• Blog abonnieren

    Beim Erscheinen eines neuen Artikels erhalten Sie eine Benachrichtigung per E-Mail.

  • Archive

Einspruch unerwünscht – wie sich die Mainstream-Medien von ihren Lesern entfremden

Veröffentlicht in: Außen- und Sicherheitspolitik, Medien und Medienanalyse, Strategien der Meinungsmache

Die FAZ erlaubt unter Online-Artikeln zum Themenkomplex Ukraine/Russland schon seit längerem keine Leserkommentare mehr. SPIEGEL Online geht da selektiver vor und schließt den Kommentarbereich erst dann, wenn die Leser die Artikel zu kritisch bewerten. Am konsequentesten ist jedoch die Süddeutsche, die ihren Kommentarbereich gleich ganz abgeschafft hat und Leserkommentare nun auf die sozialen Netzwerke auslagert. Währenddessen erreichen uns nahezu täglich Mails von Lesern, die uns darauf hinweisen, dass in den Kommentarbereichen nahezu aller großen Portale Leserkommentare mit Links auf die NachDenkSeiten nicht veröffentlicht oder meist kommentarlos gelöscht werden. Leserkritik ist bei den Mainstream-Medien offenbar unerwünscht. Doch das eigentliche Problem ist tiefgreifender. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wer sich am letzten Sonntag den ARD-Presseclub angeschaut hat, kam sich vor wie in einer Parallelwelt. Dort debattierten vier einflussreiche Journalisten mit dem nicht minder einflussreichen ARD-Programmdirekter Volker Herres über den NATO-Gipfel und waren sich eigentlich in allen wesentlichen Punkten einig – Russland sei voll und ganz für die Eskalation in der Ukraine verantwortlich, Putin ein Aggressor und die NATO ein friedliebender Garant der Demokratie und der Menschenrechte … man kennt diese Argumentationsmuster ja zu genüge. Den Part des Nonkonformisten durfte ausgerechnet Ines Pohl von der in außen- und sicherheitspolitischen Themen nur all zu konformistischen taz übernehmen. Wer die Sendung verpasst hat, hat eigentlich nichts verpasst. Beim Themenkomplex Ukraine/Russland sind sich die großen deutschen Medien in allen Punkten einig – allenfalls im Grad der Anti-Russland-Haltung gibt es feine Nuancen.

Kritik wird laut

Der andere Teil der Parallelwelt sind die sozialen Netzwerke und die alternativen Medien. Dort stößt die Positionierung des medialen Mainstreams auf deutlichen Widerstand. Es wäre jedoch falsch, diesen Widerstand als monolithen Block zu sehen. Das Netz ist nun einmal bunt und wenn ungefiltert Meinungen aufeinandertreffen, ist oft Krawall vorprogrammiert. Die Kritik am medialen Mainstream auf den durchaus vorhandenen Krawall zu reduzieren, wäre jedoch genau so falsch. Unter den zahlreichen Leserzuschriften, die die NachDenkSeiten erreichen, befinden sich jedenfalls nur sehr wenige „krawallige“ Aussagen von den politischen Rändern, dafür jedoch sehr viele nachdenkliche Anmerkungen von ganz normalen besorgten Bürgern, die sich in der Berichterstattung der klassischen Medien ganz einfach nicht wiederfinden.

Was diese Kritiker fordern, sollte eigentlich in einem funktionierenden Mediensystem der Normalfall sein – eine ausgewogene Berichterstattung, bei der in einem Konflikt beide Seiten zu Wort kommen und in der sich die Pro- und Contra-Seiten in einem fairen Verhältnis befinden. Beides ist bei der Berichterstattung und vor allem der Kommentierung der Vorkommnisse in der Ukraine nicht der Fall. Dies treibt kritische Geister dazu an, ihre Position- wenn sie denn schon im redaktionellen Teil keine Erwähnung findet – zumindest im Kommentarbereich zu veröffentlichen. Ist es wirklich erstaunlich, dass die Kommentarbereiche zu einschlägigen Artikeln auf Süddeutsche.de, ZEIT.de und anderen Plattformen zum allergrößten Teil eine diametral andere Position einnehmen als die redaktionellen Artikel?

