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4. Dezember 2016
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Nachtrag zu „Abgekartetes Spiel um die Ostukraine“

Veröffentlicht in: Außen- und Sicherheitspolitik, Länderberichte, Strategien der Meinungsmache

Als Antwort auf meinen Beitrag gab es einige weiterführende und kritische Mails, die wir unseren Leserinnen und Lesern gerne zur Kenntnis geben. Kritisch wird u.a. angemerkt, dass ich zu unfreundlich mit Russland und vor allem mit dem dortigen Außenminister umgegangen bin. Das kann so sein. Auch deshalb die Wiedergabe der vier Mails.
Noch etwas: uns Schreibern und Hinweisgebern der NachDenkSeiten fällt auf, dass die Nachrichten und Kommentare zu den blutigen Ereignissen in der Ostukraine mehr und mehr versiegen. Wenn man bedenkt, wie umfangreich über mehrere Wochen über den Maildan berichtet worden ist, dann muss man auf gezieltes Verschweigen tippen. Hier wird mit Hilfe der Mehrheit der Medien den Antreibern der Militäraktionen in der Ostukraine entsprechend der US-Ankündigung der „Rücken frei gehalten“. Das kollektive Schweigen der meisten Medien erinnert mich an den kritisierten Vorwurf, Deutschlands Medien ließen sich allzu leicht gleichschalten. Von Albrecht Müller

Bevor jetzt wieder einige unserer durchaus sympathischen Leserinnen und Leser gegen den Gebrauch des Begriffes „gleichschalten“ protestieren, will ich gerne konzedieren, dass ich den Gebrauch dieses Wortes niemandem aufzwingen, nicht einmal anraten will. Ich gebrauche ihn, weil ich es angesichts der Rechtsentwicklung in Europa satt habe, mich davon abhalten zu lassen, an Erfahrungen aus der Nazizeit zu erinnern, auch sprachlich. Bitte sehen Sie mir das nach.

Und jetzt die vier Mails an die NachDenkSeiten zum „abgekarteten Spiel“ zum mörderischen „Aufräumen“ in der Ukraine und ein Dankeschön an die Absender:

1. Mail

Kommentar zu Abgekartetes Spiel:

…na, was soll Russland schon tun?

Einmarschieren, das Feindbild ausfüllen und damit die Welt einem dritten Weltkrieg näher bringen?

Man darf auch angesichts der Bilder aus der Ostukraine sich vorstellen, was auf der Krim passiert wäre, wenn Putin da nicht dafür gesorgt hätte, daß die ukrainischen Soldaten mal schön in ihrer Kaserne bleiben.

Und was mit dem Hafen in Sewastopol passiert wäre – Pachtvertrag hin oder her – kann man sich auch ausmalen.

Man kann daher vermuten, daß da viel Leid vermieden wurde,
selbst wenn man das Zerreißen der Ukraine für tragisch hält.

In der Ostukraine hätte sich Russland aber die Finger wirklich verbrannt, bzw. wäre das womöglich der Anfang des Dritten Weltkriegs geworden.

Der wird dann vertagt auf später, wenn Russland komplett eingekreist ist…

2. Mail:
 
Lieber Herr Müller,  

zu Ihrem heutigen Beitrag taugt dieser vielleicht auch, um die Lage in der Ukraine, bzw. dessen Kriegstreiber, aufzuzeigen.

Beste Grüße
Karola Sch.

3. Mail:

Hallo Herr Müller, 

ich teile Ihre Einschätzung zur Ostukraine und zur russischen Politik.
 
Ergänzend folgender Hinweis auf einen Beitrag im „Freitag“: „Nur Russland kann helfen“

„Die westlichen Berater in Kiew scheinen die Regierung eher zu weiterem Blutvergießen im Osten aufzufordern.

