomen. Viele deutsche Medien, auch ARD und ZDF, spielen das Spiel der „Sprachvergiftung“ mit. Die Dosis kann durchaus noch erhöht werden, wie die verbalen Entgleisungen des EU-Abgeordneten Werner Schulz zeigen („Putin ist ein Verbrecher, Putin ist ein Despot und er ist ein Kriegstreiber etc.“ DLF 06. 03. 2014). Diese Wortwahl führt direkt zum „Untermenschen“. Eine bedenkliche Entwicklung!
Offensichtlich haben die Verantwortlichen – auch Politiker – ihr Geschichtsbewusstsein verschüttet. Sie ignorieren, was auf die Vergiftung des Klimas folgen kann? Gerade Deutschland hätte allen Grund, sehr zurückhaltend in antirussischer Propaganda zu sein, die Gründe sind bekannt.
Es werden Regeln des Respekts und des Anstandes verletzt. Das zeigt sich u. a. in der Arroganz gegenüber einem anderen Staat, indem Russland „bestraft“ und „getroffen“ werden soll, obwohl sich „zwischen Staaten … kein Bestrafungskrieg […] denken lässt (weil zwischen ihnen kein Verhältnis eines Obern zu einem Untergebenen statt findet).“ (Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden)
Noch ein Wort an so manchen Journalisten und sein Berufsethos: Bei der aktuellen antirussischen Kampagne sollte er zur Kenntnis nehmen, dass „der Redakteur mit der Zeit den Größenwahn bekommt. Besonders der beschränkte, der nicht sieht, dass er nur Handwerkszeug Größerer, hinter ihm Stehender ist. Er hat im Laufe der Jahre gelernt, dass das, was er nicht drucken lässt, für Hunderttausende nicht existiert – dass das, was er den Leuten mit der Papageientaktik in die Köpfe lärmt, für sie im Mittelpunkt der Erde steht. […] Die Wirklichkeit, wie sie die Zeitung [heute auch das Fernsehen, d. V.] serviert, hat ein Sieb passiert. Was da steht, das ist nicht die Welt. Das ist: Die Welt – Gekürzte Volksausgabe und für den Schulgebrauch bearbeitet. Man sollte sich lieber an das Original halten.“
(Werke und Briefe: 1921, Tucholsky-GW Bd. 3, S. 66 Rowohlt Verlag)
Das Original wäre ein Journalismus, der wenigstens versucht, einigermaßen objektiv und vielseitig zu sein. Stattdessen unterstützen viele Journalisten deutscher Leitmedien (Staatsmedien???) kritiklos eine Außenpolitik, die mit ihrem Drohpotenzial nicht im Interesse des friedlichen Zusammenlebens mit dem russischen Volk sein kann. (Sieht so die „neue Rolle Deutschlands“ aus?!)
Eine bessere Zusammenfassung als Ihre Anmerkung auf den NDS vom 24. 03. 2014 gibt es wahrscheinlich nicht: „Die spinnen alle, haben keine Ahnung vom Krieg und hetzen deshalb rücksichtslos. In wessen Hände sind wir da geraten?“

Mit freundlichen Grüßen
P. J. F. /25. 03. 2014

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