Putins Trolle?

In den Redaktionsstuben hat man für dieses Missverhältnis eine ebenso einfache wie absurde Erklärung: SPIEGEL Online sieht hier „organisiert auftretende, anonyme User“ am Werk, „die schon seit Monaten jegliche Kritik an Russland […] kontern“. Auch die Süddeutsche Zeitung suggeriert, dass es bei der Kritik im eigenen Kommentarbereich nicht mit rechten Dingen zu gehen kann – „Putins Trolle“, bezahlte PR-Profis aus dem Umfeld des Kreml, sollen sich demnach vor allen in Kommentarbereichen und sozialen Netzwerken tummeln. Ein harter Vorwurf, wenn er denn zumindest halbwegs plausibel wäre. Das ist er jedoch nicht.

Wenn die Dokumente, die die SZ zitiert, authentisch sind (was sogar wahrscheinlich ist) dann hat auch Russland die Zeichen der Zeit erkannt und lässt sein Image durch professionelle PR-Agenturen in sozialen Netzwerken aufmöbeln. Dies ist jedoch beileibe kein russisches Alleinstellungsmerkmal. Israel manipuliert die sozialen Netzwerke und auch die USA haben ein sehr professionelles Programm aufgelegt, um auch in den sozialen Netzwerken die Deutungshoheit zu erlangen. Das ist seit Jahren bekannt und muss aufs Schärfste kritisiert werden – egal, ob es sich um Russland, Israel, die USA oder sonst einen Land handelt.

Hinter solcher Meinungsmache muss jedoch nicht immer ein Staat oder ein Geheimdienst stecken. Viel wirkungsvoller sind Aktivisten, die freiwillig und vollkommen ohne Bezahlung PR-Arbeit für die eine oder andere Sache machen. Es gibt solche informellen Netzwerke von pro-russischen Aktivisten, es gibt sie jedoch auch von anti-russischen Aktivisten. Auch die Anhänger des Euromaidan sind in diesem Punkt sehr aktiv.

Die Journalisten trollen zurück

Über den deutschsprachigen Twitter-Account @KremlTrollerei veröffentlichen die Aktivisten beispielweise regelmäßig Namen von anderen Twitter-Nutzern, die eher zu einer pro-russischen Position tendieren und daher in den Augen der anti-russischen Aktivisten „Kreml-Trolle“ seien müssen. Ziel der Aktion ist es, die vermeintlichen „Kreml-Trolle“ durch eine Meldung als „Spam-Account“ durch das Twitter-Netzwerk sperren zu lassen. Wer die „falsche“ Meinung hat, wird diffamiert und soll mundtot gemacht werden. Zu den Followern von @KremlTrollerei gehören neben der Grünen-Politikerin Rebecca Harms auch die einschlägig bekannten anti-russischen Journalisten Julian Hans (Moskau-Korrespondent der Süddeutschen) und Boris Reitschuster (Moskau-Korrespondent des Focus).

Ein kleines bisschen subtiler geht da der Twitter-Account @TrutherTrolls vor, der Journalisten, die sich der allgemeinen Anti-Russland-Stimmungsmache verweigern (z.B. Gabriele Krone-Schmalz und der NachDenkSeiten-Autor Stefan Korinth) in seltsam anmutenden Steckbriefen als „Truther und Trolle“ verunglimpfen. Gefolgt wird dieser Account übrigens vom offiziellen Twitter-Account der ARD, die ihrerseits die Steckbriefe offenbar für ein journalistisch probates Mittel gegen abweichende Meinungen hält und sie über den offiziellen Account selbst weiterverbreitet:

Wer sind denn nun die Trolle?