Es sind unvorstellbare Grausamkeiten, die über den Krieg gegen die Separatisten im Osten der Ukraine berichtet werden. Dabei unterscheiden sich offizielle Medien und die sozialen Netzwerke lediglich in der Intensität der Berichterstattung. Inhaltlich berichten beide von etlichen Toten, Angst und Chaos im Donbas.

Unsere Freundin Natascha berichtet, dass niemand mehr seine Kinder zur Schule schickt, seit Tagen schon. Die Lage in Lugansk ist zu gefährlich, zu gefährlich einzukaufen, die Geschäfte sind leer.

Auch in den anderen Städten des Ostens sieht es nicht besser aus. Die Leute fahren, wenn sie zur Arbeit fahren, möglichst nicht mehr mit dem eigenen Auto. Das Passieren von Kontrollpunkten der Kiewer Truppen ist dabei gefährlicher, als es die Kontrollpunkte der Separatisten sind. Für die Regierungstruppen ist auch jeder Zivilist ein möglicher Terrorist. Die Bewaffneten Kiews, die man meist nicht der regulären Armee zurechnen kann, verlieren schnell die Nerven. Ein bekanntes Video zeigte kürzlich, wie ein Lada Niva, dessen Fahrer einen Kontrollpunkt in der Region passieren wollte, ohne anzuhalten, regelrecht zusammengeschossen wurde.

Die Separatisten scheinen hunderte von Kämpfern verloren zu haben, aber in den Leichenhallen finden sich auch Zivilisten. Fehlende Gliedmaßen weisen auf schweren Beschuss hin, keine automatischen Waffen, sondern Granaten und Bomben. Auf einem Feld bei Slovjansk wollen Einheimische hunderte von Toten gesehen haben, von denen manche regelrecht aufgeschnitten waren. Vermutungen, dass ihnen Organe entnommen wurden geistern durch die sozialen Netzwerke.

Poroschenko, der frisch gewählte Präsident, will das Land befrieden, aber erst nachdem alle „Terroristen“ von ukrainischem Territorium verschwunden sind. Verschwunden?
Das ist mehr als eine Kampfansage, wenn man bedenkt, dass viele derer, die dort bewaffneten Widerstand gegen die Regierung in Kiew leisten, Ukrainer sind. Sollen die verschwinden? Wohin?

Es ist der Zeitpunkt, wo man anfangen darf, nach Massengräbern zu suchen.

Gräber auch von Soldaten der ukrainischen Armee, die übergelaufen sind und dann von der Nationalgarde und Söldnern getötet werden. Heute sehen wir in den Newstickern Bilder von einem LKW, der komplett zerschossen wurde und buchstäblich mit platten Reifen in einer Blutlache steht. Die Opfer waren Separatisten.

Die Medien bei uns beziehen keine Stellung zu dem Morden, zu einer Strafaktion der westlichen Regierung, die auch die Bevölkerung trifft und tötet. In jedem anderen Land würde man nach einer Blauhelm-Mission rufen, würde die Regierung dringend auffordern, das Töten zu beenden und endlich Verhandlungen aufzunehmen. In der Ukraine hört man sich seelenruhig die Vernichtungsdrohungen des neu gewählten Präsidenten an. Unkommentiert. Kaum empört.“

 
Wäre eine solche Brutalpolitik vom früheren ukrainischen Präsidenten Janukowitsch betrieben worden, dann wäre in der westlichen Politik und in den westlichen Medien der Teufel los. Janukowitsch wäre schon längst zur Inkarnation Hitlers gestempelt worden.
 
Ob allerdings der Rat des „Freitag“-Redakteurs Sönke Paulsen in der Einleitung seines Beitrags „zielführend“ ist, muß angesichts der damit wohl einhergehenden dramatischen Zuspitzung dieses Konfliktes sehr kritisch hinterfragt werden:

„Angesichts der grausamen Vernichtungsaktion, die derzeit im Donbas gegen die Separatisten durchgeführt wird, bleibt nur die Hoffnung auf eine russische Intervention. Die westlichen Regierungen rufen nach einer Entschärfung der Lage in der Ostukraine durch Russland. Der Ruf nach Putin ist berechtigt. Allerdings anders als gedacht. Der Zeitpunkt für eine militärische Intervention durch Russland in der Ukraine ist längst überfällig.“

 
Aus meiner Sicht wäre es möglicherweise sinnvoll, in einer Art öffentlichem Aufruf prominenter Persönlichkeiten (Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Willy Wimmer, Jürgen Todenhöfer, Peter Gauweiler etc.) auf das von Nato und EU gedeckte aggressive Vorgehen des ukrainischen Präsidenten (möglicherweise mit Unterstützung US-amerikanischer Söldner?) und das damit einhergehende Blutvergießen in der Ostukraine aufmerksam zu machen.
 
4. Mail:

Sehr geehrter Herr Müller!

Eine Anmerkung zu Ihrem gestrigen Artikel: „Abgekartetes Spiel um die Ostukraine, Tote inklusive.“

Vorausgeschickt sei noch, dass ich mich bei Ihnen persönlich für die ganze Serie von Artikeln bedanken möchte, die Sie zur Ukraine-Krise und dem Thema Krieg und Frieden veröffentlicht haben!

Wenn Sie gestern die Frage nach der Rolle Russlands so beantworten:

„Ich könnte mir denken, dass Russland nolens volens signalisiert hat, das Aufräumen in der Ostukraine zu dulden – wohl wissend, dass es im großen Reich Russlands viele Anlässe und Möglichkeiten für separatistische Bewegungen gibt. Vielleicht vertraut die russische Führung „westlichen Versicherungen“, solche separatistischen Bewegungen nicht anzuheizen – analog dem Glauben an eine positive Entwicklung nach der ukrainischen Präsidentenwahl vom 25. Mai.“,

dann frage ich mich, warum Sie dem Chefdiplomaten und Vollprofi Lawrow unterstellen, er sei tatsächlich so naiv gewesen, diese durchsichtige Beruhigungskampagne bzgl. der Präsidentenwahl zu glauben? Seine jetzige Empörung darüber, dass im Gegenteil alles viel schlimmer geworden ist, ist doch reinem Diplomatensprech geschuldet (neben der selbstverständlichen Empörung). Niemand in Russland glaubt doch einem Europäer und US-Amerikaner noch ein Wort. Aber Lawrow bleibt seiner klaren, auf Deeskalation ausgerichteten Linie unbeirrt treu. Und diese sehe ich als Grund dafür an, dass er so getan hat, als glaubte er den genannten Beteuerungen des Westens.

Zudem ist die nächste Frage ohnehin: Was hätte Russland denn tun sollen, was kann es überhaupt tun? Die Optionen sind doch schwer begrenzt. Dass sich Lawrow nun an die UNO gewandt hat, beurteilen Sie als „hilflosen und erfolglosen“ Versuch. Womit Sie vermutlich Recht haben und das Lawrow natürlich selbst weiß. Aber ist es nicht immerhin ein zu lobender Versuch?

Kurzum: Ich werde nicht ganz schlau aus diesem Artikel. Irgendwie ist da ein Unterton zischen Ihren Zeilen, der Russland mittelbar dafür zeiht, nichts, und wenn, dann nur Naives, Erfolgloses und Hilfloses zu tun. Auch nennen Sie, wie ja sonst meist, keine Idee, wie sich Russland in Ihren Augen denn konstruktiv verhalten sollte. Welchen dritten Weg außer der klaren russischen Einmischung in die Separatisten-Bewegung bzw. deren offener Unterstützung und dem Schutz der Bevölkerung mit all ihren gefährlichen Folgen oder eben einer konsequent diplomatischen Linie sollte es auch geben? …

Ich glaube übrigens wie Sie, dass an der Meldung der „2000-3000 akzeptablen Toten“ sehr wohl etwas dran ist. Alles andere würde wundern.

B.B.

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