Wäre es nicht so traurig, man könnte schallend lachen. Während Teile der etablierten Medienlandschaft über vermeintliche „Putin Trolle“ zetern, trollen deren Mitarbeiter selbst in den sozialen Netzwerken, um Kritiker mundtot zu machen. Und was ist nun mit den „Putin Trollen“? Der Bericht der Süddeutschen beschreibt eine PR-Aktivität Russlands aus dem Jahre 2012, die auf amerikanische Netzwerke abzielt. Das ist in aller Form zu kritisieren, hat aber nichts mit den Leserkommentaren in den Portalen der großen deutschen Netzwerke zu tun. Wäre es anders, würden SZ, SPON und Co. auch Beweise für ihre Anschuldigungen vorlegen. Erfreulich ehrlich ist in diesem Kontext der österreichische Standard, der die vermeintliche „Trollerei“ folgendermaßen bewertet:

In den Foren von derStandard.at ist ebenso eine Vielzahl an pro-russischen Postings zu beobachten. Allerdings posten auch Netzwerke an Euromaidan-Aktivisten mit, die ihre Einträge gegenseitig positiv bewerten und anfeuern. Solche Entwicklungen seien aber bei brisanten Debatten normal, so das DerStandard-Community Management

Quelle: derStandard.at

In allen Kommunikationsplattformen überwiegt die Kritik an der Berichterstattung der Mainstream-Medien. Und es ist gelinde gesagt eine Frechheit, die Kritiker zwischen den Zeilen als „Putins Trolle“ zu verunglimpfen. Warum versuchen die führenden Medien des Landes nicht einmal, einen ernsthaften Dialog mit ihren Kritikern zu führen? Wer davon überzeugt ist, die besseren Argumente zu haben, braucht diesen Dialog nicht fürchten. Aber wer sagt schon, dass die Mainstream-Medien tatsächlich von ihrer Argumentation überzeugt sind?

Mehr Fluch als Segen

Es ist ja auch richtig – offene Kommentarbereiche sind meist eher ein Fluch als ein Segen. Je offener und anonymer die Foren sind, desto geringer ist meist das Niveau der Kommentare. Auch wenn man die Geschichte mit „Putins Trollen“ ins mediale Sagenreich verbannen kann, ist es unstrittig, dass es Trolle gibt und sie jegliche ernsthafte und niveauvolle Debatte zerstören. Gegen Trolle und niveaulose Kommentare ist kein Kraut gewachsen. Je mehr man sich durch Moderation bemüht, dem Problem Herr zu werden, desto einfallsreicher umgehen die Trolle diese Maßnahmen. Ein Ausweichen auf soziale Netzwerke beseitigt dieses Problem übrigens nicht – jedoch bieten diese Netzwerke ausgefeiltere Moderationsmöglichkeiten, um die Trolle „stumm zu schalten“. Ob dadurch das Niveau steigt, bleibt abzuwarten. Berechtigte Kritik lässt sich jedoch durch derartige Maßnahmen nicht unterbinden. Wer an den Symptomen herumdoktert, verkennt meist die Ursache.

Wenn sich Journalisten und ihre Leser in Parallelwelten befinden, ist der Konflikt vorprogrammiert. Solange die Medien ihre Leser und Zuschauer nicht wirklich ernst nehmen, wird sich an diesem Konflikt auch nichts ändern. Natürlich kann man nach dem Motto der drei Affen versuchen, diese Kritik nicht zu hören, nicht zu sehen und zu ihr nicht zu sagen. Davon verstummt die Kritik jedoch nicht. Wenn die großen Medien sich nicht die Mühe geben, strittige Themen ernsthaft, seriös und ausgewogen zu kommentieren, verlieren sie nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, sondern auch ihre Leser. Die Zeiten der unstrittigen Deutungshoheit der Edelfedern ist vorbei und sie wird auch nicht wiederkommen. Und das ist gut so.

p.s.: Da die NachDenkSeiten weder personell noch materiell in der Lage sind, einen Kommentarbereich zu betreiben und sinnvoll zu betreuen, setzen wir auf den direkten Kontakt zum Leser. Wir nehmen Ihre Zuschriften redaktion(at)nachdenkseiten.de ernst und beantworten in der Regel auch kritische Zuschriften. Des Weiteren bieten wir natürlich auch die Möglichkeit, unsere Artikel über die sozialen Netzwerke Facebook, Google+ und Twitter zu diskutieren und beschränken die Moderation dabei auch auf grobe Verstöße gegen die Netiquette.

nach oben

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!

Online spenden
Fördermitglied werden

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: